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2016 | Pflege bei Demenz | Buch

Demenz und Palliative Geriatrie in der Praxis

Heilsame Betreuung unheilbar demenzkranker Menschen

herausgegeben von: Marina Kojer, Martina Schmidl

Verlag: Springer Vienna

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Über dieses Buch

Gute Lebensqualität für demenzkranke Hochbetagte

Demenz ist unheilbar, die Diagnose besiegelt den Verlauf. Daher brauchen Demenzkranke bereits lange vor dem Tod palliative Betreuung. Gute Lebensqualität für Demenzkranke bedeutet v. a. menschliche Zuwendung. Die Kunst der mitfühlenden Kommunikation, das „Berührbar sein“, ist wesentlicher Teil der Symptomkontrolle. Nur mit einer lebendigen Beziehung zu den Kranken und „einem Gefühl“ für ihr Verhalten kann Hilfe wirksam werden. Erst dann besteht die Chance, z. B. Schmerzen oder Essstörungen erfolgreicher zu behandeln und „gute“ Entscheidungen zu treffen.

Die Herausgeberinnen haben jahrzehntelange Erfahrung in der palliativen Betreuung demenzkranker Hochbetagter. Ziel ist es, wesentliche Facetten der Palliativen Geriatrie zu definieren und Wege zur gelingenden Umsetzung aufzuzeigen. Die zweite Auflage wurde aktualisiert, ein Kapitel zu Palliativen Aspekten in der Akutgeriatrie ergänzt.

Überblick über die Inhalte

· Kommunikation als geriatrische Symptomkontrolle

· Symptomkontrolle bei Schmerzen, Essstörungen und in der letzten Lebensphase

· Menschenrechte

· Menschenbild und Haltung

· Ethik

· Angehörige

· Demenzkranke Menschen im Krankenhaus

Die Herausgeberinnen

Dr. med. Dr. phil. Marina Kojer, Ärztin f. Allgemeinmedizin, Additivfach Geriatrie, Psychologin, Honorarprofessorin der IFF der Universität Klagenfurt

Dr. Martina Schmidl, MAS (Palliative Care), Ärztin f. Allgemeinmedizin, Additivfach Geriatrie. Schwerpunkt: Palliative Betreuung Demenzkranker

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
1. Unheilbar dement
Zusammenfassung
In den letzten Jahrzehnten wurden aus Altenheimen allmählich Pflegeheime, in denen Hochbetagte mit hohem Bedarf an pflegerischer und ärztlicher Versorgung leben. Es liegt auf der Hand, dass sich diese „Bewohnerschaft“ aus chronisch Kranken zusammensetzt, deren Ansprüche an die Wohnqualität sich nicht vereinheitlichen lassen. Möglichkeiten für bedürfnisgerechte Unterbringungsformen gibt es am ehesten in Heimen mit unterschiedlich großen Zimmern. Ein-, Zwei-, Drei- und Vierbettzimmer bieten Möglichkeiten für mehr Flexibilität und Austausch. Es ist dann viel leichter, die Patientinnen so unterzubringen, dass die „Chemie“ zwischen den alten Menschen stimmt. Das gut funktionierende soziale Miteinander sollte bei der Vergabe der Zimmer im Vordergrund stehen, nicht Mobilität und körperlicher Zustand.
Marina Kojer, Martina Schmidl

