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18.12.2017 | Virologie | Nachrichten

Frauen schuld an "Männergrippe"?

Autor:
Thomas Müller

Jammernde Männer mit Erkältung sind keine Weicheier und Waschlappen, sie leiden tatsächlich stärker unter Husten und Schnupfen als Frauen. Das liegt wohl am Testosteron. Und an Frauen, die testosterontriefende Männer bevorzugen.

Maennergrippe (Symbolbild) © marcduf / Getty Images / iStockDie Recherche eines Allgemeinmediziners scheint die Vermutung zu bestätigen: Offenbar hat die männliche Immunabwehr mehr Probleme mit Erkältungsviren als die weibliche.

"Ich hatte es einfach satt, dass man mir ständig anhängen wollte, ich würde meine Erkältungsbeschwerden übertreiben", schreibt Kyle Sue in der Weihnachtsausgabe des "British Medical Journal". Der Professor für Allgemeinmedizin aus dem kälteerprobten Städtchen St. John's in Neufundland hatte schon lange den Verdacht, dass Männer nicht unbedingt weinerlicher sind, sondern tatsächlich länger und stärker unter Erkältungssymptomen leiden als Frauen. Also schritt er zur Tat und suchte in der wissenschaftlichen Literatur nach Hinweisen zur "Männergrippe".

Die Recherche scheint seine Vermutung zu bestätigen: Offenbar hat die männliche Immunabwehr mehr Probleme mit Erkältungsviren als die weibliche.

Männer sterben häufiger an Influenza

Sue führt unter anderem die Grundlagenforschung an Mäusen ins Feld: So hätten mehrere Untersuchungen ergeben, dass weibliche Tiere besser mit Infekten umgehen können, was primär auf die Wirkung von Östrogenen zurückgeführt wurde. Diese würden bei einem Infekt vor allem die unspezifische Immunabwehr ankurbeln. Auch schütten weibliche Tiere mehr Kortikosteroide aus, wodurch sie die Erkältungssymptome vielleicht besser unterdrücken.

Ein weiterer Hinweis: In Experimenten mit menschlichen Zellkulturen ließen sich mononukleäre Blutzellen von Frauen vor der Menopause weniger leicht mit Rhinoviren infizieren als die von gleich alten Männern. Stammten die Zellen hingegen von Frauen nach den Wechseljahren, ergab sich kein Vorteil. Andere Versuche konnten zeigen, dass nasale Schleimhautzellen von Frauen einen Influenzaangriff in vitro besser abwehren, wenn sie ausreichend Estradiol bekommen. Zellen von Männern brachte das Hormon hingegen keinen Vorteil. Wurden die Schleimhautzellen von Frauen mit Östrogenrezeptorblockern behandelt, waren sie Influenzaviren genauso schutzlos ausgeliefert wie die von Männern.

Nun werden Zell- und Mausexperimente wohl kaum jene Frauen überzeugen, die ihren Männern grundloses Gejammer bei der kleinsten Erkältung unterstellen. Hier muss Sue schon schwerere Geschütze auffahren. Er verweist daher auf höhere Sterberaten und vermehrte Klinikeinweisungen unter Männern während Influenzaepidemien. Ein schwererer Verlauf bei männlichen Patienten konnte etwa für die saisonale Virusgrippe zwischen 2004 und 2010 in Hongkong sowie zwischen 1997 und 2007 in den USA nachgewiesen werden. Die höhere Mortalität und Morbidität war auch dann noch gegeben, wenn Begleit- und Vorerkrankungen wie KHK, COPD oder Niereninsuffizienz berücksichtigt wurden.

Ein anderer Beweisstrang führt über Impfreaktionen. Sue zitiert eine Studie, nach der Männer eine geringere Ansprechrate auf Influenzavakzinen zeigen, dabei wird vor allem ein Zusammenhang mit Testosteronspiegeln gesehen. Das Hormon scheint die Immunreaktion nach einer Impfung zu dämpfen. In eine ähnliche Richtung würden auch Tierexperimente mit Testosteron deuten, erläutert der Arzt.

Live hard, die young

Eine Umfrage unter Patienten, die wegen einer Erkältung einen Hausarzt aufsuchten, spreche ebenfalls gegen die These vom weinerlichen Mann, erläutert Sue. Frauen tendierten schon bei deutlich geringeren Symptomen dazu, den Tag im Bett zu verbringen. "Das widerspricht dem Mythos, dass erkältete Männer ihre Beschwerden übertreiben und voreilig ihre Aktivitäten einstellen." Schließlich kommt eine Studie mit über 2000 erkälteten Teilnehmern zu dem Schluss, dass Husten und Schnupfen bei Männern im Schnitt doppelt so lange dauern (3 versus 1,5 Tage) wie bei Frauen.

Letztlich, so Sue, hätten all diese Studien ihre methodischen Schwächen, aber unterm Strich deute doch viel darauf, dass es Männer bei einer Erkältung härter und länger erwischt als Frauen. Die immunprotektiven Eigenschaften von Östrogenen und die eher immunsuppressive Wirkung von Testosteron könnten eine biologisch plausible Erklärung liefern.

Weshalb nimmt die Evolution jedoch den Nachteil bei Männern in Kauf? Die Vorteile von Testosteron im Kampf um Ressourcen und beim Werben um Frauen würden die immunologischen Kosten bei Weitem übertrumpfen: Männer mit viel Testosteron sterben immer noch eher an einem eingeschlagenen Schädel als an Influenza.

Nach dem Motto "live hard, die young" hätten Männer – um ihre Konkurrenten auszustechen – eben mehr in körperliche Überlegenheit und weniger in den Immunschutz investiert. Daran, so der Arzt, seien Frauen nicht ganz unschuldig: Schließlich würden sie ja gerade Testosteron-strotzende Männer als Partner bevorzugen und damit diese Entwicklung befördern. Sie sollten also nicht so zicken, wenn ihre Männer von einer Erkältung niedergestreckt werden.

Dass eine Erkältung Männer stärker aus der Bahn wirft, habe aber auch Überlebensvorteile: Sie ziehen sich dann zurück und vermeiden Auseinandersetzungen, bei denen sie im geschwächten Zustand den Kürzeren ziehen würden. Wenn erkältete Männer also den ganzen Tag auf der Couch oder im Bett liegen, sei dies ein evolutionär geprägtes Verhalten, dass ihrem Schutz diene. "Vielleicht wird es langsam Zeit für männerfreundliche Räume mit riesigen Fernsehergeräten und Liegestühlen, wo Männer sich in Sicherheit und Geborgenheit von den verheerenden Folgen einer Männergrippe erholen können", schreibt der Allgemeinmediziner.

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