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Erschienen in: Heilberufe 2/2020

01.02.2020 | Pflege Praxis Zur Zeit gratis

Zu oft mangelhaft: Umgang mit Trachealkanülen

verfasst von: Mirko Hiller

Erschienen in: Heilberufe | Ausgabe 2/2020

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Eine Frage des Know-hows Trotz der hohen Zahl von bis zu sieben Millionen von Dysphagie betroffenen Menschen in Deutschland findet das Trachealkanülen-Management in Ausbildung, Studium und im klinischen Alltag noch immer nicht die nötige Anerkennung. Ein Plädoyer für mehr Ausbildung.
Dysphagien (Schluckstörungen) sind eine besondere Herausforderung im ärztlichen, pflegerischen und therapeutischen Alltag. Sie führen auf zahlreichen Ebenen zu massiven Beeinträchtigungen des Betroffenen und seiner Angehörigen und gehen mit einem hohen Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko einher. Eine Vielzahl von Erkrankungen kann zur Ausbildung einer mehr oder weniger schweren Dysphagie führen. Die frühzeitige Diagnose sowie ein auf den individuellen Störungshintergrund angepasster medizinischer, therapeutischer und pflegerischer Therapieplan sind für einen erfolgreichen Rehabilitationsverlauf essenziell. Nicht selten gibt es aber im medizinisch-therapeutischen und pflegerischen Alltag Unsicherheiten und Ängste im Umgang mit trachealkanülenpflichtigen Patienten.

Das Know-how fehlt

Ein Leben mit Trachealkanüle bedeutet für jeden Betroffenen einen großen Verlust an Lebensqualität. Ziel des professionellen Trachealkanülenmanagements ist die Dekanülierung oder zumindest eine optimale Kanülenversorgung. Fehler oder Nachlässigkeiten im Umgang mit Trachealkanülenpatienten können für diese Menschen verheerende gesundheitliche und sogar lebensbedrohliche Folgen haben - ganz zu schweigen von den enormen zusätzlichen finanziellen Belastungen für das Gesundheitssystem. Besitzen das ärztliche, pflegerische und therapeutische Personal das nötige Know How, um Patienten optimal und sicher zu versorgen? Um diese Fragen zu beantworten, brauchen wir nur in die Inhalte der Curricula der Ausbildung und des Studiums von Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten zu schauen oder Vertreter der einzelnen Berufsgruppen nach diesen Inhalten zu fragen. Das Ergebnis ist in vielen Fällen leider ernüchternd.
Um umfassendes Wissen im Umgang mit Patienten mit Dysphagie und Trachealkanüle zu erwerben, dann im Alltag sicher, professionell, angstfrei zu agieren und im Notfall den nötigen Überblick zu behalten und Lösungen parat zu haben, reicht es nicht aus, das nötige Wissen im Internet zu erwerben. Umfassendes Wissen braucht man über:
Anatomie, Physiologie und physiologische Schutzmechanismen (Husten): Um Patienten mit Dysphagie und Trachealkanüle optimal zu diagnostizieren, therapieren und zu versorgen, muss umfassendes Wissen über die Anatomie der am Schluckakt beteiligten Organsysteme, die Physiologie des Schluckens sowie die unterschiedlichen Symptome einer Schluckstörung erworben werden. Ein effizienter ist von einem ineffizienten Hustenstoß zu unterscheiden - dafür benötigt man Wissen über den Hustenstoß an sich und seine auslösenden Faktoren. Grundlegende Kenntnisse sind über Aufbau und Funktion des Kehlkopfes und der Trachea erforderlich, um die Auswirkungen einer Trachealkanüle auf die Atmung, den Hustenstoß, das Sprechen und die Trachealhygiene zu verstehen.
Tracheostomaarten: Es gibt verschiedene Arten von Tracheostomaanlagen, z.B. das gestochene oder das plastisch angelegte. Wie werden beide Arten angelegt und warum das eine oder andere? Welche Tracheostomaart ist für den Patienten notwendig und welche Konsequenzen hat das auf den Pflege- oder Therapiealltag?
Indikation zur Tracheotomie: Das medizinische, therapeutische und pflegerische Personal muss die Indikationen der Anlage einer Tracheotomie und den Einsatz einer Trachealkanüle passend zur Grunderkrankung kennen. Nur dann kann optimal auf die Erfordernisse des Patienten reagiert werden, um den Schutz der tiefen Atemwege, der Atmung oder die Beatmung optimal zu gewährleisten.
Trachealkanülenarten und ihre Zuordnung zu Pathologie und Grunderkrankung: Notwendig ist das Wissen über Beschaffenheit, Größenzuordnungen und Einsatzgebiete der unterschiedlichen Trachealkanülenarten. Besonderheiten der Anwendung, Pflege und therapeutischen Möglichkeiten müssen vom Arzt, dem Pflegenden und dem Therapeuten verstanden werden, um zuletzt auch Angehörigen oder dem Patienten selbst Anleitungen an die Hand geben zu können.
Handling, Trachealhygiene, Notfallmanagement: Das Handling zur optimalen Trachealhygiene wie Inhalation, subglottisches und tracheales Absaugen, das Entblocken von Trachealkanülen mit Cuff muss sicher erlernt und unter professioneller Supervision gefestigt sein. Ein Nofallmanagement, dazu gehört auch der Trachealkanülenwechsel bei Patienten mit beiden Arten der Anlage einer Tracheo(s)tomie, muss auch unter Stressbedingungen abrufbar sein.
Zum trachealen Absaugen gibt es in allen Fachbereichen leider immer wieder teilweise unsachliche Diskussionen zur Indikation, zu Zielen, zur Durchführung oder zu möglichen Komplikationen. Dies ist nicht zuletzt den unzureichenden oder völlig fehlenden Kenntnissen zu physikalischen Eigenschaften des Soges, der Strömungslehre, der Materialkunde, der Funktionsweise von Absauggeräten, aber auch der anatomischen Verhältnisse und Physiologie der Trachea und des Bronchialsystems geschuldet.
Technische Hilfsmittel, therapeutisch-pflegerische Maßnahmen: Ein individuelles, ressourcenorientiertes Vorgehen kann Komplikationen, die auch durch Sekretverhalt entstehen können, verhindern. Kenntnisse möglicher Maßnahmen zur Sekretmobilisation wie die Soleinhalation, der Einsatz von Vibrationsvesten oder Varianten der manuellen Sekretmobilisation, physiotherapeutischen und logopädischen Maßnahmen zur Stärkung der Atemhilfsmuskulatur aber auch zu medikamentösen Therapien sind für ein optimales und sicheres Trachealkanülenmanagement nötig.
Dekanülierungsmanagement, Dokumentation, Überleitungsmanagement, rechtliche Situation der Delegation und Versorgungsrecht (SGB): Zu welchem Zeitpunkt und wie lange kann eine Trachealkanüle sicher entblockt werden? Wie ist die Vorgehensweise für ein sicheres und dynamisches Entblocken? Welche Bedingungen müssen für einen sicheren oralen Kostaufbau vorhanden sein und kann das auch mit Trachealkanüle gelingen? Auch die Frage zur Indikation und zum Prozess der Dekanülierung sowie die Nachsorge und das Überleitungsmanagement sollten im interdisziplinären Team beantwortet werden können.

