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23.04.2019 | Stressbewältigung | Nachrichten

Wer pflegt, muss sich auch selbst pflegen!

Autor:
Dr. Dina Loffing

Ich muss jetzt erstmal an mich denken Das sagen sich die wenigsten Pflegekräfte. Doch auf Dauer ist es nicht möglich, andere gut zu pflegen, ohne gut für sich selbst zu sorgen. Diese Fähigkeit gilt es angesichts des hohen Drucks im Berufsalltag für sich selbst (neu) auszubauen.

Die Beanspruchungen, denen Pflegekräfte im ambulanten
wie stationären Bereich ausgesetzt sind, sind schon immer
größer als die in anderen Branchen. Sowohl die körperliche
und emotionale Nähe den zu Pflegenden gegenüber als auch die Verantwortung, die sie für deren Wohlergehen tragen, ist eine dauerhafte Beanspruchung. Häufig fühlen sich Menschen in sozialen Berufen stark verpflichtet, den Hilfebedürftigen all ihre Kraft zu geben. Dauerhaft anderen Kraft zu geben, ist jedoch nur möglich, wenn ich selbst bei Kräften bin und immer wieder auftanke. Sich zeitlich, psychisch und emotional abzugrenzen, ist in der Pflege schwer. Die Intensität der Beziehungen zu den zu Pflegenden und deren Angehörigen birgt ein Risiko – auch wenn die emotional aufgebaute Nähe gleichzeitig eine enorme Belohnung sein kann. Doch die große Nähe zu den zu Pflegenden ist nur einer von vielen
Faktoren, die für Pflegekräfte zur Belastungsprobe werden. Weitere Bedingungen können „stressend“ sein, beispielsweise:

  • Zu wenig Kollegen, häufige Personalausfälle und häufiges Einspringen
  • Zu wenig Zeit für die Patienten/Klienten
  • Zahlreiche Unterbrechungen im Tagesverlauf
  • Unklare Strukturen und Rahmenbedingungen
  • Hoher Erwartungsdruck (z.B. von Patienten, Angehörigen)
  • Fehlender Rückhalt im Team etc.

Stress ist kein Virus

Bei innerhalb der Pflege recht ähnlichen „Stress-Faktoren“ ist jedoch der individuelle Umgang mit diesen sehr unterschiedlich. Denn was wir als Stress bewerten, liegt an uns und den Ressourcen, die wir zur Verfügung haben. Sicherlich gibt es Rahmenbedingungen und auch bestimmte Anforderungen, die unveränderbar sind. In einem ersten Schritt ist es gut, für sich selbst zu differenzieren, welche Dinge veränderbar sind und welche nicht. Es lohnt sich nicht, Energie in schlechte Rahmenbedingungen zu stecken, auf die kaum Einfluss genommen werden kann. Vielmehr kann es als Ressource betrachtet werden, mit diesen Themen Frieden zu schließen, solange man Teil dieses Systems ist und seine Kraft in die veränderbaren Dinge zu stecken. Die eigene Einstellung und der Umgang mit den alltäglichen Herausforderungen bleiben immer wieder neu beeinflussbar. Ob eine Beanspruchung zur Belastung wird, hängt also zum einen von der eigenen Bewertung ab. Zum anderen können wir uns umso besser selbst schützen, je mehr Ressourcen wir zur Verfügung haben.

Phasenmodell der Erholung (in Anlehnung an H. Allmer) © Dr. Dina Loffing

Dabei können Ressourcen alle Fähigkeiten, Stärken, Menschen oder Orte sein, die uns gut tun. Die meisten Menschen haben eine Fülle solcher Schätze – viel zu oft jedoch in der Schublade versteckt. Es ist wichtig, sich eigene Ressourcen bewusst zu machen. 