Kommunikation als geriatrische Symptomkontrolle

Frontmatter
2. Kommunikation – Kernkompetenz der Palliativen Geriatrie
Zusammenfassung
Palliative Geriatrie lebt mehr als jede andere Sparte in Medizin und Pflege von dem Verständnis für die Gefühlswelt der Kranken. Unsere Patientinnen können ihre körperlichen und seelischen Beschwerden nicht mehr gedanklich reflektieren; sie erleben sie vorwiegend oder ausschließlich auf der Gefühlsebene. Ohne das kontinuierliche Aufrechterhalten einer lebendigen Beziehung ist es fast unmöglich, ihnen die Hilfe zuteilwerden zu lassen, die sie brauchen. Gelingende Kommunikation bis zuletzt und der Aufbau tragfähiger Beziehungen zu unseren Patientinnen bilden das Fundament der Palliativbetreuung von demenzkranken Hochbetagten. Unsere Arbeit basiert auf diesem Fundament; dieses Buch soll mithelfen, unsere Erkenntnisse und Botschaften weiterzutragen. Für die Palliative Geriatrie gilt – in Abwandlung eines bekannten Satzes von Arthur Schopenhauer: Kommunikation ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Kommunikation.
Marina Kojer
3. Die Bedeutung von Symbolen in der „Sprache“ demenzkranker Menschen
Zusammenfassung
Hochbetagte Menschen mit Demenz drücken sich sehr häufig verschlüsselt aus. Dazu benützen sie während des gesamten Verlaufs ihrer Erkrankung Symbole. Diese Symbole stehen stets für etwas, das für die Betroffenen von ganz besonderer Bedeutung ist. Ein Symbol kann stellvertretend für Menschen, Dinge und Ereignisse, aber auch für Werte, Gefühle oder Bedürfnisse (z. B. nach Liebe oder nach Ansehen) verwendet werden. In der Anfangsphase einer Demenz weisen Symbole oft auf alte seelische Verletzungen, aber auch auf schmerzliche Verluste und Ängste in der Gegenwart hin. In verschlüsselter Weise wird etwas zum Ausdruck gebracht, das die Betroffenen sehr belastet und das sie vor sich und vor anderen verstecken möchten. Bei Personen mit weit fortgeschrittener Demenz verschmelzen die verwendeten Symbole immer mehr mit der Person, dem Wert, dem Erlebnis oder Bedürfnis, das sie ursprünglich repräsentieren. So wird die Puppe z. B. immer mehr zum lebendigen Kind.
Gunvor Sramek
4. Gestörtes Verhalten – Verhalten, das uns stört?
Zusammenfassung
Menschen mit fortgeschrittener Demenz drücken sich über ihren Körper und durch ihr Verhalten aus. Die Signale, die sie aussenden, müssen daher als Kommunikationsversuche verstanden werden. Für jedes Verhalten gibt es einen Grund. Die Signale, die die Betroffenen aussenden, sind stets mehrdeutig, hinter ein und demselben Verhalten kann sich daher sehr vieles verbergen. Auslösend kann alles sein, was die augenblickliche körperliche oder seelische Befindlichkeit der Betroffenen negativ beeinflusst. Solange es uns nicht gelingt, eine Beziehung herzustellen und dem demenzkranken alten Menschen so weit wie möglich in seine Welt zu folgen, bleibt er für uns unzugänglich. Hinter dem störenden Verhalten verborgene körperliche und seelische Leiden gehen oft für immer unbemerkt unter. Fehlbehandlungen – zumal mit Psychopharmaka – sind häufig. Alles Fachwissen bleibt vergeblich, solange wir nicht lernen, mit Demenzkranken zu kommunizieren, und daher nicht in der Lage sind, ihre Schmerzen, ihre quälenden körperlichen und seelischen Beschwerden sowie ihre Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen.
Marina Kojer, Ursula Gutenthaler

Symptomkontrolle Schmerz

Frontmatter
5. Schmerz hat viele Gesichter
Zusammenfassung
Das Lindern von „total pain“ ist ein zentrales Anliegen der Palliative Care. Um zu begreifen, was Demenzkranke quält, ist die bekannte Einteilung der nicht-somatischen Schmerzen in seelische, soziale und spirituelle Schmerzen nicht aussagekräftig genug. Die Leiden demenziell Erkrankter werden zum Großteil aus Quellen gespeist, mit denen wir persönlich noch nicht Bekanntschaft machen mussten. Wir waren noch nie hochbetagt, schwach und vollständig hilflos. Einige aussagekräftige Beispiele für nicht körperliche Schmerzen Demenzkranker werden näher erläutert: Der Schmerz der unbegreiflichen Bedrohung, der Schmerz, sich nicht ausdrücken zu können, der Schmerz, sich nicht mehr zurechtzufinden, der Schmerz, sich hilflos und ausgeschlossen zu fühlen, und der Schmerz, respektlos und demütigend behandelt zu werden. Um dieses Leid zu lindern, braucht es mehr als fachliche Kompetenz. Die Aufgabe erfordert Zuwendung, Mitgefühl, Intuition, Kreativität, vor allem aber die Bereitschaft, in Beziehung zu treten und auch auf schweigende Bitten einfühlsam zu reagieren.
Marina Kojer
6. Schmerzmanagement bei älteren und kognitiv beeinträchtigten Menschen
Zusammenfassung
Die Kehrseite der steigenden Lebenserwartung ist die Zunahme chronischer Erkrankungen, die bei Betagten häufig gleichzeitig auftreten. Viele dieser Krankheiten gehen mit chronischen Schmerzen einher. Gleichzeitig steigt auch die Prävalenz der Demenzerkrankungen, die mit zunehmendem Schweregrad die Kommunikationsfähigkeit beeinträchtigen. Das Erkennen und Erfassen von Schmerzen wird zur Herausforderung und verlangt in dieser Patientengruppe eine sorgfältige Beobachtung und die richtige Interpretation von Verhaltensänderungen. Dabei können geeignete Assessmenttools helfen. Für die symptomatische Schmerzbehandlung sind die Veränderungen des älteren Organismus zu beachten und eine situationsgerechte Wahl der Stärke und Galenik der Analgetika zu treffen.
Roland Kunz