Gefordert: Umfassende Ausbildung

Ob nun Patienten eine Schluckstörung mit Trachealkanüle zum Schutz der tiefen Atemwege überleben oder an einer der zahlreichen möglichen Komplikationen, die durch Fehler oder Nachlässigkeiten entstehen können, versterben, ist in einem gewissen Maße und in Abhängigkeit zur Schwere der Erkrankung eine Frage des Know-hows.
Es ist unsere Pflicht als Ärzte, Therapeuten oder Pflegekräfte bestmöglich auf die medizinischen und therapeutischen Herausforderungen des Trachealkanülenmanagements vorbereitet zu sein. Patienten erwarten zu Recht von uns professionell und sorgfältig versorgt zu werden.
Nach meinen Vorstellungen und Erfahrungen aus 20 Jahren Arbeit mit trachealkanülenpflichtigen Menschen mit Schluckstörungen aller Schweregrade und Ätiologien benötigt jeder, der an der medizinisch-pflegerischen und therapeutischen Versorgung von tracheotomierten Patienten beteiligt ist, eine umfassende theoretische und praktische Aus- oder Weiterbildung, weit über das momentan übliche Learning-by-doing hinaus. Eine prüfungsrelevante Ergänzung der Ausbildungsinhalte im Medizinstudium, der Ausbildung der Pflegeberufe und der Fach- und Hochschulausbildung der Therapeuten ist dringend notwendig und längst überfällig.

Curriculum

Das Curriculum zur Weiterbildung zum "Zertifizierten Experten - Trachealkanülenmanagement bei Dysphagie" des Dysphagienetzwerk Deutschland e.V. orientiert sich an den Erfordernissen der Aus- und Fortbildung im Bereich der Gesundheitsberufe zur Verbesserung der medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Versorgung von Patienten mit Dysphagie und Trachealkanülenpflicht im klinischen und außerklinischen Bereich der Versorgung.

Buchtipp

Lang, Hartmut Beatmung für Einsteiger

Springer Verlag 2019 ISBN 978-3-662-59293-9; 39,99 €
Metadaten
Titel
Zu oft mangelhaft: Umgang mit Trachealkanülen
verfasst von
Mirko Hiller
Publikationsdatum
01.02.2020
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Heilberufe / Ausgabe 2/2020
Print ISSN: 0017-9604
Elektronische ISSN: 1867-1535
DOI
https://doi.org/10.1007/s00058-019-0196-8

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