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Onlineveranstaltung: Strategien und Schutz vor FGM_C Würde und Gesundheit für geflüchtete Frauen

Wie kann eine gute gesundheitliche Versorgung geflüchteter Frauen im Kontext von Schwangerschaft und Geburt gelingen – trotz Sprachbarrieren, rechtlicher Hürden und kultureller Unterschiede? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer digitalen Fachveranstaltung des Aktionsbüros Gesundheit rund um die Geburt in Niedersachsen.

Am 1. Oktober richtete das Aktionsbüro Gesundheit rund um die Geburt in Niedersachsen in Kooperation mit dem Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V. und der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Niedersachsen eine digitale Veranstaltung mit dem Thema „Ankommen heißt auch: Gesund bleiben -Gesundheitsschutz für geflüchtete Frauen im Kontext von Schwangerschaft und Geburt“ aus.

In ihrem Grußwort betonte Dr.in Tanja Meyer (Bündnis 90/Die Grünen, Vizepräsidentin des Niedersächsischen Landtages, Mitglied im Fraktionsvorstand & Frauenpolitische Sprecherin) die Bedeutung einer umfassenden Aufklärung. Sie hob hervor, wie wichtig es sei, bei der Versorgung nach der Geburt, die gesamte Familie einzubinden. Ohne die Unterstützung von Müttern, Tanten, Ehemännern und Vätern sei kein wirksamer Schutz und keine Veränderung für die von FGM_C (Female Genital Mutilation/Cutting; Weibliche Genitalverstümmelung/-beschneidung) bedrohten Mädchen und Frauen möglich.

Rechtliche Perspektiven

Im Anschluss sprach Claire Deery (Rechtsanwältin mit Spezialisierung auf Asylrecht, Vorstandsvorsitzende des Niedersächsischen Flüchtlingsrates) zum Thema „Gesundheit schützen – Rechte stärken: rechtliche Perspektiven auf gesundheitliche Versorgung in der Schwangerschaft unter Berücksichtigung von FGM/C“. Anhand konkreter Beispiele zeigte sie, wie sie für die Rechte geflüchteter Frauen vor Gericht kämpft. Dabei ging es sowohl um große Einschnitte in die Lebenssituation wie sie immer wieder durch die kurzfristige Umverteilung von hochschwangeren Frauen in der Zeit des Mutterschutzes geschehen, als auch um Heil- und Hilfsmittel, die nicht bezahlt werden. Auf die Rückfrage einer Teilnehmerin, wie im Fall eines negativen Entscheides zu dringend benötigten Stützstrümpfen bei einer Multipara mit ausgeprägter Varikosis vorzugehen sei, ermutigte die Anwältin die Anwesenden, in solchen Fällen den direkten Kontakt zu ihr zu aufzunehmen, damit sie im Bedarfsfall juristische Schritte einleiten kann.

Als Hebamme in einer Flüchtlingsunterkunft

Einen lebhaften Einblick gab Andrea Lehmann, Bremer Familienhebamme und Praxisanleiterin in ihrem Vortrag: „Hebammensicht auf niedrigschwellige Versorgung geflüchteter Schwangerer – Gute Praxis im Fokus“. Sie schilderte die vielfältigen Schwierigkeiten, mit denen sie als Hebamme in einer Flüchtlingsunterkunft in Bremen zu kämpfen hat. Lehmann berichtete z.B. von sprachlichen Hürden, die sie durch Sprach-Apps, mit Hilfe von Bildern oder notfalls mit Händen und Füßen zu überwinden versucht und von der mangelnden Privatsphäre aufgrund der sehr beengten Wohnverhältnisse sowie von schwierigen sanitären Bedingungen. Probleme entstehen auch durch die fehlende familiäre Unterstützung – laut Lehmann kommen sehr viele der schwangeren Geflüchteten ohne eine erwachsene Bezugsperson in Deutschland an. Trotz dieser Widrigkeiten machte Lehmann Mut: Durch Kontinuität und Zugewandtheit könne ein vertrauensvolles Verhältnis entstehen und Frauen das Gefühl von Sicherheit vermittelt werden.

FGM_C im Beratungskontext

Den sehr berührenden Abschlussvortrag mit dem Titel „FGM/C im Beratungskontext: Orientierung in psychosozialen, medizinischen und kulturellen Themenfeldern" hielt Nadine Nana Ngantcha (Geschäftsführerin baobab – zusammensein e. V.). Sie gab Einblick in die Lebenswelt von FGM_C betroffenen Mädchen und Frauen und die dadurch verursachten Schmerzen sowie lebenslangen Beeinträchtigungen. Sie berichtete von den wenigen Ärzt*innen, die in Deutschland kompetente medizinische Hilfe anbieten können und hob die Bedeutung heraus, von FGM_C betroffene Frauen frühzeitig in der Schwangerschaft passgenau zu beraten und auf die Geburt vorzubereiten. Abschließend knüpfte sie an das Grußwort von Dr.in Meyer an: Nur wenn Familie und Community einbezogen werden, kann Aufklärung langfristig wirken und FGM_C verhindert werden.

Die gut besuchte Veranstaltung und lebhafte Diskussion, moderiert von Anna-Maria Muhi vom Flüchtlingsrat zeigte, wie vielfältig die Herausforderungen im Bereich Gesundheitsschutz für geflüchtete Frauen sind – und auch, wie engagiert Fachkräfte daran arbeiten, Lösungen zu finden.

Weiterführende Informationen zur Gesundheitsversorgung von Geflüchteten finden sich auch im Themenheft „Gut versorgt? Gesundheit rund um die Geburt für Geflüchtete.“ 

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Interview

In vielen Ländern der Welt werden Mädchen beschnitten. Auch in Deutschland leben aufgrund von Zuwanderung und Flucht immer mehr Betroffene. Die Hebamme Sabine Kroh ist sowohl im Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen als auch in Berliner Kreißsälen schon genitalverstümmelten Frauen begegnet. Sie setzt sich für eine entsprechende Sensibilisierung in der Geburtshilfe ein. Im Interview sprachen wir über ihre Erfahrungen.

Bildnachweise
Schwangere geflüchtete Afrikanerin/© shironosov_Getty Images_iStock (Symbolbild mit Fotomodell)