Skip to main content

Tipp

Weitere Artikel dieser Ausgabe durch Wischen aufrufen

Erschienen in: Pflegezeitschrift 1-2/2022

01.01.2022 | Onkologie | Pflege Praxis Zur Zeit gratis

Kritisch: Notfall in der pädiatrischen Onkologie

verfasst von: Maria Flury 

Erschienen in: Pflegezeitschrift | Ausgabe 1-2/2022

download
DOWNLOAD
print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Zusammenfassung

Die Therapie einer onkologischen Erkrankung ist für den Patienten mental und körperlich sehr kräftezehrend. Im Bereich der pädiatrischen Onkologie muss außerdem auch immer die Familie mit begleitet werden. Dazu gehört die Aufklärung über das Krankheitsbild, die erforderliche Therapie und mögliche Nebenwirkungen, die nicht selten in kritische Situationen münden können. Deshalb sollten Eltern bereits vor der Entlassung nach Diagnosestellung dazu informiert werden - gepaart mit einem genauen Handlungsschema, was im Falle eines (anbahnenden) Notfalls zu tun ist. Genauso muss sich das Pflegepersonal in der Klinik immer wieder auf kritische Situationen einstellen, standardisierte Abläufe abstimmen und die speziellen Handgriffe bei bestimmten Untersuchungen, Medikamentengaben, Transfusionen etc. trainieren.
Hinweise

Supplementary Information

Zusatzmaterial online: Zu diesem Beitrag sind unter https://​doi.​org/​10.​1007/​s41906-021-1193-5 für autorisierte Leser zusätzliche Dateien abrufbar.
Routinen und Struktur entlasten Pflegende und betroffene Familien Auf einer kinderonkologischen Station gehören Notfälle zum Alltag. Das wissen Pflegende - für die Familien aber kommen Fieber, Tachykardie und Hypotonie oft überraschend. In diesen Notfallsituationen ist dann schnelles Handeln gefragt. Standardisierte Abläufe helfen, die Ruhe zu bewahren und Sicherheit zu vermitteln.
Die Mutter des elfjährigen Luca meldet sich telefonisch im onkologischen Ambulatorium und teilt der Pflegefachfrau am Telefon mit, dass ihr Sohn seit einer Stunde über Unwohlsein und Kopfschmerzen klagt. Sie haben ihm eine Paracetamol-Tablette verabreicht und davor wie verordnet Fieber gemessen. Das Thermometer zeigte 38.4 Grad an. Da Luca am Vortag zur Kontrolle im Kinderspital war und man da festgestellt hat, dass er niedrige Leukozyten hat, also neutropen ist, läuten bei der Pflegefachfrau am Telefon die Alarmglocken. In Absprache mit dem Arzt bittet sie die Mutter, Luca sofort ins onkologische Ambulatorium des Kinderspitals zu bringen. Beim Eintreffen im Kinderspital ist bei der sofortigen Kontrolle das Fieber auf über 39 Grad gestiegen, Lucas Blutdruck ist bei 90/65 und sein Puls bei 155. Er ist sehr blass, hat kühle Hände und Füße und kann nur noch knappe Antworten geben. Nun ist rasches Handeln angesagt. Die klinischen Zeichen weisen auf eine beginnende Sepsis hin. Es gilt nun, möglichst schnell Blutkulturen anzulegen und Luca ein intravenöses Breitbandantibiotikum zu verabreichen sowie mit einem Flüssigkeit-Bolus seinen Kreislauf zu stabilisieren.
Eine Ausnahmesituation? Nein, das ist Alltag auf einer onkologischen Station eines Kinderspitals. Es muss jederzeit damit gerechnet werden, dass sich eine Familie im Spital meldet, da ihr Kind Fieber hat, respektive, dass eines der hospitalisierten Kinder plötzlich Fieber entwickelt. Dabei sind Kleinkinder unter vier Jahren besonders gefährdet wegen Fieber in Neutropenie in der Klinik aufgenommen zu werden. Bedingt durch die aufgrund der Chemotherapie verursachten Immunsuppression, können sich solche Situationen schnell zu lebensbedrohlichen Ereignissen entwickeln. Auch wenn infektionsbedingte Todesfälle in der Kinderonkologie glücklicherweise selten sind, sterben doch immer wieder immunsupprimierte Kinder an den Folgen von viralen, bakteriellen oder fungalen Infektionen während der antineoplastischen Therapie.
Neben den beschriebenen Notfällen gilt es auch andere potentielle Ereignisse möglichst zu vermeiden, indem die Kinder permanent unter Kontrolle sind - das gilt für das Spital und die häusliche Umgebung gleichermaßen. Es kann zu Krankheits-assoziierten und Therapie-assoziierten Notfällen kommen (Tab. 1).
Tab. 1:
Folgende Notfälle in der Kinderonkologie sind zu unterscheiden:
 
