Springerpflege
12. Zuwanderung und Anwerbung internationaler Pflegefachkräfte
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Zusammenfassung
Aufgrund des eklatanten Fachkräftemangels in der Pflege forciert Deutschland die Zuwanderung internationaler Pflegefachkräfte und intensiviert die Bemühungen um Anwerbung für den Arbeitsmarkt. Die Vereinfachung rechtlicher Rahmenbedingungen durch das Anerkennungsgesetz (2012) und das Fachkräfteeinwanderungsgesetz (2020/2023) – und die damit verbundene Zunahme internationaler Pflegefachkräfte in der Versorgung – führen allerdings dazu, dass die Einrichtungen und die Pflegekräfte gefordert sind. Im Versorgungsalltag rücken variierende Pflegeverständnisse mit unterschiedlichen Erwartungen an pflegerische Tätigkeitsprofile und Verantwortungsbereiche in den Fokus, die von den Beteiligten adressiert und bearbeitet werden müssen. Vor dem Hintergrund der derzeitigen tiefgreifenden Veränderungsprozesse in der deutschen Pflege führt dies wiederum zu verstärkten Aushandlungen hinsichtlich des Pflegeverständnisses. Letztlich besitzt die Zuwanderung internationaler Pflegefachkräfte nicht nur eine quantitative Relevanz, sondern auch eine qualitative – nämlich hinsichtlich der Chance, den Pflegeberuf wieder attraktiver und international anschlussfähig zu machen.
Due to the glaring shortage of skilled nursing staff, Germany is forcing the immigration of international nursing staff and intensifies efforts to recruit them for the labour market. However, the simplification of the legal framework through the Recognition Act (2012) and the Skilled Labour Immigration Act (2020/″″2023) – and the associated increase in international nursing staff – poses challenges for facilities and nurses. In day-to-day nursing care, different understandings of nursing with varying expectations of nursing job profiles and areas of responsibility are coming into focus which must be addressed and dealt with by those involved. Against the backdrop of the current far-reaching change processes in German nursing care, this in turn leads to increased negotiation of the understanding of care. Ultimately, the immigration of international nursing professionals is not only of quantitative, but also of qualitative relevance – namely with regard to the opportunity to make the nursing profession more attractive and internationally compatible.
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12.1 Zur Einführung
Aufgrund des eklatanten Fachkräftemangels in der Pflege verfolgt die Bundesrepublik seit einigen Jahren die gezielte Anwerbung internationaler Pflegefachkräfte. Deutschland ist jedoch ein vergleichsweise neuer Player im Ringen um Pflegefachkräfte auf einem globalisierten Arbeitsmarkt (Pütz et al. 2019) und befindet sich im Wettbewerb mit klassischen Einwanderungsländern wie der USA und Großbritannien (Grgic et al. 2019). Den Wendepunkt der arbeitsmarktbezogenen Migrationspolitik, die seit dem Anwerbestopp von 1973 eher durch Abschottung charakterisiert war, markiert das Anerkennungsgesetz von 2012. Seitdem haben Fachkräfte einen Rechtsanspruch auf Durchführung eines Anerkennungsverfahrens, an dessen Ende bestenfalls die staatliche Erlaubnis zur Ausübung des Pflegeberufs steht (s. u.). Das Anerkennungsgesetz bildet die Grundlage für die Zuwanderung und die systematische Anwerbung von internationalen Pflegefachkräften (SVR 2022).
Die Anzahl der ausländischen, sozialversicherungspflichtig beschäftigten Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger stieg innerhalb von fünf Jahren von 22.352 (2013) auf 38.709 (2018), was einen Zuwachs um 73,2 % bedeutet (Graf und Heß 2020). Bereits 16,5 % der Erwerbstätigen in den Gesundheits- und Pflegeberufen sind im Ausland geboren (SVR 2022). Dieser Wert dürfte zukünftig weiter ansteigen, denn die Immigration von Gesundheitsfachkräften nach Deutschland ist politisch gewollt (Kordes et al. 2020; Peppler 2018). Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz 2020 und dessen Weiterentwicklung 2023 wurden die arbeits- und aufenthaltsrechtlichen Rahmenbedingungen für die Erwerbsmigration weiter systematisiert, um die Zuwanderung besser für den Arbeitsmarkt nutzbar zu machen (SVR 2024).
