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06.12.2021 | Sars-CoV-2 | Nachrichten

Reha für die Jüngeren: Die üblen Folgen des Corona-Lockdowns

Autor:
Susanne Werner

Ängste, Depressionen, Essstörungen: Der Lockdown hat viele Kinder und Jugendliche aus der Spur geworfen. Eine Reha-Klinik in Wangen will helfen – und der Andrang ist groß.

Kind © Seventyfour / stock.adobe.comDie Jüngeren am Smartphone: Im Vergleich zu 2019 ist die Online-Zeit im Pandemiejahr 2020 um 53 Minuten gestiegen. Das geht aus einer Statistik des Hilfe-Telefons „Nummer gegen Kummer“ hervor.

Nicht allein die Infektionsgefahr durch das Coronavirus, sondern insbesondere die Schutzauflagen zur Eindämmung der Pandemie haben Kinder und Jugendliche auf vielfältige Weise belastet. In den Reha-Kliniken kommen jetzt vor allem jene Mädchen und Jungen an, die unter Ängsten und depressiven Verstimmungen leiden oder bei denen der Bewegungsmangel zur Gesundheitsgefahr geworden ist.

Dr. Nora Volmer-Berthele, Chefärztin der Fachkliniken Wangen im Allgäu, erinnert sich: An Ostern 2021 war ihr eine Gruppe von Teenagern aufgefallen. Die Mädchen und Jungen saßen in ihrer Einrichtung unbeschwert zusammen, redeten miteinander und lachten gemeinsam. „Die geschützte Seifenblase Reha wirkt. Eine Pausenzeit von der Pandemie“, freute sich die Kinder- und Jugendpsychiaterin und Psychotherapeutin.

Vor Jahrzehnten war in der Allgäuer Klinik noch die Pneumologie das zentrale Fachgebiet. Seit etwa zehn Jahren wächst nun der Bedarf an psychologischer und psychiatrischer Unterstützung. Die Pandemie-Erfahrung und vor allem die Schließungen von Schulen und Freizeiteinrichtungen haben diesen Trend noch einmal verschärft.

Angst vor sozialen Kontakten

Die Fachkliniken Wangen: das ist die einzige Reha-Klinik bundesweit, die im Rahmen eines Modellvorhabens der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Baden-Württemberg eine psychiatrische Rehabilitation für Kinder und Jugendliche erprobt.

Viele der jungen Patienten, die im Herbst 2021 im Allgäu ankommen, leiden unter einer gestiegenen Angst vor sozialen Kontakten, unter depressiven Verstimmungen und Essstörungen, insbesondere Adipositas. 150 Betten hat die Klinik insgesamt, gut 50 davon sind für über 12-Jährige reserviert, die ohne Begleitung eine Reha antreten können. Bei knapp 100 sind Vater oder Mutter dabei.

Aktuell ist die Klinik nahezu ausgelastet, die Wartezeit unterscheidet sich je nach Diagnose. „Der Lockdown allein hat viele belastet, jedoch niemanden krank gemacht, aber er war ein zusätzlicher Baustein bei den Belastungsfaktoren. Da zudem Ausgleichsangebote weggefallen sind, hat dies die ungesunden Alternativen verstärkt“, sagt Volmer-Berthele.

Gewohnte Tagesstruktur vermisst

Die Mädchen und Jungen erzählen oft, wie sehr sie während des Lockdowns die gewohnte Tagesstruktur vermisst haben: Kein Treffen auf dem Spielplatz, kein gemeinsames Fußballspiel im Verein, kein Unterricht in der Musikschule, kein Besuch bei Oma oder Opa und stattdessen Online-Unterricht, Homeschooling, 24 Stunden-Betreuung durch die Eltern. „Es war und ist eine extrem lange Phase der Verunsicherung, in der der Nachwuchs meistens super mitgemacht hat“, sagt Volmer-Berthele.

Jetzt kommen jene in die Reha, die davon einfach erschöpft sind oder sich schwere Folgeerkrankungen eingehandelt haben. Beispielsweise der 15-Jährige, der in sechs Monaten 20 Kilogramm zugenommen hat. Oder die 14-Jährige, die beim Gedanken an einen künftigen Schulbesuch und angesichts der bevorstehenden Prüfungen in Panik gerät. „Kinder und Jugendliche sind die Altersgruppe, die von den Pandemie-bedingten Maßnahmen am meisten betroffen sind.

Zwei Drittel durch Pandemie stark belastet

Bei keiner anderen Altersgruppe steht das Ausmaß der Einschränkungen im Vergleich zu deren Nutzen in einem größeren Missverhältnis“, sagt Dr. Andrea Knipp-Selke. Die Ärztin aus Köln arbeitet seit 20 Jahren in der Kinder- und Jugendheilkunde und gehört zur interdisziplinären Arbeitsgruppe um Professor Matthias Schrappe.

