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Erschienen in: Heilberufe 7-8/2022

01.07.2022 | Pflege Perspektiven Zur Zeit gratis

Station der Zukunft

verfasst von: Michael Weiß, Ronny Klawunn, Dr. Regina Schmeer

Erschienen in: Heilberufe | Ausgabe 7-8/2022

Pflegepraxiszentrum Hannover Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert ein Projekt zu technischen Innovationen in der pflegerischen Versorgung. Fünf Forschungszentren nehmen daran teil, darunter das PPZ Hannover. Untersucht wird, inwieweit Pflegende durch Innovationen entlastet werden und die Versorgung von Patient*innen verbessert wird.
Es ist 6:15 Uhr in Hannover. Der Nachtdienst macht sich auf den Weg in den wohlverdienten Feierabend, der Frühdienst packt noch einige letzte Sachen in die Pflegewägen und startet mit der grundpflegerischen Versorgung. Wir befinden uns auf einer unfallchirurgischen Normalstation mit einer Kapazität von 28 Betten der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und zugleich der Projektstation des Pflegepraxiszentrums Hannover.

Integration von technischen Innovationen

Worum geht es dabei? Seit 2018 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Cluster "Zukunft der Pflege". Dabei handelt sich um einen Zusammenschluss aus insgesamt fünf Forschungsprojekten, dazu zählen die Pflegepraxiszentren (PPZ) in Hannover, Freiburg, Berlin und Nürnberg sowie ein Pflegeinnovationszentrum (PIZ) in Oldenburg. Gemeinsam verfolgen die Projekte des Clusters das Ziel, technische Innovationen in das pflegerische Handeln zu integrieren, um die Versorgungsqualität zu optimieren und Pflegefachpersonen in ihrer Arbeit entlastend zu unterstützen. Gleichzeitig soll durch die Integration von technischen Innovationen in den Pflegealltag das Berufsbild von Pflegefachpersonen moderner und attraktiver gestaltet werden, um so die oftmals schwere Nachwuchsgewinnung zu fördern.

Gefragtes Know how der Pflegefachpersonen

Im PPZ Hannover werden Pflegefachpersonen der Projektstation aktiv in den Entscheidungsprozess für neue Technologien einbezogen. Hierzu wurde zunächst eine Bedarfserhebung durchgeführt, um mögliche Probleme und Herausforderungen auf der Station zu identifizieren, in denen technische Lösungen hilfreich sein könnten. Im Anschluss wurde und wird stetig der Markt nach technischen Innovationen für die pflegerischen Bedarfe vom Projektteam beobachtet, um so mögliche interessante Produkte zu finden und auszuwählen. In regelmäßigen Abständen werden diese Produkte in Workshops allen Pflegefachpersonen der Projektstation präsentiert. Die Pflegefachpersonen haben dann die Möglichkeit, ausführlich Rückmeldung zur Handhabung, zur Gebrauchstauglichkeit und zur Sinnhaftigkeit für ihren Arbeitsalltag zu geben. Außerdem schätzen sie generell ein, ob sie die Innovationen für ihren Arbeitsalltag brauchen. Auf Grundlage dieser Einschätzung setzt das Team im Anschluss bei positiver Rückmeldung die Produkteinführung um.

