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27.04.2020 | Sars-CoV-2 | Nachrichten

Arbeitsschutz ist jetzt besonders wichtig

Die Corona-Pandemie ist zweifellos eine Ausnahmesituation. Dennoch darf angemessener Arbeitsschutz jetzt nicht vernachlässigt werden, mahnt der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). Auf was es zu achten gilt, erklärt Johanna Knüppel im Interview.

Johanna Knüppel © privatJohanna Knüppel ist Referentin beim Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit dem Arbeitsschutz in Pflegeberufen.

Frau Knüppel, der DBfK fordert, dass auch in der Corona-Pandemie der Mitarbeiterschutz nicht vernachlässigt werden darf. Wo sehen Sie die größten Gefahren?

Zunächst besteht natürlich das grundsätzliche Risiko, sich bei der Arbeit anzustecken und krank zu werden bzw. die Infektion in das eigene private Umfeld zu tragen. Das gilt aber auch  umgekehrt – Pflegende können als womöglich bereits Infizierte die Krankheit an den Arbeitsplatz, ins Team bzw. zu den zu Pflegenden einschleppen. Das Risiko ist umso größer, je weniger Schutzausrüstung verfügbar ist.

Dazu kommt die Überlastung. Dabei sind die Pflegenden durch die seit langem zu geringe Personalausstattung ja bereits chronisch erschöpft in diese Krise gekommen. Die Versorgung von CoViD-19-Patienten ist äußerst anstrengend. Die Pflegenden müssen stets hochkonzentriert und vorausschauend arbeiten. Durch die Schutzausrüstung fällt das Atmen schwer, man schwitzt, kann aber nicht zwischendurch trinken usw. Um Ausrüstung zu sparen, wird kaum abgelöst, die Isolierzimmer möglichst selten verlassen. Das kann sehr schnell zu völliger Überlastung führen. In Italien und Spanien sind Pflegekräfte in den Isolierzimmern kollabiert.

Und die psychische Belastung? Die ist in dieser Ausnahmesituation sicherlich auch erheblich.

Die ist sehr hoch und kann regelrecht traumatisierend wirken. Die Pflegenden müssen ständig mit der latenten Angst vor der Infektion umgehen, mit der Verantwortung für die zu Betreuenden und dafür, sie keinesfalls anstecken zu dürfen.

Zudem wissen sie, dass Angehörige der Gesundheitsberufe, Kolleginnen und Kollegen, an der Infektion gestorben sind. Sie erleben, dass Bewohner keine Ansprechpartner haben und nach Zuwendung und menschlicher Nähe suchen, für die ihre Zeit aber oft nicht reicht. Mitzuerleben, dass viele Menschen trotz allen Bemühens an der Krankheit sterben – all dies belastet die Seele nachhaltig und muss  unbedingt aufgearbeitet werden.

Um mehr Sicherheit für Pflegende und Bewohner zu gewährleisten, sind flächendeckende und regelmäßige Coronatests in den Einrichtungen wichtig. Wie weit sind wir davon noch entfernt?

Die Kapazitäten wären offenbar da, getestet wird momentan aber erst nach den RKI-Empfehlungen, das heißt bei Symptomen oder direktem Kontakt mit Infizierten. Das ist riskant und hat sicherlich die Infektion gerade in den Heimen stark verbreitet. Offenbar geht es auch um die Frage, wer bei mehr Tests die Kosten tragen soll. Am Geld darf diese zusätzliche Sicherung aber auf keinen Fall scheitern! Eine Lockerung von Kontaktsperren muss in jedem Fall auf Sicht und unter engmaschigen Testungen vonstattengehen.

Im Zuge der Pandemie wurden wichtige Schutzgesetze aufgeweicht. Wie lässt sich gewährleisten, dass das nicht zum Dauerzustand wird? Ein Ende der Pandemie ist noch lange nicht abzusehen.

Die Ausnahmen sind befristet und kommen – soweit wir das beobachten können – momentan nicht zum Tragen. Wenn es gelingt, den Ansturm auf das Gesundheitssystem wie bisher in Grenzen zu halten, wird es keine Argumente geben können, diese Aufweichung fortzusetzen. Deshalb gilt umso mehr für das Verhalten in der Öffentlichkeit: Abstand halten, Risiko minimieren, Verantwortung übernehmen für die Allgemeinheit.

Es mehren sich Berichte, dass Pflegekräfte, die jetzt in der Corona-Krise auf Missstände aufmerksam machen, Repressalien erleiden. Können Sie  das bestätigen und was raten Sie Betroffenen?

Auch bei uns haben sich Mitglieder hierzu beraten lassen, um beispielweise  Kündigungsschutzklage zu erheben. Wer bei solchen Problemen einen starken Partner wie einen Berufsverband an seiner Seite hat, ist deutlich im Vorteil.

Missstände müssen auch in der Krise angesprochen werden dürfen, denn da wirken sie sich meist besonders gravierend aus. Welche Rechte Beschäftigte – auch in solchen Ausnahmesituationen – haben und auf welche Rechtsgrundlagen sie verweisen können, hat der DBfK seit Beginn der Krise als umfangreiche Informationsseite für alle zusammengestellt. Dieses Angebot wird laufend aktualisiert und ergänzt.

Das Interview führte Nicoletta Eckardt.

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