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10.05.2019 | Rahmenbedingungen | Nachrichten

Walk of Care – Kreativer Protest für eine gute Pflege

Am 12. Mai ist Internationaler Tag der Pflegenden. Dann startet in Berlin zum dritten Mal der Walk of Care. Mehr als 1.000 Teilnehmer erwarten die Veranstalter vom „Berliner Pflegestammtisch“. Wir sprachen mit Käte Kalhorn und Valentin Herfuhrt vom Organisatorenteam über Beweggründe und Ziele.

Walk of Care © Caspar RadunzLebendiger Protest: Rund 50 junge Menschen sind an der Organisation des Walk of Care am Sonntag in Berlin beteiligt. 

Frau Kalhorn, Herr Herfurth, wofür steht der Walk of Care und welche Botschaft wollen Sie damit senden?

Herfurth: Der Walk of Care ist eine Demonstration für menschenwürdige Pflege. Von Anfang an war uns wichtig, einen Demonstrationscharakter zu etablieren, der entscheidende pflegepolitische Themen angeht, zugleich aber auch den Spaß am Engagement vermittelt und die Pflegekultur stärkt. Pflegepolitisches Engagement ist unglaublich wichtig und notwendig. Dafür müssen wir aber auch zeigen, wie bereichernd es ist, sich einzubringen. Eine reine Problembeschreibung, also überspitzt gesagt nur „meckern“, schafft vor allem Frustration und kann häufig abschreckend wirken. Die Themen, die wir ansprechen, sind von großer Relevanz. Wir möchten da nichts beschönigen. Durch kreative Protestformen wollen wir aber einen leichteren Zugang ermöglichen.

Was genau fordern Sie?

Herfuhrt: Zunächst fordern wir eine gesetzliche Personalbemessung am Pflegebedarf in allen pflegerischen Bereichen. Überall fehlt Personal, um die Pflegebedürftigen angemessen zu versorgen. Wir wollen aber auch Verbesserungen in der Ausbildung, insbesondere in der Praxisanleitung. Gerade in Zeiten des Pflegenotstands wird das häufig vernachlässigt. Die Pflegefachpersonen von morgen werden dadurch nur unzureichend auf die komplexen Anforderungen vorbereitet. Und wir fordern einen Ausbau der Fort- und Weiterbildungen ohne Mehrbelastung für die Pflegenden, damit die Versorgung der Pflegebedürftigen auch nach aktuellem Wissen fachgerecht erfolgen kann.

Im Übrigen braucht die Pflege einen Imagewechsel. Während man durch „Meckern“ eher Mitleid erntet, bekommt man Anerkennung durch selbstbewusstes Auftreten. Wir zeigen beim Walk of Care, wie stolz wir auf unseren tollen und schönen Beruf sind und möchten uns wie in anderen Ländern am internationalen Tag der Pflegenden feiern. Das vergessen wir Pflegenden bei all den Problemen manchmal.

Es geht also auch darum, ein positives Bild des Pflegeberufes zu vermitteln?

Kalhorn: Das gesellschaftliche Bild des Pflegeberufs ist weit entfernt von der Realität und wir haben dadurch Schwierigkeiten, Menschen für den Beruf zu gewinnen. Dabei brauchen wir gute und motivierte Kolleginnen und Kollegen. Aus diesem negativen Bild resultiert viel Frustration. Natürlich haben wir Probleme, sogar außerordentlich gravierende Probleme. Aber nur in einer konstruktiven Atmosphäre können wir diese angehen und lösen. Und nur mit einer positiven Stimmung können wir uns gegenseitig bestärken und die Kraft für Veränderung finden.

Herfurth: Wir wollen darüber hinaus sichtbar machen, welchen Anteil die Pflegenden an der Versorgung der Bevölkerung tragen. Wenn wir den elementaren Beitrag der Profession Pflege anerkennen, wird auch klar, weshalb die pflegerische Perspektive in gesundheitspolitischen Entscheidungen eine viel größere Rolle spielen muss.

