Skip to main content
main-content

Tipp

Weitere Artikel dieser Ausgabe durch Wischen aufrufen

Erschienen in: Pflegezeitschrift 11/2019

01.11.2019 | Klima | Pflege Management Zur Zeit gratis

Nachgefragt...

Erschienen in: Pflegezeitschrift | Ausgabe 11/2019

download
DOWNLOAD
print
DRUCKEN
insite
SUCHEN
... bei Annegret Dickhoff. Die Diplom-Ingenieurin und Krankenschwester ist Projektleiterin Klimaschutz in Gesundheitseinrichtungen beim BUND Berlin e.V. Mit ihr sprechen wir darüber, was Klinik1en für den Klimaschutz beitragen können.
Frau Dickhoff, Nachhaltigkeit beschäftigt weite Teile der globalen Zivielgesellschaft - wie sieht es in deutschen Kliniken mit der Nachhaltigkeit aus?
Dickhoff: Klima- und Ressourcenschutz sind zu den wichtigsten Herausforderungen unserer Gesellschaft geworden. Das deutsche Gesundheitswesen mit seinen rund 1.900 Krankenhäusern und 1.200 Reha-Kliniken verursacht 5% des klimaschädlichen Kohlendioxidausstoßes (CO2). Doch es gibt bereits zahlreiche Ansätze in deutschen Kliniken, wie sie ihre Häuser nachhaltiger gestalten können. Auszeichnungen wie das BUND-Gütesiegel "Energie sparendes Krankenhaus" fördern entsprechende Motivationen. Denn hier können die Kliniken auf zwei Ebenen profitieren: vom positiven Image und den erheblichen Einsparungen bei den Energiekosten.
In welchen Bereichen können Krankenhäuser ökologischer werden?
Dickhoff: Zunächst ist der Energieverbrauch in Kliniken sehr hoch, weil permanent Wärme und Strom zur Verfügung gestellt werden, um die Patienten zu versorgen. Doch der Verbrauch kann beispielsweise ganz einfach eingespart werden, indem nur so viel Energie zur Verfügung gestellt wird, wie tatsächlich nötig ist. Heißes Wasser muss nicht permanent in Boilern erwärmt werden, wenn das Leitungsnetz als Speicher genutzt werden kann. Den nachhaltigsten Effekt erzielen erneuerbare Energien. Es besteht die Möglichkeit, zum Beispiel mit wenig Kosten auf Ökostrom (Grüne-Strom-Label) umzustellen oder mittels einer Investi-tion eine Holzheizung zu installieren. Auch gibt es deutliche Unterschiede bei fossilen Energieträgern. Gas verursacht deutlich weniger Luftverschmutzung als Kohle.
Natürlich können CO2-Emissionen nicht immer vermieden werden. Aber es existieren technische Möglichkeiten, die Umweltbelastung zu reduzieren und zum Beispiel Brennstoff doppelt zu nutzen, den Abfall zu recyceln oder weiter zu verwerten. Daher lohnt es sich mitunter auch, Geld in die Hand zu nehmen, um neue Technik einzusetzen.
Können Sie Beispiele nennen?
Dickhoff: Das Blockheizkraftwerk (BHKW) ist hier ein gutes Beispiel für sinnvolle Investition. Das BHKW ist ein Generator, der Strom beispielsweise aus Erdgas erzeugt. Den Strom kann das Krankenhaus entweder selbst verbrauchen oder verkaufen. Bei der Stromproduktion entsteht Wärme, die wiederum für die Heizung oder die Erwärmung des Trinkwarmwassers zur Verfügung steht. Auf diese Weise verbessert das Krankenhaus die Nutzung des Brennstoffs.
Ein anderes Beispiel finden wir bei der Verwertung von Lebensmitteln aus der Krankenhausküche. Die Karl-Jaspers-Klinik in Bad Zwi-schenahn beispielsweise lässt ihre Essenabfälle bei einer Vergärungsanlage verwerten. Dort entsteht Biogas, das dann wieder für Maschinen genutzt werden kann.
Wenn man anfangen will - was sind Veränderungen, die einfach umzusetzen sind?
Dickhoff: Klinikbeschäftigte können zunächst selbst Ideen entwickeln, Anregungen von außen holen und sich darüber mit Kollegen aus anderen Abteilungen austauschen. Viele einfache Kniffe führen in der Summe zum Erfolg: Die Fenster geschlossen halten, wenn die Heizung aufgedreht ist, Computer und andere elektrische Geräte bei Feierabend ausstellen - es gibt da viele Möglichkeiten. Ein nachhaltiges Beschaffungskonzept hilft beispielsweise beim Abfallmanagement. Statt nur auf den Einkaufspreis zu achten, sollten auch die Nutzungskosten und die spätere Entsorgung bedacht werden. Wenn Pflegekräfte und die Abteilungen Einkauf sowie Hygiene über diese Anforderungen sprechen, lassen sich meistens schnell Verpackungen reduzieren. Auch Logistik und Mobilität fördern Nachhaltigkeit. Der Fuhrpark einiger Häuser wie beispielsweise der in den Universitätskliniken Bonn und Jena wurde jüngst um Elektroautos erweitert. Auch Lastenräder oder Dienstreisen mit der Bahn können Optionen sein.
Wie schafft man es, dass alle mitmachen?
