Psychotherapiepatienten als Datensätze
Auswirkungen der Digitalisierung auf die therapeutische Beziehung
- 2022
- Psychologie - Psychiatrie
- Buch
- Verfasst von
- Prof. Dr. Silja Samerski
- Verlag
- Springer Fachmedien Wiesbaden
Über dieses Buch
Im Feld der Psychotherapie ist die Begegnung zwischen zwei Menschen nicht mehr selbstverständlich. Online-Sitzungen sind alltäglich geworden. Apps bieten Therapien ohne Therapeuten und simulieren ein verständnisvolles Gegenüber. Dieses essential untersucht, wie die Digitalisierung unsere grundlegenden Selbstverständlichkeiten derart verändert, dass es kaum noch befremdlich erscheint, sich von Software trösten und therapieren zu lassen. Es plädiert für „digitale Askese“, um das Bewusstsein für den fundamentalen Unterschied zwischen programmierter Kommunikation und persönlichen Begegnung zu bewahren.
Inhaltsverzeichnis
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Frontmatter
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Kapitel 1. Einleitung: Therapeutische Begegnungen
Silja SamerskiZusammenfassungFür den Psychologen Carl Rogers war es Mitte des 20. Jahrhunderts keine Frage, dass die Ich-Du-Beziehung in der Psychotherapie heilend wirkt. Heute dagegen gelten digitale Angebote wie Depressions-Apps und Chatbots, bei denen es kein Gegenüber gibt, als Versorgungsformen der Zukunft. Zwischen der Welt von Carl Rogers und dem virtuellen Therapeuten liegt eine Kluft, die nicht nur technischer, sondern auch sozialer und kultureller Natur ist. Dieses Kapitel führt in die Fragestellung des essentials ein: Welche Auswirkungen hat es auf die therapeutische Beziehung, wenn es alltäglich wird, Begegnungen durch programmierte Kommunikation zu ersetzen? -
Kapitel 2. Der Verlust der zwischenmenschlichen „Reibung“
Silja SamerskiZusammenfassungDigitale Kommunikation verspricht Austausch und Verbundenheit jenseits räumlicher und zeitlicher Grenzen. Zunehmend ersetzt der Online-Chat das Gespräch, sowohl im Alltag als auch im Gesundheitswesen. Damit werden genau diejenigen sozialen Praktiken ausgedünnt, die Begegnung und Empathie ermöglichen. Wie die Embodiment-Forschung zeigt, hat gegenseitiges Verstehen eine leibliche Dimension, ich spüre mein Gegenüber quasi am eigenen Leib. Bei der digitalen Kommunikation bleibt dieses leiblich gebundene Wissen, das Fundament von Beziehungen, außen vor. -
Kapitel 3. Die Patientin als Datensatz
Silja SamerskiZusammenfassungMental-Health-Apps versprechen, das emotionale Selbstmanagement durch Datenanalysen und Risikovorhersagen zu optimieren. Nutzer lernen, sich und ihre Gefühle durch die vorgefertigten Raster der Apps wahrzunehmen und deren Statistiken und Wahrscheinlichkeiten für bedeutsame Aussagen über sich selbst zu halten. Die Digitalisierung schafft also neue Formen der Verhaltenskontrolle und des Emotionsmanagements, die das Selbst in ein Datenprofil verwandeln. Zuhören und Verstehen, die Grundlagen einer heilenden Beziehung, werden durch Datenerfassung, Prädiktion und angeleitetes Selbstmanagement abgelöst. -
Kapitel 4. Simulation statt Begegnung
Silja SamerskiZusammenfassungEs wird alltäglich, Avatare und Chatbots als digitale Gesundheitsassistenten und automatisierte Therapeuten einzusetzen. Sie simulieren ein verständnisvolles Gegenüber und sind darauf ausgelegt, eine emotionale Bindung zu erzeugen. Das, was ein Chatbot oder digitaler Assistent sagt oder schreibt, bleibt jedoch sinn- und bedeutungslos. Das „Ich“ seiner Sätze verweist nicht auf ein empfindungsfähiges Wesen, das sich sprachlich ausdrückt, sondern auf Algorithmen, die Buchstaben- und Wortfolgen generieren. Sogenannte empathische Maschinen sind daher ein Widerspruch in sich. Sie gewöhnen uns an programmierte Kommunikation, ohne dass ein Mensch da wäre, der meint, was er sagt. -
Kapitel 5. Die Digitalisierung im Kopf
Silja SamerskiZusammenfassungSchlüsselbegriffe unserer Zeit wie „Intelligenz“ und „Kommunikation“ machen keinen Unterschied zwischen der Sphäre des Computers und der Welt des Humanen; dadurch suggerieren sie, dass algorithmische Prozesse und menschliche Fähigkeiten gleichartig oder zumindest vergleichbar wären. Diese „Digitalisierung im Kopf“ bereitet den Boden für neuartige Sinnverwirrungen im Sprechen und Verstehen, durch die schließlich auch die Begegnung auf einen Informationsaustausch reduziert wird. -
Kapitel 6. Schluss: Digitale Askese
Silja SamerskiZusammenfassungDie Psychotherapie ist angesichts der Digitalisierung besonders herausgefordert, Gespräch und Begegnung als Grundlage der therapeutischen Beziehung bewusst zu kultivieren. Voraussetzung dafür ist digitale Askese, also sowohl Selbstbegrenzung bei der Nutzung digitaler Medien als auch Verzicht auf diejenigen gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten, die einen Chatbot als empathischen Begleiter und das Gespräch mit einer Therapeutin als bloßen Informationsaustausch erscheinen lassen. -
Backmatter
- Titel
- Psychotherapiepatienten als Datensätze
- Verfasst von
-
Prof. Dr. Silja Samerski
- Copyright-Jahr
- 2022
- Electronic ISBN
- 978-3-658-36247-8
- Print ISBN
- 978-3-658-36246-1
- DOI
- https://doi.org/10.1007/978-3-658-36247-8
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