Zum Inhalt

Präklinische Steuerung von Rettungsdienstpatient:innen: Studienprotokoll zur RTWAkut-Studie

  • Open Access
  • 18.07.2025
  • short communication
Erschienen in:
Die Autoren S. Oslislo und K. Witt teilen sich die Erstautorenschaft.
Die Autoren D. von Stillfried, M. Städtler und M. Bayeff-Filloff teilen sich die gedrittelte Letztautorenschaft.
QR-Code scannen & Beitrag online lesen

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Hintergrund

Die zunehmende Inanspruchnahme des Rettungsdiensts stellt eine große Herausforderung für das deutsche Gesundheitssystem dar [1]. Eine retrospektive Datenauswertung weist auf ein erhebliches Potenzial zur Steuerung sowie einer Verbesserung der Ressourcenallokation im Rettungsdienst hin [2]. In Reaktion auf die steigende Inanspruchnahme liegen Empfehlungen zur Weiterleitung von Hilfesuchenden mit weniger dringlichen Anlässen vor [1, 3, 4]. Im deutschen Kontext fehlen jedoch prospektive Evaluierungen digitaler Steuerungsstrategien unter realen Bedingungen. Die RTWAkut-Studie („Entscheidungen zur Entlastung der klinischen Notfallversorgung von Akutpatient:innen im Rahmen von RTW-Einsätzen unterstützen“) adressiert diese Forschungslücke durch den Einsatz einer erweiterten Ersteinschätzung in Kombination mit etablierten Terminvergabesystemen zur Steuerung geeigneter Hilfesuchender in die ambulante Versorgung. Die Studie erfolgt in Zusammenarbeit des Bayerischen Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration (StMI), der Durchführenden des Rettungsdienstes und Zweckverbände für Rettungsdienst- und Feuerwehralarmierung (ZRF) in den Rettungsdienstbereichen (RDB) Rosenheim und Regensburg, der Integrierten Leitstellen (ILS), der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), des Instituts für Notfallmedizin und Medizinmanagement (INM) und des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi).

Methodik

Die RTWAkut-Studie ist als multizentrische Pilotstudie im Mixed-Methods-Design konzipiert. Sie wird in den oben genannten RDB über einen Beobachtungszeitraum von sechs Monaten (2. Quartal bis 4. Quartal 2025) durchgeführt. Ziel ist die prospektive Erprobung eines digitalen Steuerungskonzepts, welches eine erweiterte Ersteinschätzung mit bestehenden Terminvergabesystemen verbindet. Eingeschlossen werden alle Hilfesuchenden ab 18 Jahren, bei denen die vor Ort tätigen Notfallsanitäter:innen das Vorliegen eines Notfalls gemäß Art. 2 Abs. 2 S. 2 Bayerisches Rettungsdienstgesetz ausgeschlossen haben. Ausgeschlossen werden Schwangere, Minderjährige, Personen mit Einweisung, nicht einwilligungsfähige Personen oder solche ohne ausreichende Deutschkenntnisse. Für die Studie wurde positiv von der Ethik-Kommission der Bayerischen Landesärztekammer votiert (Nr. 24059) und sie ist im Deutschen Register Klinischer Studien registriert (DRKS00033595). Die EU-Datenschutzgrundverordnung, das Bayerische Datenschutzgesetz und die Deklaration von Helsinki finden Berücksichtigung.

Interventionsablauf

1.
Notfallexklusion: Nach Eintreffen am Einsatzort beurteilen Notfallsanitäter:innen im Rahmen ihrer Kompetenz, ob ein lebensbedrohlicher Zustand vorliegt oder schwere gesundheitliche Schäden zu befürchten sind, wenn Hilfesuchende nicht unverzüglich die erforderliche medizinische Versorgung erhalten.
 
2.
Erweiterte Ersteinschätzung: Alle nicht notfallmedizinischen Fälle werden – nach Aufklärung und Einwilligung – mittels des zertifizierten Medizinprodukts Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland (SmED) elektronisch protokolliert befragt, um Versorgungsdringlichkeit (≤ 4 h/≤ 24 h/> 24 h) und Versorgungsebene (Notaufnahme/Vertragsarzt/Telekonsultation) zu bestimmen.
 
3.
Weiterleitung:
  • IVENA eHealth®: Bei einem unmittelbaren Behandlungsbedarf (SmED-Empfehlung innerhalb von 4 h) erfolgt über die ILS die digitale Anmeldung in einer Kooperations- oder Bereitschaftsdienstpraxis der KVB.
  • Patientenservice 116117 (Terminservicestelle): Bei einem späteren Versorgungsbedarf (SmED-Empfehlung ≤ 24 h/> 24 h) koordiniert die ILS an die Terminservicestelle der KVB, die innerhalb einer Stunde passende Terminvorschläge für bis zu 24 h nach initialem Rettungsdiensteinsatz bereitstellt.
 
