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Erschienen in: Pflegezeitschrift 1-2/2023

01.01.2023 | Pflege Praxis Zur Zeit gratis

Pflege goes Social Media

verfasst von: Alexandra Heeser

Erschienen in: Pflegezeitschrift | Ausgabe 1-2/2023

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Pflege-Influencer auf dem Vormarsch Viele Menschen verbinden mit dem Pflegeberuf ein eher negatives Bild - zu wenig Gehalt, zu wenig Wertschätzung, schlechte Rahmenbedingungen. Dieses Bild möchten Pflege-Influencer ändern. Ihr Ziel: Einen authentischen Einblick in ihren Berufsalltag zu geben, mit gängigen Vorurteilen aufzuräumen und zu zeigen, wie attraktiv der Beruf ist.
Das Image der Pflege hat sich trotz Corona nur minimal gebessert. Das rührt unter anderem daher, dass die Profession selbst viel "jammert" und vor allem die negativen Seiten des Berufs von den Medien aufgenommen werden. Genau an der Stelle setzen viele Pflege-Influencer an. Sie wollen einen realistischen und lebendigen Einblick in ihren Alltag geben, zeigen die positiven Seiten ihres Berufs und sind im direkten Kontakt mit interessierten Menschen. Imagepflege auf die persönliche Art. Dass das funktioniert, sieht man an Jenny Kuhnert, einer Berliner Intensivpflegefachkraft mit wachsenden Followerzahlen auf ihrem Instagram-Account. Der rbb begleitete die sympathische Mittdreißigerin mit Pony und grünem Kleid vor Kurzem mit Kamerateam über einen Kongress in der Hauptstadt und berichtet über ihre Arbeit - als Krankenschwester und Influencerin. In den Nachrichten widmete man, zumindest in der Hauptstadt, zur Hauptsendezeit einen ganzen Slot dem Thema Pflege. Mission geglückt: An diesem Tag hat es Jenny, alias @_halbtagsheldin_, geschafft, auf ihren Traumberuf in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen.

Der Pflege ein Gesicht geben

So wie sie nehmen immer mehr Pflegekräfte es selbst in die Hand, ihren Beruf als attraktiv in den sozialen Medien darzustellen: die meisten, indem sie der Pflege ein Gesicht geben und authentisch von ihrem Alltag berichten. Mit steigender Reichweite kommt auch das mediale Interesse. Das hat zum Beispiel Ricardo Lange schnell gemerkt. Nach seinem kometenhaften Aufstieg zum Pflege-Influencer während der Corona-Pandemie 2020 und dem Auftritt in der Bundespressekonferenz wurde er regelmäßig in Talk Shows eingeladen und auch Print- und Onlinemagazine gaben sich bei ihm die Klinke in die Hand. Mit dem Berliner "Tagesspiegel" gab es eine enge Kooperation: Der Intensivpfleger - und Autor - hatte eine wöchentliche Kolumne, die der 41-jährige Berliner dazu nutzte, auf Missstände in der Pflege hinzuweisen. Für ihn war von Anfang an klar, dass man die Aufmerksamkeit der Medien und Politiker*innen erringen und dann für die Belange der Pflege kämpfen muss. Er nimmt kein Blatt vor den Mund - auch nicht bei der eigenen Berufsgruppe, der er immer wieder - wie jüngst auf Twitter - vorwirft, sich nicht zu wehren, das System mitzutragen und sich nicht gemeinsam zu organisieren. Viele Kolleg*innen von ihm tragen auch offen auf ihren Kanälen die Ziele der Profession mit, wie beispielsweise vor Kurzem @einfach.jean oder @schwester_belladonna, die auf ihren eigenen Instagram-Accounts zur Wahl für die Pflegekammer NRW aufriefen.

