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2020 | Physiotherapie | Buch

Motorische Entwicklung und Steuerung

Eine Einführung für Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Trainer

verfasst von: Paul Geraedts

Verlag: Springer Berlin Heidelberg

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Über dieses Buch

Die Faszination der menschlichen Motorik wird in diesem Fachbuch verständlich und anschaulich dargestellt. Zahlreiche Praxisbeispiele verdeutlichen Physio- und Ergotherapeuten, Sportwissenschaftlern und Trainern entscheidende Eckpfeiler der einzelnen Entwicklungsschritte von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Die direkten Auswirkungen unbewusster Steuerungs-, Automatisierungs- und Lernprozesse auf unser Leben werden präzise beleuchtet und entschlüsselt.

Der Inhalt: Neurophysiologische Abläufe von automatisierten und Willkürbewegungen - Aus unserem Alltag: Okulo-, Grapho- und Sprachmotorik - Verborgene Potenziale in Training und Therapie

Verhelfen Sie Ihrem Patienten in Rehabilitation und Therapie zum bestmöglichen Ergebnis. Nur mit diesen Grundlagen können Sie Athleten im Breiten- und Leistungssport optimal fördern und zum gewünschten Erfolg führen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
1. Die motorische Entwicklung – Einmal Erworbenes geht nie mehr verloren
Zusammenfassung
Die Motorik als eine der höheren kognitiven Leistungen ist von grundlegender Bedeutung für den Menschen. Sie umfasst das gesamte Spektrum menschlicher Bewegung inklusive all dessen, was an ihr nicht sichtbar ist. Während des Wachstums sind körperliche Reifungsprozesse die wichtigste Triebfeder für die motorische Entwicklung; nach Abschluss des Wachstums werden sie überwiegend von motorischen Lernprozessen unter Einwirkung vielfältiger Umgebungseinflüsse bestimmt. Zudem entwickelt sich die Motorik in verschiedene Richtungen, wobei im Zeitfenster des Lebens unterschiedliche Phasen zu erkennen sind. So entsteht ein vielschichtiges und dynamisches Bild menschlicher Motorik, das sich im Laufe des ganzen Lebens verändert.
Paul Geraedts
2. Motorische Steuerung
Zusammenfassung
Die menschliche Motorik ist planmäßig mit dem Nervensystem als Leitschema organisiert. Sensorische Reize aus der Umgebung können automatische Reflexmotorik hervorrufen, ohne oder mit nur geringem, aber unbewusstem Einfluss des Bewusstseins.
Andererseits können sensorische Reize den „Geist“ des Menschen veranlassen, spontane und zielgerichtete Motorik zu erzeugen.
Die vielfältigen Mechanismen motorischer Kontrolle führen zu einer breiten Skala an motorischen Fertigkeiten, wobei unbewusste und bewusste Steuerungsprozesse auf komplexe Weise ineinandergreifen. So entsteht einerseits spektakuläre, aber zu jeder Zeit raffinierte Motorik.
Paul Geraedts
3. Zentralneurologische Steuerung der Motorik
Zusammenfassung
Zentral gesteuerte Motorik ist größtenteils unbewusst aus dem Rückenmark und Hirnstamm gesteuerte Reflex- und automatisierte Motorik. Sie bildet grundsätzlich, wenn auch nicht immer sichtbar, die Basis für einen wesentlich kleineren Teil der Gesamtmotorik: die aus der Hirnrinde bewusst gesteuerte Zielmotorik. Motorische Lernprozesse können die Verhältnisse zwischen unbewusster und bewusst gesteuerter Motorik verändern. Vor allem die automatisierte, aber auch die halbautomatische Motorik erhält so einen größeren Anteil an motorischen Abläufen.