In der Studie werden Sekundärdaten (SmED/ILS/IVENA eHealth®/Terminservicestelle) und Primärdaten (Rückmeldung aus Praxen, Fragebögen mit Studienteilnehmenden) erhoben sowie qualitative Interviews mit einem Subsample der beteiligten Notfallsanitäter:innen geführt. Die statistische Auswertung erfolgt im Wesentlichen deskriptiv (Häufigkeiten, Mittelwerte, Streuungsmaße) via SPSS Statistics Version 22 (IBM Coporation, Armonk, New York, USA) und R Studio Version 4.1.2 (Posit BC, Bosten, Massachusetts, USA). Darüber hinaus können je nach Fallzahl und Fragestellung inferenzstatistische Methoden (z. B. Chi-Quadrat-Test, t‑Test) eingesetzt werden. Zur Bewertung der Patient:innensicherheit werden Folgeeinsätze ≤ 72 h durch ambulant und klinisch tätige Fachärzt:innen bewertet. Die Auswertung der qualitativen Interviews erfolgt mittels Inhaltsanalyse via MAXQDA 24.

Diskussion

Die RTWAkut-Studie gehört zu den ersten prospektiven Untersuchungen deutschlandweit [5, 6], die einen digital gestützten Versorgungspfad im Rettungsdienst evaluieren. Mithilfe einer digitalisierten, standardisierten und zertifizierten Ersteinschätzung können Notfallsanitäter:innen Hilfesuchende mit weniger dringlichen Beschwerden rechtssicher und gezielt in die ambulante Versorgung weiterleiten. Dies kann helfen, Ressourcen des Rettungsdiensts und der Notaufnahmen effizienter zu nutzen und eine bedarfsgerechte Versorgung von Hilfesuchenden zu gewährleisten. Gesundheitspolitisch können die zu erwartenden Ergebnisse eine evidenzbasierte Grundlage für aktuelle Reformbestrebungen liefern. Sie können perspektivisch zeigen, dass eine sektorübergreifende Steuerung von Hilfesuchenden im Rettungsdienst durch Digitalisierung praktikabel sein und die Versorgungsqualität in der Notfallversorgung verbessert werden kann. Die RTWAkut-Studie kann wesentliche Erkenntnisse zur Skalierbarkeit solcher Steuerungslösungen liefern und die Basis für eine langfristige Integration digitaler Steuerungskonzepte in die Regelprozesse des Rettungsdiensts bilden.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

S. Oslislo, K. Witt und S. Carnarius sind Mitarbeitende des Zi. D. von Stillfried gehört dem Vorstand des Zi an. Das Zi ist eine von den Kassenärztlichen Vereinigungen finanzierte gemeinnützige Stiftung des bürgerlichen Rechts ohne Gewinnorientierung. Im Rahmen seines Stiftungsauftrags der „Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens und der öffentlichen Gesundheitspflege“ ist das Zi Bereitsteller von SmED in Deutschland. Für die Studie wurde SmED in das NIDApad integriert, die Kosten werden von den Krankenkassen getragen. Die Kosten der Evaluierung seitens des INM werden vom StMI übernommen. Die Durchführenden des Rettungsdiensts stellen ihre Mitarbeitenden unentgeltlich für Schulungen und Interviews zur Verfügung. M. Werkmann, N. Rossmann, J. Pemmerl, S. Lange, K. Nöscher, H. Trentzsch, S. Prückner, M. Bail, M. Holder, J. Gruber, M. Städtler und M. Bayeff-Filloff geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die nicht-kommerzielle Nutzung, Vervielfältigung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die Lizenz gibt Ihnen nicht das Recht, bearbeitete oder sonst wie umgestaltete Fassungen dieses Werkes zu verbreiten oder öffentlich wiederzugeben. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Download
Titel
Präklinische Steuerung von Rettungsdienstpatient:innen: Studienprotokoll zur RTWAkut-Studie
Verfasst von
Dr. S. Oslislo
K. Witt
M. Werkmann
N. Rossmann
J. Pemmerl
S. Lange
K. Nöscher
H. Trentzsch
S. Prückner
S. Carnarius
M. Bail
M. Holder
J. Gruber
D. von Stillfried
M. Städtler
M. Bayeff-Filloff
Publikationsdatum
18.07.2025
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Notfall + Rettungsmedizin / Ausgabe 5/2025
Print ISSN: 1434-6222
Elektronische ISSN: 1436-0578
DOI
https://doi.org/10.1007/s10049-025-01587-4
1.
Zurück zum Zitat Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (2018) Gutachten. Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung, Berlin
2.
Zurück zum Zitat Dax F, Trentzsch H, Lazarovici M et al (2022) Bundesgesundheitsbl 65:996–1006. https://doi.org/10.1007/s00103-022-03590-3CrossRef
3.
Zurück zum Zitat Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung. Vierte Stellungnahme und Empfehlung der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung. Reform der Notfall- und Akutversorgung in Deutschland. Integrierte Notfallzentren und Integrierte Leitstellen, Berlin
4.
Zurück zum Zitat Krafft T, Neuerer M, Böbel S et al Notfallversorgung und Rettungsdienst in Deutschland. Partikularismus vs. Systemdenken. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh
5.
Zurück zum Zitat Krautz T, Cordsen O, Halbeck K et al (2024) SAve Projekt: sektorenübergreifende Akutversorgung in Schleswig-Holstein. Notfall Rettungsmed. https://doi.org/10.1007/s10049-024-01322-5CrossRef
6.
Zurück zum Zitat Kassenärztliche Vereinigung Hessen SaN-Projekt: ein Schnittstellenprojekt zur ambulanten Notfallversorgung. https://www.kvhessen.de/praxis-management/san-projekt. Zugegriffen: 19. Mai 2025