Zurück auf Station

Die Pflegewägen sind startklar, es kann losgehen: "Hat jemand den dritten Dinamap® gesehen?". Eine Frage, die fast täglich über den Flur hallt. Zur Erklärung: Ein Dinamap® ist ein fahrbarer Monitor zur Erfassung der Vitalparameter der Patient*innen, und selten genau dann auffindbar, wenn man ihn benötigt. Das Projektteam hat sich dieser Problematik angenommen und als Lösung das Gerätetracking präsentiert. In einer größeren Umbaumaßnahme wurde ein 5GHz-Netzwerk über Accesspoints auf der Projektstation installiert. Die Dinamaps®, aber auch andere Geräte wie Mobilisationsstühle und Bewegungsschienen bekamen einen Bluetooth-Beacon, einen kleinen anklebbaren Funksender, verpasst. Im Pflegestützpunkt wurde ein Tablet installiert, über das eine Übersicht per Software aufgerufen werden kann. Diese zeigt, wo sich welches Gerät auf der Station befindet und zu welchem Zeitpunkt dessen Position zuletzt bestimmt wurde. Über einen kleinen, aber sehr hilfreichen Zusatz können auch die Temperaturen der Stationskühlschränke durch einen Bluetooth-Sensor überwacht werden.
Der fehlende Dinamap® ist lokalisiert, wird abgeholt und mitgenommen; das erste Patient*innenzimmer wartet. "Guten Morgen Frau Bertram, wie war die Nacht?" (fiktive Patientin). Frau Bertram ist 85 Jahre alt und hat sich durch Sturz in ihrer Wohnung eine Schenkelhalsfraktur zugezogen. Da die Projektstation seit Dezember 2020 auch als Alterstraumatologiezentrum zertifiziert ist, ist Frau Bertram typisch für die Patient*innen der Station. Vor zwei Tagen wurde sie operiert und leidet aktuell noch unter Schmerzen. Die Pflegefachpersonen der Station haben bereits gestern entschieden, Frau Bertram auf eine andere Matratze umzubetten.
"Mir geht es besser", antwortet die Patientin. "Die Matratze tut so gut, ich konnte die Nacht wieder durchschlafen." Die Matratze, die Frau Bertram so lobt, ist ein Antidekubitussystem und besteht aus einer Schaumstoffmatratze, kombiniert mit einem mobilisierenden Element. "Active Mobilisation System" nennt es der Hersteller, kurz AMS. Die Patientin wird mit sanften Bewegungen des Systems seitenpositioniert und durch langsame Wellenbewegungen in verschiedenen Körperbereichen zusätzlich entlastet. Für Frau Bertram ist es ideal, dass sie mit ihren starken Schmerzen nicht händisch positioniert werden muss. Ein weiterer Vorteil ergibt sich bei kognitiv eingeschränkten Patient*innen, sie haben oftmals einen gestörten Tag-Nacht-Rhythmus und werden - im Vergleich zur manuellen Positionierung - durch die AMS-Matratze in der Nacht nicht geweckt. Das hat positive Auswirkungen auf das Verhalten tagsüber. Die Pflegefachpersonen selber profitieren aber nicht nur dadurch, dass es den Patient*innen besser geht. Sie berichten über weniger Rückenschmerzen und über zusätzliche Zeit, etwa für Versorgungsmaßnahmen anderer Patient*innen oder auch um ungestört zu dokumentieren.
Zurück im Moment: "Aber auch meine Bettnachbarin war heute Nacht sehr ruhig im Vergleich zu den vorherigen Nächten. Was hat Ihre Kollegin der Dame denn gestern Abend gegeben?" fragt Frau Bertram. Nein, hier wird nicht auf eine medikamentöse Ruhigstellung angespielt. Ein Produkt, das sich im PPZ Hannover ebenfalls bewährt hat, ist vergleichsweise simpel und doch sehr effektiv: ein interaktives Kissen, inmuRELAX, das bei Berührung ruhige Musik - ähnlich einer Klangschale - spielt und Vibrationen abgibt. Frau Bertrams Mitpatientin hat eine demenzielle Erkrankung. Vor allem die Nachtstunden waren durch starke Unruhephasen geprägt, eine Belastung für Mitpatient*innen und Personal. Das Kissen brachte bei dieser Patientin letztendlich Beruhigung für die Nachtstunden - Frau Bertram äußert sich auch positiv über die ruhigen Klänge des Kissens. Auch Menschen, die an Ruhelosigkeit und Stress leiden, können davon profitieren. Nur dass es schnell ausgeht, sagen die Pflegefachpersonen, ist ein Nachteil am Kissen.