Dickhoff: Überzeugungsarbeit ist wichtig! Und Anreize schaffen. Damit weniger Mitarbeiter mit dem Auto, sondern mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, können Kliniken überdachte Fahrradstellplätze zur Verfügung stellen. Oder Kooperationen mit ortsansässigen Fahrradhändlern anbieten.
Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG) lädt regelmäßig Pflegekräfte und Ärzte ein, sich für den Klimaschutz zu organisieren. KLUG setzt sich seit 2017 dafür ein, dass das Gesundheitswesen Verantwortung für das Thema Klimaschutz übernimmt.
Welche Unterstützungen bei Umstrukturierungen gibt es momentan für Kliniken?
Dickhoff: Im soeben gestarteten Projekt KLIK green werden Krankenhäuser und Reha-Kliniken bei ihren Klimaschutzmaßnahmen begleitet. Das Projekt wird vom Bundesumweltministerium gefördert und vom BUND im Verbund mit der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen und dem Universitätsklinikum Jena durchgeführt. Ein Baustein bei KLIK green ist die kostenlose Qualifizierung einer Klimamanagerin oder eines Klimamanagers pro Einrichtung. Zusätzlich wird in jeder Klinik ein internes Netzwerk aufgebaut, denn gemeinsam lassen sich Klimaschutzmaßnahmen leichter planen und umsetzen. Die Geschäftsführung unterstützt die Aktivitäten und sorgt dafür, Ziele und eine Strategie für den Klimaschutz festzulegen. Außerdem helfen wir den teilnehmenden Kliniken bei der Suche nach passenden Förderungen und der Beantragung von finanziellen Mitteln, damit nicht nur gering-investive Maßnahmen bei KLIK green umgesetzt werden können. Insgesamt wird die Qualifizierung von Klimamanagern in 250 Kliniken gefördert. Das Ziel ist es, 100.000 Tonnen CO2 in drei Jahren zu vermeiden. Das entspricht dem ökologischen Fußabdruck von 10.000 Menschen in Deutschland.
Warum sollte eine Klinik ihre Abläufe und Techniken überhaupt umstellen?
Dickhoff: Ist ein Krankenhaus sehr sparsam im Betrieb und nutzt besonders effiziente Technik, so kann es dafür ausgezeichnet werden. Der BUND Berlin verleiht seit 2001 das BUND-Gütesiegel "Energie sparendes Krankenhaus". Um ein Siegel zu erhalten, muss eine Klinik zum Beispiel in den letzten fünf Jahren 25% seiner CO2-Emissionen reduziert haben. Die BUND-Kriterien sind sehr hoch. Doch es haben bisher schon 47 Kliniken bundesweit geschafft, sie zu erfüllen. Das Engagement für den Klimaschutz macht sich nicht nur ökologisch bemerkbar, sondern auch finanziell. Das Vivantes Klinikum Neukölln in Berlin zum Beispiel konnte seine Energiekosten um 2 Millionen Euro reduzieren, nachdem das Hasu innerhalb von drei Jahren vor allem gering-invasive Maßnahmen zur Betriebsoptimierung umgesetzt hatte. Dafür erhielt das Haus im Jahr 2009 das BUND-Siegel. Da lohnt sich das Engagement und viele Kliniken bleiben dabei. Sie beantragen nach fünf Jahren erneut die BUND-Auszeichnung, wenn es abgelaufen ist. So haben wir das Siegel bisher 87 Mal vergeben können.
Und wie sieht es mit der Befürchtung aus, dass die Hygiene und die Patienten- sicherheit zu kurz kommen?
Dickhoff: In den beinah 20 Jahren, seit der BUND sich mit dem Thema befasst, ist uns kein Fall bekannt, bei dem hygienische Richtlinien oder die Patientensicherheit missachtet wurden, um ein ökologischeres Krankenhauses zu betreiben. Ganz im Gegenteil. Eins der besten Beispiele ist das Anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin. Es wird zum Beispiel bevorzugt von werdenden Eltern als Geburtsklinik ausgesucht. Dabei hat das Krankenhaus zweimal das BUND-Gütesiegel erhalten und ist bekannt für seine besonders nachhaltige Essensversorgung.
Wie hoch wird die finanzielle Belastung durch den Klimawandel zukünftig sein?
Dickhoff: Wissen müssen alle, dass nicht nur der Betrieb eines Krankenhauses Geld kostet, weil wir viele Tonnen CO2 emittieren. Wichtig ist auch, dass jede Tonne CO2 sogenannte Klimakosten verursacht, die aufgrund von Starkregen, Sturm, Überflutungen, gesundheitlichen Belastungen und Ausfällen bei Beschäftigten und einem höheren Patientenaufkommen zusätzlich entstehen. Das Bundesumweltamt hat diese Kosten jedenfalls so berechnet. Kurzfristig müssen wir mindestens 180 Euro pro emittierter Tonne CO2 bezahlen, um die Schäden durch den Klimawandel zu decken. Langfristig werden die Kosten mit deutlich mehr als 240 Euro aber noch viel höher liegen.
Das Interview führte Josefine Baldauf

