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Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass sich Krisenlagen häufen und komplexer werden, während sich demografischer Wandel, Veränderungen im Engagement und berufliche Anforderungen negativ auf die Verfügbarkeit von Ehrenamtlichen auswirken.
Ziel
Die Studie untersucht Umfang, Strukturen und Implikationen der Mehrfachverwendung ehrenamtlicher Einsatzkräfte im deutschen Bevölkerungsschutz.
Methoden
Auf Basis einer quantitativen, onlinebasierten Vollerhebung in Bayern wurden 12.804 Datensätze ehrenamtlich Engagierter aus Feuerwehr, Hilfsorganisationen, Technischem Hilfswerk und weiteren Strukturen ausgewertet. Ein Schwerpunkt der Umfrage lag auf Mehrfachengagement, Tätigkeiten in kritischen Infrastrukturen sowie Priorisierungen im Einsatzfall.
Ergebnisse
Etwa ein Drittel der Befragten ist in mindestens einer weiteren Organisation des Bevölkerungsschutzes aktiv, ein erheblicher Anteil zudem beruflich im Bereich kritischer Infrastruktur (KRITIS) eingebunden.
Fazit
Mehrfachverwendung stärkt zwar das Kompetenzspektrum und die Flexibilität des Systems, erhöht zugleich aber die Gefahr von Überlastung, Rollenkonflikten und operativen Fehleinschätzungen der tatsächlichen Einsatzverfügbarkeit. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass formale Mitgliedszahlen als Planungsgrundlage nicht ausreichen und Mehrfachbindungen systematisch erfasst sowie gesteuert werden müssen. Die Studie zeigt einen substanziellen Handlungs- und Forschungsbedarf im Hinblick auf organisationsübergreifende, digital gestützte Ressourcenplanung, klare Freistellungsregelungen und nachhaltige Strategien zur Sicherung der Resilienz des Bevölkerungsschutzes.
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Wenn Extremwetter, Blackouts oder Pandemien auftreten, steht der Bevölkerungsschutz unter enormem Druck – und stützt sich entscheidend auf ehrenamtliche Einsatzkräfte. Doch viele dieser Helfenden tragen mehrere Hüte zugleich: Sie engagieren sich in verschiedenen Organisationen und arbeiten oft zusätzlich in kritischen Infrastrukturen. Diese Studie zeigt, wie stark diese Mehrfachverwendung die reale Einsatzverfügbarkeit prägt – und warum traditionelle Planungslogiken an Grenzen stoßen. Für Führungskräfte im Bevölkerungsschutz bietet der Beitrag konkrete Ansatzpunkte, um Ressourcenplanung, Alarmierung und Freistellungspraxis zukunftsfähig auszurichten.
Der Bevölkerungsschutz in Deutschland beruht wesentlich auf dem ehrenamtlichen Engagement der Bevölkerung – rund 1,76 Mio. Bürgerinnen und Bürger sind im Bereich des Bevölkerungsschutzes aktiv [14].
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Aktuellen Erhebungen zufolge üben freiwillig engagierte Personen in Deutschland häufig mehr als eine freiwillige Tätigkeit aus [9]. Die sich häufenden und zunehmend komplexen Krisenlagen führen zu einem gesteigerten Bedarf an personellen Ressourcen und längeren Bereitschaftszeiten. In diesem Kontext gewinnt die Mehrfachverwendung ehrenamtlicher Helfender, also der parallele oder serielle Einsatz einzelner Personen in mehreren Organisationen oder Funktionen, an Bedeutung [8].
Berufliche Verpflichtungen, insbesondere Tätigkeiten im Sektor kritischer Infrastrukturen (KRITIS), sowie private Rahmenbedingungen und die Übernahme von Doppelrollen beeinflussen die operative Verfügbarkeit und stellen das System vor neue Steuerungsprobleme.
Vor dem Hintergrund dieser Herausforderungen gewinnt die empirische Analyse und Optimierung von Ressourcenplanung und Einsatzverfügbarkeit im Bevölkerungsschutz zunehmend an wissenschaftlicher Bedeutung. [2, 13].