12.2 Das Anerkennungsverfahren: Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes für internationale Pflegefachkräfte
Im Rahmen des Anerkennungsverfahrens wird festgestellt, ob und inwiefern die im Ausland erworbene pflegerische Qualifikation derjenigen des deutschen Referenzberufs „Pflegefachfrau“ bzw. „Pflegefachmann“ (seit 2020) gleichwertig ist. Der formale Ablauf des Anerkennungsverfahrens richtet sich nach dem Herkunftsland: Ein Abschluss aus der Europäischen Union oder der Schweiz wird automatisch als gleichwertig anerkannt. Ein Abschluss aus einem Drittstaat wird einer individuellen Gleichwertigkeitsprüfung unterzogen. Bei wesentlichen Unterschieden kann eine Kenntnisprüfung oder ein Anpassungslehrgang absolviert werden. Daran anschließend wird die volle Gleichwertigkeit der pflegerischen Qualifikation festgestellt. Außerdem müssen deutsche (Fachsprachen-)Kenntnisse auf B2-Niveau nachgewiesen werden (eine übersichtliche grafische Darstellung des Anerkennungsverfahrens findet sich in: SVR 2022).
Das Anerkennungsgesetz von 2012 erleichterte vor allem Pflegefachkräften aus Drittstaaten die Immigration: Während 2012 die meisten Anträge noch von EU-Angehörigen gestellt wurden, stammten 2016 bereits über die Hälfte der Antragsstellenden aus Drittstaaten, 2021 waren es 76 % (Böse und Schmitz 2022). Die Herkunftsländer der Antragsstellenden waren 2018 zumeist Bosnien und Herzegowina (17,6 %), Serbien (15,4 %) und die Philippinen (13,6 %), mit etwas Abstand gefolgt von Albanien (7,9 %) und Rumänien (6,9 %). Die Kategorie „Sonstige“ verweist mit 38,7 % deutlich auf die Diversifizierung der Herkunftsländer in den letzten Jahren (SVR 2022).
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Die Anträge auf Anerkennung für den Referenzberuf Gesundheits- und Krankenpfleger/in (bis 2020) verdreifachten sich innerhalb von vier Jahren fast von 5.937 (2015) auf 14.859 (2019). Für den Referenzberuf des Altenpflegers bzw. der Altenpflegerin wurden kaum Anträge verzeichnet, da diese Qualifikation in den meisten Ländern nicht existiert (SVR 2022). Aufgrund des wachsenden Anteils an Anerkennungsverfahren zu Abschlüssen aus Drittstaaten nimmt der Bedarf an Ausgleichsmaßnahmen allerdings stetig zu, was wiederum Fragen finanzieller, zeitlicher und personeller Ressourcen aufwirft (Böse und Schmitz 2022). Zudem wird der Anerkennungsprozess immer wieder als langwierig und kompliziert kritisiert, was beispielsweise mit der föderalistischen Struktur des deutschen Gesundheitssystems und fehlenden personellen Ressourcen der zuständigen Behörden zusammenhängt (SVR 2022).
12.3 Initiativen zur Anwerbung und Integration von internationalen Pflegefachkräften
Die internationalen Pflegefachkräfte kommen zumeist aufgrund von direkter Anwerbung durch Unternehmen und Einrichtungen sowie über private Vermittlungsagenturen, aber auch auf „eigene Faust“ nach Deutschland (SVR 2022).
12.3.1 Triple Win: staatliche Anwerbebemühungen durch bilaterale Abkommen
Das staatliche Vermittlungsprojekt Triple Win wurde 2013 ins Leben gerufen, um qualifizierte Pflegefachkräfte auf Basis bilateraler Abkommen für den deutschen Arbeitsmarkt zu gewinnen (Bundesagentur für Arbeit 2024a). Den Anfang der bilateralen Abkommen mit der Bundesrepublik machten die Philippinen, es folgten Bosnien und Herzegowina, Serbien und Tunesien. Mittlerweile sind zahlreiche Partnerländer aus Mittel- und Südamerika sowie weitere Länder aus Südostasien hinzugekommen. 2019 wurde außerdem eine Kooperation mit Vietnam geschlossen, bei der die Teilnehmenden ihre pflegerische Ausbildung in Deutschland absolvieren. Dadurch soll der teure und zeitintensive Anerkennungsprozess vermieden werden.
