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Erschienen in: Pflegezeitschrift 11/2020

01.11.2020 | Wissenschaft Aktuell

Wissenschaft Aktuell

Erschienen in: Pflegezeitschrift | Ausgabe 11/2020

Herzinfarkte im Winter besonders oft tödlich

Herzinfarkte scheinen im Winter nicht nur häufiger aufzutreten, sondern auch öfter tödlich zu enden. Dies bestätigt nun auch eine große Analyse aus den USA. Kardiologen um Dr. Vallabhajosyula, Atlanta, haben Klinikdaten aus den Jahren 2000 bis 2017 ausgewertet. Das Ergebnis: Im Winter ist die Herzinfarktmortalität um rund 7% höher als im Frühjahr. Der Effekt ist unabhängig vom Infarkttyp, dem Geschlecht und der Ethnie, in wärmeren Regionen aber weniger ausgeprägt. Eine Ursache für die Exzessmortalität im Winter könnte eine beeinträchtigte Hämodynamik älterer Menschen bei tiefen Temperaturen sein.
https:// doi. org/ 10. 1002/ clc. 23428

Gefahr durch fragmentierten Schlaf?

In Koronararterien von Menschen, die nachts oft aufwachen, sind häufiger Verkalkungen nachweisbar. Womöglich steckt die Hochregulation von entzündungssassoziierten Leukozyten dahinter. Gestützt wird diese Hypothese durch Untersuchungen zu Schlafunterbrechnungen bei 1.600 Teilnehmern. Eine Schlaffragmentierung korrelierte mit dem Kalk-Score im Herz-CT und der Neutrophilen-Zahl, jedoch nicht mit der Monozyten-Zahl. Neutrophile und Monozyten wiederum waren positiv mit dem Kalk-Score assoziiert. Durch eine Analyse konnten die Forscher um Raphael Vallat, Berkeley, zeigen, dass Schlafunterbrechungen sich nicht direkt, sondern vermittelt durch den Neutrophilenanstieg auf den Kalk-Score auswirkten. Auch der Schweregrad der Schlaffragmentierung korrelierte mit dem Kalk-Score: Die Wirkung der Nicht-REM-Unterbrechungen auf den Gefäßzustand wurde durch einen Anstieg von Neutrophilen und Monozyten vermittelt. Die Assoziationen verloren allerdings ihre Signifikanz, wenn BMI, Schlafapnoe oder Insomnie mitbetrachtet wurden. Andere Parameter zur Schlafbeurteilung wie Dauer oder Effizienz zeigten keinen Zusammenhang. Der Leukozytenanstieg dürfte nur ein möglicher Weg sein, wie Schlafunterbrechungen die Atherosklerose-Entstehung fördern können, so die Autoren. (bs)
Vallat P et al. PLOS Biology 2020

Gewichtsveränderung beeinflusst Rezidivrisiko

Das Gewichtsmanagement von Frauen mit Gestationsdiabetes (GDM) sollte nach deren erster Schwangerschaft nicht vernachlässigt werden: Eine aktuelle Studie zeigt, wie sich Gewichtsschwankungen auswirken, wenn Betroffene erneut schwanger werden. Ein norwegisches Forscherteam wertete dazu Daten von fast 3.000 Frauen mit GDM während ihrer ersten Schwangerschaft aus. Ihr Ergebnis: Übergewichtige und fettleibige Frauen (BMI ≥ 25), die ihren BMI um ein bis zwei Punkte reduzierten, hatten ein um 20% niedrigeres Rezidivrisiko für GDM als diejenigen ohne Gewichtsreduktion. Sank ihr BMI um mehr als zwei Punkte, verringerte es sich sogar um 28%. Wenn ihr BMI dagegen um mehr als vier Einheiten zunahm, stieg ihr Risiko um 26% verglichen mit Frauen mit stabilem BMI. Bei normalgewichtigen Frauen (BMI < 25) stieg das Risiko eines erneuten GDM um 32%, wenn ihr BMI um zwei bis vier Punkte zunahm, und um 61%, wenn er um mehr als vier Einheiten anstieg, im Vergleich zu Frauen, deren BMI nicht schwankte. Wenn sie abnahmen, schien dies dagegen keinen Effekt auf das Rezidivrisiko von GDM zu haben.
Sorbey L M et al. BJOG 2020; http://doi.org/d6xq