Hintergrund und Fragestellung
Die flexible Verfügbarkeit freiwilliger Einsatzkräfte ist eine tragende Säule für die Resilienz des deutschen Bevölkerungsschutzes. Der demografische Wandel, Veränderungen in den Formen gesellschaftlichen Engagements sowie steigende Anforderungen an den Bevölkerungsschutz haben in den letzten Jahren zu einer zunehmenden Belastung bestehender Ehrenamtsstrukturen geführt. Während sich laut aktuellen Erhebungen weiterhin viele Personen ehrenamtlich im Bevölkerungsschutz engagieren, muss zugleich festgestellt werden, dass die tatsächliche Verfügbarkeit von Einsatzkräften in der Praxis abnimmt. Faktoren wie eine alternde Gesellschaft, die Abwanderung aus ländlichen Regionen sowie eine zunehmend komplexe Arbeitswelt wirken sich dabei negativ auf die Tagesverfügbarkeit und die Rekrutierung neuer Mitglieder aus [10, 12].
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Die Mehrfachverwendung ehrenamtlich Helfender, verstanden als Tätigkeit in mehreren Rollen oder Organisationen, kann zeitweise zu erweiterten Verwendungsmöglichkeiten der verfügbaren Personalressourcen beitragen. Gleichzeitig bestehen erhebliche Risiken hinsichtlich Überlastung, Koordinationsproblemen, Rollenkonflikten und einer systematischen Überschätzung der tatsächlich verfügbaren Einsatzkapazitäten. Dies erhöht – insbesondere bei parallelen Alarmierungen – die Komplexität der Einsatzplanung erheblich.
Belastbare Daten zur realen Mehrfachverwendung fehlen bislang weitgehend, was eine gezielte, effiziente Ressourcenplanung und Alarmierung in den Organisationen des Bevölkerungsschutzes erheblich erschwert [3, 10, 11, 13].
Daraus ergab sich die Fragestellung der vorliegenden Studie: Wie sind Ausmaß und Strukturen der Mehrfachverwendung ehrenamtlicher Helfender im Bevölkerungsschutz unter besonderer Berücksichtigung einer hauptberuflichen Tätigkeit im KRITIS-Bereich?
Methodik
Ethische Überlegungen und rechtlicher Rahmen
Die Durchführung der Befragung im Rahmen der Untersuchung erfolgte unter Beachtung aller geltenden datenschutzrechtlichen Vorschriften, insbesondere der Vorgaben aus der europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO). Es wurde ein eigenständiges Datenschutzgutachten erstellt, das Datenverarbeitung und -speicherung sowie Daten-Risikominimierung adressierte.
Zusätzlich wurde ein Ethikantrag bei der gemeinsamen Ethikkommission der Hochschulen Bayerns (GEHBa) eingereicht und positiv beschieden (Votum GEHBa-202505-V-330). Die Information der Teilnehmenden erfolgte nachvollziehbar und transparent, das Verfahren zur Einwilligung in die Teilnahme sowie in die Datenverarbeitung wurde rechtskonform dokumentiert.
Studiendesign: Methoden der Datenerhebung und Merkmale der Stichprobe
Für eine ausgewählte Modellregion wurde ein quantitatives, querschnittliches Studiendesign mit einer onlinebasierten Vollerhebung implementiert, um aktive Ehrenamtliche aus Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, Hilfsorganisationen und anderen Strukturen zu befragen. Im Verlauf der Befragung signalisierten auch Gliederungen des Bevölkerungsschutzes und Kreisverwaltungsbehörden außerhalb der Modellregion ihr Interesse an der Befragung, sodass eine freie Verteilbarkeit des Befragungslinks durch die jeweiligen Organisationen innerhalb Bayerns bis zum Stichtag vereinbart wurde.
Die Befragung wurde mithilfe eines standardisierten Fragebogens via SoSci Survey (Fa. SoSci Survey GmbH, München, Deutschland, Version 3.8.00) von Ende Mai bis Anfang August 2025 durchgeführt. Zielgruppe waren ehrenamtliche Einsatzkräfte im Bevölkerungsschutz in Bayern. Die Methodik orientierte sich an aktuellen nationalen und internationalen Empfehlungen für empirische Erhebungen im Bevölkerungsschutz: Eine quantitative Untersuchung unter strukturierter Organisationseinbindung entspricht dem Standard sozialwissenschaftlicher Katastrophenforschung. Die deskriptive Auswertung der Daten erfolgte über die Statistiksoftware JASP (JASP Team [2025], Amsterdam, Niederlande, JASP-Version 0.95.0.0) und das Tabellenkalkulationsprogramm Microsoft Excel (Microsoft Corporation, Redmond, WA, USA, Version 2502).
