Skip to main content
main-content

31.03.2020 | Sars-CoV-2 | Nachrichten

TRIGEMA: Mundschutz statt Tennishemden

Laut Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) sollten Menschen mit akuten Atemwegsinfektionen, die sich draußen aufhalten müssen, einen Mund- und Nasenschutz tragen. Schutzmasken sind derzeit allerdings Mangelware und vielerorts ausverkauft. Die Versorgungslücke schließen hilft ein Unternehmen, das in normalen Zeiten Sportkleidung produziert: TRIGEMA. Mit Firmeninhaber Wolfgang Grupp sprach Annette Lübbers.

Neuer Inhalt © TrigemaWolfgang Grupp, Firmeninhaber der TRIGEMA

Die 1919 gegründete Firma aus Burladingen in Baden-Württemberg produziert seit vier Wochen mit seinen 1.200 Mitarbeitenden die so dringend benötigten Schutzmasken. Herr Grupp, wie ist die Umstellung zustande gekommen?

Grupp: Vor etwa vier Wochen traten Kliniken und Pflegeheime aus der Nachbarschaft mit der Frage an uns heran, ob wir nicht kurzfristig auch Schutzmasken herstellen könnten. Die eingesandten Muster aus Papier oder Fließ konnten wir so nicht herstellen, aber Mundschutz aus Stoff – das war kurzfristig zu machen. Und natürlich haben wir uns sofort bereit erklärt, die Versorgungslücken schließen zu helfen.

Welcher Stoff eignet sich dafür?

Grupp: Das konnte natürlich nur eine Klinik entscheiden. Wir benutzen einen kochfesten und atmungsaktiven Baumwollstoff mit 50% Polyesteranteil, den wir normalerweise für kochfeste Piqué-Shirts verwenden. Anders als die üblichen Masken sind unsere Stoffmasken mit 95°C waschbar und können einige Mal wiederverwendet werden. Reine Baumwolle mussten wir ausschließen, weil die Masken in der Wäsche zu sehr eingelaufen wären.

Was kosten Ihre Masken?

Grupp: Sechs Euro das Stück. Eine normale Papiermaske ist natürlich deutlich billiger – 40 Cent. Durch die Wiederverwertbarkeit sind unsere Masken günstiger und dazu ökologisch gesehen sicher sinnvoller.

Mussten Sie dafür neue Maschinen anschaffen?

Grupp: Nein, es brauchte nur eine kurze Einführung für die Näherinnen an den Maschinen. Ob Tennishemd, Unterhose oder Mundschutz – unsere modernen Maschinen können alles produzieren. Und es ist auch kein Problem, statt Gummibänder mit Kunststoff beschichtete Drähte einzunähen. Allerdings hat es etwa zehn Tage gebraucht, um dieses besondere Material im Ausland zu besorgen.

Neuer Inhalt © TRIGEMAEin Mitarbeiter der Firma TRIGEMA beim Nähen von Atemschutzmasken

Wer kauft die neue Ware?

Grupp: Krankenhäuser, Pflegeheime, Feuerwehren, Rettungsdienste, Landratsämter, Arztpraxen und viele mehr. Bei Onlinebestellungen sind sicher auch Privatpersonen dabei.

Medizinische Produkte müssen normalerweise zertifiziert sein…

Grupp: Das stimmt natürlich. Unsere Masken sind Mundschutzmasken und nicht zertifiziert nach FFP 1-3. Eine Zertifizierung von hochwertigeren Masken des Standards FFP3 – notwendig etwa in Operationssälen – würde etwa sechs bis acht Monate dauern. Deutlich zu lange für die jetzigen Engpässe. Diese könnten wir auch nicht so einfach herstellen.

Wie viele Masken verkaufen Sie derzeit?

Grupp: Derzeit produzieren wir bis zu 100.000 wöchentlich. Aber wir möchten die Zahl auf 120.000 erhöhen und das werden wir auch schaffen.

Trägt die Umstellung, die eigentlich als Hilfsaktion gedacht war, nun auch zum Überleben Ihres Unternehmens bei?

Grupp: Das ist tatsächlich so. Als wir begonnen haben wussten wir ja noch nicht, dass 14 Tage später unsere 45 Testgeschäfte mit ihren jeweils 400 bis 500 Quadratmetern Verkaufsfläche schließen mussten. So sorgt die Produktion von dringend benötigten Schutzmasken nun mit dafür, dass ich meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter beschäftigen kann. Und zwar ohne Kurzarbeit anzumelden.

Wie erleben Sie Ihre Mitarbeiter in der Krise?

Grupp: In Zeiten wie diesen erweist es sich, dass Unternehmen gut daran tun, pfleglich mit ihren Mitarbeitern umzugehen. In unserer Betriebsfamilie arbeiten Menschen aus über 30 Nationen, viele schon in der dritten Generation. Alle, die derzeit in ihren Abteilungen nicht gebraucht werden, helfen problemlos in anderen Abteilungen aus. Einige sind sogar freiwillig an den Samstagen im Einsatz – natürlich mit gebührendem Sicherheitsabstand zu ihren Kolleginnen und Kollegen. Ich denke, unsere Mitarbeiter sind stolz auf ihr Unternehmen, ganz besonders in diesen schwierigen Zeiten.

Das Interview führte Annette Lübbers

Bildnachweise