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29.09.2021 | Onkologische Fachpflege | Nachrichten

Achtung, Anaphylaxie: Bei welchen Krebsregimen steigt das Risiko?

Autor:
Dr. Elke Oberhofer

Bei welchen intravenös verabreichten Krebsmedikamenten ist die Sorge vor anaphylaktischen Reaktionen möglicherweise besonders berechtigt? Forscher aus Yokohama sind dieser Frage nachgegangen. In ihrer Studie waren, zumindest bei Patientinnen mit gynäkologischen Tumoren, häufig wiederholte Carboplatin-Infusionen sowie der Therapiebeginn mit Paclitaxel oder Docetaxel am riskantesten.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Schwere Anaphylaxien im Zusammenhang mit intravenös verabreichten Krebsmedikamenten tauchen in der Literatur bislang vor allem in Form von Einzelfallberichten auf. Dass dieses Risiko zumindest für einige Substanzen durchaus erheblich sein könnte, und zwar trotz einer vorherigen Prophylaxe mit Dexamethason oder Antihistaminika, legt eine Studie aus Japan nahe.

Nobuyuki Horita und Kollegen haben 5584 Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichen Tumorentitäten nachbeobachtet, die zwischen Januar 2013 und Oktober 2020 in der Uniklinik Yokohama eine intravenöse Chemotherapie erhalten hatten. Dabei waren insgesamt 88.200 Personentage zusammengekommen.

Eine schwere Anaphylaxie war in der Studie definiert als anaphylaktische Reaktion plus mindestens einem der folgenden Befunde (gemäß den Kriterien von Brown):

  • Sauerstoffsättigung ≤ 92%, 
  • Hypotonie (< 90 mmHg systolisch), 
  • neurologische Beeinträchtigungen wie Verwirrtheit, Bewusstseinsverlust oder Inkontinenz.

Anaphylaxie trotz medikamentöser Prophylaxe

Wie Horita und sein Team berichten, hatten sich insgesamt 27 solcher schweren Anaphylaxien ereignet, wobei in 25 Fällen eine Prämedikation, u. a. mit Dexamethason, stattgefunden hatte. Damit lag die Inzidenz, bezogen auf die Teilnehmerzahl, bei 0,48% und bezogen auf die Personentage bei 0,031%.

In 14 Fällen war das vermutlich auslösende Medikament Carboplatin, in neun Fällen Paclitaxel und in jeweils einem Fall Cisplatin, Docetaxel, Trastuzumab bzw. Cetuximab. In 19 Fällen handelte es sich um Patientinnen mit gynäkologischen Tumoren, darunter vor allem Ovarialkarzinome.

Riskant waren den Forschern zufolge vor allem folgende Situationen: wiederholte Infusionen mit Carboplatin (die Inzidenz schwerer Anaphylaxien betrug nach 10 bis 15 Infusionen 1,63%; insgesamt lag sie bei 0,25%) sowie die ersten ein bis drei Verabreichungen von Paclitaxel (Inzidenz 0,72%). Bei Carboplatin hatte es vom Beginn der Infusion median 17,5 Minuten bis zur ersten Reaktion gedauert, bei Paclitaxel dagegen hatten sich die ersten Anzeichen schon fünf Minuten nach Erhalt des ersten Tropfens eingestellt.

In beiden Fällen sei die erneute Verabreichung der Substanz nicht zu rechtfertigen. Im Fall von Carboplatin sei die anaphylaktische Reaktion bei 13 von 14 Betroffenen innerhalb von 75 Tagen nach der letzten Gabe aufgetreten. Dies spreche dafür, die Patienten auch bei relativ kurzen Abständen zur letzten Behandlung gut zu überwachen.

Nanopartikelform von Paclitaxel wahrscheinlich sicher

Horita und Kollegen betonen aber auch, dass die Nanopartikelform nab-Paclitaxel, die im Lauf der Studie zunehmend zum Einsatz gekommen war (insgesamt 3693-mal), keine einzige schwere Reaktion nach sich gezogen habe. Das Gleiche gelte für Cabazitaxel, ebenfalls aus der Gruppe der Taxane. Um dies zu bewerten, seien allerdings noch weitere Daten aus größeren Studien erforderlich. Auch unter Docetaxel hatte es schließlich eine schwere Reaktion gegeben, und zwar fünf Minuten nach Infusionsbeginn.

Auch monoklonale Antikörper sind den Forschern zufolge in der Lage, „akute Überempfindlichkeitsreaktionen inklusive einer IgE-vermittelten Anaphylaxie“ hervorzurufen. In ihrer Studie bringen sie zwei Fälle damit in Zusammenhang: So hatte eine 55-jährige Brustkrebspatientin Trastuzumab ohne Prämedikation bekommen, im zweiten Fall war es ein 71-jähriger Mann, der zur Behandlung seines Kopf-Hals-Tumors Cetuximab erhalten hatte. Es sei zwar möglich, dass die Betroffenen auf andere Infusionsbestandteile reagiert hätten, so Horita und sein Team. Sie hätten allerdings „typische Symptome einer Anaphylaxie“ gezeigt, die „exzellent“ auf Adrenalin angesprochen hätten.

Adrenalininjektionen üben!

Allen Ärzten und Pflegefachpersonen, die Krebsmedikamente intravenös verabreichen, raten die Forscher, sich des Risikos einer möglichen anaphylaktischen Reaktion bewusst zu sein und sich rechtzeitig mit der korrekten Verabreichung von Adrenalin vertraut zu machen. Dabei müsse im Fall von Carboplatin noch nach zehn Minuten oder mehr mit einer schweren Reaktion gerechnet werden.

Von den Studienteilnehmern hatten 81% eine Hypoxie entwickelt, 56% einen anaphylaktischen Schock. Intramuskulär verabreichtes Adrenalin war in der japanischen Klinik in elf Fällen zum Einsatz gekommen, weitere Behandlungsmaßnahmen umfassten Sauerstoff, Hydrierungsmaßnahmen, Hydrocortison, Chlorphenamin oder Famotidin. Überlebt hatten die Reaktion letztlich alle.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Inzidenz und Risikofaktoren für schwere anaphylaktische Reaktionen nach intravenöser Verabreichung von Krebsmedikamenten.

Antwort: Schwere Reaktionen wurden insbesondere im Zusammenhang mit Infusionen von Carboplatin und Paclitaxel beobachtet. Im ersten Fall traten diese erst ab zehn Minuten nach Infusionsbeginn auf, im zweiten Fall bereits nach fünf Minuten.

Bedeutung: Bei bestimmten Therapieregimen sind die Patienten besonders sorgfältig zu überwachen. Die korrekte Verabreichung von Notfallmedikamenten sollte geübt werden.

Einschränkung: Retrospektive Studie aus Japan; überwiegend gynäkologische Tumoren; uneinheitliche medikamentöse Prophylaxe.


Literatur
Bildnachweise