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Erschienen in:

01.05.2023 | Hebammen | Thema

"Muss ich jetzt doch wieder Fleisch essen?"

verfasst von: Maria Flothkötter, Hannah Seul

Erschienen in: Hebammen Wissen | Ausgabe 3/2023

Vegan und vegetarisch in der Schwangerschaft In Deutschland essen immer mehr Menschen immer weniger tierische Produkte. Schwangere Vegetarierinnen und Veganerinnen stellen sich und ihren Hebammen deshalb viele Fragen zu ihrer Ernährungsweise. Denn auch sie wollen nur das Beste für ihr Kind.
Dem jüngsten Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft nach ernährten sich 2021 7 % (5,6 Millionen Menschen) der Bevölkerung vegetarisch, 1 % (800.000 Menschen) vegan. Hinzu kommen 44 %, die sich als flexitarisch bezeichnen, also bewusst und selten Fleisch zu sich nehmen. Noch 2015, im ersten Ernährungsreport des Ministeriums, hatten nur 3 % der Befragten angegeben, vegetarisch zu essen. Die vegane und die flexitarische Ernährungsweise wurde in diesem Report noch gar nicht berücksichtigt.
Diese Entwicklung führt auch dazu, dass Hebammen häufiger als früher mit Fragen zu der Ernährungsweise ihrer Patientinnen konfrontiert sind. Muss ich als Vegetarierin in Schwangerschaft und Stillzeit wieder Fleisch essen? Darf ich mich in diesen Lebensphasen weiter vegan ernähren? Welche Nährstoffe muss ich besonders im Blick behalten? Antworten auf diese Fragen gibt es etliche - besonders in den Sozialen Netzwerken wird das Thema ausgiebig diskutiert. Gesichert und wissenschaftlich fundiert sind diese Informationen aber oft nicht.

Pescetarisch, ovo-lacto-vegetarisch oder vegan?

Der Oberbegriff "Vegetarismus" umfasst verschiedene Ernährungsweisen, bei denen auf Fleisch, Fisch und teilweise weitere tierische Lebensmittel verzichtet wird (Tab. 1). Während Pescetarier*innen zwar Fisch, nicht aber Fleisch essen, verzichten Ovo-Lacto-Vegetarier*innen auf beides. Veganer*innen gehen noch einen Schritt weiter und essen außerdem keine Eier, Milch, Milchprodukte und Honig - sie ernähren sich damit rein pflanzlich.
Tab. 1
: Ausprägungen des Vegetarismus
Ernährungsform
Lebensmittel, die gegessen werden
Lebensmittel, die gemieden werden
Pescetarisch
Pflanzliche Lebensmittel, Fisch, Meeresfrüchte, Eier, Milch und Milchprodukte
Fleisch und alle daraus gewonnenen Produkte
Ovo-lacto-vegetarisch
Pflanzliche Lebensmittel, Eier, Milch und Milchprodukte
Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte sowie alle daraus gewonnenen Produkte
Lacto-vegetarisch
Pflanzliche Lebensmittel, Milch und Milchprodukte
Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Eier sowie alle daraus gewonnenen Produkte
Ovo-vegetarisch
Pflanzliche Lebensmittel, Eier
Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Milch und Milchprodukte sowie alle daraus gewonnenen Produkte
Vegan
Pflanzliche Lebensmittel
Alle tierischen Lebensmittel, auch Honig
(DGE-Positionspapier "Vegane Ernährung" 2016)
Bezogen auf die Nährstoffversorgung erachtet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) eine komplett fleisch- und fischfreie Ernährung nicht als ideal. Sie bevorzugt die pflanzenbasierte Mischkost. Der Hintergrund: Das Risiko für eine Unterversorgung mit Nährstoffen steigt mit jeder weggelassenen Lebensmittelgruppe. In der Schwangerschaft ist das besonders kritisch, weil Schwangere einen deutlich erhöhten Nährstoffbedarf haben, der Energiebedarf aber erst gegen Ende der Schwangerschaft steigt. In der Stillzeit entspannt sich diese Situation wieder etwas, weil auch der Energiebedarf erhöht ist. Schwangere sollten folglich möglichst nährstoffdichte Lebensmittel verzehren, aber quantitativ kaum mehr als gewöhnlich. Das ist schwieriger, wenn die Schwangere keine tierischen Produkte wie mageres Fleisch, Fisch oder sogar Milchprodukte isst. Aber: Nur, weil es innerhalb der hierzulande vorherrschenden Ernährungstraditionen einfacher ist, sich ausgewogen omnivor zu ernähren, heißt es nicht, dass dies vegetarisch nicht möglich ist.

