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09.09.2021 | Schwangerschaft | Online-Artikel

Risikofaktoren unter der Lupe: Wenn Frauen eine Schwangerschaft verdrängen

verfasst von: Thomas Müller

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Frauen, die eine Schwangerschaft nicht wahrhaben wollen, haben häufig keine feste Partnerschaft, leben in prekären Verhältnissen und verwenden orale Kontrazeptiva. Das geht aus einer französischen Studie hervor.

Problemschwangerschaft © fizkes / Getty Images / iStockFrauen, die eine Schwangerschaft verdrängen, befinden sie sich oft in einer schwierigen Lebenssituation.

Passt ein Kind gerade überhaupt nicht in die Lebensplanung, weil ein fester Partner und die soziale Absicherung fehlen, dann ist es in gewisser Weise verständlich, wenn Frauen eine Schwangerschaft zunächst nicht wahrhaben wollen, vor allem, wenn sie auch noch die Pille genommen haben und sich auf der sicheren Seite fühlen. Solche Faktoren sind letztlich auch der Hauptgrund dafür, dass manche Frauen trotz der ausbleibenden Menstruation und der körperlichen Veränderungen selbst nach einem halben Jahr noch leugnen, dass sie schwanger sind. Darauf verweisen Psychotherapeuten und Gynäkologen um Dr. Hélène Delong von der Uniklinik in Reims in Frankreich.

Nach Schätzungen der Experten leugnet eine von 500 Frauen eine bestehende Schwangerschaft. Da das Phänomen bislang aber nicht präzise charakterisiert sei, lasse sich die Prävalenz nur schwer beziffern. So müsse unterschieden werden zwischen Frauen, die eine Schwangerschaft verdrängen, und solchen, die zwar genau darum wissen, ihre Schwangerschaft aber bewusst abstreiten. Auch gebe es bislang keinen Konsens, ab welcher Gestationswoche das Leugnen der Schwangerschaft pathologische Züge annimmt.

Über ein Drittel der Betroffenen sind Singles

In einer eigenen Untersuchung haben Delong und ihr Team 142 Frauen aus Entbindungsstationen befragt, um mehr über Risikofaktoren für ein Verleugnen der Schwangerschaft herauszufinden. 71 Frauen hatten ihre Schwangerschaft über mindestens 20 Gestationswochen hinweg geleugnet. Ihnen stellten die Therapeuten 71 Frauen ohne solche Probleme gegenüber. Dabei achteten sie auf eine ähnliche Zahl bisheriger Geburten sowie eine vergleichbare Schwangerschaftsdauer. Berücksichtigt wurden nur Frauen, die Kinder ohne Fehlbildungen und lebensbedrohliche Erkrankungen zur Welt gebracht hatten.

Wie sich zeigte, waren die Mütter mit Schwangerschaftsverleugnung im Schnitt deutlich jünger (24 versus 30 Jahre), häufiger Singles (37% versus 3%) und hatten seltener das Abitur (42% versus 87%) als Mütter aus der Kontrollgruppe, auch hatten sie seltener eine Arbeit oder einen Ausbildungsplatz (57% versus 85%), und wenn, dann fast nie als Führungskraft (nur 2% versus 43%).

Unterschiede gab es auch bei den Lebensgewohnheiten: Frauen mit Schwangerschaftsverleugnung rauchten häufiger (63% versus 31%) und gaben öfter einen Konsum illegaler Drogen vor der Schwangerschaft zu (14% versus 4%). Keine deutlichen Unterschiede gab es beim deklarierten Alkoholkonsum und dem BMI vor der Schwangerschaft.

Häufig Depressionen

Die psychiatrische Anamnese ergab bei 18% der Frauen mit Schwangerschaftsverleugnung eine depressive Erkrankung in der Vergangenheit, dies betraf jedoch nur 7% der Frauen in der Kontrollgruppe. Jede zehnte Mutter mit Schwangerschaftsverleugnung war in dieser Hinsicht schon früher aufgefallen, aber keine aus der Kontrollgruppe. Auch waren Fälle von Schwangerschaftsverleugnung in der Familie bei den betroffenen Müttern wesentlich häufiger aufgetreten (bei 18% versus 6%).

Immerhin drei Viertel der betroffenen Mütter gaben an, Kontrazeptiva genommen zu haben, überwiegend in oraler Form, dagegen waren nur 7% aus der Kontrollgruppe unter solchen Mitteln schwanger geworden.

Faktoren für die nicht bemerkten Schwangerschaften waren offenbar auch geringere körperliche Veränderungen als in der Kontrollgruppe: Die Gewichtszunahme war schwächer (8,5 kg versus 12 kg), ebenso die Veränderung der Brustgröße.

Berücksichtigten die Forscher um Delong diverse Begleitfaktoren, so erwiesen sich eine fehlende stabile Partnerschaft, ein geringes Bildungsniveau sowie psychische Störungen in der Vergangenheit als wichtigste Risikofaktoren für eine Schwangerschaftsverleugnung, dagegen scheint ein höheres Alter protektiv zu sein. Solche Faktoren sind jedoch wenig spezifisch, daher ist es schwierig, Frauen mit einem hohen Risiko für eine Schwangerschaftsverleugnung im Voraus zu erkennen. Als einzige spezifische Faktoren sehen die Experten ein solches Verhalten in der Vergangenheit oder bei anderen Frauen in der Familie.

Letztlich sei es sowohl für die Schwangeren als auch die Babys von großem Nachteil, eine Schwangerschaft lange nicht anzuerkennen. Die Schwangeren seien einem erhöhten Komplikationsrisiko ausgesetzt, die Feten einem anhaltenden schädlichem Verhalten wie Alkohol- und Tabakgenuss, geben die Forscher um Delong zu bedenken.

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Literatur

Delong H et al. Pregnancy denial: A complex symptom with life context as a trigger? A prospective case-control study. BJOG 2021; https://doi.org/10.1111/1471-0528.16853