Für die jüngste Veröffentlichung hat sie vorliegende Studien zu den gesundheitlichen Folgen des Lockdowns für Kinder und Jugendliche ausgewertet. Demnach gaben laut der COPSY-Studie (Corona und Psyche) des UKE Hamburg zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen an, durch die COVID-19-Pandemie stark belastet zu sein. Sie erlebten eine signifikant niedrigere gesundheitsbezogene Lebensqualität, mehr psychische Probleme und ein höheres Angstniveau als vor der Pandemie.

Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status, Migrationshintergrund und begrenztem Wohnraum waren dabei deutlich stärker betroffen. Aus der Statistik des Hilfe-Telefons „Nummer gegen Kummer“ zeigt sich, dass die Zahl der Anrufe 2020 im Vergleich zu 2019 um sieben Prozent gestiegen sind und in jedem zweiten Telefonat (54 Prozent ) die Ratsuchenden über psychische Probleme, über Ängste und Einsamkeit sprechen.

Darüber hinaus haben die Corona-Schutzauflagen ein ungesundes Verhalten gefördert: Der Bewegungsmangel hat sich verzehnfacht, die Online-Zeit ist auf 258 Minuten (2019 bei 205 Minuten) gestiegen, die Erfahrung von Gewalt und Misshandlungen hat um zehn Prozent zugenommen. In einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung wird zudem ein „deutlicher Rückstand im Spracherwerb von Vorschulkindern“ attestiert.

Kompensation kaum möglich

Die Kinder hatten kaum Austausch mit Gleichaltrigen und lernten so nicht spielend täglich neue Wörter: „Lernerfahrungen, die zwischen dem dritten und dem siebten Lebensjahr gemacht werden, lassen sich kaum kompensieren. Insbesondere für Kinder mit Migrations- oder Fluchtgeschichte ist dies sehr schwierig“, sagt Knipp-Selke.

Damit sie wieder im normalen Alltag ankommen, muss in den Fachkliniken Wangen zunächst Basisarbeit geleistet werden: „Die Mädchen und Jungen müssen die Routinen eines Tages wieder einüben, vom Aufstehen bis hin zum Abendprogramm. So erleben sie sich wieder als handlungsfähig, lernen eigene Pläne umzusetzen und erfahren, wie sie selbst wirksam sein können“, berichtet Volmer-Berthele.

Die Reha setzt dabei vor allem auf angeleitete Gruppenaktivitäten sowie auf Sport und Bewegung. Hinzu kommt noch der Unterricht an der Klinik-Schule. In den Klassen sitzen bis zu sieben Kinder, die von einer Lehrkraft täglich zwei Stunden lang unterrichtet werden. Den jeweiligen Unterrichtsstoff hat die Schule vom Wohnort an die Klinik übermittelt. Bei Bedarf kommt eine zusätzliche Beratung oder individuelle Lernstunde dazu.

In den vier bis sechs Wochen Rehabilitation, so Volmer-Berthele, werden Verhaltensweisen trainiert, die Kinder und Jugendliche stabilisieren und auf die sie später wieder in ihrem Alltag zurückgreifen können: „Sie lernen, wie sie Konflikte untereinander aushandeln können, erleben, wie gut sich Bewegung und Natur anfühlt und auch wie eine Gruppe zu einem ,Wir‘ zusammenwächst.“

Leistungskatalog: Das Recht auf Rehabilitation

Die Leistungen der Kinder- und Jugendrehabilitation richten sich grundsätzlich an Mädchen und Jungen, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen länger andauernde Probleme haben. Sie können zum Beispiel in der Schule kaum mithalten oder lösen Zweifel aus, ob sie fähig sind für eine spätere Ausbildung. Ist dadurch die soziale Teilhabe gefährdet, finanziert die Deutschen Rentenversicherung (DRV) die Reha-Behandlung.

Bei schwer Betroffenen, etwa mit neurologischen Erkrankungen, werden die Kosten über die Gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet.

2020 waren die Anzahl der Reha-Leistungen und der Ausgaben leicht rückläufig: Die Deutsche Rentenversicherung investierte 186 Millionen Euro (2019: 221 Millionen Euro), die GKV 42 Millionen Euro (2019: 48 Millionen Euro).

Mit dem 2016 in Kraft getretenen Flexirentengesetz des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales wurde die medizinische Rehabilitation für Kinder- und Jugendliche in den DRV-Pflichtenkatalog aufgenommen. Sie ist seither nicht mehr auf ausgewählte Indikationen begrenzt. Auch der sogenannte „kleine Reha-Deckel“, der die Ausgaben bis dato begrenzte, wurde mit der Gesetzesänderung aufgehoben.

Bundesweit stehen etwa 50 Reha-Kliniken für Kinder und Jugendliche mit 50 bis 160 Betten bereit, derzeit bauen etwa sieben Einrichtungen Angebote der ambulanten Reha für Kinder und Jugendliche auf.

Die stationären Einrichtungen sorgen mit Klinikschulen oder über Kooperationspartner dafür, dass die Mädchen und Jungen auch während des stationären Aufenthalts unterrichtet werden.

Mit insgesamt 7733 Leistungen führten bei der Rentenversicherung auch 2020 die psychischen Beschwerden und Verhaltensstörungen die Diagnose-Statistiken an. (wer)

Quelle: ÄrzteZeitung

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