Aktuelle Empfehlungen zur Säuglingsnahrung Beim "Beratungstelefon Kinderernährung" des Forschungsdepartments Kinderernährung (FKE) ist die Beikost das meistgefragte Thema. Hebammen und Eltern sind durch widersprüchliche Angaben in den verschiedenen Informationsquellen oft verunsichert. Wissenschaftlich begründete, praxisnahe Empfehlungen dagegen bietet der "Ernährungsplan für das 1. Lebensjahr" des FKE.
Im Verlauf des ersten Lebensjahres verändert sich die Ernährung so grundlegend wie niemals sonst im späteren Leben. Wie der Ernährungsplan für das 1. Lebensjahr zeigt, werden dabei drei Phasen unterschieden (Abb. 1):
Ausschließliche Milchernährung in den ersten vier bis sechs Lebensmonaten
Einführung der Beikost ab dem 5. bis 7. Lebensmonat
Einführung der Familienkost gegen Ende des 1. Lebensjahres
×
Anzeige
Ernährungsphysiologisch kommt es darauf an, dass die Kinder mit allen für Gesundheit, Wachstum und Entwicklung benötigten Nährstoffen gut versorgt werden. Entwicklungsphysiologisch reflektieren diese Phasen das Fortschreiten der Essfähigkeiten von der flüssigen zur breiigen und festen Nahrung und parallel dazu die soziale Entwicklung mit zunehmender Teilnahme an der Familienernährung (ESPGHAN 2017; FKE 2019; Kersting et al. 2020).
Milchernährung: Nichts geht über Stillen
Stillen ist die natürliche und beste Form der Säuglingsernährung. Denn Muttermilch ist den Bedürfnissen des Säuglings angepasst und liefert bei ausgewogener Ernährung der Mutter die für ein optimales Gedeihen notwendigen Nährstoffe. Darüber hinaus bietet Stillen einen relativen Schutz gegen zahlreiche infektionsbedingte, aber auch nichtinfektiöse Krankheiten. Und langfristig kann Stillen der Entstehung chronischer Krankheiten wie Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 vorbeugen. Stillen hat aber auch Vorteile für die Gesundheit der Mutter und nicht zuletzt ist es praktisch, kostengünstig und umweltfreundlich (Horta et al. 2015; Victora et al. 2016).
Die richtige Milch für nicht-gestillte Säuglinge
Während noch vor etwa 100 Jahren das Sterblichkeitsrisiko für nicht gestillte Säuglinge um das Mehrfache höher war als für gestillte Säuglinge, stehen heute industriell hergestellte Milchnahrungen zur Verfügung, mit denen nicht gestillte Säuglinge vollwertig und sicher ernährt werden können. Die Zusammensetzung und Vermarktung der Produkte ist in der Europäischen Union einheitlich geregelt (Delegierte Verordnung 2016).
Die Einzigartigkeit der Muttermilch mit ihren vielfältigen funktionellen Komponenten kann aber auch eine noch so gute Muttermilchersatznahrung nicht erreichen. Zudem ist die Selbstherstellung von Säuglingsmilch aus Kuhmilch, anderer Tiermilch oder pflanzlichen Rohstoffen mit hohen Risiken für die Nährstoffzufuhr und die Hygiene verbunden und keine geeignete Alternative zu den industriell hergestellten Produkten.
Anzeige
Säuglingsanfangs- und Folgenahrung
In der Gesetzgebung werden zwei Hauptkategorien von industriell hergestellter Säuglingsnahrung unterschieden.
Säuglingsanfangsnahrung: Sie entspricht für sich allein den Erfordernissen von Neugeborenen und Säuglingen in den ersten vier bis sechs Lebensmonaten und kann als Milch neben der Beikost bis zum Ende des 1. Lebensjahres beibehalten werden.
Folgenahrung: Sie bildet den flüssigen Milchanteil neben der Beikost. Grundlage ist in beiden Kategorien Kuhmilch (Anfangsmilch, Folgemilch), aber auch Ziegenmilch und Sojaprotein.
