Zum Inhalt

Perfekt inszeniert auf Social Media Wie sozialer Vergleich Kinderwünsche bremst

Viele Eltern wünschen sich mehr Kinder – entscheiden sich jedoch dagegen, weil sie das Gefühl haben, mit anderen Familien nicht mithalten zu können. Der soziale Vergleich wird auf Social Media zusätzlich befeuert. Das wirkt sich auch auf die Geburtenrate aus.

Eine aktuelle Studie aus Mannheim zeigt: Der Wettbewerb um die bestmögliche Bildung der Kinder und der ständige Vergleich mit anderen Familien führen dazu, dass Eltern weniger Kinder planen und bekommen. Die im Fachjournal Brookings Papers on Economic Activity veröffentlichte Untersuchung analysiert, warum in vielen Ländern trotz eines grundsätzlichen Kinderwunsches immer weniger Kinder geboren werden. Laut den Studienautor*innen spielen nicht nur finanzielle Belastungen oder fehlende Betreuungsangebote eine Rolle. Es ist vor allem der gesellschaftliche Druck, in jedes einzelne Kind möglichst viel investieren zu müssen – etwa in Bildung, außerschulische Aktivitäten oder private Förderung.

Soziale Medien verstärken den Vergleich

Ein Treiber dieses wachsenden Drucks sei die zunehmende Bedeutung sozialer Medien, insbesondere sogenannter „Momfluencer“. Sie präsentieren auf Plattformen wie Instagram oder TikTok idealisierte Bilder moderner Elternschaft: kreative Frühförderung, selbstgekochtes Bio-Essen, perfekt gestaltete Kinderzimmer. „In vielen Ländern gilt es inzwischen als notwendig, viel Geld und Zeit in die Förderung eines Kindes zu investieren, damit es mithalten kann. Das verändert, wie Familien über Kinder nachdenken – und wie viel Nachwuchs sie in Erwägung ziehen“, erklärt Studienautorin Prof. Michèle Tertilt. Der gesellschaftliche Druck auf Eltern führe demnach nicht nur zu Stress und finanzieller Belastung, sondern könne langfristig auch zu einem Bevölkerungsrückgang beitragen. Besonders ausgeprägt sei dieser Effekt in Gesellschaften mit sogenannten High-Stakes-Prüfungen – also Schulsystemen, in denen Testergebnisse maßgeblich über Bildungswege und Zukunftschancen entscheiden, etwa in Südkorea oder den USA.

Bildung als Schlüsselfaktor

Im Zentrum der Studie steht ein ökonomisches Modell, das simuliert, wie Familien Entscheidungen über Kinderzahl und Investitionen in Zeit, Geld und Energie treffen. Das Ergebnis: Je stärker der soziale Vergleich, desto höher der Investitionsdruck pro Kind – und desto niedriger die Geburtenrate.

Ergänzt wird das Modell durch empirische Analysen. Sie zeigen unter anderem, dass in Ländern, in denen Eltern besonders große Sorgen um die Bildung ihrer Kinder haben und viel eigenes Geld investieren, die Geburtenraten besonders niedrig sind. Dazu zählen unter anderem Südkorea und die USA. Auch innerhalb der USA lässt sich dieser Zusammenhang beobachten: In Regionen mit hoher sozialer Vernetzung ist die Kinderzahl geringer – selbst bei vergleichbaren Einkommen. Umgekehrt weisen eher ländliche Regionen mit weniger intensivem Vergleichsverhalten und geringerem Bildungswettbewerb höhere Geburtenraten auf.

Aus Sicht der Forschenden könnten politische Maßnahmen, die den Vergleichsdruck reduzieren, dazu beitragen, dass Eltern sich eher für Kinder entscheiden. Dazu zählen etwa Reformen von Prüfungs- und Bewertungssystemen sowie der Ausbau öffentlicher Bildungs- und Förderangebote. Auch ein offener gesellschaftlicher Diskurs darüber, wie viel elterliche Investition sinnvoll und notwendig ist, könnte helfen, realistischere Erwartungen zu fördern.

uni-mannheim.de

Bildnachweise
Mutter und Tochter umarmen sich zu Hause auf dem Bett/© ANNA SUNGATULINA / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodellen)