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Erschienen in: Heilberufe 7-8/2023

01.07.2023 | Diversity | Pflege Kolleg Zur Zeit gratis

Geschlechtsidentitäten bedingungslos respektieren

verfasst von: Jasmin Faulstich

Erschienen in: Heilberufe | Ausgabe 7-8/2023

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Zusatzmaterial online: Zu diesem Beitrag sind unter https://​doi.​org/​10.​1007/​s00058-023-3121-0 für autorisierte Leser zusätzliche Dateien abrufbar.
(Ent-)Pathologisierung von trans* Menschen im Gesundheitswesen Trans* Menschen erfahren im Alltag noch immer viel Diskriminierung. Dies lässt sich unter anderem auf die anhaltende Pathologisierung von trans* Identitäten zurückführen. Da unsere Gesellschaft durch eine binäre Geschlechterordnung geprägt ist, werden trans* Identitäten als Abweichung einer Norm wahrgenommen. Diese pathologisierende Sichtweise gilt es zu überwinden.
Pathologisierung meint, dass Empfindungen oder Verhaltensweisen mit einem Krankheitswert belegt werden. Die Pathologisierung von trans* Identitäten lässt sich zurückführen auf diverse Faktoren, von denen hier die gesellschaftliche Struktur der binären Geschlechterordnung sowie die Diagnose F64.0 "Transsexualismus" näher betrachtet werden sollen.

Binäre Geschlechterordnung

Unter der binären Geschlechterordnung ist die Alltagstheorie zu verstehen, "dass es zwei und nur zwei Geschlechter gibt; dass jeder Mensch entweder das eine oder das andere Geschlecht hat; dass die Geschlechtszugehörigkeit von Geburt an fest steht und sich weder verändert noch verschwindet; dass sie anhand der Genitalien zweifelsfrei erkannt werden kann und deshalb ein natürlicher, biologisch eindeutig bestimmbarer Tatbestand ist, auf den wir keinen Einfluss haben" (Wetterer 2010, S. 126). Zu betonen ist hierbei, dass es sich um eine Alltagstheorie und keine wissenschaftliche fundierte Theorie handelt. Dennoch ist dieses Verständnis von Geschlecht in unserer Gesellschaft weit verbreitet und wird größtenteils nicht hinterfragt (Hyde et al. 2018, S. 1). Diese Alltagstheorie wird durch Normen (was wird als weiblich bzw. männlich angesehen), Medien (wie wird Geschlecht dargestellt; welche Menschen werden repräsentiert) und Gesetze (wie wird das Geschlecht von Menschen bestimmt; welche Hürden müssen Menschen auf sich nehmen, um ihren Geschlechtseintrag zu ändern) laufend reproduziert und somit aufrechterhalten (Wartenpfuhl 2000, S. 18; Ridgeway et al. 2004 S. 511ff.).
Dennoch sind Normen, mediale Repräsentation und Gesetze von Menschen gemacht, gesellschaftlich hergestellt und somit veränderbar. Zwar mag die binäre Geschlechterordnung bisher unsere Gesellschaft strukturieren, jedoch kann sie überwunden werden. Gleichzeitig wird zum Teil in Frage gestellt, ob die binäre Geschlechterordnung wirklich sozial konstruiert und nicht vielmehr biologisch determiniert ist. Einerseits herrscht in der Medizin und Biologie noch immer ein relativ starker Konsens, dass Menschen sich in zwei klar abgrenzbare Geschlechter unterteilen lassen, diese Kategorien eine große Bedeutung haben und somit trans* und inter* Menschen Abweichungen einer Norm sind. Die meisten Biologie- und Anatomiebücher machen das klar (Hyde et al 2018, S. 1ff.; Arnold 2002, S. 20; Schünke et al 2014, S. 226ff.). Andererseits gibt es auch biologische Theorien, die dem widersprechen und argumentieren, dass Ausprägungen des Sexualdimorphismus nicht zwangsläufig als klar abgrenzbare Dichotomie verstanden werden müssen. Stattdessen können die verschiedenen menschlichen Körper auch als Kontinuum angesehen werden, wenn trans* und inter* Menschen nicht als pathologische Ausnahme, sondern als normale Ausprägung menschlicher Existenz wahrgenommen werden (Degele 2008, S. 62f.; Hird 2000, S. 348).