Krankheit
Notfallsituation
Krankheits-assoziiert
Leukämie
Tumorlysesyndrom/ Hyperleukozytose
 
Lymphom
Mediastinaltumor mit Kompression der Atemwege
 
Hirntumore
Hirndruck
  
Krampfanfälle
 
Solide Tumoren
Myelokompression
  
Gefässrupturen
  
Ileus
Therapie-assoziiert
 
Fieber in neutropener Phase
  
Blutungen
  
Thrombosen
  
Anaphylaktische Reaktionen auf Medikamente, Bluttransfusionen
  
Paravasate

Rolle der Pflegefachpersonen

Neben der Beobachtung der betroffenen Kinder und dem frühzeitigen "Alarmieren" gehören das Betreuen und Unterstützen der Familie in solchen Notfallsituationen zu den zentralen Aufgaben der Pflegefachpersonen. Routinierte und standardisierte Abläufe können helfen, dass die zuständigen Pflegefachpersonen auch in einer Notfallsituation ruhig bleiben und sofort die nötigen Schritte einleiten können. Zu erleben, dass alle im Behandlungsteam wissen, wie sie in einer solchen Situation regieren müssen und dass alles Menschenmögliche für das Kind gemacht wird, hilft den Familien, solche bedrohlichen Momente besser auszuhalten. Es gilt, auch die Einschätzung der Familie ernst zu nehmen, entwickelt diese doch schon nach kurzer Zeit nach einer onkologischen Diagnose bei einem ihrer Kinder ein feines Sensorium für den Allgemeinzustand ihres Kindes. Auch den Aussagen des betroffenen Kindes oder Jugendlichen soll Aufmerksamkeit geschenkt werden. Diese sind teilweise unspezifisch, aber wenn ein Kind sagt, dass es plötzlich spüre, dass etwas mit seinem Körper nicht stimme und es Angst habe, sollte rasch gehandelt werden.

Überwachung der Patienten im Spital

Neben dem Einhalten der spitalinternen Überwachungsstandards betreffend Kontrolle von Vitalparametern, helfen die Beurteilung des Allgemeinzustandes, der Vigilanz und des Verhalten des Kindes, Notfallsituationen frühzeitig zu erkennen. Die Tatsache, dass diese Patienten therapiebedingt auf den onkologischen Stationen ein- und aus gehen und die Pflegefachpersonen sie demzufolge in aller Regel gut kennen, unterstützt, Veränderungen nicht zu verpassen. Ein zentrales Element bei der Beurteilung der Patienten ist ganz im Sinne von "from novice to expert" auch das "Bauchgefühl" der Pflegefachperson. Ein ungutes Gefühl ernst zu nehmen, in einer solchen Situation die Vitalparameter zu kontrollieren und eine Beurteilung durch zuständigen Ärzte einzufordern, kann buchstäblich Leben retten.

… und zuhause

Hier gilt es, eine Balance zu finden zwischen Sicherheit und Normalität. Dies gilt insbesondere auch für die Zeit, die die Kinder zu Hause verbringen. Die Familien müssen wissen, was passieren kann und wie sie reagieren können und müssen. Es soll aber auch möglich sein, dass die Kinder und Jugendlichen alters- und entwicklungsentsprechend Freiräume haben und nicht permanent von den Familien überwacht werden. Familien sollen zuhause keine Fieberkurven anlegen, sondern dann zum Fiebermesser greifen, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Kind Fieber hat. Es braucht hier die Bestätigung der Pflegefachpersonen, dass die Familien auch nach einer onkologischen Diagnose und der eingeleiteten Therapie merken, wenn mit ihrem Kind etwas nicht stimmt. Damit diese Sicherheit unter den neuen Voraussetzungen wiederaufgebaut werden kann, braucht es neben der Familienedukation auch klar definierte Anlaufstellen, an die sich die Familie bei Fragen und Sorgen rund um die Uhr wenden kann. Das Wissen, dass sie jederzeit anrufen können, hilft der Familie, ihr Kind nach einer Neudiagnose mit nach Hause zu nehmen. Sie können so diesen Schritt nicht nur mit Angst, sondern auch mit Freude in Angriff nehmen. Es kann auch dazu beitragen, dass es für Familien möglich ist, ihr Kind in den Kindergarten oder die Schule zu schicken, wenn der Allgemeinzustand gut ist. Das Kind kann so in einer Ausnahmesituation ein kleines Stück Normalität erleben.

Wie erlangen Pflegende Sicherheit?