12.3.2 Vermarktlichung der Pflegemigration durch private Vermittlungsagenturen
Mit der Intensivierung der Anwerbebemühungen und aufgrund der komplexen gesetzlichen Rahmenbedingungen konnten sich private Vermittlungsagenturen „als fester Bestandteil der Migrationsarrangements“ (Rand et al. 2019, S. 27) etablieren. Trotz vielfältiger Erscheinungsformen und Tätigkeitsfelder besteht ihr Geschäftsmodell im Wesentlichen darin, Einrichtungen mit offenen Stellen und internationale Pflegefachkräfte zusammenzubringen und den Vermittlungsprozess zu begleiten (Rand et al. 2019). Wie Rand et al. schreiben, bedeutet diese Entwicklung eine Vermarktlichung der Vermittlung, da die internationalen Pflegefachkräfte entsprechend den Anforderungen des Arbeitsmarktes und der Arbeitgeber ausgewählt und geschult werden, „damit sie als ‚fertige‘ Arbeitskräfte auf dem Arbeitsmarkt platziert werden können“ (S. 28).
12.3.3 Das Gütezeichen „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“
In den letzten Jahren wurde wiederholt von „Schwarzen Schafen“ – Arbeitgeber oder Vermittlungsagenturen – berichtet, die sich die angespannte Personalsituation zunutze machen, indem sie internationale Pflegefachkräfte mit Versprechungen in Knebelverträge locken. Um solche Praktiken einzudämmen, wird seit 2022 das Gütezeichen „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“ vom Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) herausgegeben. Es wird an Unternehmen verliehen, die sich bei der Vermittlung und Anwerbung an ethische Standards wie beispielsweise den WHO-Code of Practice (WHO 2010) halten und die für eine umfangreiche soziale und betriebliche Integration der internationalen Pflegefachkräfte sorgen. Für die Umsetzung und Weiterentwicklung der Prozesse ist die Gütegemeinschaft Anwerbung und Vermittlung von Pflegekräften aus dem Ausland e. V. zuständig.
12.4 Herausforderungen für den beruflichen Alltag in der pflegerischen Versorgung
Mit der Systematisierung der gesetzlichen Rahmenbedingungen wurde zwar der Zugang zum pflegerischen Arbeitsmarkt in Deutschland erleichtert – allerdings verschieben sich die Herausforderungen der betrieblichen und sozialen Integration auf die Ebenen der versorgenden Einrichtungen, der pflegerischen Leitungspersonen, der Pflegeteams und der einzelnen Pflegefachkräfte. Für den Versorgungsalltag sind nämlich auch diejenigen Aspekte relevant, die nicht im Anerkennungsverfahren durch formale Nachqualifizierung erworben werden können, sondern durch Erfahrung und soziale Interaktionen im Laufe der Zeit erlernt werden. Dieses informelle Wissen hinsichtlich Arbeitsorganisation und Verantwortungsbereiche im pflegerischen Alltag deutscher Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen müssen sich die internationalen Pflegefachkräfte erst aneignen.
Dies erfordert erhebliche Anpassungs- und Transferleistungen, die bisher zumeist von den internationalen Pflegefachkräften erwartet werden, während die Einrichtungen selbst sich eher unbeweglich zeigen (Gold et al. 2019; Rand et al. 2019; Stagge 2016). Diese erwarten, dass die neuen Fachkräfte „unter den vorherrschenden Bedingungen gleich funktionieren und volle Leistung erbringen“ (Rand et al. 2019, S. 185–186). Erst langsam scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass die nachhaltige Integration in ein Arbeitsteam ein andauernder sozialer Prozess ist, der Engagement von allen Beteiligten erfordert (Gold et al. 2019). Erst nach ungefähr drei Jahren verlieren die Herkunft der neuen Teammitglieder und ihr Weg in die deutsche Pflege an Bedeutung im Arbeitsalltag (Reiff et al. 2020). Leitende Pflegekräfte sollten ihre Teams daher frühzeitig in den Prozess einbeziehen und vorbereiten (SVR 2022). Denn diese nehmen eine Schlüsselfunktion für die vorherrschende Arbeits- und Teamkultur ein (Gold et al. 2019) und können durch ein fundiertes Erwartungsmanagement die Frustrationserlebnisse für alle Beteiligten schmälern.