Zwischen Shitstorm und Zeitdruck

"Für mich als Influencerin gehört auch die politische Positionierung dazu, wie zum Beispiel das eindeutige Bekenntnis zu Pflegekammern", erklärt Jeannine Fasold alias @einfach.jean, Kinderkrankenschwester und Podcasterin. "Denn wir brauchen noch viel mehr Leute, die sich für unsere Interessen und Belange einsetzen. Meine Motivation ist, dass ich als Influencerin gesehen werde und mit meinen Botschaften Gehör finde. Und wenn ich es schaffe, nur ein paar Kolleginnen und Kollegen von meinen Botschaften zu überzeugen, dass die Pflege Berufspolitik unbedingt braucht, dann ist mir das jeden Shitstorm wert", sagt sie selbstbewusst. Dass nicht jeder so offen damit umgeht, kann man anderen Pflege-Influencern allerdings nicht verdenken. Denn auch Lange und Fasold geben zu, nicht immer Zuspruch zu erhalten. Dennoch gibt es Grenzen, spätestens wenn das eigene Leben bedroht wird. Franziska Böhler, alias @thefabulousfranzi, hat für sich daher beschlossen, bestimmte Themen nicht mehr zu bedienen, nachdem sie extreme Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen erhalten hatte. Das sind die Schattenseiten des Influencer-Lebens, die meist nicht gesehen werden.
Was ebenfalls kaum jemand in der Community weiß: Die Influencer zahlen bei Kongressen und Veranstaltungen, an denen sie teilnehmen, selbstverständlich ihre Eintrittskarten selbst, schaufeln sich die Tage, an denen sie vor Ort sind, mühsam frei und machen diesen "Dienst" in ihrer Freizeit. Die jungen Mütter und Pflegefachkräfte im Schichtdienst haben es besonders schwer, in dem eh schon zeitlichen engen Dreischichtmodell neben Familie auch noch ihre Follower zu bedienen. Ob Jenny Kuhnert (@_halbtagsheldin), Vanessa Schulte (@vanessaundjosie) oder auch Jeannine Fasold: Sie stecken alle in dem Zwiespalt, ihren Beruf zu lieben und dabei ihre Familie nicht zu kurz kommen zu lassen. Jede hat da ihre eigene Strategie. Jenny arbeitet nur noch halbtags als Fachkrankenschwester für Anästhesiologie und Intensivmedizin - und das seit Jahresbeginn auch in einer Leasing-Firma, weil sie da verbindlich ihre Schichten bekommt und eben nicht aus dem "frei" einspringen muss. Vanessa kann vor allem bei der Kinderbetreuung auf ihre Familie zurückgreifen, macht derzeit aber noch ein Pflegestudium, um so "auch dem starren Dreischichtmodell" künftig hoffentlich den Rücken kehren zu können. Und sie gibt zu, einen enorm verständnisvollen Partner an ihrer Seite zu haben. Jeannine hatte es generell als Dreifachmama schwer, mittlerweile sind ihre Kids aber aus dem Haus. Trotzdem hat auch sie der Pflege am Bett vor Kurzem den Rücken gekehrt und ist in die Unternehmenskommunikation gewechselt. Dort kann sie - neben ihrem ehrenamtlichen Engagement als Pflege-Influencerin - auch hauptberuflich für die Belange der Pflege eintreten und ihr ein Gesicht nach innen und außen geben. Sie findet das Wort "Influencer" aber per se nur "semi optimal", denn sie "will nicht beeinflussen, ich will mit meinen Kanälen aufzeigen, welche Möglichkeiten wir haben, dem Pflegemangel entgegenzuwirken", sagt die gelernte Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, der Transparenz enorm wichtig ist. Daher greift sie regelmäßig aktuelle Themen und Entwicklungen auf ihren Accounts auf und hat mit Kommunikationsprofi Marc Raschke auch einen eigenen Podcast: "War´s das?".
Jenny und Jeannine geben ehrlich zu, dass das Engagement nur möglich ist, weil sie ab und an auch Werbung auf den Kanälen ausspielen: "Ich gehe auf die Kongresse und zahle Eintritt und mache das nicht in meiner Arbeitszeit. Das sind für mich und meine Kolleginnen und Kollegen aber Anlässe, der Profession zu Gehör zu verhelfen und auf Themen aufmerksam zu machen, die medial wichtig sind. Um mir das leisten zu können, mache ich eben ab und an auch Werbung auf meinem Kanal - um weiterhin der Pflege ein Gesicht geben zu können", erklärt Jeannine.