Symptomkontrolle Ernährung

Frontmatter
7. Ernährung und ablehnendes Essverhalten aus Sicht der Pflegenden
Zusammenfassung
Viele gesundheitliche Probleme können für den Appetitverlust verantwortlich sein. Mögliche körperliche Ursachen müssen in Zusammenarbeit mit der behandelnden Ärztin festgestellt und behandelt oder ausgeschlossen werden. Ein besonders hoher Stellenwert kommt dabei der Frage zu, ob eine Patientin, die sich verbal nicht mehr mitteilen kann, Schmerzen hat. Die entscheidenden Hinweise auf das Vorliegen von Schmerzen müssen von Schwestern und Pflegern kommen. Wer keine Freude am Leben hat, hat in der Regel auch keine Freude am Essen. Appetitlosigkeit ist häufig ein Zeichen dafür, dass Demenzkranke sich in ihrer Umgebung nicht wohl fühlen, unter Respektlosigkeit, fehlender Kommunikation, Mangel an Zuwendung und Beziehung leiden. Gegen Lebensende ist die abnehmende Freude am Essen nicht selten Teil eines allgemeinen Rückzugs.
Snezana Lazelberger
8. Die ärztliche Sicht: Ernährung und Nahrungsverweigerung bei Hochbetagten mit fortgeschrittener Demenz
Zusammenfassung
Ablehnendes Essverhalten kann in jeder Phase der Demenz auftreten, am häufigsten ist es in der Endphase der Erkrankung. Das allmähliche Einstellen der Nahrungsaufnahme ist ein Kennzeichen der Endphase der Demenz und Teil des normalen Sterbeprozesses. Die Patientinnen, um die es hier geht, sind sehr alt, sie sind multimorbid und gebrechlich. Weder eigene Erfahrungen noch die Ergebnisse der umfassenden Literaturrecherche rechtfertigen die Annahme, dass sich das Leben dieser Menschen durch Sondenernährung positiv beeinflussen lässt. Das Legen einer PEG-Sonde bei weit fortgeschrittener Demenz hält weder Malnutrition, noch das Entstehen von Dekubitalulzera und Aspirationspneumonien hintan, noch trägt sie dazu bei, den funktionellen Status, die Überlebenszeit oder die Lebensqualität zu verbessern. Angesichts dieser Studienlage drängt sich die Frage auf, welches realistisch erreichbare Therapieziel das Setzen einer Ernährungssonde noch rechtfertigen kann.
Martina Schmidl, Marina Kojer

Symptomkontrolle im letzten Lebensabschnitt

Frontmatter
9. Die letzte Lebensphase
Zusammenfassung
Demenzkranke Hochbetagte, die in einem Pflegeheim aufgenommen werden, sind von Beginn an palliativbedürftig. Palliative Grundhaltung, Kompetenz in Kommunikation und Symptomkontrolle sind von Anfang an gefragt. Für den unterschiedlich langen Zeitraum, in dem es den Betroffenen noch verhältnismäßig gut geht, sind in wechselndem Ausmaß kurative und palliative Maßnahmen erforderlich. Lässt schließlich die Lebenskraft nach und beginnt sich der Gesundheitszustand bleibend zu verschlechtern, ist es von entscheidender Bedeutung, die geänderte Situation zu erkennen. Jetzt müssen Entscheidungen getroffen und das Behandlungsziel neu definiert werden: Unsere Hauptpriorität ist nicht mehr die Verbesserung des Zustands, sondern die Gewährleistung der besten erreichbaren Lebensqualität. Je näher der Tod rückt, desto wichtiger werden einfühlsame Beobachtung, rasche Informationsweitergabe und das Ausschöpfen aller palliativen Möglichkeiten, um der Sterbenden unnötiges Leiden zu ersparen.
Martina Schmidl, Marina Kojer
10. Die Begleitung Sterbender in den unterschiedlichen Phasen der Demenz nach Naomi Feil
Zusammenfassung
Gute Begleitung ist nur dann möglich, wenn die verbale und/oder nonverbale Kommunikation mit der Sterbenden gelingt und sich daraus eine von Vertrauen getragene Beziehung entwickelt. Mit den wechselnden Phasen der Demenz ändert sich auch die geeignete Form der Begegnung. Die Begleitung Demenzkranker in ihrer letzten Lebenszeit ist eine schwierige, aber auch schöne und lohnende Aufgabe, eine Aufgabe, die Kompetenz in Kommunikation mit desorientierten alten Menschen, innere Ruhe und ehrliche Zuwendung erfordert. Begleiterinnen sollten Verständnis für die Persönlichkeit der Kranken und das verinnerlichte Wissen um Einmaligkeit und Einzigartigkeit jedes Menschen mitbringen. Auch und gerade in der Zeit des Sterbens verlangt jede Phase der Demenz eine auf die Lebenswelt und die jeweiligen Kompetenzen der Betroffenen abgestimmte Zugehensweise.
Marina Kojer, Gunvor Sramek
11. Sterbebegleitung aus der Sicht der Pflege
Zusammenfassung
Gute Begleitung hochbetagter, demenzkranker Sterbender ist eine Teamleistung. Entscheidende Hemmschuhe für das Gelingen palliativer Pflege und Betreuung am Lebensende sind ein unzufriedenes, uneiniges Team, mangelndes Vertrauen untereinander und zu der Leitung und hohe Fluktuation. Zum Team gehören nicht nur die Pflegekräfte sondern selbstverständlich auch die behandelnde Ärztin und alle anderen Personen, die in die Betreuung der Patientin mit eingebunden sind. Für die Voraussetzungen gelingender Teamarbeit in der Begleitung Sterbender haben vor allem die Leitungspersonen zu sorgen. Ein Beispiel einer geglückten Begleitung zeigt auf, wie sehr dabei nicht nur die gute, kompetente und sorgsame Pflegekraft, sondern der ganze Mensch mit all seinem Denken, Fühlen und Tun gefordert ist.
Ursula Gutenthaler