Zusammensetzung der Muttermilchersatznahrung
In Deutschland wird innerhalb der Anfangsnahrungen zwischen zwei weiteren Produktgruppen differenziert: Anfangsnahrungen mit der Silbe "pre" im Namen enthalten als Kohlenhydrat nur Laktose, wie Muttermilch. Anfangsnahrungen mit der Ziffer "1" enthalten neben Laktose geringe, gut verträgliche Mengen weiterer Kohlenhydrate wie Maltose und Stärke. Für die Praxis sind diese Unterschiede in der Zusammensetzung nicht relevant.
Mit der Neufassung der EU-Richtlinie für Säuglingsanfangs- und Folgenahrung, die seit dem 22. Februar 2020 gilt, wurden die bisherigen Unterschiede in der Zusammensetzung zwischen Anfangs- und Folgenahrung abgeschafft. Ausnahme ist ein höherer Eisengehalt in der Folgenahrung, um dem höheren Bedarf im zweiten Lebenshalbjahr nach Entleerung der Eisenspeicher zu entsprechen.
HA Nahrungen (Hydrolysate), in denen die Antigenität des Ursprungseiweißes durch spezielle Bearbeitungsverfahren vermindert wurde, sind für die Allergieprävention bei Säuglingen mit erhöhtem Allergierisiko gedacht. Die Risikoreduktion muss für jedes einzelne Hydrolysat in klinischen Studien nachgewiesen werden, bevor es auf den Markt gebracht wird. Sojanahrung für Säuglinge dagegen basiert auf Sojaeiweißisolaten und enthält keine Milchbestandteile. Sie eignet sich bei seltenen Stoffwechselkrankheiten (z.B. Galaktosämie) und auf Wunsch von Eltern nach einer tierisch eiweißfreien (veganen) Ernährung für das Kind.
Viele Säuglingsnahrungen enthalten Zusätze, mit denen bestimmte günstige Wirkungen ähnlich wie mit Muttermilch angestrebt werden. Probiotika sind lebende Bakterien, wie Milchsäure- oder Bifidobakterien, die die Mikrobiota des Darms positiv beeinflussen sollen. Prebiotika sind unverdauliche Kohlenhydratverbindungen, die das Wachstum der Probiotika selektiv fördern sollen. Dazu zählen auch einzelne sogenannte Humane Milcholigosaccharide (HMO). Langfristige Vorteile solcher Zusätze für die Gesundheit der Kinder konnten bisher nicht nachgewiesen werden.
Beikost - warum, wann, was und wie?
Als Beikost gelten alle Lebensmittel (in fester, halbfester oder flüssiger Form) für den Säugling, außer Muttermilch und Muttermilchersatz (ESPGHAN 2017). Die allermeisten Säuglinge gedeihen bei ausschließlichem Stillen in den ersten sechs Monaten gut.
Anzeige
Warum? - Spezifischer Nährstoffbedarf
Im 2. Lebenshalbjahr wird neben der Versorgung mit Energie und Eiweiß vor allem die Versorgung mit Eisen kritisch. Deshalb benötigen insbesondere gestillte Säuglinge rechtzeitig eisenreiche Beikost. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat die Deckung des Eisenbedarfs als wesentliches Argument für die Beikosteinführung vor kurzem bestätigt (EFSA 2019).
Allergieprävention: Über viele Jahre wurde für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko ein Verzicht auf Lebensmittel mit hohem allergenen Potential wie Ei, Kuhmilch, Fisch, Erdnuss im 1. Lebensjahr und teilweise auch noch im 2. Lebensjahr empfohlen. Neuere Studien haben zu einem Paradigmenwechsel in der Allergieprävention geführt. Man geht nun davon aus, dass eine frühe Auseinandersetzung des Immunsystems mit Allergenen aus der Umwelt des Kindes die Toleranzentwicklung fördern kann. Eine Verzögerung der Beikost aus Gründen der Allergieprävention wird deshalb nicht empfohlen (EFSA 2019). Der Ernährungsplan kann deshalb für Kinder mit und ohne Allergiegefährdung angewendet werden.