Mehr Depressionen

Die Corona-Beschränkungen hinterlassen verstärkt Spuren bei depressiv veranlagten Menschen. In einer Studie waren deutlich mehr Essstörungen zu beobachten. Die Beschränkungen des gesellschaftlichen Lebens während der Corona-Pandemie stellen Depressive auf eine harte Probe. Zu diesem Zwischenergebnis kommt ein Forschungsprojekt der Privaten Hochschule Göttingen (PFH) und weiterer Partner wie der Universität Regensburg. Im Vergleich zur Norm habe sich infolge der Beschränkungen die Symptombelastung verfünffacht, hat Projektleiter Prof. Shiban von der PFH nach einer ersten Analyse der Daten von bislang 2.000 Teilnehmern mitgeteilt. Zu erkennen sei zum Beispiel ein deutlicher Zuwachs bei Essstörungen. "Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Quarantänemaßnahmen von psychologischen Auffälligkeiten wie Depressivität und Stressreaktionen begleitet sein können", sagt Shiban. Die Auswirkungen der Eindämmung von COVID-19 könnten weit über die akute Krise bestehen bleiben. Ziel der Studie sei es, die belastenden Faktoren zu untersuchen. (AF)
Ärzte Zeitung

Gefährlicher Jodmangel

Dass ein ausgeprägter Jodmangel in der Schwangerschaft einen Risikofaktor für das Kind darstellt, ist hinlänglich bekannt. Die WHO empfiehlt werdenden Müttern daher die Aufnahme von mindestens 250 µg Jod pro Tag über die Nahrung (ohne Supplemente). Wissenschaftler aus Norwegen haben überprüft, welche Folgen ein, wenn auch nur leichter, Jodmangel in der Schwangerschaft oder auch schon davor haben kann. Das Team um Marianne Hope Abel vom Norwegian Institute of Public Health in Oslo konnte sich dabei auf eine große Datenbasis von insgesamt 78.318 Schwangerschaften stützen. Diese entstammen einem nationalen Register (Norwegian Mother, Father and Child Cohort, MoBa) mit detaillierten Angaben zur Ernährung, zum Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln sowie zu Komplikationen im Rahmen der Schwangerschaft. Die Abfrage erfolgte routinemäßig in der 22. Schwangerschaftswoche.
Tägliche Jodaufnahme: Mit einer Einnahme über Nahrungsmittel von median 121 µg pro Tag lag die Kohorte insgesamt im Bereich eines leichten bis mittelgradigen Jodmangels. Der vom Institute of Medicine für Schwangere empfohlene Mindestwert von 160 µg/Tag wurde von 74% der Teilnehmerinnen unterschritten. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass unterhalb von etwa 100 bis 150 µg pro Tag schädliche Effekte drohen und dass sich oberhalb dieses Werts ein Plateau einstellt. Eine unzureichende Jodzufuhr in der Schwangerschaft erhöht die Gefahr von geringem Geburtsgewicht und Präeklampsie. Bei Frauen mit Kinderwunsch kann Jodmangel zu Fertilitätsstörungen beitragen.
Abel MH et al. Insufficient maternal iodine intake is associated with subfecundity, reduced foetal growth, and adverse pregnancy outcomes in the Norwegian Mother, Father and Child Cohort Study. BMC Medicine 2020; 18: 211

Stress im Emergency Room

Ein Workshop , in dem Lehrende des Gesundheitswesens lernen sollten, Auszubildende für interprofessionelle und interkulturelle Konflikte in der Notaufnahme zu rüsten, wurde mit einer Triangulation verschiedener Erhebungsverfahren wie Beobachtung, Fragebögen und halbstandardisierten Interviews evaluiert. Der Workshop bestand aus einem Trainingsprogramm, bei dem die Teilnehmenden reale Fallbeispiele zunächst mit der Methode des problemorientierten Lernens (POL) bearbeiteten und dann im szenischen Spiel nachstellten. Das sonst in sieben Schritten verlaufende POL wurde hier auf die ersten drei reduziert. Die Evaluation des Lernverfahrens erfolgte entlang der Fragestellung, wie sehr man die Teilnehmer mit diesem Verfahren erreichen konnte und was die Umsetzung dieses Verfahrens förderte und hemmte. Die Evaluation war wesentlich aufwändiger, als es sonst bei Fortbildungsveranstaltungen üblich ist.