Es geht eben nicht darum, wer die Fäkalien entfernt, sondern beispielsweise um die Frage, wie wir mit kranken und behinderten Menschen in unserer Gesellschaft umgehen. Wie können wir Inklusion, Selbstbestimmung und Teilhabe ermöglichen? Hier kommt der Pflege eine Schlüsselrolle zu. Sie begleitet diese Prozesse intensiv und dafür braucht es erhebliche Fachkompetenz. Und gerade die wird der Pflege häufig abgesprochen und in gesundheitspolitischen Debatten kaum berücksichtigt. Das gilt auch für viele andere Gesundheitsberufe und leider werden insbesondere die Betroffenen viel zu wenig gehört.

Erstmalig findet der Walk of Care auch in Aachen, Stuttgart und Hamburg statt. Wie haben Sie sich mit den Kolleginnen und Kollegen in anderen Städten vernetzt?

Kalhorn: Inzwischen sind wir medial gut aufgestellt. Man kann uns nicht nur über unsere Website, sondern auch auf allen Social Media-Kanälen finden. Dadurch sind wir leicht zu kontaktieren. So haben wir eine Anfrage aus Stuttgart bekommen, ob wir den Berliner Pflegestammtisch und das Projekt Walk of Care dort vorstellen können. Also sind wir hingefahren, haben uns ausgetauscht und die Kollegen mit unseren Erfahrungen beim Start der Bewegung unterstützt.

Außerdem werden wir regelmäßig zu Kongressen eingeladen, wodurch sich unsere Bekanntheit steigert. Und natürlich spielen persönliche Kontakte eine Rolle. Nächstes Jahr soll ein richtiges Vernetzungstreffen stattfinden. Was uns eint, ist unsere Organisationsunabhängigkeit und Forderungen, die von einer breiten Masse der Pflegenden vertreten werden.

Ist die Bereitschaft von Pflegenden, für den eigenen Berufsstand einzustehen, in den letzten Jahren gewachsen?

Kalhorn: Die Situation, in der sich die Pflegeberufe gerade befinden, lässt die Bereitschaft, sich zu organisieren, wachsen. Die Aussicht, dass mit dem demografischen Wandel noch größere Herausforderungen auf uns zu kommen, macht deutlich, wie dringend es ist, jetzt zu handeln. Unser Ansatz des kreativen Protests wird dabei sehr gut angenommen. Immer mehr Pflegende bekommen Lust, sich einzubringen. Momentan sind jedoch nur etwa 5-8% der Berufsgruppe organisiert. Das ist viel zu wenig. Wir hoffen natürlich, dass die engagierten und organisierten Pflegenden immer mehr Menschen begeistern und dadurch Schneeballeffekte entstehen. Das ist wahrscheinlich noch ein längerer Prozess, den wir gemeinsam mit den institutionalisierten Interessenvertretungen der Pflegenden fortführen müssen. Aber es gibt ganz klar positive Signale. Insbesondere die junge Generation, lässt sich häufig einfach weniger gefallen.

Herfurth: Außerdem müssen wir Pflegenden wieder lernen, in den Punkten, in denen Einigkeit herrscht, auch zusammenzuarbeiten. Natürlich dürfen und müssen wir über Themen wie die Pflegekammer diskutieren und streiten. Gerade weil so wenige Menschen aktiv sind, ist es jedoch wichtig, dass wir am nächsten Tag wieder gemeinsam für eine gute Personalbemessung eintreten.

Wenn Sie sich anlässlich des Tages der Pflegenden etwas wünschen dürften, was wäre das?

Herfurth: Ich würde mir etwas wünschen, das erst möglich wird, wenn wir erhebliche Verbesserungen für die Pflegenden erwirkt haben: nämlich dass Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, ihr Leben selbstbestimmt und in Würde verbringen können. Und das hat nichts mit einem großen Herzen oder Nächstenliebe zu tun. Es ist der professionelle Auftrag der Pflegenden!

Das Interview führte Nicoletta Eckardt.

Walk of Care Berlin
Wo: Am Invalidenpark in Berlin
Wann: 12. Mai 2019 ab 14:30 Uhr
Informationen und Updates unter:
pflegekultur-ankurbeln.org
facebook.com/PflegeKultur
instagram.com/walkofcare