Alle Teilnehmenden mussten eingangs ihre Volljährigkeit bestätigen sowie ihr Einverständnis zur Datenverarbeitung im Rahmen der vorgelegten Datenschutzverordnung geben. Die Teilnahme an der Umfrage erfolgte freiwillig und anonymisiert.
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Neben demografischen Merkmalen wurden Fragen zu Mitgliedschaft, beruflicher Tätigkeit und Mehrfachengagements gestellt. Die Auswahloptionen zu hauptberuflichen Tätigkeiten in der kritischen Infrastruktur (KRITIS) entsprachen den Vorgaben der Verordnung zur Bestimmung kritischer Infrastrukturen nach dem BSI-Gesetz [4‐7]. Eine offene Abschlussfrage erlaubte zusätzliche qualitative Einblicke, insbesondere in Bezug auf komplexe Belastungskonstellationen und interorganisationale Schnittstellen. Je nach individuellem Antwortverhalten konnten zwischen 9 und 16 Fragen beantwortet werden, wobei es sich zumeist um Pflichtfragen mit Auswahlmöglichkeiten handelte. Zur Funktionalitätsprüfung und zu Ansichtszwecken wurde intern vorab ein Prätest durchgeführt.
Durchführung der Umfrage
Die gezielte Adressierung der Teilnehmenden erfolgte durch E‑Mail-Versand des Umfrage-Links durch die beteiligten Bevölkerungsschutzorganisationen im Rahmen der internen Kommunikation.
Statistische Analyse
Die deskriptive Auswertung der Daten erfolgte über die Statistiksoftware JASP und das Tabellenkalkulationsprogramm Microsoft Excel.
Ergebnisse
Studienpopulation/Merkmale der Befragten
Insgesamt beteiligten sich 16.285 Personen an der Umfrage. Nach Ausschluss von 3481 Datensätzen aufgrund nicht erfolgter Zustimmung zum Datenschutz, fehlender ehrenamtlicher Tätigkeit oder widersprüchlicher Angaben konnten letztendlich 12.804 Datensätze analysiert werden (Abb. 1). Von den befragten Personen waren 84 % männlich, 16 % weiblich und 0,2 % divers. Rund 77 % der Befragten waren 21–50 Jahre alt (Tab. 1).
Die Befragung beschränkte sich auf Organisationen des Bevölkerungsschutzes im Bundesland Bayern. Die regionale Beteiligung der befragten ehrenamtlichen Einsatzkräfte verteilt sich auf die insgesamt sieben Regierungsbezirke wie folgt:
21 %: Unterfranken
9 %: Oberfranken
32 %: Mittelfranken
12 %: Oberpfalz
12 %: Schwaben
12 %: Oberbayern
2 %: Niederbayern
Organisationszugehörigkeit und Länge der Mitgliedschaft
Von den befragten Ehrenamtlichen gaben 65 % an, Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr (FFW) zu sein. Rund 24 % der Teilnehmenden gaben eine Mitgliedschaft bei einer Hilfsorganisation (HiOrg) im Bevölkerungsschutz und 11 % eine Mitgliedschaft beim Technischen Hilfswerk (THW) an (Tab. 2). Etwa 22 % der befragten Einsatzkräfte gaben eine über 30-jährige und rund 33 % eine Mitgliedschaft von weniger als 10 Jahren an (Tab. 3).
Tab. 2
Detailübersicht zu den Mitgliedsangaben
Angaben zur Mitgliedschaft
Mitgliedsangabe (alphabetisch)
Prozent
ASB (Arbeiter-Samariter-Bund e. V.)
0,66
BRK (Bayerisches Rotes Kreuz – ausgenommen BW/WW)
13,03
BRK BW (Bergwacht des BRK)
1,03
BRK WW (Wasserwacht des BRK)
2,78
DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e. V.)
