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2019 | Studium | Buch

Gesundheitswissenschaften

herausgegeben von: Prof. Dr. Robin Haring

Verlag: Springer Berlin Heidelberg

Buchreihe : Springer Reference Pflege – Therapie – Gesundheit

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Über dieses Buch

Dieses Referenzwerk bietet einen umfangreichen Überblick zu den zentralen Themen der Gesundheitswissenschaften. Die einzelnen Sektionen behandeln sowohl Grundlagen und Methoden der Gesundheitswissenschaften, Elemente der Gesundheitssoziologie und Psychologie (Diversität, Kommunikation, Resilienz), den aktuelle Stand in der Gesundheitssystem- und Versorgungsforschung, als auch die wichtigsten Anwendungsbereiche in Prävention, Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik. Berücksichtigt werden dabei die Mikroebene der handelnden Akteure, die Mesoebene von Unternehmen und Organisationen, sowie die Makroebene von Gesundheitssystemen, Gesundheitspolitik und Global Health. Das Standardwerk richtet sich an Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen im Gesundheitsbereich sowie an Expertinnen und Experten aus der Praxis. Dieses Werk gibt den Auftakt zu der neuen Reihe „Springer Reference Pflege – Therapie - Gesundheit“ und setzt neue Maßstäbe in der Fachliteratur der Gesundheitsberufe.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
68. Erratum zu: Gesundheitswissenschaften
Robin Haring (Hrsg.)

Grundlagen der Gesundheitswissenschaften

Frontmatter
1. Gesundheitswissenschaften – eine Einführung
Zusammenfassung
Wie steht es um die Gesundheit und das Wohlbefinden in einer Gesellschaft? Die Auseinandersetzung mit dieser Frage kann als das Kernanliegen der Gesundheitswissenschaften betrachtet werden. Zu ihrer Bearbeitung greift Public Health (im Folgenden als synonymer und international etablierter Begriff zu den Gesundheitswissenschaften verwendet) als Multidisziplin auf die Konzepte und Methoden ihrer Bezugsdisziplinen zurück, um Erkenntnisse nicht nur zum Auftreten und zur Verteilung von Krankheiten zu erarbeiten bzw. zu gesundheitlichen Ressourcen und Risiken in ihren Wirkzusammenhängen zu ermitteln, sondern auch um zu einem die Gesundheit und das Wohlbefinden fördernden Gesamtsystem zu gelangen. Dies impliziert auch die Gestaltung der gesundheitlichen Versorgungsangebote. Im Rahmen des Beitrages werden entlang von W-Fragen, die relevanten Fragestellungen, inhaltlichen Themenfelder und methodischen Herangehensweisen von Public Health dargestellt. Abgerundet wird dieses Kapitel durch einen Ausblick, der sowohl zentrale Entwicklungslinien als auch zukünftige Herausforderungen umfasst.
Birgit Babitsch
2. Biomedizinische Grundlagen der Gesundheitswissenschaften
Zusammenfassung
Dieser Beitrag vermittelt biomedizinische Grundlagen in ihrer Funktion für die Gesundheitswissenschaften. Mit einem Fokus auf dem Verständnis (patho-)physiologischer Grundlagen werden exemplarisch Patientenphänomene vorgestellt, relevante Handlungsansätze verdeutlicht und deren Potenzial für die Nutzung im Bereich der Gesundheitsberufe dargestellt. Weiterführend wird die Bedeutung biomedizinischer Phänomene für Aspekte von Prävention und Gesundheitsförderung vertieft, um daraus Ansätze für die therapeutische Intervention abzuleiten.
Annette Nauerth
3. Grundlagen der Gesundheitspsychologie
Zusammenfassung
Die Gesundheitspsychologie orientiert sich an einem positiven Gesundheitsbegriff, der für Wohlbefinden und Lebensqualität steht. Aus dieser Perspektive setzt sie sich mit dem Gesundheitsverhalten von Frauen, Männern und Transgender-Menschen ebenso auseinander wie mit dem Krankheitsverhalten und den damit verknüpften Rollen der Patientin und des Patienten in ihren Bezügen auf der Mikro-, Meso- und Makroebene. Sie berücksichtigt bei ihren Analysen die Ergebnisse intersektioneller Studien, die zeigen, dass neben den Geschlechtern die Bildung und das Einkommen erheblichen Einfluss auf die Lebensweisen der Menschen sowie ihre Lebenserwartungen haben. Praktisch zielen ihre Ansätze zur Stärkung der Gesundheitskompetenz und des Gesundheitshandelns darauf, die gesundheitlichen Ungleichheiten in der Bevölkerung zu reduzieren.
Irmgard Vogt
4. Sozialepidemiologische Grundlagen der Gesundheitswissenschaften
Zusammenfassung
Das vorliegende Kapitel führt in die Grundlagen der Sozialepidemiologie ein und stellt zentrale Ergebnisse bisheriger sozialepidemiologischer Forschung dar. Dabei orientiert sich der Beitrag an dem Modell der sozialen Determinanten, welches die unterschiedlichen Zusammenhänge zwischen sozialen Faktoren und Gesundheit illustriert. Neben den Zusammenhängen zwischen ausgewählten Faktoren wie Geschlecht, sozialen Beziehungen, psychosozialen Arbeitsbelastungen, sozialem Status und Migration mit Gesundheit und Krankheit werden jeweils Erklärungsansätze für die gefundenen Assoziationen diskutiert. In einem Ausblick werden neben der Bedeutung sozialepidemiologischer Forschung die praktischen Implikationen dieses Forschungszweiges für die Gesundheitswissenschaften besprochen.
Nico Vonneilich, Olaf von dem Knesebeck
5. Genetisch-molekulare Grundlagen von Gesundheit und Krankheit
Zusammenfassung
Der rasante technologische Fortschritt in Molekularbiologie, Data Science und Digitalisierung führt zu einer starken Zunahme an Erkenntnissen über die genetisch-molekularen Grundlagen von Gesundheit und Krankheit. Diese finden immer stärkere Berücksichtigung in Medizin, Gesundheitsberufen, aber auch in Ernährungs-, Fitness- und Lifestyle-Anwendungen und vielen anderen Bereichen. Dieses Kapitel beleuchtet die genetisch-molekularen Grundlagen aus Sicht der Genetischen Epidemiologie. Als Unterdisziplin der Epidemiologie benötigt die Genetische Epidemiologie die Disziplinen der Data Science. Weitere Grundlagen sind das Genom und die Mendelsche Segregation. Erläutert werden auch Mendelsche Erbkrankheiten und quantitative Merkmale unter besonderer Berücksichtigung von Genetik und Public-Health-Aspekten. Heterogenität findet sich auf allen Ebenen der Molekularbiologie, wie auch bei Gesundheitszuständen und deren Erfassung. Zentral ist dabei der Versuch molekularbiologischer Vorhersagen von Gesundheitszuständen und Krankheitsrisiken im medizinischen Kontext.
Heike Bickeböller

Methoden der Gesundheitswissenschaften

Frontmatter
6. Grundlagen der medizinischen Statistik für Gesundheitsberufe
Zusammenfassung
Die Auseinandersetzung mit gesundheitswissenschaftlichen Fragestellungen bedeutet gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Studien. In diesem Kapitel wird in grundlegende Inhalte und Konzepte der medizinischen Statistik eingeführt. Zunächst werden Erfordernisse und Vorgehensweisen zum Beschreiben und Erfassen von Stichproben mittels statistischer Kennwerte, Grafiken oder Korrelationsberechnungen erläutert. Es folgt eine anschauliche Aufbereitung theoretischer Vorüberlegungen der schließenden Statistik sowie ihrer zentralen Begriffe. Diese bilden den Ausgangspunkt für die Rezeption und Reflektion statistischer Studienergebnisse und helfen bei der Auswahl eines geeigneten statistischen Verfahrens, von denen einige abschließend in einem Überblick eingeführt werden. Das grundlegende Verständnis statistischer Terminologie und Denkweise bildet eine sichere Vorbereitung für die vertiefte Auseinandersetzung mit quantitativen Methoden der Gesundheitsforschung.
Steffen Schulz
7. Quantitative Methoden der empirischen Gesundheitsforschung
Zusammenfassung
Akteure im Gesundheitswesen werden in ihrer täglichen Arbeit mit Statistiken konfrontiert, die beispielsweise Interventionen, Prognosen und Veränderungen bei Personengruppen beschreiben sollen. Daraus werden häufig Handlungen und Handlungsänderungen für die tägliche Arbeit abgeleitet. In diesem Kapitel soll das Grundverständnis der statistischen Hintergründe soweit erklärt werden, dass die Kompetenz erworben wird, diese Informationen einordnen und kritisch hinterfragen zu können. Dazu werden die grundlegenden deskriptiven und hypothesenprüfenden Verfahren anhand eines einfachen Beispiels erklärt. Hierzu wird mit einem Rechenbeispiel gezeigt, wie die statistischen Kennwerte zustande kommen und welche Philosophie hinter der Interpretation der Werte steckt. Das Grundverständnis der Herangehensweise wird anschließend genutzt, um zu verdeutlichen, welche inhaltlichen Schlussfolgerungen bei einem Ergebnis zulässig sind und welche nicht.
Luzi Beyer
8. Qualitative Methoden der empirischen Gesundheitsforschung
Zusammenfassung
Qualitative Methoden haben sich in den letzten Jahren auch im Bereich der Gesundheitsforschung fest etabliert. Qualitative Forschung, die sich i. d. R. an einer rekonstruktiven Methodologie orientiert, ist durch die Merkmale: Gegenstandsangemessenheit, Offenheit, Kommunikation, Prozesshaftigkeit und Reflexivität gekennzeichnet. Die qualitative Gesundheitsforschung zeichnet sich insbesondere durch ihre Hinwendung zur Patientenperspektive, durch die Stärkung des Lebensweltbezugs, durch das Aufzeigen von strukturellen Problemen in der gesundheitlichen Versorgung sowie durch die Analyse von Interaktionssituationen von Beratung, Behandlung und Pflege aus. Es handelt sich dabei um ein inter- und transdisziplinäres Forschungsgebiet, deren zentrale Anwendungsfelder z. B. Arzt-/Patienteninteraktion, Copingforschung, subjektive Krankheitstheorien sind. Vielfältige Erhebungsmethoden, wie z. B. unterschiedliche Varianten von offenen Interviews, Gruppendiskussionen, Dokumentenanalysen sowie Beobachtungsverfahren, finden sich in der qualitativen Gesundheitsforschung.
Heike Ohlbrecht
9. Epidemiologische Methoden in den Gesundheitswissenschaften

