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Erschienen in: Pflegezeitschrift 4/2024

01.03.2024 | Pflege Management

Schutzengel, Sensormatratze und Sturzerkennung

verfasst von: Michael Wehner

Erschienen in: Pflegezeitschrift | Ausgabe 4/2024

Erfolgreiche Implementierung digitaler Tools Im Jahr 2008 wurde das Seniorenheim am Saaleufer eröffnet, und es stand vor der Herausforderung, Technologien zu finden und einzusetzen, die in der Lage sind, immer wieder auftretenden „Stressprozesse“ im Arbeitsalltag zu vermeiden. Vor der Einführung digitalisierter Technik galt es, die Mitarbeitenden und die zu Pflegenden für deren Einsatz zu begeistern, Ängste und Einwände zu verstehen.
Der Pflegebranche gehen die Fachkräfte aus und die psychische und physische Belastung des vorhandenen Personals nimmt stetig zu. Diese Problematik wird sich weiter verschärfen. Der pflegerische Bedarf wird wachsen, gleichzeitig werden immer weniger junge Menschen den Beruf ergreifen. Daher ist es äußerst wichtig, die vorhandenen Mitarbeitenden zu binden und sie - wo möglich - von Stress, Bürokratie und körperlicher Belastung zu entlasten. Steht kein zusätzliches Personal zur Verfügung, muss die Arbeitsorganisation verbessert werden. Entsprechende digitale Geräte und Tools können viel Zeit und Energie sparen und die Mitarbeitenden tagtäglich unterstützen. Im Vorfeld gilt es allerdings, sich mit der Technik auseinanderzusetzen und die Kosten sowie den zeitlichen Aufwand einzuschätzen und zu bewältigen.
Als vollstationäre, teilstationäre und ambulante Pflegeeinrichtung, die seit 2008 Prozesse und Abläufe digitalisiert, war es im Seniorenheim am Saaleufer in Bad Bocklet von Anfang an das Ziel, uns den Herausforderungen der Zukunft zu stellen und als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden.

Bedarf analysieren - Partner finden - Tools auswählen

Der erste Schritt in Richtung Digitalisierung war die Analyse der Prozesse durch das Leitungsteam. Es wurde geprüft und ermittelt, wo der Einsatz digitaler Tools sinnvoll ist. Dieses ist der Fall, wenn ein digitales Tool
  • schnell in den Pflegeprozess integriert werden kann
  • Zeitersparnis bietet
  • keine versteckte Bürokratie enthält
  • wenig technisches Verständnis von der Pflege erfordert
  • wenig Schulungsbedarf voraussetzt
  • finanziell durchführbar ist
  • nachhaltig ist.
Nachdem ein EDV-Beauftragter in Vollzeit eingestellt war, konnten auch Hürden wie Schnittstellenproblematik, Datenschutz und Funklöcher durch Brandschutzwände genommen werden.
Mit der schrittweisen Einführung einer Telefonanlage, eines Hinlaufschutzes („Schutzengelsystem“), des Schwesternnotrufs, der Sturzerkennung, der Brandmeldeanlage, technischer Alarme und Eskalationsstufen, schufen wir Zeitressourcen für das pflegerische Personal. Dies führte zum einen zu einem entspannteren Arbeiten und verbesserte die Arbeitsbedingungen nachhaltig. Die Umstellung auf eine papierlose Dokumentation ermöglicht, dass die Dokumentation mit einem individualisierten mobilen Gerät auch direkt beim Pflegebedürftigen durchgeführt werden kann.

„Digi-Pfleger“ leisten Überzeugungsarbeit

Eine große Herausforderung bestand darin, die Mitarbeitenden von der neuen Technik zu überzeugen und ihnen die notwendigen technischen Kompetenzen zu vermitteln. Parallel zu den technologischen Prozessen wurden (angehende) Führungs- und Pflegekräfte in die digitale Transformation mitgenommen, indem sie in internen Schulungen durch den EDV-Beauftragten die notwendigen Kernkompetenzen erlernten und als „Digi-Pfleger“ als Ansprechpartner und Multiplikatoren fungierten. Die Voraussetzung, als „Digi-Pfleger“ tätig zu werden, ist Lust und Freude an der Digitalisierung und die Fähigkeit, Kolleginnen und Kollegen für die Digitalisierung begeistern zu können. „Digi-Pfleger“ sammeln Fragen aus dem Team und beantworten sie entweder direkt vor Ort oder in kurzen Schulungen. Sie stehen in regelmäßigem Austausch miteinander und mit dem EDV-Beauftragten. Wichtig: es wurde versucht, alle Mitarbeiter zu erreichen und zu begeistern. Schulungen und Coaching der Mitarbeitenden direkt vor Ort trugen dazu bei, dass digitale Assistenten und menschliche Beratende „Hand in Hand“ zusammenarbeiten.