Paul Geraedts
4. Peripherneurologische Steuerung
Zusammenfassung
Der motorischen Steuerung durch (Schmerz-)Sensoren in den Muskeln, Faszien, Sehnen, Gelenkkapseln und Bändern wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Diese Steuerung findet unter normalen Umständen völlig automatisch und unbewusst statt. Hemmende Einflüsse u. a. aus den Gelenken führen zu Ausgleichsmotorik zu Lasten beispielsweise der Wirbelsäule. Bewusste motorische Lernprozesse können allerdings die Folgen dieser hemmenden Einflüsse korrigieren.
Eine Anwendung der Grundlagen dieser Gelenkneurologie führt zu effektiveren motorischen Programmen in der Rehabilitation sowie zu einer Optimierung der Verletzungsprävention im Sport.
Paul Geraedts
5. Die Muskeln als Zielorgan jeder Steuerung
Zusammenfassung
Muskeln dienen der Bewegung des Menschen. Zur Vervollkommnung dieser Funktion gibt es Muskelfasern mit unterschiedlichen Stoffwechselmechanismen für Kraft und Ausdauer sowie Muskeln mit konzentrischen, statischen und exzentrischen Anspannungsmechanismen.
Die Verbesserung der wichtigsten Muskelfunktion (Kraft) ist vielmehr ein kompliziertes neurologisches Verfahren mit erregenden und hemmenden Einflüssen aus dem ganzen Körper. Es ist mehr als nur ein mechanischer Vorgang (z. B. Gewicht stemmen). Entscheidend für die Kraft ist nicht so sehr eine beindruckende physische Erscheinung, sondern das koordinative motorische Endergebnis aller erregenden und hemmenden Impulse, welche die mit dem Nervensystem verbundenen Muskelfasern erreichen.
Paul Geraedts
6. Motorisches Lernen
Zusammenfassung
Neue komplexe motorische Fertigkeiten zu erlernen ist wohl das höchste Erreichbare der bewussten motorischen Steuerung. Diese motorische Lernfähigkeit fußt auf der adaptiven Fähigkeit neuronaler Netze, sich zu reorganisieren.
Nach Abschluss des Wachstums ist motorisches Lernen ein komplexer Vorgang, wobei umfassende Aufmerksamkeit gefragt ist. Alle Teile des Gehirns sind hieran beteiligt, die Endkontrolle dagegen findet im Kortex statt. Der Vorgang des Lernens ist nicht wahrnehmbar, nur das motorische Resultat ist erkennbar.
Einmal erlernt, kann die motorische Kompetenz automatisiert und (kortikale) Aufmerksamkeit wieder angewendet werden, um bestehende Fertigkeiten zu optimieren oder neue zu erlernen.
Paul Geraedts
7. Die Grenze des menschlichen motorischen Könnens
Zusammenfassung
Die Obergrenze des motorischen Könnens ist anscheinend noch nicht erreicht, denn es werden dank Professionalisierung und Verwissenschaftlichung der Trainings- und Wettkampfpraxis immer noch neue Weltrekorde aufgestellt. Genetische Veranlagung ist ebenfalls eine Voraussetzung für motorische Höchstleistungen.
Dennoch sind der Intensität des Trainings sowohl mental als auch physisch Grenzen gesetzt. Der zentrale Regler in den Frontallappen des Großhirns fasst alle Signale aus dem Körper zusammen und kann bei außerordentlich großer Belastung durch hemmende Signale („ich kann nicht mehr“) ein Weitermachen unmöglich machen. So wird der Sportler davor behütet, durch den Sport Schaden zu nehmen.
Paul Geraedts
8. Motorische Vielfältigkeit durch Integration automatischer Bewegung und Willkürmotorik
Zusammenfassung