Epidemiologie befasst sich mit der Verteilung von Krankheiten und mit den Faktoren, die mit diesen assoziiert sind oder sie verursachen. Aus dem Wissen über diese Zusammenhänge leitet die Epidemiologie Maßnahmen zur Prävention ab und evaluiert deren Wirksamkeit. In diesem Kapitel werden epidemiologische Maßzahlen eingeführt, die zum einen den Gesundheitszustand einer Bevölkerung in Bezug auf dessen räumliche Verteilung und zeitliche Entwicklung beschreiben und zum anderen Unterschiede des Erkrankungsrisikos zwischen Bevölkerungsgruppen quantifizieren. Zur Ermittlung solcher Maßzahlen werden i. d. R. Beobachtungsstudien durchgeführt, deren mögliche Designs diskutiert werden. Dabei können unterschiedlichste Fehlerquellen zu verzerrten Ergebnissen führen, von denen die wichtigsten kurz vorgestellt werden. Daraus ergeben sich hohe Anforderungen für die ätiologische Forschung, die bezüglich Planung, Messinstrumenten, Datenerhebung, Qualitätssicherung und Datenschutz verdeutlicht werden.

Wolfgang Ahrens, Lothar Kreienbrock, Iris Pigeot
10. Umweltepidemiologische Grundlagen der Gesundheitswissenschaften

Die Umweltepidemiologie befasst sich mit der Wirkung von Umweltfaktoren auf physiologische Variablen und soziale Krankheitsfolgen in der Bevölkerung. Einleitend definiert der Beitrag essenzielle Variablen epidemiologischer Studien und Studienpopulationen. Verschiedene Studientypen, die je nach Untersuchungsziel zur Anwendung kommen, und sich in ihrer Art und Aussagefähigkeit unterscheiden, werden erläutert, z. B. Kohortenstudien, Fall-Kontroll-Studien und Querschnittstudien. Mit einem Schwerpunkt auf der Exposition gegenüber Luftschadstoffen werden Möglichkeiten zur Messung von Exposition, Gesundheitsendpunkten oder Zielgrößen und Confoundern vorgestellt. Schließlich werden verschiedene Kriterien definiert, mittels derer die Qualität der Untersuchungen geprüft werden kann. Dabei werden Aspekte der Kausalität thematisiert sowie Hinweise zur Interpretation umweltepidemiologischer Studien und zu den Grenzen der Umweltepidemiologie gegeben.

Margarethe Woeckel, Regina Pickford, Alexandra Schneider
11. Evidenztriangulation und Mixed Methods in der Gesundheitsforschung
Zusammenfassung
Dieser Beitrag diskutiert, in welchem Verhältnis verschiedene methodische Ansätze und verschiedene Evidenzen zueinanderstehen, wie sie kombiniert und integriert werden können. Dazu wird auf das Verhältnis qualitativer und quantitativer Analyse, auf den Evidenzbegriff und auf verschiedene Modelle des Zusammenführens von Evidenz eingegangen. Das Konzept der Evidenztriangulation ist dabei zentral. Die Qualitative Inhaltsanalyse wird als potenzieller Integrationsansatz genauer vorgestellt. Schließlich werden Gütekriterien für solche komplexen methodischen Ansätze diskutiert.
Philipp Mayring
12. Gesundheitsberichterstattung in Deutschland

Die moderne Gesundheitsberichterstattung (GBE) geht wesentlich auf Anregungen des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen im Jahr 1987 zurück. Zwar variieren Definitionen der GBE etwas – z. B. je nach Perspektive der Gebietskörperschaften – und sind auch nicht stets trennscharf gegenüber anderen Formen des Berichtens, im Mittelpunkt stehen jedoch stets bestimmte Aufklärungs- und Informationsfunktionen für die Öffentlichkeit. Der Beitrag stellt die Geschichte und Konzeptionen der GBE in Deutschland vor und stellt den Stand der GBE auf den drei Ebenen staatlich organisierter GBE dar (Bund, Länder, Kommunen und Landkreise). Der Beitrag plädiert dafür, auch das Reportwesen nicht-staatlicher Akteure (Krankenkassen), die Betriebliche Gesundheitsberichterstattung und die Pflegeberichterstattung in die Gesundheitsberichterstattung einzubeziehen.

Thomas Elkeles

Gesundheitssoziologie

Frontmatter
13. Soziale Ungleichheit und Gesundheit
Zusammenfassung
Auch in einem reichen Land wie Deutschland besteht ein enger Zusammenhang zwischen der sozialen und gesundheitlichen Lage der Bevölkerung. Diese gesundheitliche Ungleichheit kommt unter anderem in einem deutlich erhöhten Risiko für chronische Krankheiten, Beschwerden und Funktionseinschränkungen in den sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen zum Ausdruck. Zurückzuführen ist die gesundheitliche Ungleichheit auf ein komplexes Zusammenspiel von materiellen, psychosozialen und verhaltensbezogenen Faktoren. Entsprechend vielfältig müssen die Interventionen zur Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheit sein. Sie sollten zum einen an der Gesundheitsversorgung sowie der Gesundheitsförderung und Prävention ansetzen, zum anderen aber die eigentlichen Ursachen, wie z. B. Armut, Arbeitslosigkeit und geringe Bildung, adressieren.
Thomas Lampert, Jens Hoebel, Benjamin Kuntz, Julia Waldhauer
14. Krankheit und Biografie – Herausforderungen für die Lebensorientierung und Lebensführung
Zusammenfassung
In der Auseinandersetzung mit gesundheitsbezogenen individuellen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen bzw. -verhältnissen gestaltet ein Mensch seine Biografie im zeitlichen Verlauf. Der vorliegende Beitrag thematisiert die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen für die biografische Gestaltung im Konzept der fluiden Gesellschaft und die Auswirkungen einer chronischen Erkrankung im Lebensverlauf. Im Fokus stehen Phasen im Krankheitsverlauf, typische Muster biografischer Bewältigung in Hinblick auf Lebensorientierung und Lebensführung und Aspekte, die bei der unterschiedlichen Integration einer Erkrankung in die Biografie eine Rolle spielen. Für die Krankheitsbewältigung muss von den erkrankten Personen und ihrem nahen sozialen Umfeld auf verschiedenen Ebenen Bewältigungsarbeit geleistet werden. Wissen über biografische Zusammenhänge und biografische Arbeit kann dazu beitragen, chronisch erkrankte Menschen in ihren Bewältigungsprozessen zu unterstützen.
Simone Pfeffer
15. Sozialkapital und Gesundheit
Zusammenfassung
Soziale Beziehungen können hilfreich sein, indem Menschen einander unterstützen und zusammenhalten. Dieser Gedanke liegt dem Konzept des Sozialkapitals zugrunde. Das Sozialkapitalkonzept ist ein übergeordnetes Konzept zur Bedeutung von sozialen Beziehungen. Gemessen wird Sozialkapital zumeist über Ausmaß und Vielfalt des sozialen Netzwerks, Vertrauen in andere und Erwartung von Hilfsbereitschaft. In der gesundheitswissenschaftlichen Forschung dominiert die Betrachtung des Sozialkapitals größerer Gebietseinheiten wie Nachbarschaften und Regionen. Existierende Studien weisen mehrheitlich darauf hin, dass die Bewohnerschaft von Gemeinden mit hohem Sozialkapital gesünder ist und Individuen mit hohem Sozialkapital eine bessere Gesundheit aufweisen. Den Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesens bietet das Sozialkapitalkonzept vielfältige Analyse- und Handlungsmöglichkeiten, die bis dato nicht ausgeschöpft und im Hinblick auf individuelles Sozialkapital und dessen gesundheitsbezogene Wirkung gewinnbringend sind.
Susanne Hartung
16. Aufgabe und Funktion der sozialmedizinischen Beratung und Begutachtung im deutschen Gesundheitssystem
Zusammenfassung
Der Sozialleistungsträger benötigt bei Eintritt des Versicherungs- und Versorgungsfalles für die Prüfung der trägerspezifischen persönlichen Voraussetzungen des Antragsstellers oft die Unterstützung durch sozialmedizinische Sachverständige. Diese legen ihrer Stellungnahme nach Aktenlage oder persönlicher Untersuchung die zu beachtenden gesetzlichen und untergesetzlichen Vorgaben zugrunde und beachten die medizinischen und gutachtlichen Grundlagen dem anerkannten Stand entsprechend. Sie dokumentieren die entscheidungserheblichen Tatsachenfeststellungen und Schlussfolgerungen in einer logischen, transparenten, widerspruchsfreien und nachvollziehbaren Argumentationskette und orientieren sich grundsätzlich am biopsychosozialen Krankheitsmodell. Der Sozialleistungsträger wie auch dessen Mitglied erhalten eine interessenunabhängige, neutrale und kompetente Sachverhaltsaufklärung und Beratung. Aufgaben, Art, Funktion, Anlässe und Ziele der Praktischen Sozialmedizin werden anhand verschiedener Beispiele für den personbezogenen Einzelfall wie auch die sachbezogene Beratung auf Versorgungsebene dargestellt. Die sozialmedizinische Beratung und Begutachtung dient auch dem Patientenschutz und einer qualitätsgesicherten Versorgung sowie versicherungsökonomischen und gesellschaftspolitischen Aspekten. Sie ist wesentlicher Bestandteil einer patientenzentrierten und bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung.
Wolfgang Seger
17. Gesundheitsbezogene Lebensqualität: Konzepte, Messung und Analyse
Zusammenfassung
Nachdem sich das Verständnis von Gesundheit und Krankheit in den letzten Jahrzehnten enorm gewandelt hat und die Bedeutung von subjektiven Sichtweisen der von Krankheit betroffenen Menschen erkannt wurde, fand das Konzept der gesundheitsbezogenen Lebensqualität in vielen Bereichen der medizinischen und epidemiologischen Forschung und selbst in der medizinischen Versorgungspraxis eine zunehmende Beachtung. Dieser Beitrag widmet sich konzeptionellen und methodischen Fragen der Lebensqualitätsforschung in der Medizin. Nach einer Einführung in die historischen und begrifflichen Grundlagen werden methodische Aspekte behandelt, die bei der Messung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und bei der Auswahl geeigneter Erhebungsverfahren von Bedeutung sind. Auf eine Beschreibung von Anwendungsfeldern der Lebensqualitätsmessung in der Medizin folgt abschließend ein Ausblick auf aktuelle Entwicklungen und Forschungsschwerpunkte in diesem Gebiet.
Ines Buchholz, Bianca Biedenweg, Thomas Kohlmann
18. Identität und Gesundheit
Zusammenfassung
Unter der Perspektive gelingender Lebenssouveränität erörtert der vorliegende Beitrag die Wechselwirkung zwischen alltäglicher Identitätsarbeit und Gesundheit. Das Erleben von Gesundheit beruht auf Selbstwahrnehmungs- und Selbstreflexionsprozessen, in dem sich ein biografisch gewordenes Verhältnis des Individuums zu seinem Körper und seiner Psyche niederschlagen. Entlang der folgenden vier Fragen werden die Kernbezüge zwischen beiden Konstrukten dargestellt: Wie wird Identitätsentwicklung zum Ausgangspunkt gesundheitsrelevanter Prozesse? Welchen Stellenwert haben identitätsrelevante Stressoren? Wie kann Identität als Quelle der Handlungsbefähigung verstanden werden? Wie lässt sich Gesundheit als Teilidentität verstehen? Den Hintergrund für die Antworten bilden das Modell alltäglicher Identitätsarbeit sowie Erkenntnisse der Salutogenese- und Belastungs-Bewältigungsforschung.
Renate Höfer, Florian Straus
19. Gesellschaftliche Konstruktion von Gesundheit und Krankheit
Zusammenfassung
Seit Jahren wird die Bevölkerung zu mehr persönlichem Gesundheitsengagement angeregt. Das hat v. a. in den hohen Soziallagen zu einer Intensivierung des Gesundheitsverhaltens geführt, wobei dort offenbar nicht nur funktional-nützliche, sondern auch soziale Motive das Gesundheitsengagement befördern. Gutes Gesundheitsverhalten ist Bestandteil des kulturellen Kapitals, das nicht nur Gesundheit, sondern auch soziale Distinktion ermöglicht. Der eigene gute Gesundheitszustand beglaubigt, dass man nicht nur fit und leistungsfähig ist, sondern auch selbstdiszipliniert, eigenverantwortlich und vernünftig handelt. Wer dem persönlichen Gesundheitsauftrag nicht nachkommt, gilt als Risikoträger für Krankheit und Kostenproduktion und u. U. als Versager, dem es an Selbstverantwortung und -kontrolle mangelt. Die Gefahr gesundheitsbezogener Stigmatisierungen kollidiert mit der inklusiven Gesellschaft, die allen Menschen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen will, nicht nur jenen, die den dominierenden Gesundheitsregeln genügen.
Bettina Schmidt
20. Soziale Online-Netzwerke und Gesundheit
Zusammenfassung
Dieser Beitrag thematisiert Zusammenhänge zwischen der Einbindung in soziale Netzwerke im Internet und gesundheitlichen Belastungen. Hierzu werden zunächst wesentliche Begrifflichkeiten eingeführt. Online Social Networks (OSN) und speziellere Konzepte wie Social Network Sites (SNS) und Online Health Communities (OHC) werden voneinander abgegrenzt, sowie Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Offline-Netzwerken und ihren Online-Pendants aufgezeigt. Auf der Grundlage empirischer Evidenz, erfolgt eine theoretische Verortung des Zusammenhangs von sozialen Netzwerken, SNS und Gesundheit. Abschließend betont der Beitrag zukünftige Herausforderungen der empirischen Forschung zur Gesundheitsrelevanz sozialer Netzwerke im Internet.
Philip Adebahr, Peter Kriwy