Standardisierte Abläufe wie Überwachungsschemata während Transfusionen oder der Verabreichung von Hochrisikomedikamenten wie die pegylierte Asparaginase bei Kindern und Jugendlichen mit einer Leukämie, geben Sicherheit und sorgen dafür, dass Notfallsituation frühzeitig erkannt werden können. Ganz zentral ist es, sich als Pflegefachperson neben dem Wissen über die potentiellen Notfallsituationen auch Skills anzueignen, wie dann reagiert werden kann. Das heißt, es sollen nicht nur regelmäßig Kurse für die kardiopulmonale Reanimation besucht werden, sondern auch das Bereitstellen und Verabreichen von Medikamenten bei einer anaphylaktischen Reaktion oder bei einem Krampfanfall kann auf der Station geübt werden.
Jede Pflegefachperson, aber auch die Hilfskräfte müssen wissen, wie das Alarmierungssystem der Klinik funktioniert, wie Hilfe organisiert werden kann und wo das Notfallequipment gelagert wird. Um den Stress zu reduzieren, hilft es bei onkologischen Patienten Notfallmedikamente vorzuverordnen und auch Schemata bereitzustellen, in denen in einer ruhigen Atmosphäre ausgerechnet wurde, wie viele Milliliter von welchem Medikament konkret aufgezogen und verabreicht werden müssen. Dieses Vorgehen spart Zeit und verhindert kritische Zwischenfälle, die dann eine Pflegefachperson zusätzlich belasten können.
Zurück zu unserem Fallbeispiel: Luca ist nun seit einer Stunde im onkologischen Ambulatorium. Die notwendigen Untersuchungen wurden durchgeführt, die erste Dosis des Antibiotikums gespritzt und der verordnete Flüssigkeitsbolus ist fast fertig infundiert. Vor allem diese Intervention hat glücklicherweise dazu geführt, dass er sich etwas besser fühlt. Der Blutdruck ist leicht angestiegen. Die Tachykardie ist nach wie vor vorhanden, da aber bei der Kontrolle der Blutwerte festgestellt wurde, dass auch das Hämoglobin und die Thrombozyten sehr niedrig sind, wurden Transfusionen angeordnet. Die Erythrozytentransfusion wird dazu beitragen, dass der Puls sinkt. Luca fiebert nach wie vor, aber da nun die notwendigen ersten Interventionen zum Verhindern einer Sepsis eingeleitet wurden, kann er fiebersenkende Medikamente erhalten, die dazu beitragen werden, seinen Allgemeinzustand zu verbessern. Den beunruhigten Eltern, die zum ersten Mal mit einer solchen Situation konfrontiert waren, wurde kontinuierlich erklärt, welche Interventionen helfen sollen, Lucas Situation zu stabilisieren. Die Mutter äußert, dass es sie unterstützt hat, schon vor der ersten Entlassung nach der Diagnose zu hören, dass es zu einem solchen Ereignis kommen kann. Besonders wichtig war für sie, dass sie ganz genau wusste, bei wem sie sich im Spital melden kann.
Die Vorbereitung der Familie auf eine solche Notfallsituation und das auf eben diese Ereignisse vorbereitete Behandlungsteam tragen dazu bei, dass den Kindern sicher und rasch geholfen werden kann.
Die Literaturliste finden Sie über das PflegeZeitschrift eMag und auf springerpflege.de

Fazit

In kinderonkologischen Notfallsituationen ist schnelles, überlegtes Handeln gefragt.
Standardisierte Abläufe wie Überwachungsschemata während Transfusionen oder der Verabreichung von Hochrisikomedikamenten wie die pegylierte Asparaginase bei Kindern und Jugendlichen mit einer Leukämie, geben Sicherheit und sorgen dafür, dass Notfallsituation frühzeitig erkannt werden können.
Ganz zentral ist es, sich als Pflegefachperson neben dem Wissen über die potentiellen Notfallsituationen auch Skills zu erarbeiten, wie dann reagiert werden kann.
Anhänge
Metadaten
Titel
Kritisch: Notfall in der pädiatrischen Onkologie
verfasst von
Maria Flury 
Publikationsdatum
01.01.2022
Verlag
Springer Medizin
Schlagwort
Onkologie
Erschienen in
Pflegezeitschrift / Ausgabe 1-2/2022
Print ISSN: 0945-1129
Elektronische ISSN: 2520-1816
DOI
https://doi.org/10.1007/s41906-021-1193-5

Weitere Artikel der Ausgabe 1-2/2022

Pflegezeitschrift 1-2/2022 Zur Ausgabe

Pflege Management

Interview

Forschung & Lehre

Forschung & Lehre