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16.12.2021 | Onkologie | Onlineartikel

Stress verdüstert die Prognose von Krebskranken

Autor:
Robert Bublak

Krebskranke, bei denen zuvor eine stressbedingte psychische Störung diagnostiziert worden ist, weisen eine erhöhte Krebs- und Gesamtmortalität auf. Die Tumortherapie sollte das berücksichtigen.

Die Zusammenhänge zwischen vorbestehenden stressbedingten psychiatrischen Diagnosen und der Mortalität von Krebspatienten hat ein Forscherteam um Lindsay Collin von der University of Utah in Salt Lake City untersucht. Collin und ihr Team bedienten sich dafür dänischer populationsbasierter Registerdaten aus den Jahren 1995 bis 2011. Analysiert wurde der Verlauf von 4437 Krebspatienten mit einer präexistenten stressbedingten Störung, wie etwa einer posttraumatischen Belastungsstörung, einer Anpassungsstörung (mit 67% die häufigste Diagnose) oder anderen, nicht näher beschriebenen Stressreaktionen. Als Vergleich zogen die Forscher die Daten von 22.060 Krebspatienten ohne Stressdiagnose heran. Die Berechnungen der kumulativen Fünf-Jahres-Inzidenz wurden nach Krebsart und -stadium, Alter, Geschlecht, Behandlungszeitraum, bestehender Depression, Substanzmissbrauch und Komorbidität abgeglichen.

Mortalität erhöht

Die krebsbedingte Fünf-Jahres-Sterblichkeit betrug 33% für Patienten mit und 28% für Patienten ohne Stressdiagnose. Im Mittel war die Krebsmortalität, über fünf Jahre hinweg betrachtet und multivariabel adjustiert, um 33% erhöht. Die Schere zwischen Patienten mit und ohne Stressdiagnose öffnete sich mit zunehmendem Tumorstadium weiter; lagen Fernmetastasen vor, war die Krebsmortalität der Patienten in der Stressgruppe um 50% erhöht. Auf hämatologische Krebsformen wirkte sich Stress besonders ungünstig aus, die krebsbedingte Sterblichkeit lag hier um 90% höher. Auch für Malignome mit Bezug zu Alkohol- und Tabakkonsum war die Krebssterblichkeit um 70% erhöht, wenn die Patienten eine Stressdiagnose erhalten hatten.

Ähnliche Zahlen wie für die krebsbedingte Mortalität zeigten sich auch für die Gesamtsterblichkeit (41% vs. 33%), wobei die Steigerung durch Stress hier allgemein noch etwas prononcierter ausfiel.

Mögliche Erklärungen

Eine mögliche Erklärung für die Verbindung von psychischem Stress und Krebs besteht zum einen in den physiologischen Wirkungen von Stressoren, die entzündliche Prozesse fördern und die DNA schädigen können. Zum anderen kann eine Krebsdiagnose zu einer erneuten Traumatisierung von Patienten beitragen, die bereits einmal mit belastenden Ereignissen konfrontiert gewesen sind und eine stressbedingte Erkrankung durchgemacht haben. Denkbar wäre, dass die empfohlene Tumortherapie dann nur zögerlich angenommen wird. Die mangelnde Adhärenz zu Behandlung und Nachsorge wiederum kann zur Folge haben, dass sich die Prognose der Patienten trübt. Allerdings war die Studie von Collin et al. von ihrer Anlage her nicht geeignet, die genauen Mechanismen zu erhellen, die Stress und Krebserkrankungen verbinden.

„Zusammengefasst haben wir festgestellt, dass Krebspatienten mit einer vorbestehenden stressbedingten Diagnose sowohl eine erhöhte krebsbedingte als auch eine höhere allgemeine Mortalität aufweisen“, schreiben Collin und Mitarbeiter. Dies habe sich über alle Kategorien stressbedingter Störungen gezeigt. Psychiatrische Diagnosen wirkten sich erheblich auf die Krebsprognose aus, so die Forscher weiter. Eine solche Vorgeschichte in eine koordinierte Therapie einzubeziehen, trage womöglich dazu bei, die Behandlungsergebnisse für die Patienten zu verbessern.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie wirken sich frühere stressbedingte psychische Störungen auf die Prognose von Krebspatienten aus?

Antwort: Krebspatienten mit vorbestehenden stressbedingten Diagnosen, wie etwa einer Anpassungsstörung, haben eine erhöhte Krebs- und Gesamtmortalität.

Bedeutung: Psychiatrische Vordiagnosen sollten in die Therapieplanung für Krebspatienten einbezogen werden. Dabei ist auch zu bedenken, dass die Therapietreue in diesen Fällen beeinträchtigt sein kann.

Einschränkung: Die Mechanismen, die Stressstörungen und Krebserkrankungen verbinden, bleiben unklar.


Literatur
Bildnachweise