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29.04.2020 | Sars-CoV-2 | Nachrichten

Maßnahmen gegen „erzwungene“ Einsamkeit

Seit Wochen gelten strenge Besuchs- und Ausgehverbote in Pflegeeinrichtungen. Für die Bewohner bedeutet das oft verordnete Einsamkeit. Seniorenorganisationen rufen nach Maßnahmen, um die soziale Isolation zu beenden.

„Die Zeit drängt. Viele Menschen in Pflegeeinrichtungen leiden massiv unter der erzwungenen Einsamkeit“, erklärte am Dienstag der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO), Franz Müntefering.

Zum Schutz vor Infektionsketten in den Einrichtungen und ihren verheerenden Folgen hatten alle Bundesländer Besuchsverbote oder -beschränkungen, zum Teil auch Ausgehverbote für die Bewohner verhängt. Aber: Regelungen, die für vier oder sechs Wochen gedacht und entsprechend drastisch waren, können und dürfen jetzt nicht unverändert fortgesetzt werden, erklärt die BAGSO.

Zwar hatten sich Bund und Länder am 15. April geeinigt, Lockerungen der Bestimmungen zu ermöglichen. So sollen Einrichtungen Konzepte erarbeiten, die „dem Infektionsgeschehen und dem Umfeld angepasst werden“. Doch noch nicht alle Länder haben diese Möglichkeiten geschaffen.  

Maßnahmen gegen soziale Isolation

In einer Stellungnahme ruft die BAGSO jetzt auf, die soziale Isolation der Bewohner von Pflegeeinrichtungen zu beenden. Darin stellt sie auch ein zehn Punkte umfassendes Maßnahmenpaket vor, dass es dringend gelte umzusetzen.

So sei ein „gewisses Maß an persönlichen Kontakten“ nicht nur zu den anderen Heimbewohnern zu gewährleisten, sondern auch zu den nächsten Angehörigen. Die Entscheidung, ob Bewohner Besuch erhalten dürfen, dürfe nicht weiter im Ermessen der Einrichtungen stehen. Auch für Häufigkeit und Dauer des persönlichen Kontakts seien Mindest­anforderungen zu gewährleisten. Das gelte insbesondere für Menschen mit Demenz. Telefonieren und Skypen seien für diese Bewohner keine Alternativen. Zudem müssten alle Einrichtungen in der Sterbephase eine Begleitung durch Angehörige ermöglichen.  Wie die BAGSO berichtet, ist das Sterbenden in nicht wenigen Fällen verwehrt worden.

Maßnahmen, die das Leben der Menschen schützen sollen, stellen zugleich eine  erhebliche gesundheitliche Gefahr für viele Bewohner dar, heißt es weiter. Bewohner bauen sehr schnell körperlich ab, wenn Angehörigenbesuche fehlen oder sie sich kaum noch bewegen. Das erzwungene Alleinsein könne bis hin zur klinischen Depression führen. Die BAGSO fordert daher dazu auf, die Gesundheitsgefahren sorgfältig gegeneinander abzuwägen.

Lob für engagierte Einrichtungen

Lob kommt von der BAGSO für viele Einrichtungen, die sich mit großem Engagement um einen Ausgleich für fehlende soziale Kontakte bemühen: Von Bundeswehrsoldaten als „Zivis auf Zeit“ über die Organisation von Videotelefonie, Balkongesprächen, Postkartenaktionen oder Hofkonzerten. Manche Heime haben auch einen „Abschiedsraum“ in Eingangsnähe geschaffen, um eine würdige Begleitung Sterbender zu ermöglichen.

Pauschale Kontaktverbote sind keine Lösung

Auch der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, hat die Bundesländer aufgerufen, den Einrichtungen Handlungsräume zu eröffnen, wie Besuche unter Einhaltung der geltenden Hygiene- und Abstandsregeln ermöglicht werden.

Man müsse sich darauf einstellen, über einen längeren Zeitraum mit dem Erreger zu leben, sagte Westerfellhaus am Wochenende der Zeitung „Die Welt“. Zwar benötigten die Bewohner von Pflegeeinrichtungen besonderen Schutz, sie dürften aber nicht völlig isoliert werden. Pauschale und restriktive Kontaktverbote seien keine Lösung. (ne)

Sozialer Isolation vorbeugen
Die Pflegekammer Niedersachsen hat eine kompakte Handlungsempfehlung zur Prävention von sozialer Isolation bei pflegebedürftigen Menschen in der stationären Langzeitpflege veröffentlicht. Neben Hinweisen zu allgemeinen Schutzmaßnahmen gibt es Tipps zur Gestaltung der Tagesstruktur, zur Kontaktaufnahme mit Angehörigen und zu individuellen Freizeitaktivitäten der Bewohner, sofern kein COVID-19-Ausbruch vorliegt.
Hier geht es zur Handlungsempfehlung



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