Die Bandbreite der menschlichen Motorik ist riesig. Motorische Lernprozesse führen zu neuer, manchmal spektakulärer Motorik, wobei die Basis der Reflexmotorik auf Rückenmarksebene und die automatisierte Motorik auf Hirnstammebene erhalten bleiben, auch wenn sie nicht immer zu erkennen sind.
Obwohl die Reflex- und automatisierte Motorik diese motorische Bandbreite dominieren, führt eine Erweiterung bewusster Motorik in Form von motorischen Lernprozessen und deren Einbeziehung in unbewusste Bewegung zur Erweiterung der motorischen Vielfältigkeit.
Paul Geraedts
9. Okulomotorik – Motorik der Augen
Zusammenfassung
Die Augen sind als Scanner der Umwelt zu betrachten und initiieren so einen großen Teil der (Loko-)Motorik. Um dieser Funktion gerecht zu werden, werden die Augen bei alltäglichen Aufgaben überwiegend reflexartig aus dem Mittelhirn gesteuert. Bei erforderlicher erhöhter Aufmerksamkeit kann aber sofort auf bewusste Steuerung umgeschaltet werden. Diese zweifache Steuerungsfähigkeit führt zu einer enormen Leistungsfähigkeit der menschlichen Motorik.
Paul Geraedts
10. Hand- und Graphomotorik
Zusammenfassung
Die Motorik der Hände umfasst die hochdifferenzierten und kompliziertesten Bewegungen, zu denen ein Mensch fähig ist. Ab der kindlichen Entwicklung ist ein enger genetisch bedingter und neuronal nachweisbarer Zusammenhang mit der Mundmotorik festzustellen. Mund und Hand bestimmen im ersten Lebenszyklus das Verhalten des Säuglings. Beim Fortschreiten der kognitiven Entwicklung wird die Rolle der Sehfähigkeit zur Kontrolle der Handmotorik zunehmend wichtiger.
Auch im Erwachsenenalter ist die enge Verflochtenheit zwischen Handmotorik (Gestik) und Mund-Sprach-Motorik noch erkennbar.
Wo die Handmotorik im Alltag auf unbewusster Ebene gesteuert wird, kann bewusste Steuerung die Bandbreite der Handmotorik enorm vergrößern. Die enge Verbindung zwischen Denken (bewusste Steuerung), Geschicklichkeit der Hände, Sehfähigkeit und Sprache befähigt den Menschen, sowohl eine Uhr als auch ein Flugzeug zu bauen.
Paul Geraedts
11. Sprachmotorik – das vielseitige Gesicht der Sprache
Zusammenfassung
Das Vermögen des Menschen, sprechen zu können, basiert auf einem koordinierten Zusammenspiel von kognitiver Aktivität einerseits und den physiologischen Voraussetzungen wie Genetik, Stimmbändern, Gaumen, Lippen, Zunge, Kiefer und Atmungssystem andererseits. Obwohl die motorische Aktivität nur gering bemüht wird, wird die kognitive umso mehr beansprucht. Sprache ist, genauso wie das Handeln, ein wichtiges mit dem Denken verbundenes wahrnehmbares Phänomen. Sowohl die Sprache als auch das Handeln setzen voraus, dass man denkt. Man kann nicht sprechen, ohne zu denken; das gilt selbst dann, wenn Unsinn geredet wird.
Während die Sprachmotorik in der Regel automatisch abläuft, kann bewusste Steuerung die Sprachfähigkeit erheblich verbessern, bestes Beispiel ist die Logopädie.
Paul Geraedts
12. Körpersprache – expressive Motorik
Zusammenfassung
Haltung, Mimik, Gestik, Körperkontakt und Wortbetonung können mehr ausdrücken als die ausgesprochenen Worte selbst. Körpersprache wird daher oft mit nonverbaler Kommunikation gleichgesetzt.
Körpersprache ist sehr eng verbunden mit physischer Haltung und fällt in den Bereich der Motorik. Sie wird daher in der Regel unbewusst gesteuert; bewusste Steuerung ist begrenzt möglich, aber schwer zu erlernen.