Die Zahl der Arbeitgeber, die unterstützendes Onboarding und eine (migrationssensible) Einarbeitung in ihren Einrichtungen implementieren, scheint in jüngster Zeit zuzunehmen. Dabei handelt es sich wohl zumeist um Einrichtungen, die entsprechende personelle und finanzielle Ressourcen aufbringen wollen und können. Dennoch beziehen sich die betrieblichen Integrationsaktivitäten primär auf fachliche Anweisungen im Sinne einer Anpassung an deutsche Standards (Rand et al. 2019).
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12.4.1 Variierende Pflegeverständnisse und professionelle Tätigkeitsbereiche
Viele Aspekte des Pflegeverständnisses sind kulturübergreifend auf einer professionellen Ebene gültig, wie etwa Fachlichkeit, die Anpassung an die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen oder die Anwendung medizinisch-pflegewissenschaftlicher Qualitätsstandards (Achoumrar 2023). Die Aushandlungen im pflegerischen Alltag betreffen allerdings die konkrete Praxis – was bedeutet Fachlichkeit, wie geht man auf die Pflegebedürftigen ein, welche Standards gelten?
Da die duale Berufsausbildung mit der Kombination aus Berufsschule und praktischer Ausbildung in anderen Ländern nicht existiert, werden angehende Pflegefachkräfte dort zumeist universitär ausgebildet und verfügen somit über einen akademischen Abschluss (z. B. in Bulgarien, Spanien, Mexiko und auf den Philippinen). Demgegenüber sind es in Deutschland lediglich knapp zwei Prozent eines Pflegejahrgangs, die ein primärqualifizierendes Studium absolvieren (Lehmann et al. 2019). Doch Studium ist nicht gleich Studium: Die Inhalte der pflegerischen Ausbildung unterscheiden sich voneinander. Sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit den jeweiligen professionellen Tätigkeitsprofilen: In anderen Ländern beinhaltet die akademische Ausbildung hohe medizinische Anteile, weil die Pflegefachkräfte dort häufig medizinnahe Tätigkeiten ausführen. In Deutschland beinhaltet auch die – noch junge – primärqualifizierende akademische Ausbildung grundpflegerische Tätigkeiten, weil diese zum Aufgabenspektrum der Pflegefachkräfte gehören. Daher erwarten hiesige Pflegefachkräfte von ihren neuen internationalen Kolleginnen und Kollegen, dass sie entsprechende Aufgaben übernehmen. Deren mangelnde grundpflegerische Erfahrungen führen im Versorgungsalltag immer wieder zu Diskussionen.
Die pflegerischen Aufgaben innerhalb des Gesamtgefüges gesundheitlicher Versorgung stehen wiederum im Zusammenhang mit dem jeweils spezifischen Verhältnis zwischen Pflege und Ärzteschaft. In vielen anderen Ländern managen die Pflegefachkräfte den Pflegeprozess autonomer als in Deutschland, wo pflegerische Aufgaben zumeist durch direkte ärztliche Anordnung erfolgen dürfen (Rand et al. 2019) – wenngleich sich durch die Vorbehaltsaufgaben (Pflegeberufegesetz 2017) ein deutlicher Wandel zu mehr Autonomie in der deutschen Pflege abzeichnet. Mit mehr Autonomie der Pflege gegenüber der Ärzteschaft geht oftmals eine formalisiertere Hierarchie innerhalb der Pflege einher. Deshalb führen Pflegefachkräfte in diesen Ländern ausschließlich Behandlungspflege durch, während die Grundpflege den Pflegehilfskräften, Pflegeassistentinnen und -assistenten oder Angehörigen obliegt.