Essfertigkeiten: Im Alter von etwa vier bis fünf Monaten verschwindet der Saug-Schluckreflex und es entwickelt sich die Fähigkeit, Nahrungsbrei mit der Zunge zu transportieren. Das Kind kann aufrecht sitzen, den Kop kontrollieren sowie Hunger (Öffnen des Mundes) und Sättigung (Verweigerung) äußern (Largo 2019). Dies sind Anzeichen dafür, dass das Kind für die Beikost bereit ist.
Wann? - Zeitfenster für Beikost-Einführung
Kinder entwickeln sich in unterschiedlichem Tempo, auch bei der Ernährung. Einige Kinder essen Brei bereits mit vier Monaten, die meisten mit fünf bis sechs Monaten, manche erst mit sieben bis acht Monaten (Largo 2019). Diese große interindividuelle Variabilität spricht für ein Zeitfenster anstatt eines festen Zeitpunktes für die Einführung der Beikost für alle Kinder. Im Ernährungsplan wird entsprechend internationaler Empfehlungen Beikost zwischen dem 5. und 7. Lebensmonat eingeführt (ESPGHAN 2017). Mit dieser Flexibilität werden auch andere Argumente für die Beikost berücksichtigt und die Handhabung in der Praxis erleichtert.
Anzeige
Was? - Mahlzeiten und Lebensmittel in der Beikost
In der Beikost werden nach und nach drei verschiedene Breimahlzeiten eingeführt (Tab. 1):
Tab. 1
: Rezepte für die Beikostmahlzeiten im Ernährungsplan (1. Lebensjahr) - bei Selbstherstellung sowie industriell hergestellte Alternativen
1. Mahlzeit
2. Mahlzeit
3. Mahlzeit
Selbstherstellung
Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei
Milch-Getreide-Brei
Getreide-Obst-Brei
100 g Gemüse
200 g Milch
20 g Getreide
50 g Kartoffeln
20 g Getreide
90 g Wasser
30 g Fleisch/Fisch
20 g Obstsaft/-püree
100 g Obst
5 g Rapsöl
5 g Rapsöl
oder
Industriell hergestellte Beikost (RL 2006/125/EG)
Baby-/Junior-Menü
Milchfertigbrei
Getreide-Obst-Brei
Gläschen
Trockenprodukt, Gläschen
Gläschen
Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei
Milch-Getreide-Brei
Getreide-Obst-Brei
Die Beikostmahlzeiten ergänzen sich mit der noch verbleibenden Milch in einem Baukastensystem zu einer ausgewogenen Tagesernährung und entsprechen damit den aktuellen Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr. "Kritisch" niedrig ist die Zufuhr von Eisen und Jod (Kersting et al. 2020). Die Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Mahlzeit zeichnet sich gegenüber den anderen Mahlzeiten durch ihren hohen Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen aus. Deshalb wird diese Mahlzeit im Ernährungsplan als erste eingeführt. Die Auswahl der Lebensmittel:
Häufige Abwechslung beim Gemüse sorgt für eine sensorische Vielfalt und kann die Akzeptanz neuer Lebensmittel über das Säuglingsalter hinaus fördern (Maier-Nöth et al. 2016).
Kartoffeln können gegen Nudeln oder Reis getauscht werden.
Fleisch liefert Eisen mit hoher Bioverfügbarkeit (etwa 20% gegenüber 2-3% aus pflanzlichen Quellen). Im Ernährungsplan wird Fleisch 5mal pro Woche eingesetzt, Fisch 1mal, ein Tag ist vegetarisch.
