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15.04.2019 | Rahmenbedingungen | Nachrichten

Gut gerüstet aus der Familienpause

Autor:
Beate Ebbers

Pflegende nach einer Babypause oder einer Pflegezeit für Angehörige haben oft Bedenken, den Herausforderungen ihres Berufes nach der Rückkehr gewachsen zu sein. Pflegestandards werden regelmäßig aktualisiert, Prozesse ändern sich. Wiedereinsteigerprogramme helfen, den Weg zurück in den Beruf zu finden. Dabei sind gut geplante Organisation und frühzeitige Kommunikation wichtig.

Kind © Fertnig  Getty Images  iStockDamit der Wiedereinstieg klappt, ist eine flexible Kinderbetreuung unabdingbar.
Ideal sind betriebseigene KITAs.

Starre Arbeitszeitmodelle, Schichtdienst, fehlende Flexibilität sowie körperliche und psychische Belastungen im Pflegeberuf machen es Pflegekräften nach einer Familienphase mitunter schwer, an ihren alten Arbeitsplatz zurückzukehren. Hat die berufliche Abstinenz lange angedauert, erschweren zusätzlich veraltetes Fachwissen und fehlende Kontaktpflege zum Arbeitgeber und Stationsteam die Rückkehr. Die Sorge, Arbeit, Familie und eigene Bedürfnisse nicht unter einen Hut bringen zu können, führt dazu, dass sich Wiedereinstiege in den alten Pflegeberuf verzögern, mit geringerer Stundenzahl oder gar nicht stattfinden, wie auf der Tagung „Wiedereinstieg nach der Elternzeit für die Pflege“ der Medizinischen Hochschule Hannover deutlich wurde. Nicht wenige rückkehrwillige Pflegekräfte, so beobachten Kliniken und Krankenhäuser, wählen als Alternative zu ihrem alten Arbeitgeber lieber ambulante Pflegedienste, die in vielen Fällen eine leichtere Vereinbarkeit von Familie und Arbeit ermöglichen können.
Doch angesichts des Fachkräftemangels in der Pflege ist das Bewusstsein bei den Arbeitgebern gestiegen, qualifizierte Fachkräfte zu halten und langfristig zu binden. Das gilt auch für den großen Kreis der Pflegenden in Elternzeit oder Sonderurlaub. Eine familienbewusste Personalpolitik mit Wiedereingliederungsmaßnahmen wird daher heute als eine ökonomische Notwendigkeit gesehen. Immer mehr Betriebe beschließen Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie und lassen sich nach den Kriterien des audit berufundfamilie als familienbewusstes Unternehmen zertifizieren. Wichtige Instrumentarien sind dabei flexible Arbeitszeiten, eigene Kinderbetreuungsmöglichkeiten und betriebliche Wiedereingliederungsprogramme.

Chance bieten Wiedereinsteigerkurse

Besonders in größeren Einrichtungen sind Wiedereingliederungsprogramme Bestandteil eines betrieblichen Rückkehrmanagements. Systematische Unterstützung benötigen besonders Pflegende, die familienbedingt mehrere Jahre beurlaubt waren. Denn dort wieder anknüpfen, wo man vor Jahren im Team oder auf der Station integriert war, ist in der Regel nicht möglich. Benötigt werden umfangreiche fachliche Fortbildungen zur Requalifizierung, aber auch Weiterbildungen zu Zeitmanagement und Work-Life-Balance, so die Ergebnisse des Projektes „Wiedereinstieg nach der Elternzeit für Pflege“ an der Medizinischen Hochschule Hannover.
Angebote von Seiten der Pflegeverbände, die die Rückkehr in den alten Beruf erleichtern, sind rar. Rückkehrern wird daher empfohlen, bei ihrem Arbeitgeber nach entsprechenden Kursen nachzufragen. Manche sind auch offen für nicht-betriebseigene Mitarbeiter. Nachfragen lohnt sich also.

