Inkontinenz Was bringt präpartales Beckenbodentraining?
- 07.11.2025
- Physiologie & Pathologie
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M.Sc. Management and Technology, 7. Semester Hebammenwissenschaft an der Uni Würzburg. Aktuell recherchiert sie für ihre Bachelorarbeit zum Thema „Präpartales Beckenbodentraining als Prävention von Harninkontinenz und höhergradigen Dammverletzungen“
Beckenbodentraining bei Inkontinenz ist bisher eher eine kurative als eine präventive Maßnahme. Wenn man allerdings bedenkt, dass bereits in der Schwangerschaft 41% der Frauen und sechs Monate nach der Geburt immer noch 31% von Inkontinenz betroffen sind, dann wundert es nicht, dass zunehmend über präpartales Beckenbodentraining diskutiert wird. Wir sprachen darüber mit Katharina Heelein, Studierende der Hebammenwissenschaften im 7. Semester an der Uni Würzburg, die im Rahmen ihrer Bachelorarbeit sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Außerdem wurde sie im April 2025 auf dem Bayerischen Kongress für Hebammenwissenschaft für ihr Poster zum Beckenbodentraining in der Schwangerschaft ausgezeichnet.
Frau Heelein, ist präpartales Beckenbodentraining ein Thema in den Vorsorgeuntersuchungen bei Hebammen oder Gynäkolog*innen?
Katharina Heelein: Eine Schwangerschaft gilt als Hauptrisiko für eine Beckenbodenschwäche: Der Beckenboden ist in dieser Zeit durch zunehmendes Gewicht und Lockerung des Gewebes stark belastet, sodass Schwangere hauptsächlich unter Belastungsinkontinenz leiden. Vor allem Multipara sind davon betroffen. Allerdings wird das Thema Beckenboden, seine Funktion und die Belastung unter Schwangerschaft und Geburt meist erst im Zuge des Geburtsvorbereitungskurs angesprochen. Nach meiner Erfahrung sind sich Hebammen uneins, ob und welche Form des Beckenbodentrainings in der Schwangerschaft empfehlenswert ist. Der Fokus liegt häufig auf Wahrnehmungsübungen und einer beckenbodenschonenden Körperhaltung. Da der Beckenboden in den Mutterschaftsrichtlinien bislang nicht explizit berücksichtigt wird, erfolgt eine Primärprävention von Belastungsinkontinenz häufig zu spät.
Was sagt denn die aktuelle Studienlage zum Nutzen von präpartalem Beckenbodentraining?
Heelein: Die Studienlage zum präpartalen Beckenbodentraining wird zusehends besser, dennoch sind Ergebnisse aufgrund von Heterogenität der Studien inkongruent. Zwei systematische Reviews (Woodley et al 2020, Zhang et al 2024) kommen zu dem Ergebnis, dass durch Beckenbodentraining in der Schwangerschaft einer Harninkontinenz prä- und postpartal effektiv vorgebeugt werden kann. Als sekundäre Prävention, d.h. wenn Inkontinenz bereits vorliegt, sind die Effekte deutlich geringer.
Was kann präpartales Beckenbodentraining bewirken?
Heelein: Neben der Primärprävention einer Harninkontinenz, könnte das Training die Geburtsdauer in Eröffnungs- und Austrittsphase verkürzen sowie das Auftreten von höhergradigen Dammrissen reduzieren. Hierzu bedarf es aber noch weiteren Studien – beispielsweise, ob die positiven Effekte allein durch Beckenbodentraining oder durch körperliche Aktivität allgemein erzielt werden.
Wie sieht das Training in der Schwangerschaft aus? Was müssen Schwangere beachten?
Heelein: In den Studien wurde das Beckenbodentraining meist als Bestandteil eines allgemeinen Sport-/Gymnastikkurses angeboten. Es wurde die Kraft und Ausdauer des Beckenbodens trainiert, wobei Einfühlübungen im Vorfeld ratsam sind, um bei der Schwangeren ein Verständnis ihres Beckenbodens herzustellen. Wichtig ist, dass die Übungen schmerzfrei durchgeführt werden. Im Falle einer Risikoschwangerschaft – zum Beispiel bei Zervixinsuffizienz, Mehrlingen, IUGR oder Präeklampsie - sollte vorab ein*e Gynäkolog*in konsultiert werden, ob körperliche Aktivität überhaupt erlaubt ist.
Wann ist der beste Zeitpunkt, mit dem Beckenbodentraining zu beginnen?
Heelein: Da der präventive Effekt am größten ist, bevor eine Belastungsinkontinenz auftritt, sollte das Training möglichst früh in den Alltag integriert werden. Die Beratung und Anleitung kann über die/den Gynäkolog*in, Hebamme, Physiotherapeut*in oder Kursleitende stattfinden.
Kann jede Hebamme per sé entsprechende Kurse anbieten?
Heelein: Grundsätzlich ist keine zusätzliche Ausbildung erforderlich, jedoch empfiehlt sich zur Beurteilung des Beckenbodens eine Fortbildung in Beckenbodenpalpation. Soll das Training im Rahmen eines Yoga- oder Pilateskurs stattfinden, werden die entsprechenden Zertifizierungen dafür benötigt.
Welchen Erfolg kann bei der Nutzung von Hilfsmitteln wie Biofeedback, Elektrostimulation, Vaginalkegel etc. festgestellt werden?
Heelein: Die Studienlage ist nicht aussagekräftig, ob diese Hilfsmittel tatsächlich in der Prävention helfen. Sie können als Einfühlmethode zum Kennenlernen des Beckenbodens dienen und den Kraftaufbau durch direktes Feedback unterstützen. Letztlich hängt es von der individuellen Präferenz ab, welche Trainingsmethode sich gut in den Alltag integrieren lässt und dabei beschwerdefrei durchgeführt werden kann.
Handelt es sich bei präpartalem Beckenbodentraining auch um eine Kassen- oder eine Eigenleistung?
Heelein: Die Kostenübernahme hängt von der Art des Angebots ab. Das Training kann als Leistung bei bestehenden Beschwerden über die Krankenkasse abgerechnet, als Bestandteil des Geburtsvorbereitungskurses oder als Privatleistung (z. B. Schwangerengymnastik, pränatales Yoga oder Pilates) angeboten werden.
Erfreulicherweise berät der G-BA aktuell, ob die Diagnostik des Beckenbodens als Hilfeleistung in die kassenärztliche Versorgung mit aufgenommen wird. Somit ist zu hoffen, dass auch die entsprechende Therapie flächendeckend angeboten und von den Kassen erstattet wird.
Das Interview führte Josefine Baldauf