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06.01.2022 | Politik | Nachrichten

Masterplan für die Pflege

Die neue Ampel-Regierung will "Mehr Fortschritt wagen". Was muss daraus konkret für die Profession Pflege folgen? Wir sprachen mit Prof. Dr. Frank Weidner, Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP-Institut).

Frank Weidner © DIPProf. Dr. Frank Weidner, Gründungsdirektor und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP).

Herr Prof. Weidner, Sie fordern von der Bundesregierung, neue Wege zu gehen und Innovationen anzuschieben, um eine humanitäre Pflegekatastrophe abzuwenden. Woran denken Sie konkret?

Weidner: Wir wissen aus dem Koalitionsvertrag der Ampelkoalition, dass mehr Fortschritt gewagt werden soll. Das muss dann auch für die Pflege gelten. Fortschritt meint immer auch Erneuerung und Innovation, und die fällt nicht vom Himmel. Es muss in der Pflege viel mehr geforscht, entwickelt und Neues gewagt werden. Das können erweiterte Versorgungsangebote in Verantwortung durch Pflegende sowohl im häuslichen Umfeld als auch in stationären Kontexten sein. Dazu gehören eigenständige diagnostische Kompetenzen, Beratungs-, Planungs- und Steuerungsaufgaben, oder die Erlaubnis, Pflegehilfsmittel und bestimmte Medikamente zu verordnen etc. Im Koalitionsvertrag gibt es dazu auch einzelne Ansätze.

Sind Forderungen nach mehr Verantwortung nicht seltsam, angesichts der bereits bestehenden Belastungen der Pflege?

Weidner: Auf den ersten Blick scheint es so, aber wenn wir genau hinsehen, dann wird klar, dass über Jahre hinweg angesichts des Pflegenotstandes immer wieder dieselben Fehler gemacht wurden und Pflege eher ab- als aufgewertet wurde. In der Hoffnung, mehr Menschen in die Pflege zu bekommen, ist die Pflege von der Politik stark deprofessionalisiert worden. Diese Abwertung betrifft die Zugangswege zum Beruf, die Übertragung von Tätigkeiten auf Hilfs- und Assistenzkräfte oder die starke Abhängigkeit von medizinischen Entscheidungen etc. Über diese Entwertung ist aber genau das Gegenteil erreicht worden: Die realen Bedingungen haben sich immer weiter verschlechtert.

SPD, Grüne und FDP wollen sich für bessere Arbeitsbedingungen, angemessene Vergütung, Anwerbung ausländischer Fachkräfte, Entbürokratisierung, Digitalisierung und Personalbemessung einsetzen. Hören wir das nicht schon viel zu lange?

Weidner: Genau, das ist ein Kritikpunkt. Natürlich muss man viele Ansätze bemühen und es ist ja nicht falsch, weiter an diesen Dauerbaustellen zu arbeiten. Aber ein echter Durchbruch in Richtung Professio-nalisierung und Selbstständigkeit im Pflegehandeln war noch nicht dabei, und das muss jetzt kommen. Wenn man in der pflegerischen Versorgung durch Verantwortungs- und Entscheidungsübernahme auch Karriere machen und ein ansehnliches Einkommen erzielen kann, sind wir wirklich einen entscheidenden Schritt weiter.

Sie schlagen vor, einen "Masterplan Pflege" zu entwickeln und umzusetzen. Wie soll der aussehen?

Weidner: Wir haben in der vergangenen Legislatur die KAP gehabt, die ehrgeizig, aber auch interessensgeleitet war. Die Pflegewissenschaft und andere Expertisen sind dabei außen vor geblieben. Ein Masterplan Pflege muss vor allen Dingen auf dem Stand von Wissen und Technik basieren und fachlich bestimmt sein. Er sollte so weit wie möglich ideologiefrei und lösungsorientiert sein. Und dann muss umgesetzt werden, was Probleme löst und nicht, was gewollt oder gewünscht wird.

Wer ist in der Verantwortung einen solchen Plan umzusetzen?

Weidner: Der Masterplan Pflege muss hoch aufgehängt sein, also eine Kommission angesiedelt bei der Bundesregierung und bestehend aus Expertinnen und Experten verschiedener Disziplinen. Das können Fachleute aus Pflegewissenschaft, Jurisprudenz, Sozialwissenschaft, Bildungswissenschaften und Medizin sein. Dies gäbe die Chance, dass hier fachlich begründete Vorschläge neu gedacht werden können, die dann von der Politik aufgegriffen, diskutiert und umgesetzt werden könnten.

Stichwort "Pflege als eigenständige Gesundheitsprofession" - sind da nicht gerade durch die rückläufigen Entwicklungen in Sachen Pflegekammer Chancen verspielt worden?

Weidner: Hier ist und bleibt meine Auffassung eindeutig: Die Angehörigen der Pflegeberufe sind extrem schlecht organisiert und können damit ihre Interessen weder formulieren und schon gar nicht durchsetzen. Wer derartig mit dem Rücken zur Wand steht und erste zarte Pflänzchen der Selbstverwaltung wie Pflegekammern zertritt, verspielt jegliche Einflussmöglichkeiten. Die Eigenständigkeit der Pflege kann schon aus Prinzip nur aus der Berufsgruppe selbst vorangetrieben werden. In der Situation, in der wir nun sind, wäre ich nicht wählerisch und würde Vorschläge der Politik zu Wegen der Selbstverwaltung stets prüfen und mit der Chance auf Unabhängigkeit auch umsetzen.

Das Interview führte Sabine M. Kempa.

Zukunft der Pflege
Die Zukunft der Pflege fest im Blick hat zum Jahresstart die aktuelle Ausgabe der PflegeZeitschrift. Neben dem Interview mit Professor Weidner finden Sie darin viele weitere richtungsweisende Beiträge: Wie kann es gelingen, dass die Pflege endlich als Partnerin auf Augenhöhe wahrgenommen wird? Dazu machen Nicole Molzen und Kolleg*innen ganz konkrete Vorschläge und fordern die Berufsgruppe auf, den Wandel mit Kreativität, Innovation und Mut zu gestalten. Auch die generalistische Pflegeausbildung bleibt Dreh- und Angelpunkt: Wie steht es dabei um die ethische Kompetenzentwicklung? Dr. Anna Storms und Dr. Wolfgang Matthias Heffels nehmen sich des Themas an.


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