Die digitalen Lösungen

Die Digitalisierung voranzutreiben, verstehen wir in unserem Unternehmen als eine permanente Aufgabe. Das Leitungsteam analysiert fortlaufend die Prozesse und prüft, ob digitale Lösungen diese vereinfachen, verbessern und beschleunigen können. Dazu tauscht sich das Team - Management, EDV-Beauftrager, „Digi-Pfleger“, Pflegedienstleitungen - im Turnus von vier bis sechs Wochen in interdisziplinären Videokonferenzen aus. Für Herausforderungen wie beispielsweise fehlende Refinanzierung, Schnittstellenproblematik, Datenschutz und auch mangelhafte Netzabdeckung im ländlichen Raum mussten nach und nach Lösungen gefunden werden: Im ambulanten Dienst wurde eine offline-fähige mobile App integriert, die ohne permanent online zu sein, funktioniert. Diese synchronisiert die Daten, sobald es wieder Empfang gibt. Damit sind die Daten zwar nicht in Echtzeit verfügbar, aber mit einem Verzug von maximal einer halben Stunde. Für das stationäre Setting wurde das WLAN mittels Repeater verbessert.
Sind Prozesse identifiziert, die digital optimiert werden können, priorisieren die Verantwortlichen Lösungen und begeben sich auf die Suche nach digitalen Anwendungen am Markt. Deren Einführung hängt letztlich vom jeweiligen Nutzen und dem zur Verfügung stehenden Budget ab.
Im stationären Bereich werden inzwischen digitale Tools eingesetzt, die die Arbeit deutlich erleichtern. Ein Schutzengelsystem für hinlaufgefährdete Bewohner*innen zeigt dem Pflegepersonal auf dem mobilen Endgerät an, wenn diese das Gelände verlassen. Dazu tragen die Bewohner*innen einen Transponder als Armband, und in und um das Seniorenheim sind Magnetschleifen verlegt. Befindet sich der Transponder im Magnetfeld eines RFID-Readers (Leseeinheit mit Radio Frequenz Identifikation), so werden die Daten berührungslos an eine Empfangseinheit übertragen. Diese wertet die Meldung aus und gibt sie an das Personal weiter. Gekoppelt mit der Kameraüberwachung im Eingangs- und Parkplatzbereich kann die Pflegeperson die Person schnell orten und zurückholen. Ein weiteres digitales Tool sind Sensormatratzen, die Mikro- und Makrolagerungen erkennen und so bei bei der Dekubitus Prophylaxe helfen. Die Daten werden automatisiert in die Pflegedokumentation übernommen und können beispielsweise auch einem behandelnden Arzt/ einer behandelnden Ärztin zur Verfügung gestellt werden. Im Einsatz ist auch eine Sturzerkennung im Bad- und Bettbereich. Dabei handelt es sich um eine Sensormatte vor dem Pflegebett oder im Pflegebad, die bei Druck ein Signal an die Pflegekraft, die Angehörigen oder die 24h-Rufbereitschaft im ambulanten Dienst sendet. Sensormatratzen und -matten werden auch auch im ambulanten Bereich eingesetzt und sind dort mit einem Notrufsystem verbunden. Eine zentrale Telefonanlage steuert die EDV und alle Geräte, die das Personal nutzt. Die Mitarbeitenden haben alle notwendigen Funktionen in einem mobilen Gerät, das sie bei sich tragen. Dies ermöglicht eine papierlose Dokumentation per Diktierfunktion mit integrierter KI direkt am Menschen und den Einsatz personalisierter ID-Stifte. Letztere dokumentieren etwa, welche Mitarbeitenden wie lange in einem Zimmer angemeldet waren oder wie lange es gedauert hat, bis ein Alarm quittiert wurde. Die Personalisierung verhindert den Zugriff von Unbefugten.
Inzwischen verfügen wir auch über die technischen Möglichkeiten für Televisiten mit dem Haus- oder Facharzt/ der Haus- oder Fachärztin. So können erste Diagnosen schnell und effizient erfolgen und den Bewohnern und Bewohnerinnen können Termine und Transporte zum Facharzt/ zur Fachärztin erspart werden.

