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01.09.2018 | PflegeKarriere | Ausgabe 9/2018 Zur Zeit gratis

Klettern gegen die Angst
Heilberufe 9/2018

Psychiatrie: Arbeiten als Bouldertherapeut

Zeitschrift:
Heilberufe > Ausgabe 9/2018
Autor:
Claudia Sabic
Die Klinikleitung hat das Projekt engagiert unterstützt. 2015 haben die drei Krankenpfleger, alle auch Bouldertherapeuten, dann die GbR Erfahrungsfeld Klettern gegründet. Sie schulen Menschen, die wie sie das Klettern therapeutisch nutzen möchten.
„Wenn wir von Klettern sprechen, meinen wir genau genommen Bouldern. Das bedeutet, man klettert immer in Absprunghöhe. Dabei ist man nicht gesichert. Jeder entscheidet selbst, ob er einen Schritt weitergeht oder aufhört“, erklärt Stefan Först. „Ich klettere selbst seit etwa 15 Jahren. Auslöser für mich war unter anderem meine Höhenangst, die ich mit dem Bouldern sehr gut in den Griff bekam. Daher die Idee, dass dieser Sport auch für die Patienten gut sein könnte“, blickt der 35-Jährige zurück.

Wie weit will ich gehen?

Beim Bouldern bestimmt jeder selbst: Gehe ich einen Schritt weiter? Lege ich eine Pause ein? Drehe ich um oder springe ich ab? Es ist diese Selbstbestimmung, die so positiv auf Menschen mit einer psychischen Erkrankung wirkt, zum Beispiel auf Menschen mit Depressionen. „Wenn man klettert, ist man mit den Gedanken zu 100 Prozent im Hier und Jetzt und bei dem, was man tut. Das durchbricht Gedankenschleifen. Dazu kommt das Erfolgserlebnis. Menschen, die an Depressionen leiden, haben oft Schwierigkeiten, das anzuerkennen, was sie schaffen. Beim Klettern wird aber genau das offensichtlich“, so Först weiter. Auch Menschen, die an Angsterkrankungen leiden, hilft das Bouldern. „Die Betroffenen erkennen beim Bouldern, dass ihre Angst normal ist und dass sie lernen können, mit ihr umzugehen. Die Angst kann sogar ihre Sinne schärfen. Sie lernen, dass sie eine Pause machen, sich auf ihre Atmung konzentrieren können — und dass die Angstgefühle dann auch wieder gehen. Sie erfahren damit, dass sie ihre Gefühle beeinflussen können“, berichtet Stefan Först.
Bei Patienten habe er oft beobachtet, dass sie zunächst zögernd an das Bouldern herangehen. Dann merken viele — das macht Spaß! Die Erfahrung, etwas erreichen oder verändern zu können, fördert nicht nur das Selbstvertrauen der Patienten. Sie ist auch auf die Lösung persönlicher Probleme im Alltag übertragbar.
Först weiß, wovon er spricht. Er hat bereits in seiner Krankenpflegeausbildung 2004 an der Uniklinik Erlangen auf der akutpsychiatrischen Station gearbeitet. Über zehn Jahre Berufserfahrung in Abteilungen für Psychiatrie und Psychosomatik schlossen sich an. Dass er nicht nur Bouldertherapeut, sondern seit zehn Jahren auch Yogalehrer ist, kommt den Patienten beim Bouldern außerdem zugute. Denn Achtsamkeitsübungen, Körperwahrnehmung und Atemtechniken sind auch beim Klettern wesentlich.

Klettern wirkt nachhaltig

Aus der ersten Idee 2013 entwickelten Stefan Först und seine Kollegen gemeinsam mit Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Erlangen das Programm „Klettern und Stimmung“ (KuS). Das achtwöchige freiwillige Gruppenangebot nutzt die positiven Aspekte dieses Sports für die Patienten und ist inzwischen fester Bestandteil des Klinikprogramms. Dass einige der Teilnehmer bereits seit 2013 immer wieder zum Klettern kommen, spricht für das Programm. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer klettern nach dem achtwöchigen Kurs mehr oder weniger regelmäßig weiter. Viele Teilnehmer haben auch untereinander neue Kontakte aufgebaut. Das Feedback ist positiv, wie das von Patient Michael B.: „Insgesamt kann ich schon sagen, dass die Boulder-Therapie bei mir eine extreme Veränderung bewirkt hat. Ich komme jetzt wieder aus den endlosen Gedankenschleifen in das tatsächliche Erfahren und Handeln.“