Gesundheitspsychologie

Frontmatter
21. Modelle von Gesundheit und Krankheit
Zusammenfassung
Gesundheit und Krankheit sind gesellschaftliche Themen, deren Erklärungen und Ursachen im Laufe der Geschichte seit jeher intensiv diskutiert wurden.
Im vorliegenden Beitrag werden einige moderne Modelle von Gesundheit und Krankheit vorgestellt, beginnend mit der Definition von Gesundheit durch die Weltgesundheitsorganisation. Dabei werden sowohl die Entstehung von Krankheit (Pathogenese) als auch die Entstehung von Gesundheit (Salutogenese) betrachtet. Es werden das biomedizinische, biopsychosoziale und Vulnerabilitäts-Stress-Modell sowie das Salutogenese- und Wellness-Modell beschrieben. Den Abschluss bildet eine Darstellung des neuen dynamischen Konzeptes der „positiven Gesundheit“, das auf den früheren Modellen aufbaut und sechs Dimensionen der Gesundheit annimmt. Die Modelle setzen verschiedene Aspekte von Gesundheit und Krankheit in den Fokus und bieten somit verschiedene Ansätze für die Behandlung von Krankheit und die Gesundheitsförderung.
Svenja Roch, Petra Hampel
22. Gesundheits- und Risikokommunikation in den Gesundheitsberufen

Eine effektive Gesundheitskommunikation kann zum Erfolg von Arztgesprächen, Behandlungen oder ganzen Institutionen der Gesundheitsversorgung beitragen. Auf interpersonaler Ebene wird das Arzt-Patient-Gespräch verortet, in dem im direkten Kontakt wichtige Gesundheitsentscheidungen ausgehandelt werden. Die Digitalisierung stellt dieses zunehmend vor Herausforderungen. Doch auch in interprofessionellen Teams – beispielsweise im Klinikkontext – trägt eine effektive Kommunikation zu einer gesteigerten Produktivität und positiven Outcomes auf Patientenseite bei. Auf allen Kommunikationsebenen ist eine umfassende Vermittlung von Chancen und Risiken von zentraler Bedeutung. Dabei ist es wichtig, sowohl auf die individuellen Charakteristika der Patienten einzugehen als auch die Eigenschaften relevanter Gesundheitsrisiken zu erkennen und zu adressieren. Auf diesem Weg wird der Patient bestmöglich dazu befähigt, die für ihn optimalen Gesundheitsentscheidungen zu treffen.

Anne Reinhardt, Simone Jäger, Constanze Rossmann
23. Gesundheitskompetenz
Zusammenfassung
Gesundheitskompetenz beschreibt das Wissen, die Motivation und die Fähigkeit von Individuen, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und anzuwenden. Sie hängt eng mit den Erwartungen und Anforderungen zusammen, die von der Umwelt an eine Person gestellt werden. Da große Teile der Bevölkerung Schwierigkeiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen haben, sollten zielgruppenspezifische Maßnahmen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz entwickelt werden. Dies betrifft gesunde Menschen in allen Lebensphasen, aber auch (chronisch) kranke und pflegebedürftige Personen. Dabei ist darauf zu achten, dass die Stärkung von Gesundheitskompetenz die Selbstbestimmung von Individuen respektiert und auf eine Hilfe zur Selbsthilfe abzielt. In der Entwicklung und Implementierung dieser Maßnahmen sind neben den Gesundheitswissenschaften die Gesundheitspolitik sowie die Sozial- und Bildungspolitik gefragt.
Nicole Ernstmann, Jochen Sautermeister, Sarah Halbach
24. Zur Bedeutung der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Medizin in den Gesundheitswissenschaften
Zusammenfassung
Psychosomatische Medizin ist in Deutschland eine Facharztdisziplin und als Querschnittsfach integraler Bestandteil vieler anderer klinischer Fächer. Durch die Akzentuierung der Erste-Person-Perspektive der Patienten ist Psychosomatische Medizin stets Beziehungsmedizin. Typische Krankheits- und Störungsbilder der Psychosomatischen Medizin sind affektive, Belastungs- und somatoforme Störungen, Essstörungen sowie psychische Störungen in Verbindung mit oder in Folge körperlicher Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen. Vielfach besteht ein ausreichendes Zeitfenster, um noch vor ersten Symptomen entgegenzuwirken, was die Bedeutung der Prävention verdeutlicht. Die Psychosomatische Medizin hält ambulante, (teil-)stationäre und rehabilitationsorientierte Behandlungskontexte vor. Insgesamt wird sich zur Adressierung der in einer alternden Gesellschaft virulenten psychosomatischen Fragestellungen die Vielfalt der Betätigungsfelder für Gesundheitswissenschaftler in diesem Fach weiter erhöhen.
Markus W. Haun, Till Johannes Bugaj
25. Soziale Kontrolle und Gesundheitsverhalten
Zusammenfassung
Dass soziale Beziehungen einen Einfluss auf individuelles Gesundheitsverhalten und letztendlich auch den Gesundheitszustand haben, ist schon seit längerem unbestritten. Als verantwortlich dafür werden verschiedene Prozesse diskutiert. Ein Forschungsstrang beschäftigt sich mit den Auswirkungen sozialer Kontrolle auf diverse gesundheitliche Aspekte. Der vorliegende Beitrag möchte einen Überblick über diesen Forschungsdiskurs geben. Dabei berücksichtigt er unterschiedliche Formen sozialer Kontrolle sowie deren Einbettung in soziale Kontexte. Er thematisiert Probleme der Messung und der Identifikation kausaler Effekte und endet mit einem kurzen Ausblick über die Integration dieser Forschungslinie in den weiteren gesundheitssoziologischen Diskurs.
Johann Carstensen