Diagnose F64.0 "Transsexualismus"

Die binäre Geschlechterordnung mit ihren rigiden Normen, was als Normalität anzusehen ist und was als Abweichung gilt, legt auch den Grundstein für die Diagnose F64.0 "Transsexualismus" im ICD-10. Dort wird die Diagnose beschrieben als der "Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden. Dieser geht meist mit Unbehagen oder dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum eigenen anatomischen Geschlecht einher. Es besteht der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen" (Dilling et al 2015, S. 294). Neben den veralteten Annahmen über trans* Menschen und Geschlecht, die sich in den Formulierungen finden lassen (nicht alle trans* Menschen streben medizinische Transitionsmaßnahmen an (Günther et al. 2019, S. 40)), kann vor allem kritisiert werden, dass hier eine Geschlechtsidentität, die von der cis-Norm abweicht, pathologisiert und zu einer psychischen Erkrankung erklärt wird (Cis bezeichnet das Gegenteil von trans*. Menschen, deren Geschlechtsidentität cis ist, können sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren).
Wichtig bei Diagnosen ist zu verstehen, dass sie nicht natürlich, sondern menschengemacht sind. Bis Anfang der 1970er Jahre galt Homosexualität als psychische Erkrankung. Durch wissenschaftliche Erkenntnisse wurde diese Diagnose schließlich gestrichen. Gleiches ist vorstellbar bei trans* Identitäten, da es keine seriösen wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt, die es ermöglichen würden, gesunde und kranke Geschlechtsidentitäten zu unterscheiden (Drescher et al. 2012, S. 572f.). Im ICD-11, der im Januar 2022 veröffentlicht wurde, wird das Kapitel F64 "Geschlechtsidentitätsstörungen" gestrichen.
Um für trans* Menschen dennoch abzusichern, dass medizinische Leistungen von Krankenkassen bezahlt werden (wozu eine Diagnose notwendig ist), wird die Diagnose "Gender incongruence" in einem neuen Kapitel geschaffen (WHO o.J., o.S.). Verbessert ist hier, dass es sich nun nicht mehr um eine psychische Erkrankung handelt und die Geschlechtsidentität keinen Krankheitswert hat, sondern die Inkongruenz zwischen Identitäts- und Zuweisungsgeschlecht. Bis jedoch das ICD-11 in Deutschland das ICD-10 ablöst, wird noch eine lange Übergangszeit vergehen.

Auswirkungen auf trans* Menschen

Die Lebenswelten von trans* Menschen werden durch die Pathologisierung stark beeinflusst, da diese und die rigiden Normen der binären Geschlechterordnung zu einer hohen Belastung durch Diskriminierung führen. Die Diskriminierungserfahrungen von trans* Menschen im Gesundheitswesen wurden durch die Transgender Eurostudy erfasst. Hier wurden Daten von insgesamt 1.964 Menschen aus 25 europäischen Staaten erhoben. Die wichtigsten Erkenntnisse waren, dass der Zugang von trans* Menschen zum Gesundheitssystem viele Hürden birgt. Viele trans* Menschen berichten davon, Ärzt*innenbesuche aus Angst vor Diskriminierung und Ablehnung zu vermeiden (Whittle 2008, S. 60). Andere Quellen berichten davon, dass trans* Menschen zum Teil medizinische Versorgung verweigert wird, mit der Begründung, sie müssten von psychotherapeutischen Spezialist*innen untersucht werden, auch wenn das aktuelle medizinische Problem nicht im Zusammenhang mit der trans* Identität steht (Drescher et al. 2012, S. 573).
In einer qualitativen Studie mit 34 Teilnehmer*innen aus den USA kamen die Forscher*innen zu dem Ergebnis, dass die meisten trans* Menschen ihre trans* Biografie in Einrichtungen des Gesundheitssystems nicht offenlegen wollen, aus Angst vor Diskriminierung, beispielsweise absichtliches Misgendern, das heißt wenn das falsche Pronomen verwendet wird. Auch hatten alle Teilnehmer*innen bereits Erfahrungen damit gemacht, dass ihnen medizinische Hilfe verweigert wurde. Ein junger trans* Mann berichtet, dass er in der Notaufnahme abgewiesen wurde, weil ein Mitarbeiter meinte, "solche Menschen" würden hier nicht behandelt. Auch wenn es zu einer Behandlung kommt, werden viele Diskriminierungserfahrungen berichtet; so haben alle Teilnehmer*innen erlebt, dass sie mit den falschen Pronomen angesprochen wurden, unsensible Fragen gestellt bekamen und abwertende und pathologische Begriffe verwendet wurden. Diese Erlebnisse führen zu großem Schmerz und Angst vor dem Aufsuchen von Einrichtungen der Gesundheitsversorgung (Sperber et al. 2005, S. 81ff.).

