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Erschienen in: Heilberufe 4/2023

01.04.2023 | Recruiting | Pflege Perspektiven

Erfolgsrezept gegen den Fachkräftemangel

verfasst von: Katja Marquardt

Erschienen in: Heilberufe | Ausgabe 4/2023

So geht's auch Wie können Unternehmen in Zeiten des Fachkräftemangels Personal finden und halten? Das Bodelschwingh-Heim in Weinheim im Norden Baden-Württembergs unternimmt schon seit Jahren einiges, um die Zufriedenheit, Gesundheit und Sicherheit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erhöhen. Der Lohn für diesen Einsatz: sehr geringe Fluktuation und Krankheitsquote, nur wenige Überstunden und voll besetzte Stellen.
Dass die Gesundheit der Mitarbeitenden ein hohes Gut ist, hat das Management des Bodelschwingh-Heimes früh erkannt. Zunächst ist das Haus vorbildlich ausgestattet mit Hilfsmitteln: Jedes Bewohnerzimmer und Wohnbereichsbad ist mit einem Deckenschienensystem ausgestattet, um Transfers mit dem Personenlifter zu ermöglichen. Außerdem arbeitet das Pflegeteam mit modernen, höhenverstellbaren Dusch- und Ankleidestühlen, Passivliftern, Badeliftern und Aufstehhilfen. Ergocoaches zeigen Neulingen, wie man damit umgeht. "Die Pflegekräfte verpflichten sich im Arbeitsvertrag, diese Hilfsmittel auch zu nutzen", erklärt Geschäftsführerin Jolanthe Schielek. "Wir wollen, dass unsere Mitarbeiter bis zur Rente in diesem Beruf arbeiten können." Aber auch die Beschäftigten in der Verwaltung können sich über rückenschonende Büromöbel wie etwa höhenverstellbare Schreibtische freuen.
2022 bewarb sich das Bodelschwingh-Heim um den Gesundheitspreis in der Kategorie "Guter Arbeitsplatz" der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) - und gewann den ersten Platz. Das kurpfälzische Senioren- und Pflegeheim überzeugte die Jury dabei auf ganzer Linie mit seiner mitarbeiterorientierten Unternehmensphilosophie.

Gesundheitsbeauftragte mit Schnittstellenfunktion in jeder Abteilung

Seit 2016 ist Schielek Mitglied der Geschäftsführung. Schon kurz darauf begann sie, sich intensiv mit dem Thema Mitarbeitergesundheit zu beschäftigen - und stellte in diesem Zuge auch einen Gesundheitsmanager ein. Die Kommunikation zu gesundheitsbezogenen Themen nimmt Schielek sehr ernst. Jede Abteilung hat daher einen Gesundheitsbeauftragten, der eine Schnittstellenfunktion zwischen Geschäftsführung, Gesundheitsmanager und Team übernimmt. Die Gesundheitsbeauftragten bringen auch Ideen aus den Abteilungen ein. "Wir haben gemerkt, dass die Vorschläge von den Mitarbeitenden kommen müssen", erklärt sie. Ein Wunsch war etwa die Kooperation mit einem Fitnessstudio, in dem nun vergünstigt trainiert werden kann.
Die Einrichtung in evangelischer Trägerschaft mit rund 200 Beschäftigten bietet stationäre und ambulante Pflege sowie betreutes Wohnen und Essen auf Rädern. In den drei Bereichen Pflege, Verwaltung und Hauswirtschaft wird auch ausgebildet. Als eines von wenigen Altenzentren im Rhein-Neckar-Kreis bietet das Haus einen gerontopsychiatrischen Wohnbereich an, in dem speziell geschultes Fachpersonal den Bedürfnissen von Menschen mit Demenz und anderen gerontopsychiatrischen Krankheitsbildern Rechnung trägt.

