Medikalisierung und Desinformation Insta, TikTok & Co: Social Media prägt verstärkt elterliche Entscheidungen
- 10.03.2026
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Soziale Medien beeinflussen zunehmend, wie Eltern die Versorgung ihrer Säuglinge gestalten. Damit wachsen auch die Risiken durch Desinformation, Vertrauensverlust und veränderte Dynamiken in der Beziehung zu den Familien.
Sorgen wegen anhaltenden Weinens, Unruhe, Stillproblemen oder Schlafstörungen veranlassen viele Eltern, in den ersten Lebensmonaten ihres Kindes professionelle Hilfe zu suchen. In Ländern mit hohem Einkommen steht ihnen eine breite Palette an Ansprechpersonen zur Verfügung: Hebammen, Stillberaterinnen, Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachrichtungen, Apotheker*innen, Logopäd*innen, Physiotherapeut*innen, Chiropraktiker*innen, Osteopath*innen – und nicht zuletzt digitale Informationsquellen. Dieser niederschwellige Zugang kann entlastend wirken, erhöht jedoch zugleich die Wahrscheinlichkeit widersprüchlicher oder uneinheitlicher Empfehlungen.
Zugleich begünstigt er Entwicklungen, die als Medikalisierung und Paramedikalisierung beschrieben werden. Von Medikalisierung spricht man, wenn normales Säuglingsverhalten als pathologisch eingeordnet und als medizinisches Problem behandelt wird. Paramedikalisierung bezeichnet die Vermarktung nicht evidenzbasierter, häufig kommerziell beworbener Alternativbehandlungen ohne gesicherten Wirknachweis. Solche Interventionen konzentrieren sich häufig ausschließlich darauf, das Verhalten des Säuglings zu „behandeln“, als wäre es pathologisch. Gleichzeitig verstärken sie unbeabsichtigt die elterliche Sorge.
Als Beispiel führen Lotta Immeli von der Universitätsklinik Helsinki, und zwei Mitautorinnen in ihrer Übersichtsarbeit den deutlichen Anstieg von Zungen- und Lippenbanddurchtrennungen an, die insbesondere in den USA und Australien im Zusammenhang mit Stillproblemen vorgenommen werden. Parallel dazu wurde eine Zunahme von Diagnosen wie gastroösophagealem Reflux, allergischer Kolitis und Ankyloglossie beobachtet. „Aus epidemiologischer Perspektive ist es unwahrscheinlich, dass derart rasche Veränderungen eine tatsächliche Variation der Krankheitsprävalenz widerspiegeln“, so Immeli et al. Vielmehr deuteten sie auf eine wachsende Tendenz hin, gewöhnliches Säuglingsverhalten durch eine medizinische Linse zu interpretieren.
Fehlinformationen als Gesundheitsbedrohung
Eltern informieren sich heute selbstverständlich über Facebook, Instagram, TikTok oder spezialisierte Online-Foren zu Themen rund um Schwangerschaft, Geburt und frühe Entwicklung. Digitale Plattformen ermöglichen die rasche Verbreitung von Erziehungstipps, häufig eingebettet in persönliche, emotional ansprechende Erzählungen, die sich nur schwer von evidenzbasierter Beratung unterscheiden lassen. Kommerzielle Interessen und zielgerichtete Werbung erhöhen zusätzlich die Sichtbarkeit bestimmter Interventionen, unabhängig von deren wissenschaftlicher Fundierung, und transportieren nicht selten ein idealisiertes Bild perfekter Elternschaft.
Analysen stillbezogener Inhalte auf Instagram zeigten beispielsweise einen geringen Anteil edukativer Beiträge, jedoch eine ausgeprägte Präsenz kommerzieller Produktwerbung, häufig über Influencer. Auf diese Weise tragen soziale Medien aktiv zur Medikalisierung und Paramedikalisierung normalen Säuglingsverhaltens bei. Die Grenze zwischen Gesundheitsinformation und Marketing verschwimmt, während zugleich der Druck auf Eltern steigt. Die Weltgesundheitsorganisation stuft Fehlinformationen im Gesundheitsbereich inzwischen als eine der größten globalen Gesundheitsbedrohungen ein.
Teure Therapien ohne Evidenz
Insbesondere körperbasierte Therapieverfahren für Säuglinge gewinnen an Popularität. Dazu zählen Osteopathie, chiropraktische Behandlungen, Craniosacraltherapie, Reflexologie und Säuglingsmassage. Sie werden als Lösungen für Still-, Schrei- oder Schlafprobleme beworben, obwohl belastbare wissenschaftliche Nachweise fehlen. Ihre zunehmende Verbreitung wird wesentlich durch soziale Medien begünstigt.
Nicht selten werden diese Verfahren mit Konzepten wie „Geburtstrauma“ oder „Verspannungen“ begründet, die angeblich im Mutterleib oder während der Geburt entstanden seien und therapeutisch „gelöst“ werden müssten. In der osteopathischen Fachliteratur ist etwa von „somatischen Dysfunktionen“, „Gewebetexturauffälligkeiten“, „Asymmetrien“ oder „veränderter Homöostase“ die Rede.
In an Eltern gerichteten Beiträgen werden diese Konzepte häufig emotional zugespitzt. Solche Narrative können nach Einschätzung des Autorinnenteams Stress und Angst verstärken. Werde kindliches Weinen nicht mehr als normale Kommunikationsform verstanden, sondern als Symptom, das beseitigt werden müsse, bestehe die Gefahr, die elterliche Selbstwirksamkeit zu untergraben und responsives Fürsorgeverhalten zu beeinträchtigen. Mögliche Folgen sind verzögerte Diagnosen zugrunde liegender Erkrankungen, Beeinträchtigungen der Eltern-Kind-Interaktion, eine weitere Ausweitung medizinischer Maßnahmen sowie erhebliche finanzielle Belastungen.
Unterstützung durch Fachpersonen stärken
Der schnellen Verbreitung von Fehlinformationen allein mit reaktivem Faktenchecken zu begegnen, greift nach Ansicht der Autorinnen zu kurz. Klassische, hierarchisch organisierte Kommunikationsstrategien seien in einer dynamischen digitalen Informationsumgebung nicht ausreichend. Gefordert sei vielmehr eine aktive, professionelle und koordinierte Präsenz im digitalen Raum. Dabei sollten die Kanäle genutzt werden, denen Eltern bereits vertrauen, und dort evidenzbasierte Informationen sachlich, nachvollziehbar und ohne zu urteilen vermitteln. Ein wesentlicher Baustein besteht darin, medizinisches Personal und Wissenschaftlerinnen gezielt darin zu schulen, sich kompetent auf nicht traditionellen Plattformen zu engagieren.
Zugleich betonen Immeli und Kolleginnen, dass komplexe Probleme selten einfache Lösungen zulassen. Unruhiges Säuglingsverhalten entsteht aus dem Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren und spricht in der Regel nicht auf eine einzelne standardisierte Intervention an. „Frühzeitige multidimensionale Versorgung, die mit Empathie, Respekt für die Perspektiven der Eltern und mit Aufmerksamkeit für das Wohlbefinden von Säugling und Eltern erfolgt, ist essenziell“, betonen die Expertinnen. Im Zeitalter der sozialen Medien sei eine proaktive und vertrauenswürdige Kommunikation über die Gesundheit von Säuglingen entscheidend, um elterliche Ängste zu verringern, die elterliche Selbstwirksamkeit zu stärken und das öffentliche Vertrauen in evidenzbasierte Gesundheitsversorgung zu erhalten.