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Erschienen in:

01.03.2021 | Pädiatrische Onkologie | Pflege Praxis Zur Zeit gratis

Peergroup als Therapeut

verfasst von: Elena Dreixler

Erschienen in: Heilberufe | Ausgabe 3/2021

Jugendliche in der Reha In der "Jugendarena" der Reha-Klinik Katharinenhöhe werden junge Menschen - im Gegensatz zur familienorientierten Reha - ohne Familie aufgenommen. Das Zusammensein mit Gleichaltrigen ist enorm wichtig für sie.
In der jugendlichen Entwicklung spielt das Bedürfnis nach Autonomie besonders in Zusammenhang mit immer wichtiger werdenden Peergroups eine zentrale Rolle. Der natürliche Ablöseprozess wird durch die schwere Erkrankung zunächst unterbrochen und eine Wiederaufnahme erschwert. Daher benötigen Jugendliche und junge Erwachsene ein besonderes Konzept im Rahmen einer Rehabilitationsmaßnahme. Vor diesem Hintergrund werden seit 1987 auf der Katharinenhöhe krebskranke Jugendliche und seit 1988 auch junge Erwachsene nach einem kleingruppenorientierten Konzept behandelt. Neben der Hauptgruppe onkologischer Patienten werden seit 1990 auch Patienten mit schweren Herzerkrankungen aufgenommen. Die Gleichaltrigen reisen an einem Stichtag an und verbringen die folgenden vier Wochen gemeinsam.
Während des Aufenthalts wird die Kleingruppe (etwa 15 Personen) mit gleichaltrigen und von ähnlicher Krankheit betroffenen Mitpatienten zur "Ersatzfamilie". Dabei spielen auch die Mitarbeitenden von psychosozialem Team, Pflege und Service eine nicht zu unterschätzende Rolle. Unsere Strukturen sowie die medizinisch-pflegerischen und psychosozialen Interventionen sind speziell auf die Lebenssituation und Bewältigungsanforderungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zugeschnitten.
Bei den Rehateilnehmenden wird nochmals in drei Altersgruppen unterschieden. Es sind jeweils zwei Kleingruppen von 15 bis 17, 18 bis 22 und 23 bis 28 Jahren parallel in der Klinik. Den für die jeweiligen Altersstufen unterschiedlichen Entwicklungs-, Konflikt- und Bewältigungsanforderungen im Zusammenhang mit einer schweren Erkrankung wird so mit einem altersangepassten psychosozialen Behandlungsansatz begegnet. Insbesondere das Gruppenkonzept mit Gleichaltrigen ist dabei eine Möglichkeit für die Patienten, sich über den informellen Austausch, die gemeinsamen Aktivitäten aber auch mit Hilfe der therapeutischen Einzel- und Gruppenangebote mit ihren Erkrankungen auseinanderzusetzen, zu entlasten und zu stärken. Weil die Erkrankung für einen 25-Jährigen ein ganz anderer Lebenseinschnitt ist als für einen 15-Jährigen, aber auch große Unterschiede gegenüber deutlich älteren Betroffenen in der Krankheitsbewältigung bestehen, haben die altershomogenen Kleingruppen einen hohen Stellenwert.
Viele junge erkrankte Menschen halten Gedanken wie "Reha ist etwas für alte Menschen" von einer Rehamaßnahme ab. Und volljährige Patienten können in den Akutkliniken oft keine Kontakte zu Gleichaltrigen knüpfen, da die Mitpatienten meist deutlich älter sind. Das "Zurück in den Alltag" hat für ältere Menschen eine ganz andere Bedeutung, als für Jugendliche und junge Erwachsene, die sich beispielsweise um ihren Schul- oder Ausbildungsabschluss sorgen. Während Rehabilitanden einer allgemeinen onkologischen Klinik vor der Erkrankung oft schon mitten im Leben standen, wurden unsere Patienten beim Start in dieses ausgebremst. Sie sehnen sich nach teils langer Krankheits- und Therapiezeit nach "jugendlicher Normalität". Das Bedürfnis, sich "endlich einmal" mit Gleichaltrigen auszutauschen, führt zu einer wachsenenden Nachfrage schon volljähriger Onkologiepatienten.
Die jeweilige Einstellung junger Menschen zu einer möglichen Rehamaßnahme hängt natürlich auch mit der Schwere der Erkrankung, dem Verlauf, der Prognose und den nach der Therapie noch bestehenden Einschränkungen zusammen. Und doch - auch Patienten mit einem komplikationsarmen Verlauf, einer guten Prognose und ohne schwerwiegende Folgeschäden können und werden von einer Rehamaßnahme enorm profitieren.

