Zum Inhalt

Primärversorgung APN – dringend gebraucht

print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Advanced Practice Nurses (APN) sind in vielen Ländern seit Jahrzehnten etabliert. Deutschland kommt hingegen nicht vom Fleck. Auf dem Kongress Pflege 2026 zeigten Pflegeexpert*innen auf, welches Potenzial dadurch verschenkt wird.

Tahnee Leyh, Gemeindegesundheitspflegerin, M. Sc. Community Health Nursing/ANP © Marten Ronneburg / Springer Medizin Verlag GmbHTahnee Leyh, Gemeindegesundheitspflegerin aus Luckau, zeigte auf, was Community Health Nursing auf dem Land leisten kann.
© Marten Ronneburg / Springer Medizin Verlag GmbH 

Das Gesetz zur Befugniserweiterung in der Pflege (BEEP) hat den Rahmen geschaffen. Jetzt soll das APN-Gesetz folgen, um akademisch ausgebildete Pflegefachexpert*innen in der Versorgung zu verankern. Dort werden sie dringend gebraucht, so die Botschaft auf dem Kongress Pflege 2026.

Tilman Müller-Wolff, Professor für Advanced Nursing Practice (ANP) an der University of North Florida schilderte am Beispiel der USA, wie APN dort zum Erfolgsmodell wurden. Insbesondere Nurse Practitioner (NP) sind dort aus der Versorgung nicht mehr wegzudenken.

Zahlreiche Studien belegen inzwischen die positiven Auswirkungen auf Patientenversorgung und -outcome. Angesichts von Demographie, Multimorbidität und Versorgungsengpässen brauche es auch hierzulande entsprechende Rollen, betonte Müller-Wolff. 

Zwar etablieren auch in Deutschland immer mehr Kliniken APN in die Patientenversorgung, verglichen mit anderen Ländern sind die Zahlen bisher aber gering. In der ambulanten Versorgung sieht die Situation noch schlechter aus und der Einsatz von APN kommt nicht über Modellprojekte hinaus. 

Als APN auf dem Land

Dabei liegen gerade auf dem Land besondere Chancen für APN, wie Tahnee Leyh aus Luckau eindrucksvoll darstellte. Die Gemeindegesundheitspflegerin mit Masterabschluss in Community Health Nursing (CHN) arbeitet seit 2024 in einem Modellprojekt des Deutschen Roten Kreuzes in Brandenburg. 

Die Rahmenbedingungen für die Versorgung seien in ländlichen Regionen oft besonders schwierig, betonte Leyh. Junge Menschen verlassen die Region, alte Menschen bleiben zurück. Die Wege sind weit, die finanziellen Ressourcen für die Versorgung knapp, es herrscht Fachkräfte- und Ärztemangel. Eine veränderte familiäre Situation sorgt häufig für Versorgungsabbrüche.  

Vorhandene Ressourcen und Personal müssten daher optimal eingesetzt und die Krankheitslast durch präventive Angebote reduziert werden, so Leyh: „Wir brauchen in der ländlichen Versorgung ANP.“ 

Schulung, Beratung, Krankheits- und Fallmanagement gehören zu den Hauptaufgaben der Gemeindegesundheitspflegerin. Leyh hat eine eigene Pflege-Sprechstunde, aber 90 Prozent ihrer Zeit verbringt sie mit Hausbesuchen, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Dabei gehe es immer darum zu schauen, ob und wie die Versorgung gewährleistet ist.  

Viele Ansatzpunkte für Gemeindegesundheitspflege

Weiter verwies Leyh darauf, dass Gesundheit zu 80 Prozent durch nicht-klinische Faktoren beeinflusst wird: von der Wohnsituation über das soziale Umfeld, den Bildungshintergrund bis hin zu Verhalten und Lebensstil. An all diesen Punkten könnten APN in der ambulanten Versorgung ansetzen. 

Bei chronisch Kranken stehe das Disease Management im Vordergrund. Leyh hält Rücksprachen mit den ärztlichen Kollegen und umgekehrt – ein Umgang auf Augenhöhe, wie sie unterstrich. „Aus der Not heraus stellt sich nicht die Frage, wer nimmt hier jemanden was weg?“

Ihre Arbeit sei gut angelaufen und werde von Klienten und in der Kommune gut angenommen. „Ich bin die Spinne im Netz“, beschrieb Leyh ihre Rolle in der regionalen Versorgungslandschaft. 

Studien bestätigen Nutzen von APN in Primärversorgung

Die Gemeindegesundheitspflegerin sieht sich auch durch internationale Studien bestätigt, die den Erfolg von APN in der Primärversorgung aufzeigen: Die Zufriedenheit der Klienten nimmt zu, die Versorgungsqualität bleibt gleich oder ist besser als bei rein ärztlicher Versorgung, es finden weniger Notaufnahmen-Besuche oder Wiederaufnahmen ins Krankenhaus statt. 

Überzeugt von dem CHN-Ansatz plädierte Leyh auf dem Kongress für eine Etablierung in ganz Deutschland. Zuvor sei noch einiges zu tun: Es brauche eine Regelfinanzierung, flächendeckende Konzepte, eine Berufsordnung, die Qualifikationen für die pflegerischen Rollen definiert, sowie eine Anpassung des Leistungsrechts. Nicht zuletzt müsse die Akademisierungsquote in der Pflege deutlich steigen. (ne)

print
DRUCKEN
Bildnachweise
Tahnee Leyh, Gemeindegesundheitspflegerin, M. Sc. Community Health Nursing/ANP/© Marten Ronneburg / Springer Medizin Verlag GmbH