1,84
FFW (Freiwillige Feuerwehr)
65,22
JUH (Johanniter Unfall-Hilfe e. V.)
2,58
MHD (Malteser Hilfsdienst e. V.)
1,32
MHW (Medizinisches Hilfswerk e. V.)
0,03
RKT (Verein für Rettungsdienst und Katastrophenschutz in Bayern e. V.)
0,43
Sonstige private Rettungsdienste
0,09
THW (Technisches Hilfswerk)
10,99
Tab. 3
Dauer der Mitgliedschaft
Angaben zur Mitgliedsdauer
Mitgliedsdauer
Prozent
Unter 5 J.
16,11
5–10 J.
17,17
11–15 J.
13,80
16–20 J.
10,12
21–25 J.
11,12
26–30 J.
9,83
Über 30 J.
21,85
Wichtigste Ergebnisse im Sinne der Fragestellung
Berufliche Tätigkeit im Bereich KRITIS
Rund 38 % der Befragten übten hauptberuflich eine Tätigkeit in einem der kritischen Infrastruktur (KRITIS) zugeordneten Sektor aus. Knapp 54 % hatten einen Hauptberuf außerhalb der KRITIS-Sektoren, 8 % waren sich nicht sicher, wo ihre berufliche Tätigkeit einzuordnen war (Abb. 2). Im KRITIS-Sektor „Staat und Verwaltung“ (hierzu zählt u. a. die polizeiliche und nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr) waren 13 % der Befragten tätig, weitere 9 % im Sektor „Gesundheit“. Die restlichen Sektoren (Energie, Ernährung, Wasser etc.) verzeichnen zusammen 16 % (Abb. 2; Tab. 4). Zusätzlich gaben 3 % aller Befragten an, Reservist bzw. Reservistin bei der Bundeswehr zu sein.
Abb. 2
Hauptberufliche Tätigkeit im KRITIS-Bereich mit Sektorenverteilung
Angaben zur Sektorenzugehörigkeit der hauptberuflichen Tätigkeit
Verteilung der KRITIS-Sektoren (Verteilungsberechnung von 38 % auf 100 %)
KRITIS-Sektor
Prozent
Staat & Verwaltung
34,52
Gesundheit
24,25
Transport & Verkehr
10,13
Energie
8,55
IT & Telekommunikation
6,15
Ernährung
5,23
Finanz- & Versicherungswesen
5,19
Wasser
4,45
Siedlungsabfallentsorgung
0,90
Medien & Kultur
0,63
Mehrfachverwendung
Von den befragten Einsatzkräften gab rund ein Drittel (33 %) eine Mehrfachverwendung in mindestens einer weiteren Organisation im Bereich des Bevölkerungsschutzes an. Davon entfielen 20 % auf eine Mehrfachverwendung bei der FFW, 15 % bei einer HiOrg und 2 % beim THW (Abb. 3; Tab. 5). Die abweichende Summe von 37 % begründet sich an dieser Stelle in der Auswahl von mehr als einer Organisation, bei der eine Mehrfachverwendung vorliegt.
Abb. 3
Angaben zur Mehrfachverwendung in mindestens einer weiteren Organisation
Verteilung der 37 % Mehrfachverwendung nach Organisation
Organisationsangabe bei Mehrfachverwendung (durch Mehrfachauswahl 37 %)
Organisationsangabe
Prozent
ASB (Arbeiter-Samariter-Bund e. V.)
0,55
BRK (Bayerisches Rotes Kreuz – ausgenommen BW/WW)
7,23
BRK BW (Bergwacht des BRK)
0,38
BRK WW (Wasserwacht des BRK)
1,80
DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e. V.)
1,02
FFW (Freiwillige Feuerwehr)
20,38
JUH (Johanniter Unfall-Hilfe e. V.)
1,02
MHD (Malteser Hilfsdienst e. V.)
1,05
MHW (Medizinisches Hilfswerk e. V.)
0,11
RKT (Verein für Rettungsdienst und Katastrophenschutz in Bayern e. V.)