Brauchen Sie auch einen Klimamanager?

KLIK green richtet sich an Kliniken, die Vorreiter für ein grünes Krankenhaus sein wollen. Im Projekt erhalten Beschäftigte eine Qualifizierung zum Klimamanager und werden anschließend bei Maßnahmen zur deutlichen Senkung der CO2-Emissionen unterstützt. Das Projekt startete im Mai 2019 und endet im April 2022. In einer Schulung und mehreren Workshops bekommen die Klimamanager das notwendige Werkzeug für die verschiedenen Klimaschutzmaßnahmen im eigenen Betrieb an die Hand. KLIK green bietet Hilfestellung u.a. bei der Recherche und Beantragung von Fördermitteln. Entwickelte Maßnahmen und Informationen werden exklusiv für die angemeldeten Kliniken bereitgestellt.
Insgesamt können 250 Krankenhäuser und Reha-Kliniken teilnehmen. Nach Anmeldung ist die Weiterbildung kostenlos - genauso wie die anschließende Begleitung bei der Planung und Umsetzung der Maßnahmen.
klik-krankenhaus.de
Hier erfahren Sie, was Sie in Ihrer Klinik für den Klimaschutz noch tun können:
energiesparendes-krankenhaus.de
download
DOWNLOAD
print
DRUCKEN
Metadaten
Titel
Nachgefragt...
Publikationsdatum
01.11.2019
Verlag
Springer Medizin
Schlagwort
Klima
Erschienen in
Pflegezeitschrift / Ausgabe 11/2019
Print ISSN: 0945-1129
Elektronische ISSN: 2520-1816
DOI
https://doi.org/10.1007/s41906-019-0189-x