Vor diesem Hintergrund bedeutet die formale Anerkennung in Deutschland für die akademisch ausgebildeten Pflegefachkräfte eine „paradoxe Anerkennungs- und Entwertungserfahrung zugleich“ (Kontos et al. 2019, S. 156). Sie erfahren eine Diskrepanz zwischen dem professionellen Selbstbild aus ihrem Herkunftsland und den pflegerischen Tätigkeiten in Deutschland (Rand et al. 2019), was oftmals zu großer Enttäuschung bei den internationalen Pflegefachkräften führt und erhebliches Konfliktpotenzial birgt. Auf der anderen Seite wird ihr akademisches Wissen von „alteingesessenen“ Pflegefachkräften selten anerkannt, sondern vor dem Hintergrund ihrer eigenen Berufsausbildung eher als praxisfern abqualifiziert oder als Arroganz gedeutet (Gold et al. 2019). Das wiederum führt leicht dazu, dass fachliche Expertise abgewertet, ignoriert oder übersehen wird. Kontos et al. (2019) führten biographische Interviews mit internationalen Pflegefachkräften und kamen zu dem Ergebnis, dass sich in allen Interviews eine spezifische Grundstruktur finden ließ – die der „ambivalenten Anpassung“ (S. 151). Gemeinsam war den Interviewten die Erfahrung der verweigerten Anerkennung im Berufsalltag. In vielen Interviews zeigte sich ein Bedauern darüber, dass die eigenen Pflegeideale nicht praktiziert werden können und dass es im Deutschland kaum Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung gibt.
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12.4.2 Kommunikation im Arbeitsalltag
Die Kommunikation stellt einen zentralen Aspekt für eine gelingende Zusammenarbeit dar; sowohl im Pflegeteam als auch mit anderen Berufsgruppen – insbesondere der Ärzteschaft – sowie mit Pflegebedürftigen und deren Angehörigen.
Eine gelingende Kommunikation steht in direktem Zusammenhang mit dem Erwerb deutscher Sprachkenntnisse, denn unzureichende Deutschkenntnisse erschweren die Einarbeitung und die Zusammenarbeit, gefährden gegebenenfalls auch die Behandlungsqualität und die Patientensicherheit (Hierold und Wenzel 2023). Die Deutschkenntnisse müssen über das B2-Zertifikat hinaus im Arbeitsalltag eingeübt und trainiert werden (SVR 2022), wo eher selten langsam und deutlich Hochdeutsch gesprochen wird, damit alle folgen können. Vielmehr herrscht dort zumeist ein Mix aus dem Dialekt der betreffenden Region, den Akzenten der Pflegefachkräfte mit variierenden Muttersprachen und Deutschkenntnissen sowie dem oftmals spezifischen Pflegejargon (beispielsweise wird jemand mit B2-Zertifikat die „Pfanne“ eher in der Küche suchen und sich fragen, was eine „Ente“ im Krankenhaus soll).
Böhlich et al. (2023) benennen weitere typische Herausforderungen im Arbeitsalltag von kulturell diversen Pflegeteams: Das in der deutschen Pflege verbreitete offene Äußern von Kritik wird in manchen Herkunftsländern als Gesichtsverlust seitens der kritisierten Person gesehen. Zudem ist es in Deutschland üblich, sich innerhalb des Pflegeteams eher informell anzusprechen, was in anderen Ländern weniger praktiziert wird. Dies betrifft auch den Führungsstil und die Hierarchiestrukturen, denn während in Deutschland eher der kooperative Führungsstil verfolgt wird, werden in einigen Herkunftsländern Kontrolle und klare Anweisungen seitens der Leitung erwartet. Konstruktive Kritik verbietet sich in einer solchen Arbeitskultur, sodass entsprechende Äußerungen gegenüber der Leitung nicht getätigt werden. Außerdem konstatieren Rand et al. (2019), dass notwendiges Wissen aus Perspektive der internationalen Pflegefachkräfte zurückgehalten bzw. unverständlich weitergegeben wird – was diese wiederum als Missachtung seitens der „Alteingesessenen“ deuten.