0,28
THW (Technisches Hilfswerk)
1,71
Andere
1,91
Knapp die Hälfte (45 %) der Personen mit einer Mehrfachverwendung im Ehrenamt übt eine hauptberufliche Tätigkeit in einem der abgefragten KRITIS-Sektoren aus, d. h., bei diesem Personenkreis kann es zu einem mehrfachen Verwendungskonflikt zwischen zwei oder mehreren ehrenamtlichen Funktionen und der hauptberuflichen KRITIS-Tätigkeit kommen.
Priorisierung im Einsatzfall
Im Falle einer Alarmierung priorisieren 62 % der mehrfach verwendeten Teilnehmenden die FFW, 29 % die HiOrg und 8 % das THW. Knapp 1 % aller Befragten würde sich dagegen keiner Organisation verfügbar melden (Abb. 4).
Hinsichtlich der Ausübung einer Führungsposition gaben 50 % der mehrfach verwendeten Einsatzkräfte an, eine Führungskraft in der von ihnen bevorzugten Organisation zu sein.
Diskussion
Limitationen
Bezogen auf das theoretische Gesamtkollektiv eines Bundeslands (lt. offiziellen Angaben 430.000 ehrenamtliche Einsatzkräfte in Bayern [1]) ergibt sich mit einer Rücklaufquote von knapp 3 % eine mangelnde Repräsentativität. Bedingt durch den Rücklauf und die daraus resultierenden Einschränkungen ist derzeit keine detaillierte Auswertung für die einzelnen Regierungsbezirke möglich. Dies wäre für zukünftige Erhebungen zu berücksichtigen. Vor allem die hohe Beteiligung von Einsatzkräften der Freiwilligen Feuerwehren ergibt für diese aussagekräftigere Ergebnisse und Schlussfolgerungen.
Zugunsten der Übersichtlichkeit und Bearbeitungszeit (max. 5 min) waren Umfang und Kombinationsmöglichkeit verschiedener Rollenkonflikte beschränkt, was naturgemäß den Fokus begrenzt. Außerdem wurden explizit keine spezifischen Szenarien beschrieben (z. B. wochenlanger Krisenfall) und die ggf. daraus resultierenden zusätzlichen indirekten Rollenkonflikte (bspw. bei nicht mehr vorhandener Kinderbetreuung) nicht abgefragt. Zudem konnte eine Mehrfachteilnahme, trotz eines entsprechenden Hinweises, aufgrund der Methode der Teilnehmendengewinnung nicht ausgeschlossen werden.
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Interpretation
Ein zentraler Befund der Studie ist der hohe Anteil mehrfach verwendeter Ehrenamtlicher, der einerseits zusätzliche Ressourcenpotenziale und andererseits relevante Steuerungsrisiken im Bevölkerungsschutz sichtbar macht. Ein relevanter Teil der Einsatzkräfte ist parallel in mehreren Organisationen oder Funktionen des Bevölkerungsschutzes aktiv und wird mutmaßlich in Planungs- und Alarmierungssystemen mehrfach gezählt.
Gleichzeitig wird deutlich, dass ein Teil der Befragten hauptberuflich zusätzlich in kritische Infrastrukturen eingebunden ist. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass statische Mitgliedszahlen die operative Einsatzverfügbarkeit nur unzureichend abbilden und so ein verzerrtes Bild verfügbarer Personalressourcen entsteht. Vor allem bei parallelen Alarmierungen oder lang anhaltenden Einsatzlagen kann dies zu Kapazitätseinbrüchen führen, die in rein organisationsbezogenen Berechnungen der Einsatzbereitschaft nicht abgebildet sind.
Mehrfachverwendung, Belastung und Rollenkonflikte
Die Literatur zu freiwilligem Engagement in Krisen- und Katastrophenlagen weist darauf hin, dass Mehrfachrollen das Risiko individueller Überlastung und Rollenkonflikte erhöhen, insbesondere wenn ehrenamtliche und berufliche Verpflichtungen gleichzeitig adressiert werden [2, 11, 14]. Vor diesem Hintergrund legen die vorliegenden Ergebnisse nahe, Mehrfachverwendung nicht nur als Ressourcengewinn, sondern auch als potenziellen Belastungsfaktor zu betrachten, der die Verfügbarkeit von Einsatzkräften gefährden kann.