Menschenrechte

Frontmatter
12. Das Recht auf kommunikative Grundversorgung
Zusammenfassung
Über ihre hochdifferenzierte Gefühlswahrnehmung erfassen demenziell Erkrankte oftmals komplexe Zusammenhänge und erleben so – ohne sich wehren zu können – Ablehnung, Demütigung oder Verachtung ihrer Mitmenschen mit aller Deutlichkeit und mit allen Konsequenzen für ihre seelische Befindlichkeit. Daher ist für sie die Wahrung des Rechts auf eine ihrem Zustand angemessene Kommunikation die wichtigste Voraussetzung dafür, trotz allem ein gutes Leben führen zu können. Demenzkranke sind keine Mangelwesen, sondern unheilbar kranke Menschen, denen es ebenso wie anderen Kranken zusteht, wahr- und ernst genommen und ihren Bedürfnissen entsprechend behandelt und gepflegt zu werden. Solange es für Mitarbeiterinnen von Pflegeheimen nicht selbstverständlich ist, mit ihren Patientinnen in Beziehung treten zu können, wird das Leben vieler Demenzkranker auch weiterhin im vollständigen Rückzug enden, ohne dass es so sein müsste, und die Arbeit mit ihnen wird oftmals freudlos und frustrierend sein.
Marina Kojer
13. Recht auf „chronische“ Heimärztinnen
Zusammenfassung
Die ärztliche Versorgung in Pflegeheimen ist bis auf wenige Ausnahmen im Großen und Ganzen mangelhaft. Trotz zum Teil ermutigender – jedoch regional begrenzter – Versorgungsmodelle, fehlen bisher die dringend notwendigen flächendeckenden, auf Dauer verlässlich funktionierenden Strukturen. Das heißt: Chronisch kranken pflegebedürftigen Menschen – die Patientinnen leiden bei der Heimaufnahme im Durchschnitt an fünf bis sieben schweren Erkrankungen – wird derzeit mit dem Einzug ins Heim die adäquate medizinische Versorgung zumeist vorenthalten. Fazit: Weil hohes Alter und fortgeschrittene Multimorbidität tägliche Präsenz erfordern, sollte die medizinische Betreuung durch ärztliches Personal (Heimärztinnen) erbracht werden, das als Teil des betreuenden Teams dauerhaft vor Ort arbeitet.
Martina Schmidl
14. Recht auf Schmerzlinderung
Zusammenfassung
Der zentrale Auftrag von Palliative Care ist es, so gut es geht dazu beizutragen, die Lebensqualität unheilbar Kranker zu erhalten oder zu verbessern. Das Lindern von Schmerzen ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für „gute Lebensqualität“. Daher muss sichergestellt sein, dass wirklich alle Betroffenen eine adäquate Schmerztherapie erhalten. Dieses Ziel wird für die große Gruppe der Demenzkranken noch immer bei weitem nicht erreicht. Angesichts der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, Schmerzen zu lindern, und in Anbetracht der Fülle belastender Folgen unerkannter, unbehandelter oder nicht ausreichend behandelter Schmerzen, fordern internationale Organisationen – zum Teil seit vielen Jahren – das Recht auf eine adäquate Schmerztherapie für alle, die sie brauchen.
Martina Schmidl
15. Recht auf Gesellschaft
Zusammenfassung
