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25.01.2021 | Sars-CoV-2 | Nachrichten

"Inzwischen wird offen über einen Pflexit gesprochen"

Die Corona-Pandemie ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Sie ist eine Katastrophe, die Pflegenden seit Monaten alles abverlangt. Was macht das mit der Berufsgruppe und was können wir aus der aktuellen Situation lernen? Wir fragten nach bei Professor Stefan Görres.

Universität Bremen © Harald Rehling / Universität BremenProfessor Stefan Görres ist Mitglied der Abteilung  Pflegewissenschaftliche Versorgungsforschung am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen und Mitglied im Board of Directors der World Society of Disaster Nursing (WSDN).

Herr Professor Görres, Sie haben sich intensiv mit der Rolle von Pflegenden im Katastrophenmanagement beschäftigt. Ist die Corona-Pandemie auch eine solche Situation?

Ja, das ist zweifellos der Fall. Es gibt Katastrophen unterschiedlichster Art wie z.B. Erdbeben, Tsunamis, Konflikte, Hungersnöte, Massenunfälle und auch Pandemien gehören dazu. Coronabedingt mussten wir im Dezember die 6. Internationale Tagung der World Society of Disaster Nursing (WSDN) von Südkorea aus als Video-Konferenz abhalten. Sie stand unter der Überschrift „Nurses on the Frontline of COVID-19“. Berichte u.a. aus den USA, Großbritannien, Japan, Südkorea und auch mein Bericht zur Situation in Deutschland zeigten, wie dramatisch die Situation in allen Ländern ist und wie sehr das Gesundheitswesen jetzt weltweit auf professionelle Pflege angewiesen ist. Leider war auch zu erfahren, dass tausende Pflegende und Ärzte durch ihren pausenlosen und gefährlichen Einsatz an Corona verstorben sind.  

Was zeigen die bisherigen Erfahrungen in der Pandemie? Wie gut ist Deutschland auch im internationalen Vergleich aufgestellt?

Das ist schwer zu sagen, weil ja bei der Bekämpfung der Pandemie viele Dinge zusammenkommen. Aber ohne ein funktionierendes Gesundheitswesen ist es nicht zu schaffen. Vor allem die pflegerische und medizinische Versorgung in Krankenhäusern ist zentral und deren Möglichkeiten stark abhängig von den Kapazitäten, der Anzahl, der Qualifikation des Gesundheitspersonals und den Inzidenzraten. Im Vergleich ist Deutschland da gut aufgestellt. Besorgniserregend ist es beispielsweise in den USA, weil eine frühzeitige Bekämpfung des Virus ausblieb. Aber auch in Deutschland kommen vor allem die Pflegenden auf Intensivstationen an ihre Grenzen. Fazit: Wir brauchen grundsätzlich deutlich mehr Pflegepersonal und besonders mehr Pflegende mit einer Intensiv- und Disaster-Fachausbildung.

Für den Umgang mit Katastrophen und kritischen Ereignissen müssen Pflegende also unbedingt gut geschult und regelmäßig trainiert werden. Wird in dieser Hinsicht genug getan?

Leider nicht. Trotz einer weltweiten Zunahme an Katastrophen verfügen überall auf der Welt viele Pflegefachkräfte nicht über das notwendige Wissen, die Fertigkeiten und die Fähigkeiten. Und das, obwohl der Bedarf an globaler Zusammenarbeit im Pflegebereich so groß ist wie nie zuvor. Eine Fachausbildung ist in diesem Kontext fundamental für die Vorbereitung von Pflegenden und ihrer sich stetig erweiternden Rolle, die sie während Krisen und Katastrophen einnehmen.

Die WHO verlangt daher, dass die Ausbildung in „Disaster Nursing“ ein fester Bestandteil sowohl in der nichtakademischen als auch in der akademischen Berufsausbildung wird. Hier ist vor allem Deutschland gefordert. Wir stehen noch ganz am Anfang.

Wie erleben die Pflegenden ihre Situation an der „Corona-Front“ – gibt es dazu Erkenntnisse?

In der ersten Zeit der Corona-Pandemie herrschten Unsicherheit und Materialmangel vor. Jetzt, in der zweiten Welle, kommt die Diskussion um die Impfpflicht hinzu. Vor allem aber ist es der lange Zeitraum, in dem sich Pflegende jetzt schon im Krisenmodus befinden. Eine Zeit, in der sie täglich mit Materialmangel, fehlenden Personalressourcen angesichts erkrankter Kolleginnen und Kollegen sowie Schwerstkranken und Sterbenden umgehen müssen. Auch Quarantäne, Isolation im Pflegeheim und die ständige Angst vor Ansteckung haben die Pflegenden ans Limit gebracht. Und dennoch halten die meisten durch. Ständige Appelle an ihre Verantwortung seitens der Politik und die unselige Diskussion um den Pflegebonus haben die Situation aber eher zugespitzt. Inzwischen wird offen über einen Pflexit gesprochen.

Forscher befürchten, dass überforderte Pflegende in der Pandemie ähnlich traumatisiert werden könnten wie Soldaten in kritischen Missionen. Was muss jetzt passieren, was ist wichtig für die Zeit nach Corona?

Der Vergleich mit traumatisierten Soldaten ist durchaus angebracht. Denn über Monate mit Schwerstkranken,  Sterbenden und dem Leid der Angehörigen konfrontiert zu sein, in einer permanenten Stresssituation zu leben, deren Ende nicht absehbar ist, das geht zweifellos vielen „an die Nerven“. Um das alles zu verarbeiten, brauchen die Pflegenden psychologische Betreuung, auch um Langzeitschäden vorzubeugen. Sie brauchen aber letztlich auch schlicht Zeit, um einfach mal Luft holen zu können. Oft höre ich den Satz „… ich bin einfach nur noch müde“. Man kann nur hoffen, dass die Politik die Pflege endlich zur Chefsache macht, die Rahmenbedingungen deutlich verbessert, die Qualifikationsmöglichkeiten ausbaut und nicht weiter glaubt, mit tausenden von Hilfskräften irgendwie durchzukommen.

In Deutschland ist eine Diskussion um eine mögliche Impfpflicht für professionell Pflegende entbrannt. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund einen solchen Vorstoß?

Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder hat diesen Vorstoß gemacht. Eine verlässliche Datenlage zur angeblich geringen Impfbereitschaft unter den Pflegenden haben wir nicht. Es gibt nur ein eher heterogenes Bild. Im Zweifelsfall nehmen Pflegende einfach ihr Persönlichkeitsrecht auf körperliche Unversehrtheit in Anspruch. Dass sie sich dabei durchaus ihrer ethisch-professionellen Verantwortung gewiss sind, sollte man ihnen zugestehen. Um den emotionalen Druck sind sie jedenfalls nicht zu beneiden und der wird um sie herum gerade mächtig aufgebaut. Wenn wir also über eine Impfpflicht reden, die angeblich kein Politiker möchte, aber viele – wenn auch unausgesprochen – gerne hätten, dann meinen wir ja eigentlich eine Impfsolidarität. Und zur Solidarität kann man nicht verpflichten, aber durch Aufklärung und Vertrauen dafür werben.

Das Interview führte Nicoletta Eckardt.



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