Gesundheitshandeln und -verhalten

Frontmatter
26. Modelle gesundheitsbezogenen Handelns und Verhaltensänderung
Zusammenfassung
In diesem Kapitel beschreiben wir einige der gängigsten Theorien und Modelle, die im Kontext von Gesundheitsverhalten relevant sind. Diese Theorien und Modelle sind vor allem deswegen wichtig, weil sie die Grundlage für die Entwicklung und Evaluation von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung sein können. Die Evidenz aus Studien zu diesen Theorien und Modellen kann außerdem eine Entscheidungshilfe für die inhaltliche Ausgestaltung von Interventionen sein. Wir unterscheiden zwischen Theorien, die als zentrale Einflussgröße auf Verhalten die Motivation (auch Absicht, Intention oder Schutzmotivation genannt) annehmen, und Theorien, die Verhaltensänderung als eine Abfolge von unterschiedlichen Denkweisen („mindsets“) verstehen. Außerdem stellen wir neuere Ansätze vor, die sich mit der Einbindung von Umwelt- und sozialen Faktoren in die Erklärung von Gesundheitsverhalten sowie mit der Beschreibung und Vorhersage von zusammenhängenden Verhaltensweisen beschäftigen.
Sonia Lippke, Benjamin Schüz
27. Bewältigung und Umgang mit chronischen Krankheiten
Zusammenfassung
Derzeit sind etwa 16 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland an einer oder mehreren chronischen Gesundheitsstörungen erkrankt. In höheren Alterskohorten ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung betroffen. Chronische Krankheiten sind ausgesprochen heterogen bezogen auf belastende Symptome, Prognose und Steuerbarkeit des Verlaufs, Herausforderungen durch Therapien und akute Exazerbationen, psychische Belastungen und sozioökonomische Folgen. Trotzdem lassen sich einige allgemeingültige Phasen des Krankheitserlebens und typische emotionale, kognitive oder aktionale Copingstrategien identifizieren. Entsprechende Unterstützungsangebote beruhen auf Konzepten des Empowerments, der Stressbewältigung, der Gesprächspsychotherapie oder der kognitiven Verhaltenstherapie. Diese reichen von Schulungs- und Coachingprogrammen, Beratungen zur partizipativen Entscheidungsfindung, psychologischen Hilfen zum täglichen Umgang mit der Erkrankung bis hin zu sozialrechtlichen Beratungen.
Karin Lange
28. Ernährung und Gesundheit
Zusammenfassung
Der Zusammenhang zwischen einer ausgewogenen Ernährung und Gesundheit ist unbestritten. So werden die Krankheiten, die zu den häufigsten Todesursachen in den westlichen Ländern zählen oder massive chronische Belastungen verursachen (kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebserkrankungen, Typ-2-Diabetes), wesentlich durch Ernährungsfaktoren beeinflusst. Jedoch gibt es kein Nahrungsmittel, welches per se ungesund ist bzw. gesund macht, sondern die Menge und Ausgewogenheit der einzelnen Nahrungsmittel ist der wichtigste Faktor für gesunde Ernährung. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über den Einfluss von Ernährungsstilen auf verbreitete chronische Erkrankungen, um anschließend psychologische Theorien und Faktoren zur Erklärung des Ernährungsverhaltens vorzustellen. Abschließend wird die Frage einer Funktion von Nahrungsmitteln als pharmakologische oder psychotrope Substanzen beschrieben.
Reinhard Pietrowsky
29. Bewegung und Gesundheit
Zusammenfassung
Der Mensch ist auf Bewegung angelegt: Bewegung ist die natürliche Grundlage seiner körperlichen und psychischen Gesundheit. Ein Großteil der Bevölkerung, Erwachsene wie Kinder, erfüllt aber nicht die aus präventivmedizinischer Sicht geltenden Empfehlungen zur körperlichen Aktivität. Dabei ist Bewegungsarmut ein bedeutsamer Risikofaktor für chronische Erkrankungen, frühzeitigen Verlust der Selbstständigkeit und Mortalität. Regelmäßige körperliche Aktivität stellt auch bei schon bestehenden chronischen Erkrankungen eine Gesundheitsressource dar. Sie kann die (medikamentöse) Therapie sinnvoll ergänzen und die Leistungsfähigkeit stärken. Neben den somatischen Effekten erhöht Bewegung das Wohlbefinden und die Lebensqualität von sowohl Gesunden als auch chronisch Kranken, weist eine stressregulierende Wirkung auf und kann die Schlafqualität verbessern. Darüber hinaus ist es nie zu spät anzufangen: die positiven Effekte der Bewegung entfalten sich auch, wenn sie erst im späten Alter aufgenommen wird.
Eszter Füzéki, Winfried Banzer
30. Stress und Gesundheit
Zusammenfassung
Stress gehört zu den relevanten gesundheitlichen Risiken des 21. Jahrhunderts und ist mitverantwortlich für viele Erkrankungen unserer Bevölkerung. Die fortwährende Interaktion eines Individuums mit sozialen Bedingungen und Umweltfaktoren wirkt sich dynamisch auf Geist und Körper aus. Stressoren, Auslöser von Stressreaktionen, sind ubiquitär und repetitiv vorhanden. Die physiologische Stressantwort, die neben den körperlichen und vegetativen Prozessen auch die kognitive Verarbeitung und Bewertung von Reizen beinhaltet, dient zur unmittelbaren Sicherung von Überleben und Integrität. Chronische bzw. andauernde Stressreaktionen können pathophysiologische Auswirkungen auf das Individuum haben. Das zeigt sich in einer hohen Prävalenz von stressassoziierten Erkrankungen. Präventive und gesundheitsförderliche Maßnahmen haben großes Potenzial, Stressoren und Stressreaktionen zu vermeiden oder einzudämmen und Individuen zu einem selbstbestimmteren Umgang mit Stress zu befähigen.
Lena Werdecker, Tobias Esch
31. Schlafstörungen – Diagnostische und präventive Maßnahmen
Zusammenfassung
Gestörter und nicht erholsamer Schlaf können unterschiedliche Ursachen haben und Ausdruck schwerwiegender Erkrankungen sein. Die aktuellen Klassifikationssysteme der Schlafmedizin umfassen Diagnosen aus den Bereichen der schlafbezogenen Atmungsstörungen, der Bewegungsstörungen, der Parasomnien und der Dyssomnien. Die beteiligten Fachrichtungen in der Medizin sind dementsprechend sowohl aus dem internistischen als auch dem neurologisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereich. Der Beitrag gibt einen Überblick über schlafmedizinische Messmethoden und physiologische Grundlagen des Schlafes. Des Weiteren werden die häufigsten Krankheitsbilder und deren Behandlung vorgestellt. Für die Behandlung nicht organischer Schlafstörungen, den sog. Insomnien gibt es neben der klassischen Therapie mit Hypnotika eine Reihe gut erprobter verhaltenstherapeutischer Maßnahmen. Abschließend gibt der Beitrag Empfehlungen zur Prävention.
Tatjana Crönlein

Gesundheitsförderung und Prävention

Frontmatter
32. Gesundheitsförderung und Prävention in den Gesundheitsberufen
Zusammenfassung
Ausgangspunkt der Darstellung in diesem Kapitel sind theoretische Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit, die in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen sowohl in einem naturwissenschaftlichen als auch einem sozialwissenschaftlichen Paradigma entwickelt worden sind. Daraus sind Interventionen zugunsten der Gesundheit von Individuen, Gruppen und Bevölkerung abgeleitet worden, die als Prävention auf einen Gesundheitsgewinn durch das Zurückdrängen von Risikofaktoren und Krankheiten abzielen oder als Gesundheitsförderung Ressourcen und Determinanten von Gesundheit stärken. Die zugehörigen Begrifflichkeiten und Binnendifferenzierungen werden erläutert und in der Umsetzung ausgewählter Akteure des Gesundheitswesens (Pflege, Ärzteschaft, Therapieberufe) dargestellt. Dies führt im Schlussabschnitt zu Hinweisen auf Potenziale und Probleme, die für die weitere Entwicklung von Prävention und Gesundheitsförderung im deutschen Gesundheitswesen bedeutsam sein könnten.
Monika Rausch
33. Zielgruppenspezifische Prävention und Gesundheitsförderung
Zusammenfassung
Aufgrund häufig unbefriedigender Erfolge befasst sich die Prävention und Gesundheitsförderung (PGF) in jüngerer Zeit verstärkt damit, ihre Maßnahmen und Angebote zielgruppenspezifisch zu gestalten. Der Beitrag arbeitet zunächst heraus, dass dies nicht nur die Kenntnis von für die PGF relevanten Zielgruppenmodellen voraussetzt, sondern auch deren strikte Anwendung bei der Gestaltung von Maßnahmen, Angeboten und Kommunikationsmitteln. Darauf aufbauend werden drei Typen elaborierter Zielgruppenmodelle vorgestellt, die als besonders relevant für die PGF gelten (Lebensstil-, Milieu- und Lebenslagenmodelle). Anschließend werden eine Übersicht zu Zugangswegen und Anspracheformen und einige darauf bezogene Best-Practice-Beispiele vorgestellt sowie Überlegungen zur Evaluation von Zielgruppenspezifität. Die Schlussbemerkungen verweisen auf Forschungsbedarfe (z. B. die Einbindung neuer Medien und die Nutzung von gamification) und auf Grenzen von Zielgruppenspezifität.
Ulla Walter, Dominik Röding
34. Prävention und Gesundheitsförderung in Settings und Lebenswelten
Zusammenfassung
Settings und Lebenswelten gelten weltweit als Schlüsselstrategie zur Umsetzung der Prinzipien der Primärprävention und Gesundheitsförderung. Entsprechend finden sich in der aktuellen Interventionslandschaft zahlreiche Vorhaben, die mehr oder minder stark auf den Setting- und/oder Lebensweltansatz rekurrieren. Neben einer unklaren theoretischen Fundierung und Implementierungspraxis ist die aktuelle Diskussion vor allem durch eine mangelnde Klärung des Verhältnisses der Begriffe Setting und Lebenswelt und der damit verbundenen Ansätze gekennzeichnet. Vor diesem Hintergrund verfolgt das Kapitel das Ziel, einen Beitrag zu einer stärkeren Differenzierung beider Begriffe und Ansätze zu leisten. Hierbei werden Lebenswelten als Gesamtheit der für eine Person relevanten Einzelsettings verstanden, die sich erst aus der subjektiven Wahrnehmung und Deutung des Betroffenen erschließen lassen. Hingegen stellen Settings Feld- oder Umweltausschnitte dar, die sich durch ihre sozialräumliche Struktur, physische Begrenzung oder auch durch umweltbezogene Einflüsse auszeichnen.
Kevin Dadaczynski
35. Aufgaben und Bedeutung der Gesundheitspädagogik in den Gesundheitsberufen
Zusammenfassung
Gesundheitspädagogik ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit den Tätigkeitsfeldern der Gesundheitsberufe selten und unsystematisch verwendet wird. Mit der Klärung des Begriffs Gesundheitspädagogik wird die Theorieebene umrissen, die sich auf ein erziehungswissenschaftliches Handlungsfeld bezieht. Zur Legitimierung von Gesundheitspädagogik in den Gesundheitsberufen ist die Ausrichtung auf normative Zielsetzungen ebenso zu betrachten wie verbindliche Vorgaben für Interventionen zur Beeinflussung gesundheitsrelevanten Verhaltens. In aktuellen Initiativen wie dem Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz sind gesundheitspädagogische Aufgabenfelder für die Gesundheitsberufe angesprochen. Die zukünftig stärkere Berücksichtigung einer Kompetenzanbahnung zur Übernahme gesundheitspädagogischer Aufgaben durch die Gesundheitsberufe in der Aus-, Fort- und Weiterbildung ist eine Forderung, die sich aus den zahlreichen Festlegungen in Programmatiken, Gesetzen und Initiativen ableiten lässt.
Britta Wulfhorst
36. Partizipation, Teilhabe und Gesundheit
Zusammenfassung
Partizipation und Teilhabe wirken sich im Sinne eines biopsychosozialen Gesundheitsverständnisses auf die Gesundheit aus. Vor diesem Hintergrund stellen sich im Kontext der Gesundheit Fragen hinsichtlich der Gestaltung der Gesundheitsförderung und Prävention im Anspruch der gesellschaftlichen Teilhabe. In dem hier vorliegenden Beitrag stehen das Verständnis von Partizipation und Teilhabe im Zusammenhang mit Möglichkeiten der Förderung von Partizipation und Teilhabe und damit der Gesundheit im Fokus. Es wird entlang von Definitionen, rechtlichen Bezügen und Erläuterungen verdeutlicht, dass eine Vielzahl und Vielfalt an Teilhabe bezogenen Angeboten für Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen zur Verfügung stehen und diese Einfluss auf die Gesundheit Einzelner wie auch der Gesellschaft nehmen können.
Knut Tielking
37. Apps in der digitalen Prävention und Gesundheitsförderung
Zusammenfassung
Nutzungsraten von Smartphones, Tablets und Wearables steigen quer durch alle Bevölkerungsschichten und „mobile Gesundheit“ (mHealth) liegt im Trend. Ob als Schrittzähler, zum Erfassen von Blutdruckdaten oder als Berater bei Ernährungsfragen: in den App Stores tummeln sich unter den inzwischen hunderttausenden Apps auch geeignete für die Prävention und Gesundheitsförderung. Diverse Stakeholder aus Industrie, Politik, Gesundheitsbranche und Verbraucher schreiben der Technologie große Potenziale zu. Das vorliegende Kapitel setzt sich mit den wichtigsten Fragen zu den Kerncharakteristika von mHealth-basierten Lösungen auseinander und skizziert Chancen und Potenziale ebenso wie mögliche Hürden und Grenzen für die Technologie mit Fokus auf den Einsatz im Präventionsbereich. Ferner werden Qualitätsanforderungen an Apps adressiert und Hilfestellungen zum praktischen Erkennen von qualitativ adäquaten Apps gegeben.
Urs-Vito Albrecht, Ute von Jan

