Hausbesuch zwischen den Gezeiten Inselhebamme auf Juist
- 09.01.2026
- Vor- & Nachsorge
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Mehrere Stunden unterwegs – zu Land, zu Wasser und mit dem Fahrrad: Seit über 30 Jahren arbeitet Hebamme Undine Baldermann in Ostfriesland. Ein- bis zweimal im Monat führen sie ihre Wege auch auf die autofreie Insel Juist. Tide, Wetter und wechselnde Fährzeiten bestimmen dort ihren Arbeitsalltag. Warum sie all das auf sich nimmt, was Hebammenarbeit auf der Insel bedeutet und weshalb sie von einem echten Liebesdienst spricht, das hat sie uns erzählt.
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Undine Baldermann lebt in Aurich und arbeitet seit 31 Jahren als Hebamme in Ostfriesland. Sie kennt das Arbeiten auf dem Land und betreut normalerweise täglich bis zu fünf Frauen in einem Radius von rund 25 km rund um Aurich. Seit ein paar Jahren macht sie sich auch ein- bis zweimal im Monat auf den Weg nach Juist zu Schwangeren oder frisch gebackenen Müttern und ihren Babys sowie deren Familien. Dafür geht es zunächst mit dem Auto von Aurich nach Norddeich und von dort zu Fuß auf die Fähre nach Juist. Auf der Insel angekommen steigt Baldermann um aufs Leihfahrrad, um dann von Hausbesuch zu Hausbesuch zu radeln. Denn Juist liegt nicht nur gut eineinhalb Fährstunden vom Festland entfernt in der Nordsee, die Insel ist außerdem tideabhängig und autofrei. Wetter, Ebbe und Flut bestimmen den Zeitplan. Tagesfahrten vom Festland auf die Insel und zurück seien leider nicht täglich möglich. Zudem variierten die Fährzeiten, da sie vom Tidehub abhängig seien, sagt Baldermann. Manchmal blieben ihr für alle Hausbesuche nur insgesamt drei Stunden Zeit und manchmal seien es auch zehn oder zwölf, je nachdem wann und ob überhaupt eine Rückfahrt aufs Festland möglich sei. Eine Notfallzahnbürste und frische Wäsche habe sie deshalb immer mit im Gepäck, erklärt sie.
Der Beruf ist eben mehr als nur ein Job
Schwangere aus dem Landkreis Aurich, zu dem neben Norderney und Baltrum auch die Insel Juist gehört, können sich bei der Hebammenzentrale in Aurich melden, um eine Hebamme vermittelt zu bekommen. Eines Tages erreichte Baldermann eine solche Anfrage aus Juist und es kamen noch weitere Anfragen von der Insel hinzu. Es sei ein Liebesdienst, sagt sie, denn eigentlich verdiene sie kaum etwas daran. Wenn alles gut liefe, käme sie mit plus minus Null heraus. Es überwiege der Wunsch, den Frauen zu helfen. Und die Lust, zwischendurch etwas anderes zu machen und aus der eigenen Komfortzone herauszukommen. Im besten Fall habe sie mit ihnen und ihren Familien eine gute Zeit auf der Insel, sagt sie. Derzeit betreut Baldermann drei Frauen auf Juist. Manchmal sind es auch nur ein oder zwei, selten mehr. Die Fahrtzeit für einen Inselbesuch beträgt rund fünf Stunden, von denen sie allein drei Stunden auf dem Wasser verbringe, berichtet Baldermann.
Unterwegs mit der Inselhebamme Undine Baldermann auf Juist, © Foto links: Undine Baldermann, Foto mitte: Petra Odebrett, Aurich, Foto rechts: Undine Baldermann
Mit der Kostenübernahme durch die Krankenkassen gebe es bislang keine Probleme. Es sei lediglich ein großer Abrechnungsaufwand. Sie rechne alle Fahrtkosten für die gefahrenen Kilometer, die Fähre und für ein Leihfahrrad, wenn sie eines brauche, zusammen und teile diese dann durch die Anzahl der Frauen, die sie an dem Tag besucht habe. Dafür stelle sie ihnen jeweils eine entsprechende Sonderrechnung aus. Sie sei bei ihren Besuchen oft länger vor Ort als bei den üblichen Besuchen auf dem Festland, aber dafür seien diese seltener. Natürlich kämen dann noch einige Telefonate zwischen den Besuchen hinzu. Sie habe jeder Krankenkasse die Situation in einem Brief geschildert und mit einigen direkt gesprochen. Das Verständnis überwiege durchaus, sagt sie und die Kosten würden tatsächlich auch in großen Teilen übernommen werden. Auf Juist gibt es weder eine/n Gynäkologin/en noch einen Kreißsaal, lediglich zwei Allgemeinmediziner, die sich abwechselten, sagt Baldermann. Vorsorgeuntersuchungen, Ultraschall und alle anderen Arzttermine müssten Schwangere auf dem Festland absolvieren. Daran sei man gewöhnt und auch die Arztpraxen seien darauf eingestellt, Termine tideabhängig zu planen. Es käme auch schon mal vor, dass sie sich mit einer der Frauen im Café auf dem Festland zum Vorsorgegespräch oder zum Wiegen des Kindes getroffen habe. Manchmal bedürfe es eben auch etwas Kreativität, um Zeitfenster passend zu nutzen.
Getrennt von der Familie: Warten aufs Baby
Im Durchschnitt erblicken etwa zehn Insulaner*innen jedes Jahr das Licht der Welt auf dem Festland. In der Regel entbinden die Frauen dann in den Kliniken in Aurich oder Leer. Dazu ziehen sie bereits zwei Wochen vor dem Geburtstermin zu Verwandten, zu Freunden oder in eine Ferienwohnung aufs Festland. Sollte es doch einmal knapp werden oder ein Notfall auf der Insel auftreten, werden die Frauen meist per Hubschrauber direkt aufs Festland gebracht. Die Kaiserschnittrate sei ihrer Erfahrung nach übrigens nicht höher als bei Frauen vom Festland, sagt Baldermann. Sie wünsche sich von ihren Frauen nach der Geburt noch drei Tage auf dem Festland zu bleiben, bevor sie wieder auf die Insel zurückkehren. Ihr erster Besuch bei der frisch gebackenen Mutter und ihrem Baby finde dann auch gleich am ersten Tag statt, nachdem die Frau das Krankenhaus verlassen habe. Und auch in den folgenden Tagen besuche sie Mutter und Kind in ihrer vorübergehenden Bleibe, um sie zu untersuchen und mit den wichtigsten Informationen für die kommenden Wochen zu versorgen, bevor sie sie dann erstmals auf der Insel besuche, erzählt Baldermann. Insbesondere beim ersten Kind sei der Bedarf an Information und Betreuung bei den Frauen groß, weil sie sich auf der Insel häufiger allein fühlten. Deshalb sei sie auch stets telefonisch für sie erreichbar.
Wer auf dem Land als Hebamme arbeitet, weiß, dass längere Wege und Fahrtzeiten zum Job dazugehören. Mehrere Stunden zu Lande und zu Wasser – dem Wetter und den Gezeiten zum Trotz – in Kauf zu nehmen, ist etwas, das man aus Leidenschaft zum eigenen Beruf macht. Ein echter Liebesdienst eben.