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04.01.2019 | Krankenhaus | Nachrichten

Die schwierige Suche nach der Wahrheit

Er wollte die Bewunderung von Kollegen – und soll deshalb 100 Patienten ermordet haben: Der Prozess gegen den Ex-Pfleger Niels H. schlägt große Wellen und wühlt die Angehörigen der Opfer auf.

Niels H. © Mohssen Assanimoghaddam / dpaDer angeklagte Niels H. im Gerichtssaal in Oldenburg.

Irgendwann, so hofft Brigitte Ogiewa, werden Schmerz und Trauer nicht mehr so allgegenwärtig sein. Sie will endlich abschließen können mit dem, was war.

Der frühere Krankenpfleger Niels H. soll Ogiewas Mutter ermordet haben. Vor Gericht wollte sie von ihm hören, wie ihre Mutter sterben musste und wieso. Doch H. blieb ihr die Antwort schuldig. Er konnte sich an die Patientin nicht erinnern – wie auch an viele andere der 100 mutmaßlichen Opfer nicht.

„Das war schmerzhaft“, sagt Ogiewa. „Der Prozess hat vieles wieder aufgewühlt.“ Über viele Stunden hat H. im November und Dezember beim Landgericht Oldenburg ausgesagt. Ein Kraftakt für Ogiewa und die anderen Nebenkläger.

H. spricht von „Manipulation“

Sachlich schilderte H. an vier Prozesstagen, wie er zwischen 2000 und 2005 immer wieder Opfer auswählte, wie er ihnen ein Medikament spritzte, das deren Herz stillstehen ließ.

Und wie er anschließend versuchte, die Patienten wiederzubeleben, um von seinen Kollegen dafür bewundert zu werden. Er selbst spricht von „Manipulation“ – als würde er sich an einem technischen Gerät und nicht an einem Menschen vergreifen.

„Ich war erstaunt, wie er das erzählt, wie kaltblütig er das macht“, meint Ogiewa. Vor Gericht gab H. zu, 43 Patienten auf diese Weise umgebracht zu haben. Fünf Taten bestritt er.

Doch in vielen Fällen sagte er auch nur: „Keine Erinnerung, kein Ausschluss.“ Damit meint H., dass er sich an die Taten nicht erinnern kann, aber auch nicht ausschließt, für den Tod der Betroffenen verantwortlich zu sein.

„Mehr auf Monitore geachtet als auf Menschen“

Behandlungsmethoden und Laborwerte sind ihm im Gedächtnis geblieben, die Gesichter seiner Opfer jedoch nicht. „Ich habe mehr auf Monitore geachtet als auf die Menschen“, sagte der Ex-Pfleger vor Gericht.

Die Taten liegen viele Jahre zurück, phasenweise war H. stark benebelt von Alkohol und Schmerztabletten. Wegen des Todes von sechs Patienten auf der Delmenhorster Intensivstation sitzt der Ex-Pfleger bereits lebenslang in Haft.

Lange bestritt er auch an seiner früheren Arbeitsstelle in Oldenburg, Patienten getötet zu haben. „Das war kein taktisches Gelüge“, behauptete er später im Prozess.

Einmal richtete sich H. im Prozess direkt an die Familien der Opfer und entschuldigte sich – wortgewandt und ohne dabei ins Stocken zu geraten, wie bei seiner gesamten Aussage. „Man war ein bisschen bewegt, weil man das von ihm nicht gewohnt ist“, meint Nebenklage-Anwältin Gaby Lübben.

Sie vertritt in dem Prozess einen Großteil der Angehörigen. Doch nachdem die überraschende Entschuldigung etwas gesackt sei, sei bei ihr ein anderer Eindruck entstanden: „Er weiß, was man hören will.“

„Viele haben sich Details erhofft“

Besonders schwer ist die Situation für die Familien der Opfer, bei denen sich H. nicht erinnert. „Es ist belastend, weil ihr Fall nur so kurz besprochen wurde. Dabei haben sie sich viele Details erhofft“, sagt Lübben.

Sie versucht, ihren Mandanten trotzdem Mut zu machen. „Wir haben nicht nur H., sondern viele andere Beweise. Sonst gäbe es die Anklage nicht.“ Große Hoffnungen setzt die Anwältin auch in die vielen Zeugen, besonders in den Leiter der Polizei-Sonderkommission, der Anfang Januar als erster aussagen wird. „Er wird uns die Fakten berichten.“

Für die Richter wird es eine schwierige Wahrheitssuche: Sie müssen in jedem einzelnen Fall entscheiden, ob der Angeklagte schuldig oder unschuldig ist. 38 Zeugen haben sie deshalb geladen, darunter auch frühere Kollegen und Vorgesetzte von H. sowie Rechtsmediziner, Toxikologen und andere Experten.

Wie glaubwürdig der Ex-Pfleger ist, muss am Ende ein spezieller Gutachter beurteilen. Er wird H. während der gesamten Verhandlung beobachten und auch befragen.

Brigitte Ogiewa hat der Prozess bisher zwar keine Antworten gebracht. Doch bewirkt hat er schon etwas. „Diesen Mann von Angesicht zu Angesicht zu sehen, das hilft“, sagt sie. Dadurch wirke er weniger dämonisch.

Das Grauen hat für sie jetzt ein Gesicht. Und möglicherweise gelingt es ihr nach dem Prozess auch besser, mit der Vergangenheit abzuschließen. (dpa)

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