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22.10.2020 | Sars-CoV-2 | Nachrichten

Virologen: „Herdenimmunität ist keine gute Idee“

Autor:
Pete Smith

Die Deutsche Gesellschaft für Virologie betrachtet die „Great Barrington Declaration“ mit großer Skepsis. Darin wird eine natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsteile favorisiert.

Corona © Fotostand / K. Schmitt / dpaCorona-Ampel: Wie viel Schutz und für wen soll es sein? Die Unterzeichner der Great Barrington Declaration wollen nur bestimmte Risikogruppen schützen, der Rest soll ohne Einschränkungen leben können. Deutsche Virologen sehen das skeptisch.

Die Position der Virologen

  • Ablehnung einer Strategie der sogenannten „natürlichen Durchseuchung“.
  • Die Unterzeichner warnen für diesen Fall vor einer „humanitären und wirtschaftlichen Katastrophe.
  • Unklar sei bisher, wie lange eine durch eine Infektion erworbene Immunität anhält.

Eindringlich wendet sich die Deutsche Gesellschaft für Virologie gegen Forderungen britischer und US-amerikanischer Wissenschaftler, die infolge der COVID-19-Pandemie verhängten Beschränkungen weitgehend aufzuheben, um mittels natürlicher Durchseuchung großer Bevölkerungsteile eine Herdenimmunität zu erreichen.

Selbstverständlich erkenne man die enorme Belastung der Bevölkerung durch die einschneidenden Maßnahmen an, heißt es in der am Montag veröffentlichten Stellungnahme, die unter anderem von den Virologen Professor Christian Drosten (Charité) und Professor Melanie Brinkmann (TU Braunschweig) unterzeichnet wurde: „Dennoch sind wir überzeugt, dass die Schäden, die uns im Falle einer unkontrollierten Durchseuchung unmittelbar, aber auch mittelbar drohen, diese Belastungen um ein Vielfaches überträfen und in eine humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe münden können.“

Zwischen Freiheit und Schutz

Der Vorstand der Gesellschaft für Virologie reagiert damit auf die sogenannte „Great Barrington Declaration“, in der Epidemiologen der Universitäten Harvard, Oxford und Stanford Anfang Oktober „ernste Bedenken hinsichtlich der schädlichen Auswirkungen der vorherrschenden COVID-19-Maßnahmen auf die physische und psychische Gesundheit“ vorgetragen haben. Die in vielen Ländern geltenden Beschränkungen führten beispielsweise zu „niedrigeren Impfraten bei Kindern, schlechteren Verläufen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, weniger Krebsvorsorgeuntersuchungen und einer Verschlechterung der psychischen Verfassung“. Unterprivilegierte und junge Menschen seien von den Auswirkungen der Maßnahmen besonders betroffen.

In der Deklaration wird ein Paradigmenwechsel formuliert: „Der einfühlsamste Ansatz, bei dem Risiko und Nutzen des Erreichens einer Herdenimmunität gegeneinander abgewogen werden, besteht darin, denjenigen, die ein minimales Sterberisiko haben, ein normales Leben zu ermöglichen, damit sie durch natürliche Infektion eine Immunität gegen das Virus aufbauen können, während diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, besser geschützt werden.“

Nur gefährdete Menschen sollen geschützt werden

Die Unterzeichner der „Great Barrington Declaration“ plädieren für die dauerhafte Öffnung von Schulen, Kitas, Gaststätten kulturellen Einrichtungen und Sportstätten sowie für die Abschaffung der Abstandsregeln und Maskenpflicht. Lediglich gefährdete Menschen sollten geschützt werden, indem etwa Pflegeheime nur „Personal mit erworbener Immunität einsetzen“ oder Menschen im Ruhestand „sich Lebensmittel und andere wichtige Dinge nach Hause liefern lassen“.

Eine derartige Strategie lehnt die Deutsche Gesellschaft für Virologie entschieden ab und mahnt ein wissenschaftlich begründetes Vorgehen gegen die COVID-19-Pandemie an, gerade in der aktuellen Situation, in der sich die Infektionen wieder mit näherungsweise exponentieller Dynamik ausbreiteten. „Eine unkontrollierte Durchseuchung würde zu einer eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen, da selbst bei strenger Isolierung der Ruheständler es noch weitere Risikogruppen gibt, die vielzu zahlreich, zu heterogen und zum Teil auch unerkannt sind, um aktiv abgeschirmt werden zu können“, heißt esin der Stellungnahme.

Auch Menschen mit Übergewicht, Diabetes, Krebserkrankungen, Niereninsuffizienz, chronischen Lungenerkrankungen, Lebererkrankungen, Schlaganfall, hätten ein erhöhtes Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf, ebenso Patienten nach einer Transplantation und Schwangere. Zudem erlitten einige Patienten nach einer vermeintlich überstandenen COVID-19-Erkrankung Spätschäden. Überdies sei ungeklärt, wie lange eine durch eine Infektion mit SARS-CoV-2 erworbene Immunität tatsächlich anhalte.

Gefahr der Überlastung bleibt

Aufgrund der aktuell „explosiven Infektionsdynamik“ befürchten die Virologenum Christian Drosten, dass künftig auch wieder mehr alte und vulnerable Menschen an COVID-19 erkranken werden, was zu einer raschen Überlastung der Gesundheitssysteme führen könnte. „Hierunter wird nicht nur die Behandlung von COVID-19-Patienten, sondern die gesamte medizinische Versorgung leiden.“ Diese Einschätzung teilen auch die Unterzeichner des in der vergangenen Woche im „Lancet“ erschienenen „John Snow Memorandums“.

Die rund 80 internationalen Wissenschaftler halten eine längere Isolation großer Bevölkerungsteile nicht nur für praktisch unmöglich, sondern auch für höchst unethisch: „Ein solcher Ansatz birgt auch die Gefahr, dass sich die sozioökonomischen Ungleichheiten und strukturellen Diskriminierungen, die durch die Pandemie bereits offengelegt wurden, noch weiter verschärfen.“

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