Azubis besser vorbereiten

Hintergrund von Veranstaltungen wie dieser sind die sich in letzter Zeit vermehrenden Konflikte zwischen Mitarbeitern in einer Rettungsstelle und Patienten aus allen Teilen der Erde und dem damit einhergehenden Kulturclash. Erschwerend kommen interprofessionelle Konflikte hinzu, die auch durch den unterschiedlichen Machtstatus der Berufe bedingt sind. Für solch konfliktreiche Situationen müssen die Auszubildenden und die in der Rettungsstelle Beschäftigten besser vorbereitet werden. Grundlage einer Verhaltensänderung ist aber, dass sowohl die Lehrenden als auch die Lernenden im selbstreflexiven Prozess beim szenischen Spiel die eigenen, manchmal verborgenen Haltungen identifizieren und bearbeiten. Die Methode eignet sich aber auch, um die Gedanken und Emotionen der anderen Akteure in einer Konfliktsituation besser nachvollziehen zu können und eine Multiperspektivität auf eine komplexe Situation einzunehmen. Die Wissenschaftler finden die Methode des POL und des anschließenden szenischen Spiels im Grundsatz gelungen, wollen lediglich ihre Umsetzung verfeinern und in Zukunft beispielsweise für mehr Methodentransparenz sorgen.
Morgenstern U, Süßmilch M (2019): Interprofessionelle Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund in der Notaufnahme. Pädagogik der Gesundheitsberufe 4, 249-261
Kommentar: Unstrittig ist die Aktualität und Relevanz dieses Projekts. Hervorzuheben ist das positive Feedback, das die überwiegende Anzahl der Teilnehmer zum Workshop gab. Nur bleibt offen, ob die positive Resonanz auf den Workshop auch mit einem tiefergehenden Reflexions- und Wandlungsprozess der TN einhergeht oder ob man die Teilnehmer nicht einfach nur oberflächlich subjektiv berührt hat. Um dies zu ermitteln, hätte man eine quantitative Befragung zu mehreren Zeitpunkten durchführen müssen. Außerdem hätte es einer Kontrollgruppe bedurft, bei der keine Intervention stattfindet, um andere Einflussfaktoren als den Workshop auf die Reflexion und Änderung von Haltungen auszuschließen. In einer weiteren Gruppe hätte man eine alternative Intervention testen sollen (z.B. ein eher theoriebasiertes Format). Hinsichtlich eines Drittels der Teilnehmer dieses Workshops, die durch das Programm nicht vollends erreicht werden konnten, ist nämlich zu überlegen, ob sie nicht für andere Formate mit ähnlicher Thematik offener eingestellt sind.

Vielfalt beim Essen gegen Apoplex

Die EPIC-Studie mit über 400.000 Teilnehmern und einer Laufzeit von knapp 13 Jahren hat gezeigt: Zur Vermeidung eines Schlaganfalls empfiehlt sich eine vielfältige, ballaststoff-reiche Ernährung. Neben Obst und Gemüse kann diese auch Milchprodukte und Eier sowie in Maßen Fleisch enthalten. So sank das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall pro konsumierter Menge Obst und Gemüse von 200 g/d um 13%. Pro 200 g Milch täglich sank es um 5%, pro 100 g Joghurt um 9% und pro 30 g Käse um 12%. Für den hämorrhagischen Schlaganfall fanden sich keine entsprechenden Assoziationen.
Eur Heart J. 2020;41:2632-40

Anzeichen für Krebs

Wenn ein Mann über 50, der raucht oder früher geraucht hat, von einem plötzlichen Gewichtsverlust berichtet, sollten Sie hellhörig werden und eine Krebserkrankung in Betracht ziehen. Der positive prädiktive Wert (PPV) für eine Krebsdiagnose im nächsten halben Jahr lag einer britischen Studie zufolge in dieser Gruppe bei über 3%. Ab diesem Wert wird eine weitere Diagnostik angeraten. Die Autoren hatten Befunde von 63.973 Patienten analysiert, die sich wegen eines ungewollten Gewichtsverlusts vorgestellt hatten. Mit einer Krebsdiagnose im nächsten halben Jahr waren geschlechtsunabhängig auch folgende klinische Zeichen assoziiert (PPV ≥ 3%): Umfangsvermehrung im Abdomen, Gelbsucht, Brustbeschwerden, Eisenmangelanämie, Appetitverlust, Lymphadenopathie und Bauchschmerzen.
BMJ. 2020;370:m2651