Raus aus der Komfortzone

Nach wie vor begleitet Stefan Först gemeinsam mit einem Kollegen ambulante Patientengruppen der psychiatrischen und psychotherapeutischen Universitätsklinik einmal in der Woche in die Boulderhalle. Der Bouldertherapeut checkt vorab die Routen an den Kletterwänden. Nach der Begrüßung gibt es Achtsamkeitsübungen und ein Aufwärmtraining, außerdem Erklärungen zur Klettertechnik. In den Pausen erfolgt Psychoedukation, also die Vermittlung von wissenschaftlich fundiertem Wissen zu psychischen Erkrankungen, jeweils passend zum Thema der Bouldereinheit.
Stefan Först bezieht sich dabei unter anderem auf das Lernzonenmodell nach Tom Senninger. Das Konzept aus der Erlebnispädagogik beschreibt, wie wir lernen und persönliche Entwicklung stattfindet: In der Komfortzone herrscht Stabilität. Hierhin kehrt jeder zurück, um Sicherheit zu finden. Allerdings — wer hier verharrt, der lernt nicht. Erst wenn wir die Komfortzone verlassen, uns neuen Herausforderungen stellen, kann Entwicklung einsetzen. In der Lernzone ist das Angstlevel dabei gering. Die Risiken, die sich dort ergeben, ist man bereit zu tragen. Erst wenn die Herausforderung zu groß wird, ist die Panikzone erreicht — jetzt wird die neue Erfahrung negativ erlebt und ist für die Entwicklung nicht hilfreich, sogar hinderlich. „Es geht darum, sich langsam und bewusst aus der Komfortzone herauszuwa- gen. Dadurch entwickeln sich Vertrauen und das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können. Die Patienten erfahren, dass sie das Leben selbst gestalten können, anstatt nur auf seine Anforderungen zu reagieren“, verdeutlicht Stefan Först wichtige Ziele von KuS.

Erfahrungen weitergeben

Mit der GbR Erfahrungsfeld Klettern geben Stefan Först und seine Mitgründer Stefan Fuchs und Matthias Schopper ihre Erfahrungen in der Bouldertherapie weiter. Sie bieten Tagesveranstaltungen und Wochenendseminare rund ums Bouldern an. Dazu gehört neben erlebnispädagogischen Konzepten und Events auch das KuS-Konzept. Teilnehmer sind Sozialarbeiter oder Krankenpfleger, größtenteils aus dem süddeutschen Raum, die mit psychisch erkrankten Menschen arbeiten. „Manche möchten ein fundierteres Grundwissen für ein Kletterangebot, das in ihren Einrichtungen bereits stattfindet. Andere möchten eine eigene Boulderwand einrichten und ein Programm dazu neu aufziehen. Wir unterstützen bei der Entwicklung von Konzepten dafür“, beschreibt Stefan Först das Portfolio seines Unternehmens. „Wichtig ist das Gesamtkonzept, auch mit der wissenschaftlichen Studie: Alle im Team sind wertvoll.“

Klettern und Stimmung

„Klettern und Stimmung“ (KuS) ist ein Gruppenangebot für Menschen mit Depressionen. Pflegekräfte der psychiatrischen und psychotherapeutischen Uniklinik Erlangen haben das Angebot initiiert, zunächst speziell für die Patienten der Psychiatrischen Institutsambulanz. Geschulte Pflegekräfte begleiten eine Patientengruppe in eine Boulderhalle. Über das Bouldern, das ungesicherte Klettern in Absprunghöhe, vermitteln die Pflegekräfte Fähigkeiten für den Umgang mit der Erkrankung. 2015 zeichnete der Verband der Pflegedienstleitungen Psychiatrischer Kliniken in Bayern die Universitätsklinik für dieses Programm mit dem Bayerischen Psychiatrischen Pflegepreis aus.

Studie: Klettern wirkt positiv auf Menschen mit Depression

2013 startete die erste wissenschaftliche Studie an der Psychiatrischen Institutsambulanz der Uniklinik Erlangen, die das dortige Kletterangebot begleitete. Das Forscherteam konnte in der Pilotstudie den positiven Effekt des Boulderns auf Menschen mit Depressionen nachweisen. Dazu wurden 1,5 Jahre lang acht Gruppen untersucht. Ergebnisse zeigten einen relevanten und lang anhaltenden Rückgang depressiver Symptome sowie die Verbesserung weiterer Symptome. Seit 2017 läuft eine breiter angelegte Studie (www.studiekus.de), die Zentren in Berlin, Weyarn bei München und Erlangen/Fürth einbezieht. Mit ersten Ergebnissen wird Ende 2019 gerechnet.

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