In vielen Bereichen sind ausreichende Kenntnis und richtiger Umgang mit Körpersprache bedeutsam. Im Sport kann der Trainer so eher erkennen, ob ein Training zu schwer ist oder Freude am Sport erlebt wird. Bei medizinischen Problemen äußern sich Patienten oftmals eher durch Körpersprache. Sowohl in der Diagnostik als auch in der Behandlung dürfen diese Signale dem Therapeuten nicht entgehen. Und bei allgemeinen öffentlichen Auftritten kann eine gute Körpersprache dem Publikum helfen, die zu vermittelnde Botschaft besser zu verstehen.
Paul Geraedts
13. Mimische Motorik
Zusammenfassung
Die mimische Motorik wird als eine besondere Form der Körpersprache überwiegend automatisch gesteuert. Obwohl bewusste Steuerung möglich ist, kann diese der automatischen Steuerung niemals gleichkommen. Spontanes Lächeln ist ein ganz natürlicher Gesichtsausdruck, vollzieht sich automatisch und blitzschnell. Bewusst zu lachen, in einer bestimmten Situation dazu aufgefordert, erscheint besonders schwierig und wirkt immer unnatürlich.
Paul Geraedts
14. Das Herz
Zusammenfassung
Die Motorik des Herzens ist ein ganz besonderer Fall automatisch gesteuerter Motorik. Die Aufgabe des Herzens, das Blut rund zu pumpen, erfordert ununterbrochene Arbeit, rund um die Uhr, pausenlos – und das jahrelang! Der Herzmuskel ist hiermit wohl der „fleißigste“ Muskel des menschlichen Körpers.
Das Herz verfügt über ein eigenes Erregungsleitungssystem, das aus Sicherheitsgründen unabhängig vom zentralen Nervensystem, und damit autonom, arbeiten kann. Auch die Adaption der Frequenz des Herzens bei körperlicher Arbeit findet auf rein automatischer Ebene statt, und eine bewusste Beeinflussung ist unmöglich: diese wäre auch höchst unpraktisch.
Es besteht aber eine recht eingeschränkte Option, indirekt die Herzfrequenz durch Atmung und bewusste Entspannung zu steuern. Yoga und autogenes Training sind Beispiele für diese beabsichtigten Entspannungstechniken.
Paul Geraedts
15. Motorik der glatten Muskulatur
Zusammenfassung
Auch Gefäße und Hohlorgane wie Magen, Uterus, Blase und Blutgefäße zeigen motorische Aktivität durch Kontraktion von glatten Muskelzellen. Die Steuerung dieser glatten Muskelzellen verläuft vollautomatisch und ein bewusstes Eingreifen ist unmöglich, da das vegetative Nervensystem nicht bewusst zu beeinflussen ist.
Die Gefäße sowie der Herzmuskel können nur indirekt durch bewusste körperliche Aktivität trainiert werden.
Von den Skelettmuskeln ventrokaudal im Bereich des Beckens kann nur der M. sphincter ani externus als der äußere Schließmuskel des Afters willkürlich das Rectum (Mastdarm) verschließen. Er besteht denn auch als alleiniger Beckenbodenmuskel aus quergestreiftem Muskelgewebe, weswegen er auch bewusst trainiert werden kann.
Paul Geraedts
16. Fazit
Zusammenfassung
Die menschliche Motorik kann in ihrer Erscheinungsform sowohl äußerst spektakulär als auch äußerst aktiv, aber gleichzeitig unsichtbar sein. Dazwischen gibt es alle möglichen Varianten. In irgendeiner Form ist der menschliche Körper immer aktiv – er ruht nie.
Paul Geraedts
17. Erratum zu: Motorische Entwicklung und Steuerung
Paul Geraedts
Backmatter
Metadaten
Titel
Motorische Entwicklung und Steuerung
verfasst von
Paul Geraedts
Copyright-Jahr
2020
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Electronic ISBN
978-3-662-58296-1
Print ISBN
978-3-662-58295-4
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-662-58296-1