Vegetarische Ernährung richtig umsetzen

Eine vegetarische Ernährung, die Milch, Milchprodukte und Eier einschließt, kann den Nährstoffbedarf in Schwangerschaft und Stillzeit durchaus decken - sie muss nur richtig umgesetzt werden. Statt Fleisch und Fisch sollten entsprechend mehr Eier und Hülsenfrüchte auf dem Speiseplan stehen. Außerdem sollen Vollkornprodukte bevorzugt sowie Nüsse in die Ernährung integriert werden (Abb. 1). Mit Ausnahme der generell in der Schwangerschaft zu supplementierenden Nährstoffe Folsäure, Jod und der für Vegetarier*innen beziehungsweise keinen Fisch essenden Personen kritischen Omega-3-Fettsäure DHA, können schwangere Vegetarierinnen die empfohlenen Referenzwerte für alle Nährstoffe über die Ernährung erreichen. So kann der in der Schwangerschaft erhöhte Proteinbedarf in der Regel durch Milch, Milchprodukte, Eier und Hülsenfrüchte sowie Getreideprodukte gedeckt werden; es ist damit normalerweise nicht nötig, wieder Fleisch zu essen.
Kritischer ist für schwangere Vegetarierinnen die Versorgung mit Eisen. Hülsenfrüchte, (Vollkorn-)Getreideprodukte und einige Gemüsesorten wie Mangold und Spinat enthalten zwar größere Mengen davon, es kann aber vom Körper weniger gut aufgenommen werden als das Eisen aus Fleisch und Fisch. Die Kombination eisenreicher Lebensmittel mit Vitamin C (z.B. in Zitrusfrüchten oder Paprika) verbessert die Eisenaufnahme - pauschale Verzehrempfehlungen lassen sich daraus aber nicht ableiten. Bei ärztlich festgestellter Eisenunterversorgung ist es daher ratsam, es in der Schwangerschaft zu supplementieren. Potenziell kritische Nährstoffe für schwangere Vegetarierinnen sind außerdem Zink und Vitamin B12.

Supplementierung rechtzeitig prüfen

Möchte eine Veganerin ihre Ernährungsweise auch in der Schwangerschaft beibehalten, sollte die Versorgung mit kritischen Nährstoffen schon bei Kinderwunsch ärztlich überprüft werden und zudem eine Ernährungsberatung erfolgen. Neben Folsäure, Jod und DHA müssen vegane Schwangere in jedem Fall auch Vitamin B12 supplementieren, weil es natürlicherweise nur in tierischen Lebensmitteln vorkommt. Dieses Vitamin ist bei allen Veganer*innen kritisch. Besonders wichtig ist eine ausreichende Versorgung in der Schwangerschaft aber, weil eine Unterversorgung zu dauerhaften Schäden des kindlichen Nervensystems führen kann.
Zu den kritischen Nährstoffen bei veganen Schwangeren zählen außerdem Protein, Zink, Eisen und Kalzium. Vegane Proteinquellen sind unter anderem Sojaprodukte wie Tofu und Sojamilch, Hülsenfrüchte wie Linsen, Bohnen und Erbsen und Getreideprodukte. Allerdings haben pflanzliche Proteine eine geringere biologische Wertigkeit als tierische. Es ist für Veganerinnen daher schwieriger, den Mehrbedarf an Eiweiß in Schwangerschaft (+ 7 g/Tag im zweiten Trimester, + 21 g/Tag im letzten Trimester) und Stillzeit (+ 23 g/Tag) zu erreichen als für vegetarisch oder omnivor Essende. Die Aufnahme von Zink und Eisen ist für Veganerinnen (und teilweise auch Vegetarierinnen) ebenfalls erschwert. Sie nehmen tendenziell mehr phytathaltige Lebensmittel (wie Hülsenfrüchte und Vollkorngetreide) zu sich als omnivor essende Menschen - und Phytat reduziert die Zink- und Eisenabsorption. Vegane Zinkquellen sind zum Beispiel Nüsse wie Cashews oder Pekannüsse, vegetarische Optionen wären außerdem Eier, Milch und Käse; pflanzliche Eisenquellen sind zum Beispiel Hülsenfrüchte, grüne Blattgemüse oder (Vollkorn-)Getreideprodukte.
Zuletzt bleibt Kalzium zu nennen. Während der Schwangerschaft und Stillzeit ist die Kalzium-Versorgung des Embryos, Fötus bzw. Säuglings sichergestellt: Es wird in Teilen aus den Knochen der Mutter mobilisiert. Die Mutter muss deswegen aber für ihre Knochengesundheit besonders auf ihre Kalziumzufuhr achten. Zu den veganen Kalzium-Quellen zählen grüne Gemüse, wie Brokkoli und Grünkohl, Nüsse, Samen und kalziumreiches Mineralwasser. Zudem bieten sich im Handel erhältliche mit Kalzium angereicherte Pflanzendrinks und Sojaprodukte an.