12.4.3 Kulturalisierung und Diskriminierung
Die oben dargestellten Auseinandersetzungen um Fachlichkeit und Arbeitsorganisation im Arbeitsalltag werden häufig nicht als solche erkannt und produktiv bearbeitet, sondern von den Beteiligten als kulturelle Konflikte wahrgenommen und entlang essentialistischer Kulturbegriffe erklärt und legitimiert (Pütz et al. 2019). Auftretende Dissonanzen werden also eher auf persönlicher Ebene ausgetragen, was zu Polarisierung innerhalb des Teams führen kann (Grgic et al. 2019). Mit Kulturalisierung geht die Vorstellung einher, „kulturelle Differenzen“ seien „natürlich“ und damit unveränderlich – gewissermaßen also unüberbrückbar. Solche Kulturalisierungen sind bei Vorgesetzten und etablierten Pflegefachkräften besonders stark ausgeprägt (Rand et al. 2019).
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Vermutlich besteht hier ein Zusammenhang mit der Feststellung, dass internationale Pflegefachkräfte häufig Diskriminierungserfahrungen machen (Kontos et al. 2019; Theobald 2017; Yolci et al. 2022). Dies wiederum spricht sich innerhalb der internationalen „Pflege-Communities“ herum (Lugert-Jose 2023) und führt mittlerweile dazu, dass immer mehr Pflegefachkräfte Alternativen zu Deutschland als Zielland suchen (Lill 2024).
In den Interviews, die Rand et al. (2019) mit internationalen Pflegefachpersonen führten, werden Konflikte weniger generalisierend, sondern eher situativ und selbstreflexiv gedeutet. Dies mag damit zusammenhängen, dass ein Migrationshintergrund bei Gesundheitspersonal in positivem Zusammenhang mit der Schlüsselkompetenz im Umgang mit soziokultureller Diversität, nämlich kultureller Kompetenz, steht (Schenk et al. 2022).
12.4.4 Kulturelle Kompetenz und kultursensible Versorgung in der Pflege
Neben Fachkenntnissen bringen die internationalen Pflegefachkräfte auch kulturelle und sprachliche Kenntnisse mit, die einen großen Gewinn für die kultursensible Versorgung darstellen – dieser Aspekt wird in der aktuellen Diskussion um die Immigration und Integration internationaler Pflegefachkräfte zu oft vergessen (Böhlich et al. 2023). Einrichtungen in Regionen mit einem hohen Anteil migrantischer Wohnbevölkerung beschäftigen demzufolge gerne internationale Mitarbeitende – auch deshalb, weil sie ihr Wissen über den kulturspezifischen Umgang mit Gesundheit und Krankheit im Arbeitsalltag an ihre nicht-migrierten Kolleginnen und Kollegen vermitteln und dadurch eine Mittler- und Multiplikatorenfunktion einnehmen.
Dies wirkt sich wiederum positiv auf die Zusammenarbeit aus: In Arbeitskontexten, in denen viele der Pflegenden ausländische Wurzeln haben, werden kulturelle Unterschiede nicht als Problem angesehen, zugleich ist die Anerkennung internationaler Pflegefachkräfte größer. Neugier und Interesse an den Pflegekulturen anderer Länder seitens der in Deutschland sozialisierten Pflegenden führt zu einer höheren Akzeptanz (Reiff et al. 2020). Denn die Teamkultur – gegenseitige Anerkennung und das gemeinsame Bewältigen des Arbeitsalltags – spielt eine zentrale Rolle für nachhaltige Integrationsprozesse (Gold et al. 2019). Die Einrichtungen und die Pflegeteams scheinen sich darin zu unterscheiden, wie sie mit internationalen Pflegefachkräften umgehen – ob sie eher wertschätzend und unterstützend agieren oder ungeduldig und abweisend (Peppler 2021; Reiff et al. 2020).
12.4.5 Internationale Pflegefachkräfte: transnationale Lebenswelten
Während die deutsche Politik und die Einrichtungen an einer langfristigen Bindung der internationalen Pflegefachkräfte interessiert sind, sind die Erwartungen an die Dauer des Arbeitsverhältnisses oder des Aufenthalts in Deutschland seitens der migrierenden Pflegefachkräfte selbst von vielen Faktoren abhängig. Die Pflegefachkräfte treffen ihre Entscheidung zur Migration nicht alleine, sondern nach einem längeren Prozess des Abwägens und Aushandelns mit der Familie (Kontos et al. 2019) – es handelt sich bei dieser Erwerbsmigration also um familiäre Migrationsprojekte. Zudem migrieren die internationalen Pflegefachkräfte häufig entlang transnationaler Netzwerke auf einem globalisierten Arbeitsmarkt; sie gehören häufig zu transnationalen Communities, deren Mitglieder sich über verschiedene Zielländer verteilen und im Austausch miteinander stehen.