Nur mit Distanz ist Erholung möglich 

In Forschungen zu Belastung und Stressbewältigung in der Pflege wird als in der Praxis kaum zu erreichendes Ideal immer wieder von der „distanzierten Anteilnahme“ gesprochen. Gemeint ist hier die Fähigkeit, sich in der Arbeit mit Menschen empathisch und anteilnehmend auf diese einzulassen, gleichzeitig jedoch eine psychische Distanz zu wahren. Die große Notwendigkeit dieser Fähigkeit wird auch im klassischen Phasenmodell der Erholung deutlich (Abb. 1). In diesem Modell wird gezeigt, dass nach jeder Phase der Beanspruchung (das kann ein Arbeitstag sein, eine Arbeitswoche, eine Phase von Missverständnissen im Team o.ä.) eine Phase der Erholung folgen muss. Nur dann ist der Mensch wieder „voll aufgetankt“, um für die nächste Phase der Beanspruchung gewappnet zu sein. Wie Erholung in der Praxis aussieht, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Während der eine Bewegung und Sport braucht, ist für den anderen ein Saunagang, ein Abend mit Freunden
oder ein gutes Buch entspannend. Das Wichtigste dabei ist jedoch stets, sich im ersten Schritt der Erholung von dem zu distanzieren, was vorher gewesen ist – räumlich, geistig, emotional. Denn nur dann ist Regeneration im zweiten Schritt möglich. Je bewusster dabei die eigene Grenze gesetzt wird, umso klarer kann der Körper auf Erholung umstellen.

Soziales Bewusstsein © Dr. Dina Loffing

Raus aus dem „bewusstlosen“ Alltag

Eigentlich wissen wir alles: Was uns gut tut, was wir brauchen, was uns schadet. Doch unseren Alltag verbringen wir erschreckenderweise zum größten Teil „bewusstlos“ und laufen und funktionieren im Hamsterrad ohne nachzudenken. Um das Bewusstsein für sich selbst zu schärfen, aber auch für die Notwendigkeit der Selbstpflege für die Pflege anderer, kann das Modell der emotionalen Intelligenz (Abb. 2) dienen. Emotionale Intelligenz bezeichnet unser Vermögen, uns selbst und unsere Beziehungen zu anderen effektiv zu steuern. Dabei besteht das Modell wie in einem Baukasten-System
aus vier aufeinander aufbauenden Teilen: 

Selbstreflexion: Ich muss mich in die Lage versetzen können, immer wieder bewusst stehen zu bleiben und darüber nachzudenken, wo ich gerade stehe, womit es mir gut geht und womit nicht, was ich gut gemacht habe oder was ich anders möchte.

Selbstmanagement: Ein bewusstes Selbstmanagement setzt voraus, dass ich meine Ziele, Prioritäten und Werte klar vor Augen habe. So werde ich mir nur dann aktiv Zeit für Sport nehmen und pünktlich Feierabend machen, um mich mit Freunden zu treffen, wenn ich für mich definiert habe, dass Bewegung und Freunde mir wichtiger sind als beispielsweise der berufliche Aufstieg oder die Erwartungen von Kollegen zu erfüllen.

Soziales Bewusstsein (Empathiefähigkeit): Mit unserem sozialen Bewusstsein stellen wir uns auf die Andersartigkeit unserer Mitmenschen ein und versuchen, sie dort abzuholen, wo sie gerade stehen.

Soziale Kompetenzen: Mit unseren sozialen Kompetenzen wie Kommunikations- oder Konfliktfähigkeit steuern wir schließlich unsere Beziehungen zu anderen Menschen.

Das Modell der emotionalen Intelligenz zeigt, dass wir bei aller Beziehungs-, Kommunikations- und Pflegearbeit bei uns selbst beginnen müssen. Wir können unseren Mitmenschen – beruflich wie privat – nur dann offen und empathisch entgegentreten, wenn wir mit uns selber offen, klar und zugewandt umgehen. Im ersten Schritt mag dies anstrengend sein. Doch die lohnendste Arbeit ist die mit sich selbst – für uns und alle anderen, die uns wichtig sind.
In vielen Konzepten der Achtsamkeit ist zu lesen „Nimm Dir jeden Tag ein wenig Zeit für Dich selbst“. Nur wenn wir uns selbst wichtig nehmen und uns selbst immer wieder an erster Stelle sehen, wird uns dies gelingen. Dabei ist es für alle Menschen wünschenswert, dass sie gut für sich selbst sorgen. Doch die Menschen, die zusätzlich auch noch andere Menschen versorgen und pflegen – diese müssen zuerst für sich selbst sorgen.

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