Reduzierte Kraft und Geschicklichkeit

Handekzeme treten bei Erwachsenen mit einer 1-Jahres-Prävalenz von 9-10% auf. Neben den Hauterscheinungen klagen die Patienten oft über Schmerzen und Unbeholfenheit sowie Schwierigkeiten beim Beugen der Finger. Um herauszufinden, ob das chronische Handekzem einen messbaren Einfluss auf Stärke und Geschicklichkeit der Hand hat, haben schwedische Wissenschaftler 21 Hand-ekzempatienten zwischen 22 und 62 Jahren untersucht. Mit vier etablierten Funktionstests verglichen sie Druckkraft und Geschicklichkeit mit Normalwerten sowie vor und nach dem Abheilen des Ekzems. Außerdem beantworteten die Patienten Fragen zu ihren Alltagsaktivitäten, ihrer Lebensqualität und dem jeweiligen Schmerzlevel.
Ergebnisse: Die Funktionstests ergaben zu Studienbeginn starke Unterschiede zwischen den Teilnehmern, die gemittelten Werte aller Patienten wichen jedoch nicht signifikant von den jeweiligen Normwerten ab. Den größten Einfluss hatte das Handekzem auf die Druckkraft der Finger. Bei zwölf Teilnehmern, bei denen das Ekzem abgeheilt war, wurden die Tests wiederholt. Hier zeigte sich bei ekzemfreier Haut gegenüber der Ausgangssituation eine signifikant höhere Greifkraft beider Hände. Wie der Schlüsselgriff-Test zeigte, hatte sich auch die Kraft in den Fingern nach der Abheilung signifikant verbessert. Zum gleichen Ergebnis kamen die Autoren, wenn sie die Geschicklichkeit mittels Stecktafel untersuchten. Je stärker die Schmerzen waren, desto mehr waren die Patienten in ihrem Alltag eingeschränkt und desto mehr litt auch die Lebensqualität. Bei den Patienten, bei denen das Ekzem abgeheilt war, verbesserten sich sowohl die Fähigkeiten im Alltag als auch die Lebensqualität signifikant. (cs)
J Eur Acad Dermatol Venereol. 2020; https://doi.org/d77g

Juckreiz unter der Maske

Der Mund-Nasen-Schutz soll eine Infektion mit dem COVID-19-Erreger SARS-CoV-2 vermeiden. Doch gleichzeitig bleiben Hautirritationen darunter nicht aus. Eine italienische Forschergruppe um Sheila Veronese von der Universität Verona hat den Nachweis geführt, wie sich standardmäßig gefertigte chirurgische Masken im Gebrauch verändern und auf die Haut zurückwirken. Deformationen, hervorgerufen durch das Berühren mit den Händen, können demnach die Porosität der Masken reduzieren. Dies wiederum führt zur Akkumulation von Sauerstoff und Kohlendioxid und zu Veränderungen von Feuchtigkeit und Temperatur im Raum zwischen Gesicht und Maske; das kann nicht nur die Atmung, sondern auch die Haut beeinträchtigen. Zwei von zehn Probanden klagten nach einem Monat mit Maskengebrauch über zunehmendes Unbehagen und Juckreiz. Eine dritte Person entwickelte eine veritable Acne rosacea auf Höhe der Wangen. Es bedurfte einer viermonatigen Therapie, zunächst mit einem oralen Tetracyclin, danach topisch mit Ivermectin, um die Effloreszenzen verschwinden zu lassen. (rb)
Veronese S et al. How the use of surgical masks during COVID-19 pandemic can induce skin effects. J Eur Acad Dermatol Venereol 2020

Wärme hilft bei überaktiver Blase

Schätzungen zufolge leben 16% der Allgemeinbevölkerung mit einer überaktiven Blase (OAB), unter der älteren Bevölkerung sogar fast jeder Dritte. Neben verschiedenen Faktoren wie Adipositas, Rauchen, Alkohol und Ernährung, hat sich auch die kältere Jahreszeit als möglicher Trigger für eine OAB erwiesen. Tomohiro Ishimaru von der University of Occupational and Environmental Health, Kitakyushu, und Kollegen untersuchten, welchen Einfluss die Temperaturen im Wohn- und Schlafbereich auf die Aktivität der Blase haben. An der Studie nahmen 4782 Personen in 2453 Haushalten teil.
Einfluss der Temperatur: 16,4% der Studienteilnehmer litten unter einer OAB. Es zeigte sich, dass die Temperatur vier Stunden vor dem Schlafengehen im Wohnbereich bei blasengesunden Personen signifikant höher lag als bei Personen mit OAB. Dagegen fand sich beim Vergleich der Messwerte bis vier Stunden nach dem Schlafengehen in den Schlafräumen kein Zusammenhang mit der OAB-Häufigkeit. In der adjustierten Analyse war das Risiko für eine OAB bei einer Durchschnittstemperatur im Wohnbereich unter 12°C zur Schlafenszeit um 44% höher als bei Personen, in deren Wohnzimmer mindestens 18°C gemessen wurden.
Demnach könnte Ishimaru und Kollegen zufolge eine angenehme Temperatur im Wohnbereich die OAB-Symptomatik verbessern. Eine solche Veränderung sei für die Betroffenen sicher leichter umzusetzen als andere Lebensstilmodifikationen wie etwa ein Rauchstopp. (cs)
Ishimaru T et al. Impact of cold indoor temperatures on overactive bladder: a nationwide epidemiological study in Japan. Urology 2020

