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20.10.2017 | Suizid | Nachrichten

Wenn Einsamkeit krank macht

Autor:
Bernhard Sprengel

Ein Alterspsychotherapeut warnt: Ältere Männer sind besonders häufig suizidgefährdet. Einsamkeit ist ein Grund dafür.

Einsamkeit (Symbolbild) © NiDerLander / FotoliaEinsamkeit treibt ältere Mänenr oft in die Depression.

Alte Menschen sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) besonders stark selbstmordgefährdet. Rund 10.000 Menschen nehmen sich in Deutschland pro Jahr das Leben. Der Anteil der über 60-Jährigen, die Suizid begehen, nehme zu, sagte der Mediziner Reinhard Lindner am Rande der Jahrestagung der DGS in Hamburg. 35 Prozent der Selbsttötungen werden nach Angaben der DGS von über 65-Jährigen verübt. Die Altersgruppe macht 21 Prozent an der Gesamtbevölkerung aus.

Besonders gefährdet sind Männer im hohen Alter. Im Jahr 2015 setzten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 1065 Frauen und 2715 Männer über 65 Jahre ihrem Leben ein Ende. "Die Suizidraten der hochbetagten Männer sind bis zu fünfmal höher als der Durchschnitt der Normalbevölkerung", sagte Tagungsleiter Lindner. Von 100.000 Menschen nehmen sich pro Jahr zwölf das Leben, bei den Männern über 80 Jahren sind es rund 60.

Viele Freunde, längeres Leben?

Hochbetagte Männer seien besonders gefährdet, weil sie nicht den Weg in helfende Strukturen fänden. "Wenn sie darüber nachdenken, ihrem Leben ein Ende zu setzen, sind gerade die alten Männer eine Gruppe, die kaum Hilfe sucht. Die gehen noch nicht einmal zum Hausarzt", sagte Lindner, der Oberarzt für Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie ist. Das Risiko ist nach Angaben der DGS besonders groß, wenn die Senioren vereinsamt sind oder auch alkoholabhängig.

Generell kann Einsamkeit auf lange Sicht negative gesundheitliche Folgen haben. Laut dem regelmäßig fortgeschriebenen Deutschen Alterssurvey sinkt in Deutschland der Anteil der Einsamen zwar seit zwei Jahrzehnten – auch unter den Älteren. Global warnen US-Forscher jedoch vor einer "Einsamkeits-Epidemie", die Gesundheitsprobleme bereiten könnte.

Auf dem Jahrestreffen der Amerikanischen Psychologen-Gesellschaft wurden jüngst mehrere Studien dazu präsentiert: Menschen mit vielen Sozialkontakten haben demnach ein um 50 Prozent geringeres Risiko, früher als erwartet zu sterben. Eine andere Meta-Auswertung von 148 Studien aus USA, Europa, Asien und Australien zeigte, dass die drei Parameter soziale Isolation, Einsamkeit und Single-Dasein jeweils messbare Auswirkungen auf einen vorzeitigen Tod haben – und zwar ebenso stark wie die Risikofaktoren Fettleibigkeit oder Rauchen.

Bisher deutlich unterschätzt

"Das hat man bislang unterbewertet", sagt die Psychologin Julianne Holt-Lunstad von der Brigham University, die die Arbeiten in Washington vorstellte. "Aber gesammelte Daten aus Hunderten Studien mit Millionen Teilnehmern liefern uns robuste Hinweise, welche Bedeutung Sozialkontakte für die körperliche Gesundheit haben und für das Risiko eines vorzeitigen Todes."

Auch Anne Böger vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) schreibt: "Einsame Personen rauchen häufiger, sind eher in Gefahr, übergewichtig zu sein und berichten von weniger körperlicher Aktivität." Auch mit erhöhtem Brustkrebsrisiko und Herzgefäß-Problemen wurde Einsamkeit in Zusammenhang gebracht.

Für die USA sagt Holt-Lunstad eine heranrollende Einsamkeitswelle voraus: 2010 haben sich einer US-weiten Umfrage zufolge 35 Prozent aller Menschen ab 45 Jahren chronisch einsam gefühlt – ein Jahrzehnt zuvor waren es nur 20 Prozent. Gründe dafür seien mehr Single-Haushalte, höhere Scheidungsraten und ein stärkerer Fokus auf soziale Medien statt auf Kontakte im echten Leben.

Maike Luhmann, Psychologie-Professorin an der Ruhr-Uni Bochum, hat 2016 auf Basis von Daten aus dem Sozio-ökonomischen Panel eine große Studie zu Einsamkeit veröffentlicht. Sie stellte fest, dass Einsamkeit keineswegs ein sich langsam auftürmendes Altersphänomen ist. Zwar haben die Ältesten am meisten Probleme mit Einsamkeit. Ab 86, wenn körperliche Gebrechen und der Tod von Wegbegleitern oft Realität sind, klagt jeder Fünfte darüber. Aber: Auch Menschen in der Lebensmitte (46-55 Jahre, 14 Prozent) und jüngere Erwachsene (26-35 Jahre, 14,8 Prozent) fühlen sich häufig einsam. Am wenigsten betroffen sind die jüngeren Alten (66-75 Jahre, 9,9 Prozent). (dpa/eb)