Von der "musikalischen Pause" bis hin zum Baden im Wald

Einen besonderen Schwerpunkt setzt die Einrichtung auf Musik: Sowohl die Bewohner*innen können sich über musiktherapeutische Angebote freuen als auch die Mitarbeitenden. 90-Jährige können hier etwa mit der Veeh-Harfe erstmals in ihrem Leben ein Instrument erlernen. "Wir verstehen uns als Haus, wo man auch im Alter noch etwas lernen und sich kreativ entfalten kann", erklärt Schielek. Ein weiteres ungewöhnliches Projekt der vergangenen Jahre war, als Bewohner*innen ausländischen Pflegekräften Deutsch beibrachten - und so das Gefühl bekamen, noch etwas Sinnvolles zu leisten.
Mit der "musikalischen Pause" ist das musikalische Element inzwischen auch für die Beschäftigten fest etabliert. Entstanden ist das Angebot im Rahmen des Projekts "Mitarbeiter für Mitarbeiter", auf das Schielek besonders stolz ist. Dort können Teammitglieder den anderen ihr Hobby vorstellen bzw. etwas, worin sie gut sind. Die Einrichtung befindet sich in schöner Lage direkt am Weinheimer Schlosspark und dem sogenannten Exotenwald. Beide werden sowohl von den Bewohner*innen als auch den Mitarbeitenden gern besucht.
Bei aller rückenschonenden Arbeitsweise kann ein Arbeitstag dennoch lang sein, was erholsame Verschnaufpausen essenziell macht. Schielek und das Leitungsteam haben daher zusätzliche Gesundheitspausen etabliert, die von den Pflegekräften auch gern in Anspruch genommen werden. Eine Mitarbeiterin bietet dort in der bezahlten 15-minütigen Gesundheitspause Waldbaden an. Auch eine Walkinggruppe gab es vor Corona. 15 Minuten klingt wenig, sei aber trotzdem effektiv, betont Schielek.

Es gibt viele Ideen - das Preisgeld fließt in weitere Projekte

Auch in einen eigens dafür eingerichteten Gesundheitsraum können sich die Mitarbeiter*innen zurückziehen. Er ist mit Massagesesseln, Kopfhörern mit Entspannungsklängen und Yogamatten ausgestattet. Das mit dem BGW-Preis verbundene Preisgeld soll in weitere Gesundheitsprojekte fließen. "Wir haben viele Ideen gesammelt", sagt die Geschäftsführerin. "Letztendlich haben wir uns entschieden, damit noch weitere Räumlichkeiten zu schaffen, in denen sich die Mitarbeitenden entspannen können."
Die Einrichtung hat eine schwere Corona-Zeit mit vielen Einschränkungen und vielen Erkrankungen auf Beschäftigtenseite hinter sich. In dieser Zeit gab es in Kooperation mit der AOK die Möglichkeit, sich psychologisch beraten zu lassen. Aber auch nach Corona bleibt die psychische Gesundheit wichtig: Der Umgang mit Demenz und mit Stress sind häufige Themen. Die Pflegekräfte können dann im Wald oder im Gesundheitsraum Kraft tanken, Fortbildungen besuchen oder sich in der hauseigenen Bibliothek mit Fachliteratur versorgen.

Wertschätzung für alle Berufsgruppen: Pflegende, Koch & Pförtner

Seit Kurzem gibt es einen Hauskanal, der sich vor allem an bettlägerige Bewohner*innen richtet und mit viel Aufwand und Engagement betrieben wird. Zurzeit werden dort die unterschiedlichen Berufsgruppen im Haus vorgestellt - damit auch Bewohner, die ihr eigenes Zimmer nicht selbst verlassen können, mal den Koch oder die Pförtnerin zu Gesicht bekommen. Dies stellt wiederum eine Wertschätzung für Berufsgruppen dar, die sonst eher im Hintergrund arbeiten.
Die Geschäftsführung weiß, wie wertvoll die Arbeit der Belegschaft ist und auch, wie anstrengend sie sein kann. "Die Mitarbeitenden verbringen hier einfach viel Zeit und haben ja auch zu Hause die unterschiedlichsten Belastungen", weiß Jolanthe Schielek. "Daher haben wir uns zum Ziel gesetzt, sie bestmöglich zu entlasten." Dazu gehört etwa die Fünftagewoche. Damit auch die Kinder junger Mütter und Väter gut untergebracht sind, hält der Arbeitgeber vergünstigte Krippenplätze vor.
Nach der Corona-Zwangspause ist die Einrichtung gerade dabei, viele mitarbeiterbezogene Aktivitäten wieder hochzufahren - und neue Ideen zu entwickeln. "Wir möchten, dass unsere Mitarbeitenden gerne zur Arbeit kommen", betont die Geschäftsführerin. Es scheint, als habe das Weinheimer Bodelschwingh-Heim sein individuelles Rezept gegen den Fachkräftemangel gefunden.

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Metadaten
Titel
Erfolgsrezept gegen den Fachkräftemangel
verfasst von
Katja Marquardt
Publikationsdatum
01.04.2023
Verlag
Springer Medizin
Schlagwort
Recruiting
Erschienen in
Heilberufe / Ausgabe 4/2023
Print ISSN: 0017-9604
Elektronische ISSN: 1867-1535
DOI
https://doi.org/10.1007/s00058-023-3063-6

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