Digitalisierung wirkt sich nachhaltig positiv aus

Der Digitalisierungsprozess ist in unserem Pflegeheim am Saaleufer in den letzten zehn Jahren signifikant vorangeschritten. Wir sehen die Erfolge und erleben, dass die anfängliche Skepsis der Mitarbeitenden in Begeisterung umgeschlagen ist. Sie können ihrer Arbeit deutlich entspannter nachgehen und haben mehr Zeit für die Pflege gewonnen. So konnte die Qualität in der Pflege verbessert und maximale Sicherheit für die Bewohner*innen erzielt werden - bei größtmöglicher Freiheit für Menschen mit Laufdrang: der Tag- und Nachtrythmus konnte wieder gefunden werden, Aggressionen wurden reduziert und die Lebensqualität deutlich erhöht.
Von den verbesserten Arbeitsbedingungen profitieren nicht nur die Mitarbeitenden, sondern auch der Arbeitgeber. Unser Personalbestand ist ausreichend und beständig, die Mitarbeitenden sind motiviert. Das strahlt nach außen ab und bringt uns viele Bewerbungen von Fachkräften und Auszubildenden.
Durch die fortschreitende Technologisierung ergeben sich auch zukünftig immer neue Möglichkeiten der Digitalisierung. Beispiele sind das Smarthome Sturz- und Aufsteherkennung mit Radar, Desorientiertenschutz per GPS, Sensormatratzen, Digi-Windeln, Schnittstellen zur Pflegedokumentation, Telematikinfrastruktur oder Handlungsempfehlungen durch KI.
Durch die Teilnahme am DiCo-Projekt, einem für die Branche konzipierten Online-Tool für den Umstrukturierungsprozess, konnten wir noch intensiver in die Welt des digitalen Fortschritts eintauchen und uns über aktuelle Entwicklungen informieren (Kasten). Der „Digital Companion (DiCo)“ führt Pflegeeinrichtungen Schritt für Schritt hin zu einer passgenauen Digitalisierung. Die Online-Anwendung mit einer angebundenen Produktdatenbank begleitet Unternehmen strukturiert durch den gesamten Prozess, von der Sensibilisierung über die Analyse und Planung bis hin zur Erprobung und Einführung. Wir sind überzeugt, dass das Projekt DiCo vielen Einrichtungen die Möglichkeit bieten kann, digitale Transformation in der Pflege zu realisieren.
Die spannenden Themenfelder KI und Robotik werden auch zukünftig ein fester Bestandteil unserer Arbeit sein. Die Pflege ist aktuell operativ kaum noch zu bewältigen, zum Fachkräftemangel kommt die sich zuspitzende wirtschaftliche Situation in den Einrichtungen. Auch der Missbrauch der Digitalisierung im Bereich Qualitätsmanagement (QM), beispielsweise Qualitätsindikatoren / iQS, die letztlich zusätzliche Bürokratie bedeuten, verschärft die Situation. Ohne die Unterstützung durch digitale Technologien werden wir daher die zukünftigen Herausforderungen im Pflegesektor kaum oder gar nicht bewältigen können.

Digitalisierung: DiCo hilft

Das Projekt „Digital Companion für intelligente Beratung und interaktive Erfahrung (DiCo)“ wurde vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gefördert und im Rahmen der „Initiative Neue Qualität der Arbeit“ (INQA) umgesetzt. Hier erfahren Sie mehr über das Projekt und können sich für die kostenfreie Nutzung registrieren.

Fazit

Die Digitalisierung kann eine entscheidende Antwort auf den Fachkräftemangel, die steigende Arbeitsbelastung und die bürokratischen Herausforderungen in der Pflege sein.
Die schrittweise Einführung digitaler Geräte und Tools hat zu verbesserten Arbeitsbedingungen, mehr Zeit für die Pflege und einer höheren Attraktivität als Arbeitgeber geführt.
Die kontinuierliche Fortführung des Digitalisierungsprozesses, die Integration von KI und Robotik sind spannende Zukunftsfelder zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben.

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Metadaten
Titel
Schutzengel, Sensormatratze und Sturzerkennung
verfasst von
Michael Wehner
Publikationsdatum
01.03.2024
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Pflegezeitschrift / Ausgabe 4/2024
Print ISSN: 0945-1129
Elektronische ISSN: 2520-1816
DOI
https://doi.org/10.1007/s41906-024-2578-z

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