Best Practice Beispiele: Das als familienbewusstes Unternehmen ausgezeichnete Klinikum Stuttgart lädt beurlaubte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen jährlich zu Wiedereinstiegsseminaren ein. In diesen geht es nicht nur um fachspezifische Themen zur Auffrischung. Denn eine Umfrage unter den beurlaubten Mitarbeitern im Klinikum hat gezeigt, dass die Mehrheit der Befragten eine Mehrfachbelastung beim Wiedereinstieg befürchtet. Zielorientiertes Arbeiten und das Kennenlernen von Methoden zur Stresserkennung und -bewältigung sind deshalb ebenfalls Gegenstand der Seminare.
Weitere Angebote helfen, die Rückkehr so einfach wie möglich zu planen. Die Akademie im Klinikverbund Südwest mit Sitz in Böblingen bietet Wiedereinsteigerkurse für examinierte Pflegekräfte an. Die über zwei Monate hinweg verteilten Seminartage umfassen pflegefachliches Know-how, Themen zur Personalkompetenz sowie rechtliche und betriebswirtschaftliche Module. Bei der Cura Seniorenwohn- und Pflegeheime Dienstleistungsgesellschaft können Wiedereinsteiger ein Praktikum oder eine befristete Tätigkeit als Pflegeassistent aufnehmen, bis nach und nach einer Übergangszeit wieder verantwortungsvolle Aufgaben übernommen werden können.

Flexible Arbeitszeitgestaltung

Eine Arbeitszeitgestaltung, die sich an Lebensphasen orientiert, erleichtert die Rückkehr und trägt dazu bei, Beschäftigte zu halten. Der Einstieg ist für alle Beteiligten leichter, wenn während der Elternzeit weitergearbeitet wird, zum Beispiel über Springerpools, Übernahme von Bereitschaftsdiensten oder Urlaubsvertretungen. Erlaubt sind maximal 30 Wochenstunden. Damit halten Mitarbeiter ihre Qualifikation und den Kontakt zu Kollegen, der Arbeitgeber profitiert von einem gut eingearbeiteten Personal.
Für den Wiedereinstieg bietet sich die abgestufte Teilzeit an. Dabei stocken die Beschäftigten ihre Arbeitszeit schrittweise und möglichst flexibel auf. Gerade für Wiedereinsteiger ist es leichter, nur Früh-, nur Spät- oder nur Nachtdienste zu machen, um so durch einen dauerhaft gleichen Dienst anstelle von Wechselschichtplänen besser planen zu können. Mentoring- oder Patenprogramme unterstützen für eine gewisse Zeit besonders Pflegekräfte, die mehrere Jahren eine Auszeit genommen haben. Die Paten beziehungsweise Mentoren stehen den Pflegenden zur Seiten, erklären neue Abläufe oder Strukturen und informieren über Neuerungen.

Best Practice Beispiele: An der Berliner Charité bieten zusätzliche Sonderdienste eine hohe Flexibilität bei der Arbeitszeitplanung für Rückkehrer. So kann eine Teilzeitkraft mit 30 Wochenstunden 20 Stunden fest arbeiten und die restlichen zehn über Sonderdienste wahrnehmen, wie Nacht- oder Wochenendarbeit, wenn die Kinderbetreuung über den Partner oder andere Personen gesichert ist.
Ein ähnliches Modell bietet die Schön-Klinik Neustadt in Holstein Pflegekräften an. Im Städtischen Klinikum Wolfenbüttel übernehmen Mitglieder der Projektgruppe familienfreundliches Krankenhaus Patenschaften für werdende und frischgebackene Eltern. Die Angebote reichen von der Unterstützung bei behördlichen Angelegenheiten über eine Vermittlung von Betreuungsstellen bis hin zur Beratung über den weiteren beruflichen Werdegang.
Wünsche nach individuell angepassten Arbeitsbedingungen durch zum Beispiel Veränderung der wöchentlichen Arbeitszeit, bedarfsgerechte Dienstzeiten oder Einsatz in anderen Bereichen werden in der Projektgruppe beraten und wenn möglich umgesetzt.

Wiedereinstieg planen
Für einen gelungenen Wiedereinstieg nach einer Familienphase sind eine gut geplante Organisation und frühzeitige Kommunikation wichtig.