Verschiedene onkologische Diagnosen und Krankheitsbilder

Die Erfahrung hat gezeigt, wie wichtig der Aspekt der Homogenität für die Patienten in der Kleingruppe ist. Die Möglichkeit des Miterlebens und der Austausch mit anderen Betroffenen, die ähnliche krankheits- und therapiebedingte Problemstellungen haben, entlastet und stärkt zugleich. So gibt es seit vielen Jahren fest im Konzept verankerte zusätzliche indikationsspezifische Gesprächsgruppen nur für Hirn- und Knochentumorpatienten, aber auch für Betroffene mit Leukämie oder Morbus Hodgkin. Gerade für Patienten mit Hirn- und Knochentumoren bestehen auf der Katharinenhöhe langjährige Erfahrung und besondere Spezialisierung. Ein neuropsychologisches Behandlungsangebot bei Hirntumoren ermöglicht eine differenzierte Testdiagnostik und eine angepasste Therapieplanung, die nach Bedarf Gedächtnis- und Konzentrationstraining beinhaltet. Für Einschränkungen den Bewegungsapparat betreffend sind die computergestützte Gangschule, Gangparcours und eine Ergänzung der Hilfsmittelversorgung vorgesehen.
Über diese speziellen Aspekte hinaus bewirkt ein Rehaaufenthalt für die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen auf der Katharinenhöhe vor allem ein Wiedererleben von "Normalität". Kein erdrückendes Mitleid, keine Sonderrolle, wieder mehr Verantwortung selbst übernehmen und der konsequente Blick auf Ressourcen sind stärkende Erfahrungen - für die Krankheitsbewältigung und das Leben zuhause. Familie und Freunde sind oft mit der Erkrankung der Liebsten überfordert. Sie möchten helfen und können die Belastungen, das Leid und die Ängste doch nie ganz verstehen. In der Gruppe der Gleichbetroffenen müssen sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht erklären oder rechtfertigen. Gleichaltrige "verstehen anders", sind näher und bedeutungsvoller. Sie können sich in die Lage der anderen hineinversetzen und Anteil nehmen. In der Gruppe wird jede und jeder mit den jeweiligen Einschränkungen akzeptiert.
Außerdem helfen Gleichaltrige, die Angst vor Gleichaltrigen abzubauen. Für einige sind der Rehaalltag und das Gruppenkonzept nach so viel Isolation eine große Herausforderung. Doch vielleicht steht der Einstieg in eine neue, fremde Schulklasse an und dann kann die Gruppe ein super Lernfeld sein.

Patienten interdisziplinär behandeln

Auf der Katharinenhöhe wird beim Behandlungsansatz viel Wert auf Interdisziplinarität gelegt. In den ausführlichen wöchentlichen Besprechungen sind alle Teammitglieder, wie Pflegende, Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Kunsttherapeuten, Ergotherapeuten, Masseure, Lehrkräfte der Klinikschule, Sport- und Physiotherapeuten, vertreten.
Im Eingangsteam am dritten Rehatag werden die in den einzelnen Bereichen gemeinsam mit den Patienten formulierten möglichen Rehaziele abgeglichen, über Erreichbarkeit gesprochen und die Therapieplanung entsprechend vorgenommen. In den wöchentlichen Zwischenteams geht es darum, den Therapieverlauf mit Blick auf die Ziele im Auge zu behalten, gegebenenfalls können Ziele angepasst und/oder ergänzt werden. Hinzu kommen tägliche Briefings mit allen genannten Bereichen über tagesaktuelle Entwicklungen in der Gruppe oder Wichtiges zu einzelnen Patienten.