Interkultureller Austausch ist entscheidend für die Integration

Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in der Pflege werden in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, zunehmend Pflegefachpersonen im Ausland angeworben. Die beiden Autorinnen von der Universität Kassel gehen anhand einer Literaturstudie der Frage nach, welche Chancen die Zuwanderung von Pflegenden aus dem Ausland birgt und welche Herausforderungen damit einhergehen. Leider gibt es für Deutschland dazu kaum Daten. Da die Arbeitsmigration von Pflegenden ein weltweit verbreitetes Phänomen ist, haben die Autorinnen 14 internationale Studien recherchiert und ausgewertet.

Mehr Vertrauen und Respekt nötig

Die Literaturübersicht macht deutlich, dass vor allem die Perspektive der Zugewanderten bislang wenig beforscht wurde. Beschrieben werden Erfahrungen von Dequalifizierung, Benachteiligung bis hin zum Erleben von Diskriminierung. In Deutschland scheint vor allem Anpassung erwünscht zu sein, weniger die Auseinandersetzung mit Diversität, mit anderen fachlichen Erfahrungen, die die Migrantinnen ja mitbringen. Dahinter stecke wohl die Vorstellung, die Pflege im Herkunftsland sei gegenüber der hiesigen als rückständig anzusehen. Die Studien deuten zudem darauf hin, dass überdurchschnittlich viele Migrantinnen nicht im Pflegeberuf verbleiben. Darüber hinaus wird ein Zusammenhang zwischen dem Anteil der zugewanderten Pflegenden und der Versorgungsqualität angedeutet; aufgrund sprachlicher Barrieren oder einer kulturell unterschiedlichen Wahrnehmung von Fehlern und einem unterschiedlichen Umgang damit kann die Versorgungsqualität beeinträchtigt werden. Die Autorinnen folgern aus diesen Ergebnissen, dass die Linderung des Fachkräftemangels durch Zuwanderung von Pflegekräften aus dem Ausland nicht in jedem Fall gelingt. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sollten gezielt den interkulturellen Austausch zwischen einheimischem und zugewandertem Pflegepersonal forcieren. Damit gewährleisten sie nicht nur, dass die Zugewanderten in Deutschland verbleiben, sondern sichern auch die Versorgungsqualität.
Hubenthal N, Dieterich J (2020) Kompensation des Fachkräftemangels durch Pflegefachkräfte aus dem Ausland? Pflegewissenschaft (22) 2/2020
Kommentar: 14 Studien erscheinen wenig, auch wenn sich darunter wiederum Literaturübersichten befinden. Noch dazu stammen die Studien aus anderen Kontexten (z.B. USA, Großbritannien), wo Aufgabenprofile von Pflegenden, Arbeitsteilung und berufliches Selbstverständnis zum Teil anders gelagert sind als in Deutschland. Die Autorinnen "überinterpretieren" ihre Ergebnisse aber auch nicht. Sie stellen sie als "Schlaglichter" dar, die im Zuge der zunehmenden Anwerbung von Pflegekräften aus dem Ausland verstärkt diskutiert und beforscht werden müssen. Die Untersuchung von Pütz et al. (2019), die bereits im Literaturverzeichnis der Studie aufgeführt ist, aber erst nach Einreichung der vorliegenden Studie veröffentlicht wurde, bietet weitere interessante Ansichten zur subjektiven Perspektive zugewanderter Pflegekräfte und sei zur Lektüre empfohlen.
Metadaten
Titel
Wissenschaft Aktuell
Publikationsdatum
01.11.2020
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Pflegezeitschrift / Ausgabe 11/2020
Print ISSN: 0945-1129
Elektronische ISSN: 2520-1816
DOI
https://doi.org/10.1007/s41906-020-0910-9