Fett wird zur Deckung des hohen Energiebedarfs bei Säuglingen den beiden fettarmen Mahlzeiten (Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei, Getreide-Obst-Brei) zugesetzt. Rapsöl hat den zusätzlichen Vorteil eines ausgewogenen Fettsäuremusters mit einem für die kindliche Entwicklung günstigen Verhältnis von omega-3 zu omega-6 mehrfach ungesättigten Fettsäuren.
Milch kann in Form handelsüblicher Kuh(voll)milch zur Herstellung des Milch-Getreide-Breis eingesetzt werden. Alternativ ist Folgemilch möglich. Kuhmilch als Getränk kann beim Übergang vom Milchbrei auf Brotmahlzeiten eingeführt werden, wenn die Kinder die Milch aus Tasse oder Becher trinken.
Getreide ist als Vollkorn besonders reich an Vitaminen und Mineralstoffen. Im Ernährungsplan werden eisenreiche Haferflocken bevorzugt eingesetzt.
Obst ist für sich allein keine vollwertige Mahlzeit, sorgt aber als Zutat im Brei für geschmackliche Abwechslung.
Zusätzliche Flüssigkeit ist erst notwendig, wenn alle drei Beikostmahlzeiten des Ernährungsplans eingeführt sind. Wasser sollte Regelgetränk sein. Leitungswasser (nach Ablaufen von Standwasser) eignet sich für Säuglinge von Anfang an.
Kritische Nährstoffe
Auch bei optimierter Lebensmittelauswahl bleibt die Zufuhr von Eisen und Jod, zwei wichtigen Nährstoffen für die kindliche Entwicklung, im 2. Lebenshalbjahr, kritisch niedrig (Dube et al. 2010; Kalhoff & Kersting 2017; Remer et al. 2010). Bei Verzicht auf Fleisch kommt es darauf an, durch Kombination von eisenreichem Vollkorngetreide (Haferflocken) mit Vitamin C-reichem Obst die Bioverfügbarkeit von Eisen aus dem Getreide zu verbessern. Mit dem Einsatz von Folgenahrung (anstatt Anfangsnahrung) kann die Eisenzufuhr bei nichtgestillten Säuglingen zusätzlich erhöht werden.
Säuglinge können nicht von der allgemeinen Jodsalzprophylaxe profitieren, da bei der Säuglingsernährung auf eine Zugabe von Salz verzichtet wird. Zur effektiven Erhöhung der Jodzufuhr im Beikostalter gibt es zwei Wege: den Ersatz des selbst hergestellten Milch-Getreide-Breis durch ein kommerzielles Produkt mit Jodzusatz oder die Supplementierung von Jod in Tablettenform (50 µg/Tag).
Anzeige
Wie? - Praxis der Beikost
Im Baukastensystem der Beikost im Ernährungsplan können sowohl selbst hergestellte als auch kommerzielle Mahlzeiten eingesetzt werden (Tab. 1). Die Selbstherstellung erleichtert die geschmackliche Variation. Bei der Auswahl kommerzieller Produkte können die Rezepte für die Selbstherstellung als Orientierung dienen. Im Verlauf des 2. Lebenshalbjahr interessieren sich die Kinder zunehmend für das Essen der Familie und möchten sich selbst füttern. Dabei sichert der Brei weiterhin die Nährstoffversorgung, geeignetes Fingerfood kommt hinzu. Die These des sogenannten "Baby-led weaning", wonach das Überspringen der Breiphase und ausschließliches Selbstfüttern des Kindes später zu weniger wählerischem Essen und seltenerem Übergewicht führen soll, konnte in Studien bisher nicht bestätigt werden (Kersting 2016).
Die Literatur finden Sie online auf springerpflege.de und im eMag der HebammenWissen
FAZIT
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse haben zu Lockerungen in den Praxisempfehlungen für die Säuglingsernährung vor allem bezüglich der Beikost geführt.
Die Prinzipien des Ernährungsplans für das 1. Lebensjahr wurden erneut bestätigt. Damit steht Hebammen eine wissenschaftlich aktuelle, praxisnahe Ausgangsbasis für die tägliche Arbeit mit Eltern zur Verfügung.