Aufgaben der Pflege

Auch die Pflege hat im interdisziplinären Team eine wichtige Funktion. Bei der obligatorischen Aufnahmeuntersuchung findet der Erstkontakt zwischen Patient und Medizin statt. Neben der Erhebung der biometrischen Daten und Vitalzeichen klärt das Pflegeteam, welche besonderen Bedürfnisse der Einzelne hat. Es kann um Unterstützung bei der Einnahme der Medikamente gehen, aber auch um nötige Hilfe beispielsweise beim Duschen oder Anziehen, der Gabe von Thrombosespritzen, je nach körperlichen Einschränkungen. Nach der ärztlichen Eingangsuntersuchung ist es Aufgabe der Pflege, die Verordnungen den medizinischen Bereich betreffend auszuarbeiten und zu terminieren. Im Verlauf gehören zur Aufgabe der Pflege unter anderem kapilläre Blutbildbestimmungen (z.B. bei Leukämiepatienten in Dauertherapie), Durchführung von EKG, LZ-Blutdruckmessungen, Lungenfunktionsmessungen, venöse Blutentnahmen, Infusionstherapien, Verbandwechsel, bei Bedarf Assistenz bei Gabe von Zytostatika, Katheterspülungen oder Lumbalpunktionen.
Tagsüber ist der Pflegestützpunkt zusätzlich bei allen akuten Fragen und medizinischen Beschwerden, aber ebenso bei sich vielleicht angestauten Problemen - welcher Art auch immer - Anlaufstelle für die Rehateilnehmenden. Mal brauchen die jungen Menschen einfach einen Kontakt, mal ein Gespräch ohne psychotherapeutischen Hintergrund. Es geht darum, dass sich jemand "kümmert", die Patienten "umsorgt", manchmal auch wie ein "Elternersatz" Trost spendet, zum Beispiel bei Heimweh, wenn das Essen nicht schmeckt oder bei Konflikten mit Mitpatienten oder Mitarbeitenden aus anderen Bereichen. Oft hilft eine einreibende Hand besser gegen den Schmerz als eine Tablette. Gerade am Abend, wenn das Psychosoziale Team nicht mehr im Haus ist, kommt es oft zu wertvollen Gesprächen. Der Schmerz kommt häufig nach einem Tag voller Aktivitäten, wenn es still im Haus wird, da sind dann die diensthabenden Pflegenden gefragt. Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist jederzeit im Haus zu erreichen und wird hinzugezogen, wenn die Probleme doch medizinisch intensiver angegangen werden müssen.
Wir verstehen die Reha für den Einzelnen als "Baukastensystem". Neben Pflichtterminen können die Rehabilitanden weitere freizeitpädagogische, psychosoziale und therapeutische Angebote wählen, woraus sich für jeden eine individuelle Rehabilitation ergibt. So bieten wir neben begleitenden Einzelgesprächen, Kunsttherapie und Gruppengesprächen, gemeinsame Koch- und Spielabende an, Kreativangebote im Werkraum, Erlebnistherapie im eigenen Hochseilgarten, Klettern und Aquafitness, Bogenschießen, Ausflüge zum Reiterhof, Alpakawanderungen, abendliche Entspannungsangebote, Qigong, Lagerfeuer und gemeinsames Grillen, Fackelwanderungen im Schnee, Karaoke, Quiz- und Filmabende, Bowling und viele andere saisonale Unternehmungen.
Verarbeitung, Stärkung und Stabilisierung werden nicht nur in Gesprächen und therapeutischen Angeboten gestärkt, sondern fast von alleine durch das Zusammensein und den informellen Austausch. Da einige Jugendliche des öfteren ein schlecht besetztes Bild von Therapie und Psychologen haben, ist uns ein niederschwelliger therapeutischer Zugang sehr wichtig. Und die Rückmeldung zeigt: "Die Gruppe ist eh der beste Therapeut" und trotz Thema Krebs überwiegt die Leichtigkeit im Rehaalltag.

Pflege einfach machen

In der Altersgruppe der Jugendlichen ist die Reha ohne Familie eine wichtige Chance. Mitglieder einer Peergroup können sich in die Lage der anderen hineinversetzen und Anteil nehmen.
Aufgabe der Pflege ist es, nach der ärztlichen Eingangsuntersuchung die Verordnungen den medizinischen Bereich betreffend auszuarbeiten und zu terminieren.
Darüber hinaus ist der Pflegestützpunkt bei allen akutenFragen und Beschwerden, aber ebenso bei sich vielleicht angestauten Problemen Anlaufstelle für die Rehateilnehmer.

Reha: Auf einen Blick

Stärkung der Patientenkompetenz

  • Aktivierung eigener Ressourcen
  • Entwicklung und Verfolgung eigener Zielvorstellungen
  • Förderung und Bewahrung von Autonomie
  • Stärkung eigener Kräfte zur Krankheitsbewältigung
  • Teilhabe am eigenen Behandlungsprozess
  • Stärkung aktiver Verarbeitungsstrategien

Die Rehaziele der jungen Menschen sind:

  • Körperliche Leistungsfähigkeit steigern, um die Alltagsanforderungen wieder besser zu bewältigen
  • Mobilität zurück gewinnen
  • Neue Sportmöglichkeiten entdecken
  • Schmerzlinderung und/oder Umgang mit Schmerzen
  • Wiedereinstieg in Schule oder Beruf
  • Ein geregelter Tagesablauf
  • Krankheitsverarbeitung durch Austausch
  • Abschluss mit der schweren Zeit und einfach wieder "aufleben"

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Metadaten
Titel
Peergroup als Therapeut
verfasst von
Elena Dreixler
Publikationsdatum
01.03.2021
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Heilberufe / Ausgabe 3/2021
Print ISSN: 0017-9604
Elektronische ISSN: 1867-1535
DOI
https://doi.org/10.1007/s00058-021-1984-5

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