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30.03.2020 | Sars-CoV-2 | Nachrichten

Das Söder Krankenhaus in Stockholm wappnet sich für Corona

Am Wochenende erreichten uns Berichte, dass die Schweden mit gewohnter Lässigkeit der Corona-Krise im eigenen Land entgegenblicken. Wir sprachen mit René Ballnus, einem deutschen Gesundheits- und Krankenpfleger, der am Söder Krankenhaus im Ausbildungscenter in Stockholm arbeitet.

Neuer Inhalt © privatRené Ballnus arbeitet im Ausbildungscenter am Söder Krankenhaus in Stockholm. Darüber hinaus führt er im Großraum Stockholm an sämtlichen klinischen Einrichtungen Fortbildungen durch, die das interprofessionelle Lernen und Zusammenarbeiten verbessern sollen.

Herr Ballnus, an schwedischen Schulen wird unterrichtet, auf den Spielplätzen tummeln sich Familien und auch Geschäfte sind weiterhin geöffnet. Das gesellschaftliche Leben scheint zu laufen wie bisher. Ist das wirklich so?

Ballnus: Ja, ich habe auch das Gefühl, dass man hier in Schweden insgesamt etwas gelassener als in Deutschland mit der Corona-Krise umgeht. Von Seiten der Regierung und Verantwortlichen wird angemahnt, die Gefahr nicht zu unterschätzen aber gleichzeitig auch nicht überzureagieren. Man ist sich hier bewusst, dass sich Schweden momentan wohl in der schwersten Situation seit dem 2. Weltkrieg befindet.

So sind Schulen teilwiese schon geschlossen - zumindest ab der neunten Klasse. In den höheren Klassen und an den Hochschulen findet der Unterricht digital statt. Das funktioniert hier wahrscheinlich auf Grund der fortgeschrittenen Digitalisierung besser als in Deutschland. Es wurde auch ein Gesetz erlassen, dass es der Regierung ermöglicht, sämtliche Schulen zu schließen. Aber das ist noch nicht zur Anwendung gekommen.

Ansonsten merkt man auf den Straßen doch auch einen Unterschied: Es sind weniger Menschen in den Restaurants, in den Sporteinrichtungen und im öffentlichen Nahverkehr unterwegs. Aber im Freien halten sich immer noch viele Menschen auf und genießen die Frühlingssonne.

Übrigens, Toilettenpapier war hier auch ganz plötzlich vergriffen! Das kann sich keiner so wirklich erklären - in einem Land mit einer umfassenden Papierindustrie.

Welche Vorbereitungen auf mögliche Corona-Intensivpatienten werden an Ihrer Klinik momentan getroffen?

Ballnus: Sämtliche Kliniken bereiten sich zurzeit für diesen Ernstfall vor. Ganz ähnlich wahrscheinlich wie in Deutschland. Der Fokus liegt auf der Schaffung von weiteren Intensivplätzen. Mit Unterstützung des Militärs werden aus diesem Grund jetzt auch auf einem Messegelände hier in Stockholm Abteilungen ausschließlich für Covid-19-Patienten aufgebaut. Zusätzlich erfolgte eine Reduzierung und teilweise völlige Einstellung sämtlicher elektiver Behandlungen und Eingriffe.

In deutschen Kliniken wird gerade überlegt, wie das medizinische Personal umverteilt werden kann. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Ballnus: Das ist hier in Schweden ganz ähnlich. So wird medizinisches Personal beispielsweise aus Polikliniken auf Pflegestationen verteilt. Unsere Pflege-Studierenden sind weiter in ihren Praxiseinsätzen und auf den Ausbildungsstationen. Sie sollen aber nicht in die Versorgung von Covid-19-Patienten einbezogen werden.

Auch wurden sämtliche Fortbildungen für das Personal verändert, so dass wir uns darauf fokussieren können, die Kompetenzen im Bereich der Lungenerkrankungen zu erhöhen. Außerdem werden alle im Umgang mit dem Corona-Virus geschult. Des Weiteren führen wir gerade eine Fortbildungsreihe für Pflegehilfskräfte, Pflegefachpersonen und Ärzte durch, die lange nicht mehr auf Station gearbeitete haben..

Worin genau werden diese Mitarbeiter geschult?

Ballnus: Das hängt ganz davon, wie lange die diese Kollegen nicht mehr in der Praxis gearbeitet haben. Im Kern beschäftigen wir uns in den Schulungen aber mit dem richtigen Umgang mit Infusionen, dem Legen von Verweilkathetern, der Notfallversorgung, dem Umgang mit Drainagen und Urinkathetern, Bluttransfusionen, sämtliche parenteralen Kathetern usw.

Außerdem werden erfahrene Pflegefachpersonen und Ärzte in einem Mehrtages-Programm in der Intensivmedizin und Intensivpflege geschult, um die Kollegen dort unterstützen zu können. Das Anästhesiepersonal wird auch auf den Intensivstationen eingesetzt. Zusätzlich gibt es Planungen, auch OP-Säle zu Pflegeplätzen umzuwandeln.

In der Innovationsabteilung haben Kollegen eine Methode gefunden, wie man ganz einfach Schutzvisiere herstellen kann. Unterstützt wurden sie dabei von Medizinstudierenden.

Schweden hat nur knapp 500 Intensivbetten bei ca. 10 Millionen Einwohnern. Deutschland strebt momentan eine Verdopplung der ca. 29.000 Intensivbetten an. Machen Sie sich Sorgen, dass die Versorgung in Schweden nicht gewährleistet werden kann, wenn sich die Situation verschlechtert?

Ballnus: Das ist wirklich ein Problem. Die geringe Anzahl von Kliniken und damit zusammenhängend auch die wenigen Intensivbetten. Das Bestreben, so viel wie möglich in die Häuslichkeit zu verlegen und in der Gemeinde zu machen, funktioniert sicher in vielen Fällen gut. Die Schwachstellen werden aber recht deutlich. Viele Kritiker sehen sich jetzt gestärkt und es wird spannend sein, zu sehen wie die Diskussionen fortgesetzt werden, wenn das Schlimmste überstanden ist.

Ein großes Problem ist auch die mangelnde Schutzausrüstung im Moment, da es ja im Prinzip keine Lagerbestände mehr gibt.

Bei allen Bedenken und Ängsten möchte ich betonen, dass ich an unseren Kliniken eine unwahrscheinlich hohe Motivation, Flexibilität und Zusammenarbeit sehe. Auch die Bereitschaft sich einzubringen ist enorm hoch. Viele Kollegen geben wirklich ihr Bestes, ohne dabei auf die Uhr zu schauen.

In diesen schwierigen Corona-Zeiten erlebe ich hier gerade eine gedrückte und besorgte Stimmung einerseits – aber andererseits sind viele Menschen immer noch positiv und optimistisch. Irgendwie merkwürdig.

Das Interview führte Josefine Baldauf

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