12.5 Diskussion: Relevanz der Zuwanderung internationaler Pflegefachkräfte für die Lösung des Pflegekräftemangels in Deutschland
Laut GIZ wurden bis 2024 über das Triple-Win-Projekt 6.200 Pflegefachkräfte vermittelt (GIZ 2024). Diese Zahl sagt jedoch nichts über den langfristigen Verbleib der Fachkräfte aus. Da außerdem bisher nur ein kleiner Teil über die staatlichen Anwerbeprogramme nach Deutschland kommt (SVR 2022), wird die Gesamtzahl der zuwandernden Pflegefachkräfte weitaus höher liegen. An den prognostizierten zusätzlichen Bedarf von 280.000 bis 690.000 Pflegekräfte in Deutschland im Jahr 2049 (Statistisches Bundesamt 2024) dürfte jedoch selbst die großzügigste Schätzung nicht heranreichen. Die quantitative Relevanz ließe sich besser darstellen, gäbe es aussagekräftige Statistiken zu Zuwanderung, Beschäftigung und Verbleib internationaler Pflegefachkräfte (SVR 2024). Denn aufgrund der geschilderten Herausforderungen ist die Fluktuation von internationalen Pflegefachkräften sehr ausgeprägt; sie wechseln die Station oder die Einrichtung, sie migrieren weiter oder sie kehren in ihr Herkunftsland zurück (SVR 2022). Allein vor dem Hintergrund der Zahlen kann – und soll – die Zuwanderung internationaler Fachkräfte den Personalmangel nicht lösen. Sie ist jedoch ein zentraler Baustein in der Gesamtstrategie zur Verbesserung der Situation in der Pflege.
Generell besteht Konsens darüber, dass sich die Bedingungen in der Pflege insgesamt verbessern müssen, um den Beruf wieder attraktiver zu machen. Dies spiegelt sich zum Beispiel in den Arbeitsgruppen der Konzertierten Aktion Pflege wider, die neben dem Thema „Pflegekräfte aus dem Ausland“ (AG 4) beispielsweise auch bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen erarbeiten. Die Verbesserungsmöglichkeiten sind bekannt und werden von Politik und Interessenverbänden adressiert: Die Ausdifferenzierung von beruflichen Laufbahnen in der Pflege durch generalistische Ausbildung, (Teil-)Akademisierung und Weiterbildungsmöglichkeiten, mehr Autonomie und Gestaltungsmacht im Berufsalltag sowie die Verbesserung der Rahmenbedingungen pflegerischer Versorgung und Ausbildung (Bundesagentur für Arbeit 2024b; Bundesministerium für Gesundheit 2023; Deutscher Pflegerat 2023).
Die Pflege in Deutschland durchläuft derzeit also einen rapiden und tiefgreifenden Veränderungsprozess unter den Bedingungen des eklatanten Fachkräftemangels, der bei allen Beteiligten einen starken Anpassungsdruck erzeugt. Dies führt zu intensiven Aushandlungen pflegerischer Rollenerwartungen und Routinen. Vor diesem Hintergrund ist die Zuwanderung internationaler Pflegefachkräfte mehr als ein „Add on.“ Die internationalen Pflegefachkräfte sind direkt mit diesem Prozess verflochten: Sie halten der deutschen Pflege insbesondere hinsichtlich Akademisierung und pflegerischer Verantwortungsbereiche den Spiegel vor (Gold et al. 2019; SVR 2022). Insofern kann man gewissermaßen von einer qualitativen Relevanz sprechen, die die Zuwanderung internationaler Pflegefachkräfte für die Pflege in Deutschland hat. Denn die derzeitigen Entwicklungen haben in ihrer Gesamtheit durchaus die Chance, den Pflegeberuf in Deutschland wieder attraktiver und international anschlussfähig zu machen.
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