Diversität von Krankheit und Gesundheit

Frontmatter
38. Dimensionen gesundheitlicher Ungleichheit
Zusammenfassung
Obwohl das höchste erreichbare Maß an Gesundheit seit langem als Menschenrecht anerkannt ist, finden sich erhebliche Unterschiede in der Gesundheit zwischen Bevölkerungsgruppen. Gesundheitliche Ungleichheit bezeichnet systematische Unterschiede in der Gesundheit zwischen sozialstrukturellen Gruppen, die potenziell vermeidbar und ungerecht sind. In diesem Beitrag wird das Konzept der gesundheitlichen Ungleichheit vorgestellt sowie die zentralen Mechanismen, welche soziale Ungleichheit und Gesundheit verbinden. Es wird ein Überblick über einzelne Dimensionen gesundheitlicher Ungleichheit geben. Neben der sozioökonomischen Position sind dies das Geschlecht, der Migrationsstatus, die Wohnregion und die Zugehörigkeit zu einer sexuellen Minderheit. Abschließend wird auf die theoretischen Perspektiven der Intersektionalität und Superdiversität eingegangen, welche die Verschränkungen der einzelnen Ungleichheitsdimensionen untersuchen.
Tilman Brand
39. Diversität und Gestaltbarkeit von Gesundheit und Krankheit im Alter
Zusammenfassung
Jede Auseinandersetzung mit den Themen Gesundheit und Krankheit stößt angesichts der Heterogenität von Verläufen im hohen Alter unweigerlich auf zwei elementare Grundfragen: Wie lassen sich systematische Muster von Krankheit und Gesundheit exakt für diese Gruppe differenzieren und wer genau ist gemeint, wenn vom hohen Lebensalter die Rede ist? Zur Beantwortung dieser beiden Kernfragen sind in den nachfolgenden Ausführungen zunächst allgemeine Mechanismen herauszuarbeiten, die zu einer Krankheitsanfälligkeit mit steigendem Alter beitragen. Darauf aufbauend skizziert und bündelt der Beitrag in dem Wissen kontextbedingter Definitionsprobleme des Alters prototypische Erkrankungsrisiken und Diagnosen. Abschließend sollen individuelle Voraussetzungen einerseits und strukturell gesellschaftliche Bedingungen anderseits diskutiert werden, die ein gelingendes Altern trotz Krankheit befördern oder aber gefährden können.
Stefan Pohlmann
40. Diversität von Gesundheit und Krankheit im Kinder- und Jugendalter
Zusammenfassung
Debatten über die Gesundheit in der Lebensphase Kindheit und Jugend rücken in den letzten 15 Jahren verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit, Wissenschaft und Politik. Inzwischen gelten Kindheit und Jugend als gesundheitlich vulnerable Phasen mit prägender Wirkung für den weiteren Lebensverlauf. Der Beitrag gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil werden kinder- und jugendbezogene Daten zur Morbidität und Mortalität präsentiert und gezeigt, wie sich der Gesundheitsstatus im Übergang von der Kindheit ins Jugendalter verändert. Im zweiten Teil werden empirische Befunde zum Gesundheitsverhalten präsentiert, wobei der Substanzkonsum und das Risikoverhalten im Vordergrund stehen. Im dritten Teil werden theoretische Modelle aus den Jugend- und Gesundheitswissenschaften diskutiert, um die empirischen Ergebnisse analysieren und einordnen zu können.
Horst Hackauf, Gudrun Quenzel
41. Behinderung und Gesundheit
Zusammenfassung
Menschen mit Behinderungen sind durch körperliche, seelische, geistige oder sensorische Beeinträchtigungen in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren in der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft eingeschränkt. Bei einer geistigen Behinderung sind insbesondere die kognitiven und adaptiven Fähigkeiten betroffen. Personen mit Behinderungen sind besonders anfällig für körperliche Krankheiten, chronische Schmerzzustände und psychische Störungen. In der Behandlung von Menschen mit geistiger Behinderung sollte das biopsychosoziale Krankheitsmodell um die emotionale Entwicklungskomponente erweitert werden, um die individuell erwartbaren Verhaltensweisen als Ausgangspunkt zu kennen. Die Therapie findet nach denselben Grundsätzen wie bei Menschen ohne Behinderung statt, wobei neben medikamentösen auch pädagogisch-psychotherapeutische Methoden angewandt und das Lebensumfeld einbezogen werden sollten. Die individuellen, behinderungsbedingten Besonderheiten sind in der Praxisorganisation, der Kommunikation und der Behandlung zu berücksichtigen, um eine bestmögliche gesundheitliche Versorgung zu ermöglichen.
Tanja Sappok
42. Arbeitslosigkeit und Gesundheit
Zusammenfassung
Das Kapitel gibt einen Überblick über die wichtigsten Ergebnisse der Forschung zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit. Wesentliche Befunde sind, dass Arbeitslosigkeit nicht nur mit eingeschränkter Gesundheit einhergeht, sondern diese auch verursacht. Der Effekt ist von hoher Bedeutsamkeit für die Betroffenen und die öffentliche Gesundheitsversorgung, da Arbeitslosigkeit beispielsweise mit einer Verdoppelung des Risikos behandlungsbedürftiger psychischer Störungen einhergeht. Wirkmechanismen, die den negativen Effekt von Erwerbslosigkeit mediieren, sind bei der psychischen Gesundheit neben finanziellen Problemen insbesonder ein Mangel an sog. latenten Funktionen der Erwerbsarbeit, die durch den Verlust einer Stelle verloren gehen (Zeitstruktur, Status, Sozialkontakt, Sinnvermittlung, Aktivität, Kompetenz). Bei der körperlichen Gesundheit sind physiologische Stresswirkungen, Änderungen des Gesundheitsverhaltens sowie negative gesundheitliche Auswirkungen von Armut als Wirkfaktoren bedeutsam.
Karsten I. Paul, Andrea Zechmann
43. Bildung und Gesundheit
Zusammenfassung
Bildung zählt zu den zentralen sozialen Determinanten von Gesundheit. In modernen Gesellschaften weisen besser gebildete Bevölkerungsgruppen in der Regel geringere Krankheitsrisiken sowie eine durchschnittlich höhere Lebenserwartung auf. Die Daten der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA 2014/2015-EHIS) zeigen, dass Männer und Frauen mit niedriger Bildung ihren allgemeinen Gesundheitszustand schlechter einschätzen und häufiger von gesundheitlichen Einschränkungen berichten als Personen mit hoher Bildung. Erkrankungen wie Diabetes, koronare Herzkrankheit und Depressionen treten bei Personen mit niedriger Bildung deutlich häufiger auf als bei Höhergebildeten. Bildungsunterschiede zeichnen sich auch für die meisten gesundheitlichen Risikofaktoren ab. So nimmt z. B. der Anteil der Personen, die von Bluthochdruck und Adipositas betroffen sind, mit sinkendem Bildungsniveau zu. Personen mit hoher Bildung weisen hingegen ein gesünderes Bewegungs- bzw. Ernährungsverhalten auf und rauchen seltener. Angesichts dieser Zusammenhänge erscheint es auch aus Public-Health-Sicht sinnvoll, gezielt in Bildung zu investieren, Bildungschancen zu verbessern und bestehende Bildungsungleichheiten abzubauen.
Benjamin Kuntz, Julia Waldhauer, Claudia Schmidtke, Thomas Lampert
44. Sozialraum und Gesundheit
Zusammenfassung
Die Bedeutung von Sozialräumen als Lebenswelten und Planungsräume wird in den Gesundheitswissenschaften zunehmend erkannt. Sowohl auf theoretischer als auch empirischer Ebene sind Zusammenhänge bekannt und können mit verschiedenen quantitativen und qualitativen Methoden beschrieben werden. Der Beitrag stellt einleitend Zusammenhänge zwischen Sozialraum und Gesundheit dar, behandelt relevante Methoden der Sozialraumanalyse und erläutert die Bedeutung von Umweltfaktoren als Ursache für Morbidität und Mortalität sowie Unterschiede in der Gesundheitsversorgung zwischen Stadt und Land. Abschließend werden verhältnispräventive Strategien thematisiert, bei denen Partizipation und Empowerment eine bedeutende Rolle zukommen. Auf dieser Grundlage können unter Nutzung verschiedener Politikfelder Verhältnisse geschaffen werden, in denen ein gesundes Leben für alle möglich ist.
Heike Köckler
45. Migration und Gesundheit – Gestaltungsmöglichkeiten von Gesundheitsversorgung und Public Health in diversen Gesellschaften
Zusammenfassung
Der Zusammenhang zwischen Migration und Gesundheit ist vielschichtig. In aktuellen Erklärungsmodellen werden verschiedene Determinanten und Dimensionen angeführt, die über den Lebenslauf von Migranten zu gesundheitlichen Vor- und Nachteilen führen können. Gesundheitsversorgung und Public Health in einem Einwanderungsland wie Deutschland müssen diese gesundheitlichen Unterschiede beachten und – neben den bei besonderen Risikokonstellationen notwendigen gezielten Maßnahmen für Migranten – sich insgesamt so ausrichten, dass sie der Diversität der Bevölkerung gerecht werden. Besondere Chancen bieten dabei Ansätze, die im Rahmen von integrierten kommunalen Strategien zur Gesundheitsförderung die Bedarfe der Menschen in ihren Lebenswelten aufgreifen.
Jacob Spallek, Maria Schumann, Anna Reeske-Behrens

