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26.10.2022 | Pflegewissenschaft | Nachrichten

Missed Nursing Care in Österreich

84% der Pflegenden müssen Versorgungsleistungen weglassen

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Personalmangel in der Pflege ist international ein Problem. Nicht selten zwingt er Pflegefachpersonen, notwendige Pflegehandlungen wegzulassen. Eine Studie ermittelte jetzt für Österreich, wie häufig Pflegeleistungen rationiert werden und wie Patienten und Pflegende leiden.

Erschöpfte Pflegerin  © Wavebreakmedia / Getty Images / iStockWenn Pflegende notwendige Versorgung weglassen müssen, wächst auch die Frustration.

Der Mangel an Pflegepersonal hat massive Auswirkungen auf die Patientenversorgung. Eine neue repräsentative Studie der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Krems liefert nun erstmals konkrete Zahlen für Österreich. Befragt wurden mehr als 1.000 Pflegefachpersonen auf Allgemeinstationen.

Kernergebnis, der am 12. Oktober vorgestellten Studie: Mehr als 80 Prozent der Pflegeteams lassen regelmäßig notwendige Pflegehandlungen weg, weil sie keine Zeit haben oder zu wenig Personal zur Verfügung steht. Das wirkt sich nicht nur negativ auf die Versorgung der Patienten aus. Es führt auch zu Frustration bei den Pflegekräften und erhöht deren Bereitschaft, aus dem Beruf auszusteigen.

Missed Nursing Care ein internationales Problem

Der Begriff „Missed Nursing Care“ bezeichnet das wiederholte Weglassen oder zum Nachteil für den Patienten verzögerte Durchführen von grundsätzlich notwendiger pflegerischer Versorgung bei alltäglichen Routinen und Arbeitsprozessen.

In internationalen Studien berichten zwischen 55 und 98 Prozent der Pflegepersonen, dass sie und/oder ihr Team mindestens eine der für die Patientenversorgung notwendigen Interventionen solcherart implizit rationieren.

In ihrer MISSCARE-Austria Studie stellten die Pflegewissenschaftlerin Ana Cartaxo und ihre Ko-Autor*innen mit etwa 84 Prozent für Österreich einen im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hohen Anteil fest.

Verzicht auf emotionale Unterstützung

Mit rund 68 Prozent wird auf den Stationen am häufigsten auf emotionale Unterstützung verzichtet. Aber auch Gespräche mit Patienten und deren Angehörigen (60,6 %), die Überwachung von kognitiv beeinträchtigten Patienten (48,4 %), die Beratung und Schulung zur Entlassung (48,1 %) und die Mobilisierung von Patienten (47,6 %) werden oft weggelassen. 

Als häufigste Gründe für Missed Nursing Care fanden die Autor*innen Multitasking, häufige Unterbrechungen, Personalmangel, einen gesteigerten Versorgungsaufwand und gesteigerte Aufnahme- und Entlassungsdynamiken, die eigene Erschöpfung sowie mangelnde Unterstützung von den direkten Vorgesetzten.

Nur 3,6 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, dass auf ihrer Station in den vergangenen drei Monaten „ausreichend“ Pflegepersonal zur Verfügung stand. Die Hälfte beurteilte die Personalausstattung mit „selten“, 17,4 Prozent mit „nie“ angemessen.

Die Zahl der Krankenhausbetten ist in Österreich im internationalen Vergleich hoch, allerdings werden wegen Personalmangel immer wieder Betten gesperrt und das Verhältnis von diplomierter Pflegekraft zu Patienten ist mit 1 zu 18 überdurchschnittlich hoch. Zum Vergleich: Eine Richtlinie in Kalifornien gibt einen Schlüssel von einer Pflegeperson für fünf bis sechs Patienten vor.

Versorgungsqualität und Arbeitszufriedenheit leiden

Die Folgen der hohen MNC-Rate zeigen sich in der Qualität der Patientenversorgung und der Arbeitszufriedenheit bei der Pflege, so Cartaxo. Fehlende Schulung, fehlende Überwachung und fehlende Kommunikation führen zu Komplikationen wie nosokomialen Infektionen, Stürzen, Dekubitus und postoperativen Komplikationen. Und fast drei Viertel der 1.000 Studienteilnehmer*innen, die repräsentativ für die Berufsgruppe sind, denken mindestens einmal im Monat daran, den Beruf zu verlassen.

Notwendig wäre eine umfassende Reform des Gesundheitssystems, so Hanna Mayer, die Ko-Autorin der Studie. Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankpflegeverbands (ÖGKV), sieht großes Potenzial in der Reduktion unnötiger Krankenhausaufnahmen: Die starke Krankenhauszentrierung in Österreich könnte durch eine Stärkung der vor- und nachgelagerten Strukturen deutlich reduziert werden, etwa durch spezialisierte Pflegepersonen in Primärversorgungszentren. Potzmann: „Derzeit haben wir top ausgebildete Pflegepersonen, die ihre Kompetenzen nicht voll ausschöpfen können.“ (VK)

Die Studie „MissCare-Austria“ ist in HeilberufeScience veröffentlicht worden. Sie zeigt erstmals einen pflegewissenschaftlichen Blick auf das Phänomen Missed Nursing Care in Österreich.


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