Skip to main content
main-content

12.04.2022 | News Hebammen | Nachrichten

Stillen vermittelt Geborgenheit – besonders in Krisenzeiten

print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Stillen ist vor allem in Situationen wie Krieg, Flucht, Natur- oder technischen Katastrophen die einfachste und sicherste Ernährung für Säuglinge. Darüber und über den neu gegründeten Verein „sus-baby“ sprachen wir mit der Still- und Laktationsberaterin und Mitinitiatorin des Vereins Andrea Hemmelmayr.

Frau Hemmelmayr, Sie sind seit Jahren aktiv in der Stillberatung und haben jetzt gemeinsam mit österreichischen und deutschen Stillexpert*innen den Verein „sus-baby“ gegründet. Wie kam es dazu?

Hemmelmayr: Bereits im österreichischen WBTi (World Breastfeeding Trends Initiative)-Bericht 2018 wurde festgestellt, dass es in Österreich keine Strategie für angemessene Säuglingsernährung im Fall von Krisen und Katastrophenfällen gibt. Nun überrollt uns wieder ein Flüchtlingsstrom. Und diesmal mit vielen Müttern und Kindern. Glücklicherweise sehen wir eine unglaubliche Welle der Hilfs- und Spendenbereitschaft insbesondere für Säuglinge und Kleinkinder. Leider beobachten wir auch, dass mit gut gemeinter aber unkoordinierte Hilfe bzw. unkontrollierte Abgabe von Säuglingsnahrung oft mehr Schaden als Nutzen angerichtet wird. Um hier unkompliziert Informationen für Eltern aber auch Hilfskräfte zur Verfügung stellen zu können, hat sich eine Initiative von Fachpersonen und Fachgesellschaften zusammengeschlossen. In Anlehnung an das bekannte Notzeichen SOS (save our souls) haben wir unserer Initiative den Namen SUS-Baby (Sicher Und Satt) genannt. Aufgabe des Vereines ist es, Eltern, Helfern und Fachpersonen für die sichere Ernährung von Babys und Kleinkindern in Krisensituationen zu sensibilisieren. Die Informationen stellen wir nun in verschiedenen Sprachen kostenlos auf unserer Webseite www.sus-baby.eu zur Verfügung.

Dass Stillen für die meisten Säuglinge die beste Ernährung ist, ist unter den Hebammen ja bekannt. Welche Informationen können Hebammen auf Ihrer Webseite außerdem finden?

Hemmelmayr: Wir stellen dort Material in zahlreichen Sprachen zusammen. Dabei handelt es sich um Informationen rund ums Stillen, aber auch zur Bedeutung des Haut- an Hautkontaktes, zur Erhöhung der Milchproduktion und Relaktion, zur Technik der Becherfütterung, die Drip-Drop-Methode und psychologische Hinweise.

Für Betreuungspersonen wie Hebammen haben wir außerdem wichtige Schlüsselfragen, Infografiken und Hinweise zur Säuglingsernährung in Krisensituationen zusammengestellt - mit Triageansatz zur Entscheidungsfindung der Ernährung von Säuglingen unter sechs Monaten. Außerdem beschäftigen wir uns mit dem Umgang mit künstlicher Säuglingsernährung während des Ausbruchs von Infektionskrankheiten und bieten einen operativen Leitfaden für Säuglings- und Kleinkindernährung in Katastrophenfällen an.

Uns geht es also nicht nur um das Stillen, sondern auch um den sicheren Einsatz von künstlicher Säuglingsnahrung. Zudem möchten wir dazu anregen, überall dort, wo es nötig scheint, Mutter-Kind-freundliche und schützende Bereiche zu schaffen, damit sie in all dem Chaos auch mal Ruhe finden können.

Warum ist Stillen gerade in diesen Zeiten für die Frauen und ihre Kinder wichtig?

Hemmelmayr: Stillen ist die sicherste und einfachste Nahrung für einen Säugling. Es fördert selbst in Extremsituationen die Mutter-Kind-Bindung und das Hormon Oxytocin ist das wichtigste Antidot gegen das Stresshormon Adrenalin, so kann Stillen sowohl bei der Mutter als auch beim Kind stressbedingte Auswirkungen senken.

Wie müssen wir uns die Situation von Müttern und ihren Kindern derzeit in der Ukraine genau vorstellen?