Besondere Vulnerabilität besteht bei Kollision einer ehrenamtlichen Verwendung im Bevölkerungsschutz mit einer hauptberuflichen Tätigkeit in speziellen KRITIS-Sektoren, z. B. in „Staat und Verwaltung“ und hier insbesondere der polizeilichen und nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr sowie im „Gesundheitswesen“, also z. B. in Krankenhäusern. Hier ist davon auszugehen, dass eine Pflichtenkollision arbeitgeberseitig untersagt ist.
Ohne organisations- und ggf. behördenübergreifende Abstimmungsmechanismen besteht die Gefahr, dass dieselben Personen in mehreren Alarmierungs- und Planungsprozessen parallel disponiert werden. Dies kann im Ereignisfall zu Unterdeckung in einzelnen Strukturen führen, trotz formal korrekter Planungsgrundlagen.
Generalisierbarkeit: Implikationen für Ressourcenplanung und Steuerung
Aus den Ergebnissen ergibt sich die Notwendigkeit, Mehrfachverwendungen systematisch in die Ressourcenplanung zu integrieren und nicht nur die Anzahl der ehrenamtlichen Einsatzkräfte, sondern deren Rollenportfolio und Priorisierung im Einsatzfall zu berücksichtigen. Dafür bedarf es digitaler, organisationsübergreifender Lösungen im Sinne eines Helfendenregisters, um konkurrierende Anforderungen vorab zu identifizieren und planbar zu machen. Ein zentrales Register dürfte einerseits schwer zu verwirklichen sein und trägt andererseits nicht dem Umstand Rechnung, dass eine Mehrfachverwendung nicht per se problematisch ist, sondern nur im Kontext des Bevölkerungsschutzes. Möglicherweise können diese beiden differenten Anforderungen an ein Register besser auf regionaler Ebene, z. B. bei den Kreisverwaltungsbehörden, berücksichtigt werden.
Dies umfasst auch die Berücksichtigung von Freistellungsbeschränkungen von KRITIS bzw. die Weiterentwicklung von Freistellungsregelungen anderer Arbeitgeber, um sowohl Einsatzorganisationen als auch Arbeitgebern Rechts- und Planungssicherheit zu geben.
Einordnung in die bestehende Forschung
Die internationale Literatur zum Themenkomplex adressiert v. a. die fachliche, strukturelle, materielle, personelle oder psychologische Vorbereitung innerhalb differenter Organisationsstrukturen (z. B. [15]), nicht aber deren potenzielle Konkurrenz um das einzusetzende Personal. Auf die wachsende Bedeutung des Ehrenamts für Bevölkerungsschutz und Krisenmanagement und zugleich dessen Spannungsfeld mit Beruf und privaten Verpflichtungen wurde erst jüngst hingewiesen. [2, 14].
Im Vergleich zu generellen Studien [10, 14] liefert die vorliegende Untersuchung einen spezifischen Blick auf die Personengruppe, die in sicherheitsrelevanten Kontexten tätig ist, und die daraus resultierenden Anforderungen. Damit leistet die Studie einen Beitrag zur evidenzbasierten Weiterentwicklung von Strukturen, Anreizsystemen und Steuerungsinstrumenten im Bevölkerungsschutz.
Ausblick und weiterer Forschungsbedarf
Neben der Mehrfachverwendung müssen zukünftig systematisch weitere Belastungsdimensionen wie Einsatzintensität, Leitungsfunktionen oder familiäre bzw. soziale Verpflichtungen adressiert werden, um kumulative Belastungsprofile besser zu verstehen. Hierfür erscheinen vertiefende qualitative Studien sowie Längsschnittuntersuchungen sinnvoll, die nicht nur Strukturen, sondern auch langfristige Auswirkungen auf Gesundheit, Bindung und Verbleib im Ehrenamt in den Blick nehmen.
Zudem besteht Forschungsbedarf hinsichtlich der Wirksamkeit verschiedener Steuerungs- und Unterstützungsinstrumente – etwa digitaler Planungstools oder verankerter Freistellungsregelungen.