In der Geriatrie Tätige sind in ein enges Arbeitskorsett gepresst und haben nur sehr begrenzte Möglichkeiten, sich einer Patientin längere Zeit zuzuwenden. Schon allein aus diesem Grund bildet das Engagement ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen eine sinnvolle und notwendige Ergänzung in der Betreuung unheilbar chronisch kranker und pflegebedürftiger Hochbetagter. Gelingende Kommunikation und das Entstehen positiver zwischenmenschlicher Beziehungen sind maßgeblich daran beteiligt, dass demenzkranke Patienten und Patientinnen sich in ihrem Leben wohlfühlen. Unter dieser Art der Begleitung kommt es häufig und zu einer augenfälligen Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen. Ehrenamtliche Mitarbeit im Pflegeheim hat – auch wenn sie nur einmal wöchentlich erfolgt – positive Auswirkungen auf die Kranken und trägt oft zu einer Entlastung der Pflegekräfte bei.
Susanne Pirker, Hans Pirker
16. Recht auf (Ergo-)therapie
Zusammenfassung
Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie sind im palliativ Bereich vor allem bei Demenzkranken noch immer keine Selbstverständlichkeit. Es herrscht immer noch die Meinung vor, dass alte desorientierte Menschen keinen Anspruch mehr auf Therapie haben, weil kein nennenswerter Nutzen davon zu erwarten ist. In diesem Kapitel zeigen zahlreiche Patientenbeispiele eindrucksvoll, dass Therapien die Lebensqualität dementer Patienten und Patientinnen deutlich verbessern können. Wahrnehmung, die Fähigkeit zur Kommunikation, Mobilität und Handlungsfähigkeit sind die Voraussetzungen dafür, so selbstständig wie möglich bis zuletzt am Leben teilhaben zu können. Es ist unser aller Aufgabe, nicht dem Leben Tage, sondern den Tagen Leben zu geben.
Andrea Fink
17. Recht auf bedürfnisgerechte Unterbringung
Zusammenfassung
In den letzten Jahrzehnten wurden aus Altenheimen allmählich Pflegeheime, in denen Hochbetagte mit hohem Bedarf an pflegerischer und ärztlicher Versorgung leben. Es liegt auf der Hand, dass sich diese „Bewohnerschaft“ aus chronisch Kranken zusammensetzt, deren Ansprüche an die Wohnqualität sich nicht vereinheitlichen lassen. Möglichkeiten für bedürfnisgerechte Unterbringungsformen gibt es am ehesten in Heimen mit unterschiedlich großen Zimmern. Ein-, Zwei-, Drei- und Vierbettzimmer bieten Möglichkeiten für mehr Flexibilität und Austausch. Es ist dann viel leichter die Patientinnen so unterzubringen, dass die „Chemie“ zwischen den alten Menschen stimmt. Das gut funktionierende soziale Miteinander sollte bei der Vergabe der Zimmer im Vordergrund stehen, nicht Mobilität und körperlicher Zustand
Gunvor Sramek, Marina Kojer
18. Recht auf Sexualität. Beispiele aus der Praxis
Zusammenfassung
Wir werden als geschlechtliche Wesen geboren und erleben die Welt bis zuletzt als Männer und Frauen. Auch demenzkranke Hochbetagte haben Sehnsucht nach Sexualität, nach Wärme und Zärtlichkeit, nur drücken sie ihre Bedürfnisse in anderer Weise aus. Voraussetzungen für ein besseres Verständnis ihrer Wünsche und Nöte sind die Akzeptanz ihres „Andersseins“, einfühlsame Beobachtung und gelingende empathische Kommunikation. Am Beginn einer Demenz zeigen Männer ihre sexuellen Bedürfnisse durch unmissverständliches Verhalten, während Frauen Wünsche dieser Art leugnen oder – wenn der innere Druck zu hoch wird – verschlüsselt ausdrücken. Ist die Erkrankung fortgeschritten, geht allmählich die Kontrolle ganz verloren. Es gibt dann keine Tabuthemen mehr. Sexuelle Wünsche, aber auch sexuelle Ängste und traumatische Erlebnisse können endlich frei geäußert werden. Wenn wir für dieses Thema offen bleiben, können wir viel dazu beitragen, die Lebensqualität alter demenzkranker Menschen zu erhöhen.
Gunvor Sramek