Macht und Verantwortung

Fakt ist, dass sich die Medienlandschaft wandelt. Klassische Printmedien werden von Online-Kommunikation - auch über Social Media - abgelöst. Twitter galt seit jeher schon als guter Kanal für Journalist*innen, um sich auf dem Laufenden zu halten. Mittlerweile recherchieren gerade junge Journalist*innen aber auch auf Instagram, TikTok und anderen Plattformen ihre Themen. Und Pflege-Influencer werden immer öfter zu interessanten und authentischen Ansprechpartner*innen für Medien - auch, weil sie in der Regel mit Reichweiten aufwarten, von denen auch die klassischen Verlage profitieren können.
Vanessa ist sich sicher, dass Aufmerksamkeit für die Probleme der Pflege der Schlüssel zum Erfolg ist. Das ist auch ihre Motivation, sich als Pflege-Influencerin mit ihrer Kollegin zu engagieren. "Man schafft es im Internet sehr gut, dass Beiträge viral gehen und somit Aufmerksamkeit generieren", spricht sie aus Erfahrung. Mit ihrem Account @vanessaundjosie hatte sie mit ihrer Freundin und Kollegin bislang zwei Beiträge, die über eine Million mal geklickt wurden und bei denen Themen so durch die Decke gingen. Und auch Ricardo weiß um die Macht und Verantwortung, die er mit seinen Beiträgen erreicht. Er ist sehr klar in seiner Ansicht: "Leute, die ihre Stimme erheben - auch außerhalb von Pandemien und Pflegetagen - halten das Thema am Laufen. Ich empfinde es als extrem wichtig, dass wir als Pflege-Influencer zum einen permanent über die Arbeit in der Pflege berichten, zum anderen auch den Mut haben, Missstände offen anzuprangern", erklärt der Intensivpfleger, der als Zeitarbeitskraft aufgrund seines politischen Engagements in zwei Häusern in der Hauptstadt nicht mehr zum Einsatz kommt. "Ich stehe daher gerne mit Namen und Gesicht in der Öffentlichkeit und sage, wo die Probleme liegen und was man hätte anders machen können oder sollen." Dass es sich bei ihm nicht um leere Worte handelt, sondern er seine Verantwortung sehr ernst nimmt, sieht man daran, dass Lange schon wenige Stunden nach dem Besuch beim Deutschen Pflegetag bei Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sitzt und unter anderem diskutiert, wie die Entlastung der Pflege in der Praxis gelingen kann.

Folgen und Liken lohnt sich

Pflege-Influencer nutzen ihre Reichweite und Bekanntheit sehr häufig, um auf drängende Probleme in der Pflege aufmerksam zu machen - jede und jeder auf seine Art. Damit sprechen sie am Ende auch alle eine eigene Zielgruppe an, die sich mit ihnen und ihrem Berufsalltag identifizieren kann.

Auf allen Kanälen

Neugierig geworden? Die hier vorgestellten Influencer sind eine kleine Auswahl aus den vielen engagierten Menschen, die sich auf Social Media für die Pflege stark machen.
Reinschauen lohnt sich!
Metadaten
Titel
Pflege goes Social Media
verfasst von
Alexandra Heeser
Publikationsdatum
01.01.2023
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Pflegezeitschrift / Ausgabe 1-2/2023
Print ISSN: 0945-1129
Elektronische ISSN: 2520-1816
DOI
https://doi.org/10.1007/s41906-022-1983-4

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