Gesundheitssystem- und Versorgungsforschung

Frontmatter
46. Grundlagen der Versorgungsforschung
Zusammenfassung
In der Versorgungsforschung wird die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung unter Alltagsbedingungen untersucht. Wissenschaftliche Fragestellungen umfassen medizinische, gesundheitsökonomische, patientenorientierte, system-, leistungs-, und qualitätsbezogene Themen. Fragestellungen können dabei sowohl deskriptiver als auch analytischer Natur sein. In der Versorgungsforschung werden häufig komplexe Interventionen, z.B. Behandlungskonzepte mit mehreren Therapiekomponenten, implementiert. Das Design von Studien in der Versorgungsforschung orientiert sich an der Fragestellung, am Setting und an den verfügbaren Primär- und/oder Sekundärdaten. Da randomisierte Studien nicht immer möglich sind, werden alternativ clusterrandomisierte Designs oder Designs mit gematchter Kontrollgruppe implementiert. Für eine gute Übertragbarkeit der Ergebnisse auf größere Patientengruppen ist es wichtig, dass typische Vertreter der Patientengruppe nicht von der Forschung ausgeschlossen werden.
Neeltje van den Berg, Wolfgang Hoffmann
47. Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen des deutschen Gesundheitssystems
Zusammenfassung
In vielen Forschungs- und Arbeitskontexten spielt die Erhebung und Bewertung der Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen des Gesundheitssystems eine wichtige Rolle. Die Datenlage zu diesem Thema kann in Deutschland als sehr gut bewertet werden. Dennoch haben Forscher und Praktiker teilweise Schwierigkeiten, die für ihre Fragstellung passenden Daten zu finden. Eine wichtige Ursache dafür ist das stark fragmentierte Gesundheitssystem, in dem häufig nur die Daten für spezifische Leistungen erhoben und veröffentlicht werden. Das Ziel dieses Beitrags besteht darin, dem Leser zur Recherche nach Daten über die Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheitswesens einen ersten Überblick zu geben und zentrale Daten zur Inanspruchnahme der Leistungen darzustellen. Betrachtet werden alle für das Gesundheitssystem relevanten Dienst-, Sach- und Geldleistungen des SGB V, SGB IX, SGB XI und SGB XII. Darüber hinaus werden wichtige Datenquellen für eine vertiefende Recherche und Auswertung vorgestellt.
Ralf Tebest, Andreas Bergholz, Stephanie Stock
48. Ambulante Versorgungsleistungen
Zusammenfassung
Der Erstkontakt mit dem medizinischen Versorgungssystem erfolgt meist über niedergelassene Ärzte. Sie koordinieren rund zwei Drittel der Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung. Die vertragsärztliche Versorgung unterliegt der kollektivvertraglichen Steuerung auf zwei Ebenen: Der Gemeinsame Bundesausschuss bestimmt den leistungsrechtlichen Rahmen, Richtlinien der Bedarfsplanung und Vorgaben der Qualitätssicherung. Gebührenordnung und Maßstäbe zur Weiterentwicklung der Vergütung gibt der Bewertungsausschuss vor. In diesem Rahmen schließen die 17 Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) mit den Verbänden der Krankenkassen Gesamtverträge, in denen Art und Umfang der notwendigen Versorgung und die dafür zu entrichtende Gesamtvergütung konkret vereinbart werden. Die KVen übernehmen die Honorarverteilung an die Vertragsärzte und die Sicherstellung der Versorgung. Damit folgt das Kollektivvertragssystem dem Solidarprinzip, nach dem jeder Versicherte unabhängig von finanzieller Leistungsfähigkeit, Krankenkassenmitgliedschaft oder Wohnort gleichen Zugang zu notwendiger medizinischer Versorgung haben soll. Der Beitrag beleuchtet die Strukturkonstanten des Kollektivvertragssystems sowie Funktionen und Herausforderungen, die sich in der Vergütung, der Bedarfsplanung und Sicherstellung sowie der Leistungssteuerung ergeben.
Dominik Graf von Stillfried
49. Stationäre Versorgungsleistungen
Zusammenfassung
Gegenstand dieses Kapitels sind stationäre Krankenhausleistungen in Deutschland. Der Beitrag gibt einen Überblick über die Ressourcen und Rahmenbedingungen der Leistungserstellung, geht auf zentrale Leistungsmerkmale ein und präsentiert Daten zur Leistungsinanspruchnahme und Versorgungsqualität. Deutschland besitzt gute infrastrukturelle Grundlagen für ein stationäres Versorgungsangebot, das wohnortnah ist und moderne Diagnose- und Therapieverfahren auf hohem Niveau zugänglich macht. Abschließend werden Verbesserungspotenziale in der Versorgungsqualität thematisiert.
Johannes Staender
50. Versorgungsleistungen in der Rehabilitation
Zusammenfassung
Rehabilitative Versorgungsleistungen sind vor allem im Kontext von chronischer Krankheit und Behinderung bedeutsam. Ziel ist es, Betroffenen die Möglichkeit zur gleichberechtigten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu geben. Maßgeblich für das Verständnis von Behinderung und somit auch für das Verständnis von Rehabilitation sind sowohl die ICF als auch die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Mit Inkrafttreten des Bundesteilhabegesetzes befindet sich das Rehabilitationssystem in Deutschland derzeit in seinem größten Umbruch seit der Einführung des Sozialgesetzbuchs Nummer Neun (SGB IX) im Jahr 2001. Zu den wichtigsten rehabilitativen Versorgungsleistungen gehören die medizinische, berufliche und soziale Rehabilitation. Sie werden in interprofessionellen Teams durchgeführt und basieren auf einer umfassenden problemorientierten Diagnostik. Nachsorgende Leistungen dienen der Sicherung positiver Effekte von Rehabilitation. Umfassende Qualitätssicherungsprogramme tragen darüber hinaus zur Entwicklung hoher wissenschaftlicher Rehabilitationsstandards bei. Vor dem Hintergrund der Bevölkerungsalterung und des Anstiegs chronischer Erkrankungen ist ein zunehmender Bedarf an rehabilitativen Leistungen zu erwarten.
Franziska Becker, Matthias Morfeld
51. Versorgungs- und Hilfesysteme für Menschen mit psychischen Erkrankungen und psychosozialem Hilfebedarf in Deutschland
Zusammenfassung
Der gewachsene Bedarf an Unterstützung bei psychischen Beeinträchtigungen und Erkrankungen stellt das deutsche Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen. Das Versorgungs- und Hilfesystem für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder psychosozialem Hilfebedarf in Deutschland ist umfangreich, jedoch auch komplex und mitunter sowohl für Hilfesuchende als auch für deren Angehörige und die leistungserbringenden Berufsgruppen schwer zu durchschauen. Um die notwendigen Vernetzungen und Kooperationen der an der Versorgung Beteiligten, die Transparenz nach außen und somit eine optimierte Versorgung zu begünstigen, wird hier ein Überblick über die entsprechenden Versorgungsstrukturen gegeben. Berücksichtigt werden müssen dabei auch die rechtlichen Grundlagen, die unterschiedlichen in diesem Sektor tätigen Berufsgruppen und -bezeichnungen, die klinischen Angebote im ambulanten, teilstationären und stationären Sektor, sowie die vielfältigen außerklinischen Hilfeleistungen.
Frank Jacobi, Stefanie L. Kunas, Maria L. D. Annighöfer, Stefan Sammer, Thomas Götz, Gabriel Gerlinger
52. Versorgungsleistungen in der Pflege

Derzeit leben in Deutschland rund 3 Mio. Pflegebedürftige, deren Zahl durch eine steigende Zahl Hochaltriger mit höherer Pflegewahrscheinlichkeit bis 2050 voraussichtlich auf rund 5 Mio. steigen wird. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über wesentliche Kennzahlen der Pflegestatistik und zeigt mit der Pflege assoziierte demografische Entwicklungen auf. Neben dem Begriff der Pflegebedürftigkeit und dem Neuen Begutachtungsassessment werden Pflegeleistungen der stationären und häuslichen Pflege nach SGB XI im Überblick dargestellt. Besonders berücksichtigt werden dabei Leistungen, die Pflegebedürftigen ein selbstbestimmtes Leben im heimischen Umfeld ermöglichen, relevante Aspekte altersgerechter Wohnumgebungen sowie die soziale Sicherung von Pflegepersonen. Darüber hinaus werden Defizite im Bereich der Health Literacy in der Pflege beleuchtet und abschließend das Thema Demenz als häufigster Grund für eine eingeschränkte Alltagskompetenz aufgegriffen.