Menschenbild und Haltung

Frontmatter
19. Eine Frage des Wollens
Zusammenfassung
Verordnungen, Bestimmungen, Gesetze, ein materialistisches Menschenbild, das sich nur an dem „Nutzwert“ einer Person orientiert und aus Menschen „Kostengrößen“ macht, das negativ geprägte Bild des hohen Alters in unserer Gesellschaft – all das macht Menschen, die in der Altenpflege arbeiten, das Leben schwer. Aber niemals sind alleine die Umstände schuld. Wir sind alle für unser Tun verantwortlich und mitverantwortlich dafür, wie die Gesellschaft mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht! In diesem Buch schlagen wir Qualitätskriterien vor, die sich an einem humanistischen Menschenbild orientieren. Die Qualität, von der wir hier sprechen, ist eine Qualität der Haltung und der erforderlichen beruflichen Kompetenz. Diese Qualität im Auge zu behalten, daran zu arbeiten und andere auf diesem Weg mitzunehmen, ist eine Aufgabe, an der jede Einzelne von uns erfolgreich mitarbeiten soll und kann.
Marina Kojer
20. Was macht die Pflege von demenzkranken alten Menschen so schwierig?
Zusammenfassung
Unsere Patientinnen leben in ihrer Welt und drücken ihre Bedürfnisse in ihrer Art und Weise aus. Unsere Aufgabe ist es, jeder einzelnen von ihnen auf ihre Gefühlsebene zu folgen, mit ihr in Beziehung zu treten, darauf zu achten, sie nicht zu verletzen, ihre körperlichen Schmerzen und quälenden Beschwerden zu erkennen und möglichst zu lindern. Darüber hinaus müssen wir ihre seelischen Bedürfnisse und ihre Ressourcen wahrnehmen und ihr dabei helfen, sich als wertvolles Mitglied der Gemeinschaft zu fühlen. Dies alles fordert uns ununterbrochen sowohl in unserer fachlichen als auch in unserer menschlichen Kompetenz und ist daher von niemandem vollständig zu erbringen. Zum Glück verzeihen uns unsere Patientinnen unser Fehlverhalten, wenn sie spüren, dass wir ihnen ehrlich zugewandt sind. Dieses Zugewandtsein erklärt auch, warum wir trotz aller Belastungen gerne unserem Beruf nachgehen
Snezana Lazelberger
21. Der Einfluss des Personals auf Lebensqualität und Sterbekultur in Pflegeheimen
Zusammenfassung
Lebenswertes Leben bis zuletzt ist Kernauftrag der Altenpflege. Pflegeheime sollten daher den Alltag so gestalten, dass sich Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen wohlfühlen und zudem eine Kultur des Lebens und Sterbens praktizieren. Komplexe Beschwerdebilder der Bewohnerinnen erfordern von Anfang an individuelle hospizlich-palliative Angebote, mit dem Ziel eines beschwerdearmen Lebens und größtmöglicher Selbstbestimmtheit. Soll das gelingen, bedarf es eines guten Konzeptes, positiver Ziele und der Beteiligung haupt- und ehrenamtlich Beschäftigter. Sinnvolle Bildung muss mit gezielter Organisationsentwicklung verzahnt werden. Mitarbeiterinnen brauchen klare Aufgaben, Beteiligung, geregelte Verantwortlichkeiten, realistische Ziele, Motivation, Lob und eine positive Gesprächskultur. Gelebte Qualität, ein angenehmes Betriebsklima sowie eine den Bedürfnissen aller entgegen kommende Umsetzung der Palliativen Geriatrie motiviert – auch Angehörige, Kooperationspartner und das Heimumfeld.
Dirk Müller
22. Intelligente Pflegeheime: Palliative Care und Organisationsentwicklung im Alten- und Pflegeheim
Zusammenfassung
In den letzten Jahren wurden im gesamten deutschsprachigen Raum zahlreiche Modellprojekte zur Umsetzung von Palliative Care in Pflegeheimen durchgeführt. Diese Modellprojekte machen deutlich, dass es bei der Umsetzung von Palliative Care im Pflegeheim nicht darum geht, Fachwissen in „flächendeckenden“ Fortbildungen zu vermitteln. Sie zeigen vielmehr auf, dass es um komplexe Prozesse geht, in deren Zentrum ein Wandel der Organisationskultur hin zu einer palliativen Kultur in der stationären Altenhilfe steht. Die Veränderung der Organisationskultur muss von allen Beteiligten in der Einrichtung gewollt und getragen werden. Von zentraler Bedeutung dafür ist die Bereitschaft, in einer Organisationsdiagnose das zu würdigen, was bereits gelingt und gleichzeitig Veränderungspotentiale aufzunehmen. Gutes Projektmanagement, der klare Auftrag der Leitung und ein „langer Atem“ gehören zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren.
Katharina Heimerl
23. Die Bedürfnisse alter desorientierter Menschen
Zusammenfassung
In unserer Zeit, die in vielem nur noch auf Verstand und Leistung setzt, ist es selbst für jüngere Menschen, die noch mitten im Leben stehen, schwierig, Bedürfnisse und Gefühle zu äußern, die eigene Not und Schwäche zu zeigen und trotzdem wertgeschätzt zu werden. Desorientierte Hochbetagte, deren Leben dem Ende entgegen geht, werden von anderen noch viel seltener als Personen beachtet oder gar mitfühlend wahrgenommen. Doch auch sie wünschen sich, was wir alle uns wünschen: mit ihren Nöten, Wünschen und Bedürfnissen wahrgenommen, anerkannt, empathisch begleitet und respektiert zu werden. Je desorientierter die alten Menschen sind, desto mehr sind wir gefordert, Achtsamkeit für ihre Signale zu entwickeln. Auch wenn ihnen die Worte fehlen, drücken sie ihre Bedürfnisse und Gefühle durch Verhalten und Körpersprache aus. Zahlreiche Beispiele aus der Praxis zeigen, wie wir ihnen helfen können, sich in ihrem Leben bis zuletzt wohl zu fühlen.
Andrea Fink
24. Gewalt in der Pflege
Zusammenfassung
Gewalt kann überall stattfinden, im öffentlichen Raum, in Institutionen wie Krankenhaus und Pflegeheim ebenso wie in der Familie. Fokus dieses Kapitels ist die personelle Gewalt in der Pflege von Personen mit neurodegenerativen Störungen (Demenz), wo der häufige, enge und intime Kontakt zwischen Pflegeperson und Patientin viele Gelegenheiten für Gewaltanwendung bietet. Eine Grundhaltung der mitfühlenden Anteilnahme, die Bereitschaft, sich in die Lage eines pflegebedürftigen Menschen hineinzuversetzen, und die Wahrnehmung hochbetagter Menschen mit Demenz als Individuen – und nicht als Objekte – bilden die Grundlagen der Vermeidung von Gewalt in der Pflege.
Monique Weissenberger-Leduc