Was sich verändert hat

Diese drei Beispiele - Gerätetracking, die AMS und das inmuRELAX-Kissen - sind ein Teil der im PPZ Hannover erprobten technischen Innovationen. Was uns als Forschende interessiert, ist jedoch nicht nur die Überprüfung einzelner Geräte. Wir wollen stattdessen wissen, ob Pflegefachpersonen entlastet und die Versorgung von Patient*innen verbessert wird und ob Arbeitsprozesse reibungsloser ablaufen. Anders ausgedrückt möchten wir wissen, ob bei uns eine "Station der Zukunft" entsteht, in der Pflegefachpersonen mit technischen Innovationen an der Versorgung von Patient*innen arbeiten und ob dabei ein Vorteil für alle entsteht.
Noch arbeiten wir daran, um eine Antwort hierauf zu erhalten, aber die ersten Zeichen sind sehr vielversprechend. Die zusätzlichen zeitlichen Ressourcen für Pflegefachpersonen oder die bessere Schlafqualität, die bereits angesprochen wurden, sind Hinweise hierfür. Ebenfalls positiv ist eine gesunkene Dekubitusinzidenz auf der Station seit der Einführung von AMS, wobei solche Ereignisse natürlich immer durch viele Faktoren bestimmt sein können. Fakt ist, dass die AMS-Matratzen seit ihrer Einführung nicht mehr von der Projektstation wegzudenken und für alle Patient*innen mit erhöhtem Dekubitusrisiko, die neu aufgenommen werden, der neue Goldstandard sind. Dies zeigt zumindest die Zufriedenheit der Mitarbeitenden und die Integrationsfähigkeit neuer, nützlicher Geräte. "An Tagen wie heute" - schlussfolgert eine Pflegefachperson über das AMS in einer besonders stressigen Frühschicht - "ist das Ding Gold wert".

Wer anwendet braucht Wissen

Mit den neuen Produkten wuchs auch der Bedarf, die digitale Kompetenz der Pflegefachpersonen zu fördern. Denn es geht ja nicht nur um die fachgerechte Bedienung, sondern auch eine inhaltliche Auseinandersetzung und eine adäquate Rückmeldung an die herstellenden Firmen. So kam es bei AMS zum Beispiel anfänglich zu Problemen, wenn Patient*innen das Kopfteil des Bettes um mehr als 30° erhöhten, da dann die Mobilisierung des Systems pausiert. Nach der Rückmeldung aus dem Pflegepraxiszentrum passte die Firma das System auf eine Kopfteilneigung von 50° an.
Zusätzlich werden eintägige Fortbildungen zu Themen wie Dekubitus- oder Sturzprävention oder auch Versorgung von Menschen mit kognitiven Einschränkungen angeboten, in denen die Produkte, deren Einsatz in der Versorgung sowie ethische und rechtliche Fragen diskutiert werden.

Das ist der Plan

Nach über vier Jahren im Projekt sehen wir optimistisch in die Zukunft der Pflege. Zwar ist der Markt an Produkten nach wie vor klein und schwer zu überschauen und der Reifegrad der technischen Innovationen ist manchmal noch nicht befriedigend, jedoch konnten wir einige spannende Produkte auf die Projektstation bringen. Dabei hat sich die große Mühe der Erhebung von Bedarfen auf der Projektstation zu Beginn gelohnt, da wir so einen guten Einblick erhielten. Mithilfe des Einbezugs von Pflegefachpersonen bei der Auswahl von Produkten können wir gewährleisten, dass die Innovation nicht an dem vorbeigeht, was gebraucht wird. Auch technische Voraussetzungen der Station oder Kenntnisse von Pflegefachpersonen, die zur Nutzung notwendig sind, können durch eine gut geplante Einführung geschaffen bzw. geschult werden.
Wir werden auch in den kommenden Monaten weitere technische Innovationen einführen und die Frage beantworten, wie die Pflegefachpersonen auf dem Weg in eine Station der Zukunft begleitet werden können und wie diese aussehen wird.

Pflege einfach machen

Im Projekt Pflegepraxiszentrum Hannover geht es darum, technische Innovationen in die pflegerische Versorgung zu integrieren und eine "Station der Zukunft" zu gestalten, um die Versorgungsqualität zu optimieren und Pflegefachpersonen in ihrer Arbeit entlastend zu unterstützen.
Durch die Integration von technischen Innovationen in den Pflegealltag soll auch das Berufsbild attraktiver werden.
Metadaten
Titel
Station der Zukunft
verfasst von
Michael Weiß
Ronny Klawunn
Dr. Regina Schmeer
Publikationsdatum
01.07.2022
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Heilberufe / Ausgabe 7-8/2022
Print ISSN: 0017-9604
Elektronische ISSN: 1867-1535
DOI
https://doi.org/10.1007/s00058-022-2302-6