Nach Bekanntgabe der Schwangerschaft
Klären Sie mit dem Arbeitgeber, welche Vorstellungen Sie hinsichtlich Ausgestaltung Ihrer Elternzeit und dem Wiedereinstieg haben und stimmen sie diese mit ihm ab.
Fragen Sie nach Angeboten, die den Wiedereinstieg erleichtern. Signalisieren Sie, dass Sie in Kontakt bleiben möchten.

Während der Elternzeit
Halten Sie Kontakt zu Ihrem Vorgesetzten und zu Ihrem Team. Nehmen Sie am betrieblichen Geschehen teil, z.B. über Betriebsfeiern, Meetings und interne Fortbildungen. Eine Teilzeitarbeit während der Elternzeit bindet Eltern an den Betrieb und erhält die Fachkompetenz. Ist dies nicht möglich, sollten Sie Ihr Wissen über Seminare, Kongresse und Fachzeitschriften auffrischen. Kümmern Sie sich rechtzeitig um die Kinderbetreuung. Wichtig: einige Monate vor Ende der Elternzeit mit dem Dienstgeber konkret Wünsche und Rahmenbedingungen hinsichtlich Einsatzmöglichkeiten und Stundenzahl abgleichen.

Nach der Elternzeit
Gestalten Sie – wenn möglich – den Einstieg flexibel. Eine schrittweise Erhöhung der Arbeitszeit hilft, schneller in den Beruf zurückzukehren. Sinnvoll sind auch Mentoren oder Paten an Ihrer Seite, die Sie einarbeiten und Ihnen bei Fragen zur Seite stehen.


Betreuungsangebote sind notwendig

Damit der Wiedereinstieg auch tatsächlich klappt, ist eine flexible Kinderbetreuung unabdingbar. Für viele Eltern ist jedoch genau dies das größte Problem. Nach wie vor fehlen Betreuungsangebote, die mit den Arbeitzeiten der Pflegenden übereinstimmen. Der Gesetzgeber hat zwar mit der flexiblen Elternzeit Erleichterungen für die Kinderbetreuung geschaffen, indem jeder Elternteil gleichzeitig oder nacheinander bis zu drei Jahren eine unbezahlte Auszeit vom Job nehmen kann. Darüber hinaus dürfen Eltern 24 Monate nicht genommener Elternzeit auf die Phase zwischen dem dritten und achten Lebensjahres ihres Kindes verschieben. Dennoch bleiben Lücken: Schichtdienst, kurzfristige Dienstplanumstellungen, Schulferien und anderes stellen Eltern vor große logistische Herausforderungen. Deshalb bieten familienorientierte Unternehmen im Gesundheitswesen vermehrt Unterstützung an, zum Beispiel durch betriebseigene Krippen und Kitas mit schichtverträglichen Öffnungszeiten, Unterstützung bei der Vermittlung von Kindergartenplätzen oder einer Betreuung von Schulkindern während der Ferien.
Best Practice Beispiele: Um Eltern während der Schulferien zu entlasten, bietet das Klinikum Oldenburg eine fünfwöchige Ferienbetreuung mit Angeboten für drei- bis zwölfjährige Mitarbeiterkinder an. Dabei können die Eltern die Betreuung zwischen 7.30 bis 17.00 Uhr wahlweise vormittags, nachmittags oder ganztags in Anspruch nehmen. Pro Talis Seniorenzentren ermöglichen an einigen Standorten eine kostenlose Kindertagespflege für Mitarbeiterkinder von 0 bis drei Jahren. Die Räumlichkeiten sind direkt an die Seniorenzentren angebunden.
Im Klinikum Nürnberg gibt es Unterstützung bei unvorhergesehenem Betreuungsbedarf. Dabei kooperiert das Klinikum mit einem Familienservice. Die Vermittlungsleistungen dieses Anbieters können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzen, um auch kurzfristig passgenaue Betreuungslösungen für ihre Kinder zu finden, wie Tagespflege oder Notbetreuung. Die Kosten für die Vermittlung übernimmt das Klinikum.

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