Ethik

Frontmatter
25. Selbst und Selbstaktualisierung
Zusammenfassung
Die Demenzerkrankung berührt das Selbst zutiefst. Doch bleibt es auch bei weit fortgeschrittener Demenz in einzelnen Qualitäten bestehen, wobei es notwendig ist, sich nicht ausschließlich auf die kognitiven Qualitäten zu konzentrieren. Selbstständigkeit, Selbstverantwortung, bewusst angenommene Abhängigkeit, Mitverantwortung und Selbstaktualisierung nehmen in den verschiedenen Schweregraden der Demenz verschiedenartige Gestalt an. Diese fünf Kategorien bilden den Kern des guten Lebens im Alter. Die Selbstaktualisierung (als Sinnerleben des Menschen) kann als Kern auch der anderen vier Kategorien verstanden werden. Denn in der – vielleicht nur rudimentären – Erhaltung von Selbstständigkeit und Selbstverantwortung sowie in der Bereitschaft, Hilfe anderer bewusst anzunehmen, spiegeln sich immer Aspekte des Selbst wider. Auch fortgeschritten demenzkranke Menschen können Lebensqualität, z. B. Glück und Freude, empfinden und haben somit Potenzial zur Selbstaktualisierung.
Andreas Kruse
26. Pflegeheime als „Caring Institutions“
Zusammenfassung
Für „gute Sorge“ in Institutionen ist es wichtig, dass Machtfragen angesprochen werden und dass es einen „politischen Raum“ gibt, in dem Konflikte gelöst werden können. Zahlreiche Widersprüche prägen das Pflegeheim als Organisation; der Widerspruch zwischen Autonomie und Fürsorglichkeit ist einer der prominentesten. Wenn Widersprüche nicht ausgesprochen und nicht besprochen werden können, entstehen Konflikte. „Caring Institutions“ sind Organisationen, die die Bedürfnisse aller Mitglieder (d. h. die von Pflegebedürftigen und von Pflegenden) kennen und beachten. Dazu braucht es vor allem Orte, an denen widersprüchliche Bedürfnisse und Zielsetzungen bearbeitet werden können. Solche Ethikgespräche setzen einen Dialog auf „Augenhöhe“ voraus. Letztendlich geht es also um einen Prozess der Demokratisierung von Institutionen, die Sorgeaufgaben übernehmen.
Katharina Heimerl
27. Die „kleine Ethik“ – Überlegungen einer Ärztin und einer Pflegeperson
Zusammenfassung
Sobald wir das Pflegeheim betreten, sind wir unablässig mit Situationen konfrontiert, die uns Entscheidungen abverlangen. Die „kleine Ethik“ oder die „Achtsamkeit im Alltag“ ist eine Haltung, eine unser Verhalten maßgeblich mitbestimmende innere Einstellung. Sie ist ausschlaggebend für unsere unzähligen kleinen ethischen Entscheidungen im Verlauf der täglichen Begegnungen mit den Kranken. Infolge der Alltagshektik, die emotionale und geistige Routinen geradezu befördert, merken wir häufig nicht rechtzeitig, wie sich Gleichgültigkeit und eine Stumpfheit des Gefühls einschleichen. Um die Kranken dauerhaft präsent, mitfühlend und fürsorglich zu begleiten, bedarf es daher von Zeit zu Zeit der Ruhe, einer Zeit des Innehaltens, in der wir zu uns kommen können, um darüber nachzudenken, ob wir tatsächlich noch „zum Besten“ der Kranken entscheiden und handeln.
Martina Schmidl, Monique Weissenberger-Leduc
28. Die „große Ethik“ – Entscheidungen am Lebensende
Zusammenfassung
Große ethische Entscheidungen am Lebensende müssen stets in einer Grauzone der Ungewissheit gefällt werden, denn „die ethische Frage ist grundsätzlich eine Frage danach, was getan werden soll, nicht, was getan werden kann“ (Frühwald 2012). Nur wenige geriatrische Patientinnen können ganz autonom entscheiden, aber fast alle – auch viele an Demenz Erkrankte – können an der Entscheidung mitwirken. Die Unsicherheit, worüber Demenzkranke noch selbst entscheiden können, bleibt aber bestehen. Wann beschneide ich ungerechtfertigt ihren Anspruch, eigene Ziele zu verfolgen – wann liefere ich sie diesem Anspruch hilflos aus, obwohl sie nicht mehr in der Lage sind, die Konsequenzen ihrer Entscheidung abzusehen? Wir können nicht mehr tun, als sämtliche verfügbaren Informationen zu sammeln, die Kranken so gut es geht in den Prozess einzubeziehen, sorgsam ihren mutmaßlichen Willen zu ergründen, um dann als Treuhänderinnen der Betroffenen in ihrem Sinne zu handeln.
Marina Kojer, Martina Schmidl