Elke Peters, Sascha Köpke
53. Evidenz in der Gesundheitsversorgung: Die Forschungspyramide
Zusammenfassung
Um die medizinische und therapeutische Versorgung von Patienten kontinuierlich zu optimieren, wird von Angehörigen der Gesundheitsberufe, therapeutischen Teams und Versorgungseinrichtungen gefordert, wissenschaftliche Erkenntnisse (externe Evidenz) in die tägliche Praxis zu integrieren und auf den jeweiligen Patientenfall abzustimmen. Die Aufbereitung, Systematisierung und Bewertung der externen Evidenz orientiert sich dabei klassischerweise an eindimensionalen Evidenzhierarchien, die vorwiegend quantitativ-experimentelle Studiendesigns berücksichtigen. In diesem Beitrag wird die Orientierung an klassischen eindimensionalen Evidenzhierarchien kritisch hinterfragt. Als Alternative wird das Modell und die Systematik der Forschungspyramide vorgestellt, die Evidenz aus unterschiedlichen Forschungsansätzen umfassend berücksichtigt und dennoch methodologisch streng beurteilt. Der Einbezug beobachtender und qualitativer Studien stellt dahingehend eine besondere Praxisnähe her.
Bernhard Borgetto, George S. Tomlin, Susanne Max, Melanie Brinkmann, Lena Spitzer, Andrea Pfingsten

Gesundheitsökonomie

Frontmatter
54. Grundlagen der Gesundheitsökonomik
Zusammenfassung
Die Gesundheitsökonomik beschreibt, erklärt und bewertet die Knappheit an Gesundheit und Gesundheitsdienstleistungen. Als Handlungswissenschaft entwickelt sie Empfehlungen, wie durch den effizienten Einsatz der Ressourcen und Technologien Gesundheitsdienstleistungen erstellt werden sollen, die einen möglichst hohen Beitrag zur Gesundheit der Bevölkerung leisten. Hierfür analysiert die Gesundheitsökonomik Angebot und Nachfrage an Gesundheitsdienstleistungen, Leistungserstellung, Finanzierung, Märkte sowie Steuerungsmechanismen. Darauf aufbauend entwickelt sie Vorschläge, wie mit gegebenen Ressourcen eine bessere Gesundheitsversorgung bzw. die gegebene Versorgung mit weniger Ressourcen erreicht werden kann. Damit erhöht sie die Transparenz der Entscheidung. Das Spektrum gesundheitsökonomischer Forschung reicht vom Management von Gesundheitsdienstleistern, der gesundheitsökonomischen Bewertung von medizinischen Interventionen über das Design von nationalen Gesundheitssystemen bis zur globalen Gesundheit. Das Forschungsziel bleibt jedoch stets die Verbesserung der Gesundheit durch einen rationalen Mitteleinsatz.
Steffen Flessa
55. Gesundheitsökonomische Evaluation
Zusammenfassung
Gesundheitsökonomische Evaluationen sind eine Methode, Gesundheitsleistungen – neben medizinischen, rechtlichen, ethischen oder sozialen Aspekten – auch wirtschaftlich zu bewerten. Unter vergleichenden gesundheitsökonomischen Evaluationen versteht man die Analyse verschiedener Gesundheitsleistungen hinsichtlich des Ressourceneinsatzes – der Kosten – und der Effekte der Gesundheitsleistungen. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei die inkrementelle Analyse einer neuen im Vergleich zu einer bereits eingesetzten Gesundheitsleistung. Als wesentliches Maß für die Wirtschaftlichkeit wird die inkrementelle Kosten-Effektivitäts-Relation verwendet, die angibt, wie viel eine neue Gesundheitsleistung im Vergleich zur bisherigen mehr kostet, um eine zusätzliche Einheit des Effektes zu erzielen. Das wichtigste Maß zur Messung der Effekte ist das qualitätsgleiche Lebensjahr (QALYs), das Auswirkungen auf Lebensdauer und Gesundheitszustand auf Basis von Präferenzen in einem Index zusammenfasst.
Thomas Hammerschmidt
56. Evidenzbasierung in den Gesundheitsberufen

Der Erwerb von Kompetenzen für eine evidenzbasierte Praxis (EbP) in den Gesundheitsberufen ist zunehmend unabdinglich. Zahlreiche Untersuchungen zeigen jedoch, dass eine EbP sowohl in Deutschland als auch international nicht ausreichend umgesetzt ist. Eine Vielzahl von Barrieren der Implementierung wurde identifiziert, wie der mangelnde Zugang zur Kompetenzaneignung oder die Arbeitsbedingungen, die EbP behindern sowie fehlende zeitliche Ressourcen. Angehörige von Gesundheitsberufen erachten eine EbP prinzipiell als Grundlage ihrer professionellen Praxis. Folgerichtig sind die Prinzipien einer EbP in Deutschland inzwischen curricularer Bestandteil sowohl der beruflichen Ausbildung an Fachschulen sowie der akademischen Ausbildung an Fachhochschulen und Universitäten. Es gilt daher vor allem strukturelle und organisationale Faktoren zu adressieren, um die derzeit unzureichende Einführung von Forschungswissen in die Praxis zu fördern.

Gabriele Meyer, Sascha Köpke
57. Ethik im Gesundheitswesen
Zusammenfassung
Neben medizinischen Bewertungen (z. B. Nutzen einer therapeutischen Maßnahme) sind ethische Bewertungen im Gesundheitswesen unvermeidbar. Diese beruhen auf ethischen Werten und Normen wie beispielsweise Selbstbestimmung, Fürsorge, Gerechtigkeit oder Ehrlichkeit. Eine Ethik im Gesundheitswesen beschäftigt sich theoretisch und praktisch mit solchen Bewertungen. Dabei wird „Ethik im Gesundheitswesen“ als interdisziplinär geprägte Medizinethik im weitesten Sinne verstanden, deren Themen und Fragestellungen sich drei Kerndisziplinen (Klinische Ethik, Public Health Ethik, Forschungsethik) und mehreren peripheren Disziplinen (z. B. Tierethik, Technikethik oder Wirtschaftsethik) zuordnen lassen. Die Ziele und Tätigkeiten einer so verstandenen Ethik umfassen u. a. Theorieentwicklung, Translation von Erkenntnissen in die Praxis und die Mitwirkung an der (Selbst)-Regulierung des Gesundheitswesens. Dabei kommen verschiedene Bewertungsmethoden sowie philosophische und empirische Forschungsmethoden zum Einsatz.
Marcel Mertz
58. Public Health Ethik
Zusammenfassung
Public Health Ethik befasst sich mit Entscheidungen und Abwägungsprozessen, die in Bezug auf bevölkerungsbezogene Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung getroffen werden. Zentrale Kriterien für die Abwägung sind der Nutzen einer Maßnahme, Fragen der Gerechtigkeit und der Respekt vor der Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürger. Public Health Maßnahmen sind ethisch in einem Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Selbstbestimmung zu verorten. Dabei geht es stets auch um die ethisch zu ziehenden Grenzen individuellen Handelns bei einem erwarteten Schaden für Dritte oder die Allgemeinheit. An Hand der zwei Beispielfelder „Rauchen“ und „genetisches Screening“ werden diese Abwägungen exemplarisch skizziert.
Julia Inthorn, Lukas Kaelin, Christian Apfelbacher
59. Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung im Gesundheitswesen
Zusammenfassung
Qualitätsmanagement dient der Entwicklung von Organisationen, z. B. eines Krankenhauses. Es handelt sich um eine Methodik und Managementphilosophie, um die Strukturen, Prozesse und Ergebnisse der Organisation kontinuierlich zu prüfen und zu verbessern. Das klinische Risikomanagement stellt zusätzlich zum Qualitätsmanagement einen festen Bestandteil der Unternehmenspolitik dar. Im Risikomanagement werden proaktive und reaktive Instrumente und Methoden unterschieden. Patientensicherheit ist dabei ein fundamentales Prinzip im Gesundheitswesen und kann nur erreicht werden durch eine offene Sicherheitskultur, in der wir den Weg des Voneinander-Lernens einschlagen und Fehler als Chance verstehen, statt Schuldige zu suchen. Externe Qualitätssicherungsverfahren bestehen in Deutschland seit 1996 als gesetzliche Verpflichtung, wodurch beispielsweise Krankenhäuser verpflichtet sind, einen jährlichen Qualitätsbericht zur Darstellung des Stands der Qualitätssicherung zu veröffentlichen. Der vorliegende Beitrag behandelt sowohl Sinn, Ziele und Methoden des Qualitäts- und Risikomanagements als auch Inhalte und Benchmarkmöglichkeiten der externen Qualitätssicherung. Das gemeinsame Ziel hierbei ist die kontinuierliche Erhöhung der Patientensicherheit, denn bei allen noch so ausgefeilten Managementmethoden im Gesundheitswesen steht selbstverständlich der Patient im Zentrum des Geschehens.
Rainer Petzina, Kai Wehkamp
60. Betriebliches Gesundheitsmanagement

Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) ist ein Gesamtsystem von Handlungsfeldern zum Wohle der Gesundheit und dem Erhalt der Leistungsfähigkeit von Organisationsteilnehmern. Es wird zunehmend wichtig, um den Herausforderungen der modernen Arbeitswelt wie das Faktum alternder Belegschaften, dem Fachkräftemangel und einer erforderlichen Arbeitgeberattraktivität zu begegnen. Das BGM hat sich auf Basis des salutogenetischen Begriffsverständnisses entwickelt und fand durch Regelungen des Arbeitsschutzes einen breiten Zugang in Betrieben. Heute ist der Arbeitsschutz eine von vier Säulen neben dem rechtlich erforderlichen Betrieblichen Eingliederungsmanagement, der Betrieblichen Gesundheitsförderung und der Suchtprävention. Um eine ganzheitliche Orientierung zu erreichen und mit allen Strategien und Maßnahmen glaubwürdig zu sein, wird BGM heute als eine Führungsaufgabe gesehen, die eine mögliche Beliebigkeit von Einzelmaßnahmen ablöst. Es ist dementsprechend strategisch zu verankern und umzusetzen sowie – in Anlehnung an den klassischen Managementkreislauf – zu evaluieren und ggf. anzupassen. Ein wirksames bzw. gelingendes BGM führt auf individueller Ebene zu einer Stärkung des Gesundheitsbewusstseins bzw. -verständnisses und auf betrieblicher Ebene zur Senkung der Gesundheitskosten.