Gegenstrategien zur Pathologisierung

Die Liste möglicher Gegenstrategien (Tab. 1) kann überfordernd wirken, in erster Linie ist jedoch die Haltung entscheidend. Wird trans* Menschen offen und wohlwollend begegnet? Wird ihre Geschlechtsidentität ernst und wichtig genommen? Werden ihre Wünsche und Bedürfnisse erfragt und respektiert? Fachkräfte können sich Fachwissen aneignen, sobald ein Fall aufkommt - die Haltung sollte im besten Fall schon vor der ersten Begegnung mit trans* Patient*innen reflektiert und weiterentwickelt sein (Günther et al. 2019, S. 182).
Tab. 1:
Gegenstrategien zur Pathologisierung
Ausdruck einer wertschätzenden Haltung
Verwendung der gewünschten Pronomen und Ansprachen (unabhängig davon, ob bereits eine offizielle Namensänderung stattgefunden hat)
 
Verwendung von inklusiven Formulierungen für Aufnahmebögen, Stammdatenblätter und anderen Materialien (z.B. selbstgewählte Namen aufnehmen, auf binäre Einteilung der Geschlechter verzichten, Organe nicht einem Geschlecht zuordnen es gibt auch Männer, die Vulven haben und zu Gynäkolog*innen gehen…)
 
Trans* Menschen auf Flyern und Websites explizit ansprechen
Fachwissen
Weiterbildung zu Themen der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt, z.B. über Lebensrealitäten und Diskriminierungserfahrungen (medizinisches Personal und Verwaltung)
 
Austausch und Vernetzung mit spezialisierten Ärzt*innen und der trans* Community
(Vgl. Sperber et al. 2005, S. 87 ff.; Günther 2015, S. 115, BVT 2017, S. 9)
Die Literaturliste finden Sie über das HEILBERUFE eMag und springerpflege.de

Pflege einfach machen

Auch wenn die Rahmenbedingungen für trans* Menschen im Wandel sind (Selbstbestimmungsgesetz, Abschaffung der Diagnose F64.0), so kann trotzdem nicht davon ausgegangen werden, dass damit auch die Pathologisierung und daraus folgend die Diskriminierung sofort verschwindet.
Ähnlich wie bei Rassismus handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern gesamtgesellschaftliche Strukturen, mit denen alle Menschen sozialisiert werden.
Es liegt an den Fachkräften aller Professionen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, die ansozialisierte Alltagstheorie der binären Geschlechterordnung aktiv zu verlernen und eigene Vorurteile zu reflektieren.

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Metadaten
Titel
Geschlechtsidentitäten bedingungslos respektieren
verfasst von
Jasmin Faulstich
Publikationsdatum
01.07.2023
Verlag
Springer Medizin
Schlagwort
Diversity
Erschienen in
Heilberufe / Ausgabe 7-8/2023
Print ISSN: 0017-9604
Elektronische ISSN: 1867-1535
DOI
https://doi.org/10.1007/s00058-023-3121-0

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