Angehörige

Frontmatter
29. Psychosoziale Beratung für Angehörige von Menschen mit Demenz
Zusammenfassung
Psychosoziale Beratung ist eine effektive Intervention bei Angehörigen von Menschen mit Demenz. Schwerpunkte der Beratung sind psychische und emotionale Belastungen sowie problematische Beziehungsdynamiken. Im Zuge der Beratung findet immer auch Wissensvermittlung über die jeweilige Demenzform statt sowie über Umgang und Kommunikation mit den Erkrankten. Es kann nicht Ziel professioneller Interventionen sein, Angehörige von ihrer Trauer und dem emotionalen Stress zu befreien. Diese Reaktionen sind unvermeidlich, wenn über Jahre oder sogar über ein ganzes Jahrzehnt hinweg betreut und gepflegt wird. Hier besteht unsere Hilfestellung darin, die Trauer als normale Reaktion auf eine unnormale Lebenslage fortwährender Verluste, die nicht abgeschlossen werden können, zu bestätigen, anzuerkennen und zu begleiten. Dadurch erreichen wir oftmals eine Verbesserung und fast immer zumindest eine Stabilisierung.
Sigrid Boschert
30. Angehörige von Pflegeheimpatientinnen als Adressatinnen von Palliative Care
Zusammenfassung
Palliative Care umfasst nicht nur die Sorge für unheilbar Kranke, sondern auch die Sorge für deren Angehörige. Im Alltag des Medizin- und Pflegebetriebs spielen sie bisher jedoch nur eine Nebenrolle. Den Wenigsten ist bewusst, dass sich insbesondere pflegende Angehörige oft seit Jahren in einer Ausnahmesituation befinden und daher um ihrer selbst willen Beachtung finden müssen. Häufig erteilt die Pflegeorganisation keinen konkreten Auftrag dafür und spezifische Aus- oder Weiterbildungen werden selten angeboten. In Form von Standards oder wenigen Merksätzen ist diese Aufgabe allerdings nicht zu bewältigen. Neben Erfahrung und Fachwissen bedarf es auch des „Engagement des Herzens“ (Gottschlich 1998, S. 83). Ist man sich dieser Tatsachen bewusst, spricht einiges dafür, einen „Leitfaden“ (z. B. ein Angehörigenkonzept) an der Hand zu haben, der Orientierung geben kann und zumindest das technische Rüstzeug bereitstellt.
Martina Schmidl

Demenzkranke Menschen im Krankenhaus

Frontmatter
31. Palliative Aspekte in der Akutgeriatrie
Zusammenfassung
Akutgeriatrien sind Spezialabteilungen für Geriatrie im Krankenhaus mit einem ganzheitlichen, rehabilitationsorientierten Behandlungskonzept. Im Fokus stehen nicht nur medizinische Probleme, sondern auch die seelische und soziale Situation sowie der körperlich funktionelle und kognitive Status der Patientinnen. Palliative Care und Geriatrie stimmen inhaltlich in großen Bereichen überein: Beide sind Querschnittsfächer, für beide gelten Patientinnenzentriertheit und die Arbeit im multidisziplinären Team als obligatorische Struktur- und Leistungsstandards. Die Geriatrie überbrückt den scheinbaren Gegensatz zwischen kurativem und palliativem Konzept. Der Wechsel vom kurativen in das palliative Paradigma ärztlichen Handelns ist in die Geriatrie integriert. Sterbebegleitung als ethische und professionelle Verpflichtung des geriatrischen Teams bedeutet, Leiden zu verhindern bzw. zu lindern. Dazu gehört es auch, alles zu unterlassen, was den sterbenden Menschen unnötig belastet.
Thomas Frühwald

Herausforderungen der Zukunft

Frontmatter
32. Ausblick
Zusammenfassung
Der immer bedrohlicher werdende Pflegenotstand in der Versorgung hochbetagter und demenzkranker Menschen wird derzeit von allen Seiten lautstark beklagt. Das hindert uns zukünftig Betroffene jedoch nicht daran, sehenden Auges einer nicht mehr verantwortbaren Unterversorgung entgegenzugehen. Mit diesem Buch wollen wir zeigen, dass sich die Situation deutlich verbessern lässt – die der Demenzkranken, die ihrer Angehörigen, aber auch die der Mitarbeiterinnen aller Berufsgruppen. Wir schreiben über das, was Menschen für ihre demenziell erkrankten Mitmenschen tun können. Eine chronische Krankheit, die mit gravierenden, stetig zunehmenden Verlusten einhergeht, kann nie „Endstation Wellness“ sein; sie bleibt stets ein schwer zu (er)tragendes Schicksal. Es kann aber zumindest gelingen, das Leben um vieles erträglicher zu machen.
Marina Kojer, Martina Schmidl
33. Nachwort: Palliative Geriatrie als narrative Praxis und Theorie
Zusammenfassung
Palliative Geriatrie reagiert auf die wachsende und bedrängende Notwendigkeit, sich intensiv um unheilbar demente Menschen zu sorgen. Das Buch ist eine große Erzählung über den Umgang mit diesen Menschen, die wir bisher nie richtig als Personen wahrgenommen haben, Menschen, die jetzt ganz neu in ihrer Sprachlosigkeit zu uns sprechen. Wie ein roter Faden zieht sich durch dieses Buch die Hoffnung, dass es möglich ist, zu demenzkranken Menschen eine Beziehung von Du zu Du zu finden. Das ist eine wirkliche Innovation für die moderne Medizin, für die Sorge um andere und natürlich für Palliative Care. Charakteristisch für diese Sicht auf die betroffenen „unheilbar dementen“ Menschen ist die Haltung des bedingungslosen Respekts, der Akzeptanz der anderen um ihrer selbst willen. Deshalb ist es in der Palliativen Geriatrie wichtig, daran zu erinnern: Wir sprechen von Menschen und nicht von Fällen, von Subjekten des Krankseins und des Sterbens und nicht von Objekten der Behandlung.
Andreas Heller
Backmatter
Metadaten
Titel
Demenz und Palliative Geriatrie in der Praxis
herausgegeben von
Marina Kojer
Martina Schmidl
Copyright-Jahr
2016
Verlag
Springer Vienna
Electronic ISBN
978-3-7091-1851-1
Print ISBN
978-3-7091-1850-4
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-7091-1851-1