Adelheid S. Esslinger

Gesundheitspolitik

Frontmatter
61. Ziele, Akteure und Strukturen der Gesundheitspolitik in Deutschland
Zusammenfassung
Die Aufgabe der Gesundheitspolitik besteht grundsätzlich darin, das Gesundheitssystem eines Landes so zu gestalten, dass für die Bürgerinnen und Bürger eine qualitativ hochwertige medizinische und pflegerische Versorgung bereitgestellt wird - und das nachhaltig finanzierbar. An der Umsetzung dieses Ziels sind viele Akteure im Gesundheitssystem beteiligt. Um deren Verhalten sinnvoll zu lenken, legt die Gesundheitspolitik die Rahmenregeln für das Gesundheitssystem fest. Dieses Kapitel gibt daher zunächst einen Überblick über die Ziele der Gesundheitspolitik im Allgemeinen sowie über die Akteure und die Rahmenregeln, die bei der gesundheitspolitischen Gestaltung eines Gesundheitssystems relevant sind. Die so entwickelte Struktur wird anschließend genutzt, um die wesentlichen Elemente der Gesundheitspolitik in Deutschland darzustellen. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt dabei auf der ambulanten und stationären Krankenversorgung.
Dirk Sauerland
62. Finanzierung der Gesundheitsversorgung

Das Nebeneinander von gesetzlicher (GKV) und privater Krankenvollversicherung (PKV) in Deutschland ist europaweit einzigartig. Die GKV gewährleistet nicht nur Risiko-, sondern auch Einkommenssolidarität. Die Schwächen der GKV-Finanzierung liegen vor allem in Gerechtigkeits- und Nachhaltigkeitsdefiziten. Die PKV kann durch die Orientierung am Äquivalenzprinzip nur ein Mindestmaß an Risikosolidarität gewährleisten. Die Kalkulation von Alterungsrückstellungen führt zudem zu einer Abhängigkeit vom Kapitalmarkt und macht einen Wechsel innerhalb der PKV nahezu unmöglich. Der Wechsel von überdurchschnittlich gesunden und einkommensstarken Versicherten in die PKV schwächt die Finanzierungsbasis der GKV. Unterschiedliche Vergütungssysteme in den beiden Versicherungssystemen führen zu einer bevorzugten Behandlung von privat versicherten Patienten und allokativen Fehlanreizen bei der Niederlassungsentscheidung von Ärzten. Ein höherer Anteil von Steuerfinanzierung könnte die Finanzierungsbasis in der GKV verbreitern. Eine Umstellung auf pauschale Beiträge würde die Einkommensumverteilung in das Steuersystem verlagern. Letztlich könnte im Rahmen einer Bürgerversicherung eine schrittweise Integration der beiden Versicherungssysteme erreicht werden.

Stefan Greß
63. Gesundheitsrecht
Zusammenfassung
Das Gesundheitsrecht ist eine vergleichsweise junge juristische Teildisziplin, die als querschnittsartig verlaufendes Rechtsgebiet unterschiedliche Rechtsbereiche und -materien vereint und deren Umfang und Abgrenzung noch wenig konturiert ist. Dabei regelt es im Wesentlichen die Aufgaben, Rechte und Pflichten der im Gesundheitswesen tätigen Akteure bzw. Institutionen, um so einen Rahmen für eine bedarfsgerechte, qualitätsorientierte und wirtschaftliche Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Im vorliegenden Beitrag werden die drei Protagonisten des Gesundheitswesens und ihre untereinander bestehenden Rechtsbeziehungen in den Fokus genommen; hierzu gehören die Kranken- und Pflegekassen als maßgebliche Kosten- und Leistungsträger des Gesundheitswesens, die Leistungserbringer sowie die Leistungsbezieher in ihrer Doppelrolle als Versicherte und Patienten. Dargestellt werden dabei die wichtigsten Leistungsansprüche der versicherten Patienten, die Zulassung und Honorierung der bedeutendsten Leistungserbringer sowie die vertraglichen Grundlagen des Behandlungsverhältnisses nebst den Maßgaben zur Patientenautonomie.
Peter Kostorz
64. Grundlagen der vergleichenden Gesundheitssystemforschung
Zusammenfassung
Die vergleichende Gesundheitssystemforschung bietet die Möglichkeit, auf Grundlage einer internationalen Perspektive, spezifische Fragestellungen und Aspekte der Gesundheitsversorgung zu analysieren. Der Beitrag gibt einen Überblick über entsprechende Konzepte und Methoden. Dabei werden Ziele, Entwicklungen sowie theoretische Grundlagen dargelegt. Zudem werden unter Fokussierung auf quantitative Analysen mögliche Indikatoren, verfügbare Datenquellen und deren Anwendbarkeit beschrieben. Eine abschließende Literaturübersicht zu aktuellen Gesundheitssystemvergleichen identifiziert Forschungsschwerpunkte. Dabei zeigt sich, dass die vergleichende Gesundheitssystemforschung vor allem durch eine zunehmende Datenverfügbarkeit ein potentes Instrumentarium für die gesundheitspolitische Entscheidungsunterstützung darstellt. Allerdings sind die Limitationen der methodischen Ansätze zu reflektieren und für eine tragfähige Entscheidungsfindung transparent zu berücksichtigen.
Michael Lauerer, Daniel Negele, Eckhard Nagel
65. Entwicklung der Gesundheitsfachberufe in Deutschland und ihr Beitrag zu einer bedarfsorientierten Gestaltung des Gesundheitssystems
Zusammenfassung
Die Gesundheitswissenschaften/Public Health öffnen sich mit diesem Beitrag für eine Integration der Gesundheitsfachberufe in Deutschland, welche sich aktuell in bedeutenden Professionalisierungsphasen befinden. Pflegende und Heilmittelerbringende sind mit ihrem Anteil an den Beschäftigten im Gesundheitswesen eine quantitativ bedeutsame Ressource für gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Der folgende Beitrag stellt sowohl die historische Entwicklung der fünf Gesundheitsfachberufe Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Hebammen entlang ausgewählter Meilensteine als auch die gegenwärtige Herausforderungen ihrer Professionalisierung vor. Vergleichend werden insbesondere ihre rechtliche Stellung im Gesundheitssystem herausgearbeitet und ihre Potenziale im Kontext von Public Health erläutert. Diese erweiterte Sicht auf Akteure im Gesundheitswesen eröffnet neue Perspektiven für Public Health. Im Verständnis der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann sich eine auf Bevölkerungsgesundheit bezogene Entwicklung durch dessen Fachkräfte als wesentliche Triebkraft für Veränderungen herausstellen. Für Deutschland bestehen hier Entwicklungspotenziale in Bezug auf ihre Professionalisierung sowie ihre Verbindung zu Public Health.
Heidi Höppner, Monika Zoege
66. Professionalisierung und Handlungsfelder in den Gesundheitsfachberufen
Zusammenfassung
Die Gesundheitsberufe professionalisieren sich. Professionen haben durch ihr Tätigkeitsfeld gesellschaftliche Relevanz, eine akademische Ausbildung und weitere Merkmale im Bereich Qualifikation, Gesundheitsversorgung und Berufsvertretung. Einige Merkmale sind in unterschiedlichem Maße bereits erfüllt bzw. in der Entwicklung. Die Professionalisierung wird über die Akademisierung vollzogen, welche aufgrund der sich ändernden Rahmenbedingungen notwendig ist. So nehmen die Komplexität in den Versorgungssituationen und der Grad an Interdisziplinarität zu. Hinzu kommen der Aufbau genuiner Forschung und Wissenschaft, die Vorbeugung des Fachkräftemangels, die Steigerung der Attraktivität der Berufe und die Wahrung der internationalen Anschlussfähigkeit. Durch die Akademisierung entstehen unterschiedliche Handlungsfelder, wobei der Bachelor in der Patientenversorgung arbeitet und die weitere Spezialisierung für das Masterstudium und die Promotion vorgesehen ist.
Susanne Klotz
67. Global Health – Entwicklung, Akteure und Herausforderungen
Zusammenfassung
Angesichts zunehmender Aufmerksamkeit für globale Herausforderungen erfährt auch der Begriff „Global Health“ zunehmend akademisches und politisches Interesse. Globale Gesundheit löst den Begriff der „internationalen Gesundheit“ ab und erfährt derzeit eine neue akademische Diskussion und den Versuch einer Begriffsbestimmung. Globale Gesundheit ist besonders verbunden mit transnationalen und internationalen Herausforderungen der Globalisierung wie Migration und Urbanisierung und stark angebunden an die globale politische Agenda-Setzung und die neuen Entwicklungsziele zur Nachhaltigkeit (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen. Akademische Studienangebote zur Professionalisierung von Fachkräften für globale Gesundheit sind in Deutschland noch selten und erst in der Entwicklung.
Silke Gräser
Backmatter
Metadaten
Titel
Gesundheitswissenschaften
herausgegeben von
Prof. Dr. Robin Haring
Copyright-Jahr
2019
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Electronic ISBN
978-3-662-58314-2
Print ISBN
978-3-662-58313-5
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-662-58314-2