Fazit für die Praxis
Die vorliegende Untersuchung macht deutlich, dass die Resilienz des deutschen Bevölkerungsschutzes zunehmend davon abhängt, wie gut Mehrfachverwendung und Mehrfachbindung ehrenamtlicher Einsatzkräfte verstanden, erfasst und gesteuert werden. Aus den beobachteten Überschneidungen von Rollen, Organisationen und beruflichen Funktionen wird deutlich, dass sich sowohl ein beachtliches Potenzial an Kompetenz und Flexibilität als auch relevante Risiken für Überlastung, Fehlsteuerungen und operative Unterdeckung ergeben. Daher sind bei Planung, Alarmierung und Strategieentwicklung im Bevölkerungsschutz nicht nur formale Mitgliederzahlen, sondern tatsächliche Einsatzverfügbarkeit, Priorisierungsentscheidungen und strukturelle Rahmenbedingungen systematisch zu berücksichtigen. Es besteht ein deutlicher Forschungs- und Entwicklungsbedarf – insbesondere im Hinblick auf organisationsübergreifende, digital gestützte Ressourcenplanung.
Danksagung
Wir sprechen allen beteiligten Organisationen, Verbänden und Einzelpersonen aus dem Bevölkerungsschutz unseren Dank für deren Mitwirken an der vorliegenden Studie aus.
Förderung
Dieser Beitrag hat keine Förderung erhalten.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
K. Meyer, S. Benesch, V. Skrok und B. Landsleitner geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Berliner L, Müller A, Fertig J, Follmann A, Wunderlich R (2025) Wer kommt, wenn es knallt? Verfügbarkeit von Einsatzkräften im Bevölkerungsschutz. Notfall Rettungsmed:1–8
3.
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) (2015) Leitfaden Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz: ein Stresstest für die Allgemeine Gefahrenabwehr und den Katastrophenschutz, 2. unveränderte Auflage, Stand November 2015. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Bonn
4.
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) (2025) Neue Studie liefert exklusive Einblicke in den Zivil- und Katastrophenschutz. https://mit-dir-fuer-uns-alle.de/engagement-ernstfall/. Zugegriffen: 20. November 2025
Bundesministerium des Inneren (BMI) (2011) Schutz Kritischer Infrastrukturen – Risiko- und Krisenmanagement. Leitfaden für Unternehmen und Behörden
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Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMJV), Bundesamts für Justiz (BFJ) (2016) Verordnung zur Bestimmung Kritischer Infrastrukturen nach dem BSI-Gesetz (BSI-Kritisverordnung - BSI-KritisV). BSI-KritisV:39.
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Deutscher Bundestag WD (2024) Spannungsfall und Sicherstellungsgesetze. Deutscher Bundestag - Wissenschaftlicher Dienst - Fachbereich WD2.
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Fritzsche A, Leven I, Rysina A, Schneekloth U, Wolfert S (2025) Freiwilliges Engagement in Deutschland. Zentrale Ergebnisse des Sechsten Deutschen Freiwilligensurveys, vol FWS 2024, p 62
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Geier DrW (2021) Das Ehrenamt im Bevölkerungsschutz – Zukunftssicherung durch Anpassung. Bevölkerungsschutz:2–6
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Kalisch DPH, Hahn C, Engelbach W, Meyer A (2014) Integration von Freiwilligen in das Krisenmanagement: Herausforderungen und Ansätze für das Freiwilligenmanagement von Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS). Fraunhofer Verlag, Stuttgart
12.
Merkes S T, Zimmermann T, Windsheimer P, Voss M (2023) Gesellschaftliche Entwicklungen und Partizipation in Krisen: Deskriptive Ergebnisse einer quantitativen Umfrage unter Einsatz- und Verwaltungskräften zu Engagement in Bevölkerungsschutzkontexten
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Präsidium des deutschen Feuerwehrverbandes e. V. (2025) Die Zukunft des Zivil- und Katastrophenschutzes: Positionen des Deutschen Feuerwehrverbandes
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Schubert P, Bartel J (2025) Engagement im Ernstfall - Zahlen und Fakten zu freiwilligem Engagement und zivilgesellschaftlichen Organisationen im Bevölkerungsschutz. ZiviZ im Stifterverband, Berlin
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