Stigmasensibel beraten

Wichtiger als genaue Ernährungsempfehlungen zu geben ist es für Hebammen, den (werdenden) Müttern stigmasensibel zu begegnen. Das heißt, dass der Austausch zu der gewählten Ernährungsform nicht belehrend und anklagend, sondern akzeptierend und konstruktiv gestaltet werden sollte. Konkret bedeutet das: Auch, wenn die beratende Fachkraft die Ernährungsentscheidung ihrer Patientin nicht gutheißt, respektiert sie sie und strebt mit ihr gemeinsam die für die Gesundheit von Mutter und Kind bestmögliche Umsetzung an. Hebammen sollten bei Fragen rund um die vegetarische und vegane Ernährung daher respektvoll kommunizieren, über mögliche Risiken aufklären und einen Arztbesuch sowie eine qualifizierte Ernährungsberatung empfehlen. Arzt oder Ärztin überprüfen die Versorgung der Schwangeren u.a. anhand von Blutwerten, wodurch eine potenzielle Unterversorgung mit bestimmten kritischen Nährstoffen festgestellt und durch gezielte Supplementierung oder eine angepasste Ernährung behoben werden kann. Außerdem kann er oder sie eine qualifizierte Ernährungsberatung verschreiben, deren Kosten von der Krankenkasse der Patientin anteilig übernommen werden können. Bei einer solchen Beratung lernt die Patientin, durch welche Lebensmittel und Mengen sie welche Nährstoffbedarfe in Schwangerschaft und Stillzeit decken kann. Im Falle einer veganen Ernährung empfiehlt es sich, auf eine qualifizierte Beratungsfachkraft mit entsprechender Weiterbildung zurückzugreifen.

Und was ist mit Alternativprodukten?

Die Supermarktregale sind voller vegetarischer und veganer Alternativprodukte, die die tierischen Originale nachahmen, aber dennoch nicht einfach dagegen ausgetauscht werden können. So kann ein Haferdrink die Kuhmilch zwar in puncto Anwendung ersetzen, ernährungsphysiologisch unterscheiden die beiden Getränke sich aber deutlich. Gleiches gilt zum Beispiel auch für Seitan, der als Fleischersatz verwendet wird, oder veganen Pizzaschmelz, der anstelle von Käse zum Überbacken genutzt wird: Die Nährstoffe in den Alternativprodukten sind oft ganz andere als im tierischen Original.

FAZIT

Eine ausgewogene vegetarische Ernährung, die Milch, Milchprodukte und Eier einschließt, kann grundsätzlich auch in der Schwangerschaft den Bedarf an den meisten Nährstoffen decken. Zur Absicherung empfiehlt sich eine gezielte Ernährungsberatung. Supplementiert werden müssen die in jeder Schwangerschaft kritischen Nährstoffe Folsäure, Jod und (wenn kein Fisch gegessen wird) DHA.
Bei einer veganen Ernährung in der Schwangerschaft soll die Versorgung mit kritischen Nährstoffen ärztlich überprüft werden und eine individuelle Ernährungsberatung erfolgen. Die Schwangere sollte nicht nur Folsäure, Jod und DHA, sondern auch weitere Mikronährstoffe (mindestens Vitamin B12) supplementieren.
Beraten Sie in Ernährungsfragen stigmasensibel - akzeptierend und konstruktiv - und verweisen Sie ggf. an Ernährungsberater*innen und Ärzt*innen.

Tipp

Empfehlungen, die Hebammen guten Gewissens an ihre Frauen weitergeben können, bietet unter anderem das Netzwerk Gesund ins Leben des Bundeszentrums für Ernährung:
Beratungsangebote für die Schwangerschaft
Beratungsangebote für die Stillzeit
Metadaten
Titel
"Muss ich jetzt doch wieder Fleisch essen?"
verfasst von
Maria Flothkötter
Hannah Seul
Publikationsdatum
01.05.2023
Verlag
Springer Medizin
Schlagwort
Hebammen
Erschienen in
Hebammen Wissen / Ausgabe 3/2023
Print ISSN: 2730-7247
Elektronische ISSN: 2730-7255
DOI
https://doi.org/10.1007/s43877-023-0771-8

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