Hemmelmayr: All das, was in einem normalen Alltag funktioniert, kann in einem Krisenfall unterbrochen sein. Geschäfte sind ausverkauft oder gar nicht mehr erreichbar und die Wasser- und Energieversorgung bricht zusammen. Fehlende Nahrung, kein sauberes Wasser, keine Wärmequelle, um die Nahrung zuzubereiten und die Unmöglichkeit, die Utensilien ausreichend zu reinigen, machen die Fütterung mit künstlicher Säuglingsnahrung zu einem lebensgefährlichen Risiko für sehr junge Säuglinge. All diese Situationen können im Bunker, im Flüchtlingslager, in einem überfüllten Bus oder Zug oder in der Wartezone eines Aufnahmezentrums auftreten.

Man sagt, dass Stillen sehr Kräfte zehrend für die Frau sein kann. Was ist, wenn die Mutter selbst nicht mehr genug Essen und Trinken hat – ist dann eine ausreichende Versorgung für das Baby noch gewährleistet?

Hemmelmayr: Helfer sehen, dass Mütter erschöpft sind und bieten ihnen oft viel zu rasch künstliche Säuglingsnahrung an. Dazu kommt die Idee, dass die meisten stillenden Mütter durch den Stress die Milch verlieren würden. Ja, Stress kann zumindest vorübergehend den Milchspendereflex hemmen. Aber wenn die Mutter weiter stillt, ihr Kind am Körper trägt (möglichst Haut an Haut) und wenn sie es so oft wie möglich anlegt, kann sich das Oxytocin durchsetzen und die negative Wirkung von Stress aufheben.

Wie können Hebammen Frauen, die stillen oder aufgrund der Ereignisse das Stillen abgebrochen haben, unterstützen?

Hemmelmayr: Besondere Beachtung brauchen jene Familien, deren Kind jünger als sechs Monate ist. Stellen Sie ihnen die richtigen Fragen: Mit der Frage nach dem Alter des Kindes und der Beobachtung seines Verhaltens kann seine körperliche Verfassung schon gut beurteilt werden. Fragen Sie die Mutter, wie sie ihr Kind vor ein oder zwei Wochen ernährt hat und wie es momentan ernährt wird. Wird das Kind aktuell gestillt, ermuntern Sie die Mutter zum Weiterstillen. Wurde das Kind bis vor wenigen Tagen gestillt oder wird es teilweise gestillt, animieren Sie die Mutter, ihre Milchproduktion wieder anzuregen. Sollte in dieser Phase das Kind von der Muttermilch (noch) nicht satt werden, muss vielleicht mit künstlicher Säuglingsnahrung zugefüttert werden.

Kein Kind soll hungern, dennoch sind Spenden sowie unkontrollierte Abgaben von Säuglingsnahrung oft kontraproduktiv oder sogar gefährlich. Insbesondere wenn weder Eltern noch Helfer die Etiketten der Nahrung entziffern können oder wenn kein sauberes Wasser zur Verfügung steht. Besser ist es, Geld zu spenden und die Helfer vor Ort (z.B. UNICEF) organisieren genau jene Nahrung, die für die jeweilige Situation angebracht ist. Hygienische Möglichkeiten (im Krisengebiet oder auf der Reise) wären beispielsweise das Füttern mit dem Becher und die Gabe von „ready to use“ Flaschen.

Beachten Sie, dass auch Mütter, die in ein sicheres Drittland geflüchtet sind, sich immer noch in einer besonders belasteten Situation befindet und auch in diesem Fall Stillen priorisiert werden sollte.

Braucht Ihr Verein noch Mitstreiter oder andere Unterstützung?

Hemmelmayr: Ja, auf jeden Fall freuen wir uns über Unterstützung! Wichtig ist aber, dass möglichst viele Eltern, Helfer und Hilfsorganisationen von der Initiative erfahren und die erwähnten Ressourcen nutzen können. Je mehr bekannte Organisationen uns unterstützen, desto besser natürlich. Wir sind noch mitten in der Vereinsgründung und würden uns natürlich freuen, wenn auch Hebammen aktiv im Verein mitarbeiten würden.

Sie haben auch den Aufruf nach funktionstüchtigen Inkubatoren gestartet – wie war die bisherige Resonanz?

Hemmelmayr: Von einer rumänischen Hebamme erreichte uns die Botschaft, dass für ein Krankenhaus in Odessa noch dringend drei Inkubatoren gebraucht werden. Leider wurden bisher weder in Österreich noch in Deutschland solche Inkubatoren gefunden. Sollten irgendwo solche nicht mehr benötigt werden aber funktionstüchtig sein – dann wenden Sie sich bitte an info@stillen.at

Das Interview führte Josefine Baldauf

Empfehlung der Redaktion

Andrea Hemmelmayr hat in HebammenWissen 1/20 bereits einen umfassenden Beitrag zum Stillen mit allgemeinen Informationen publiziert: „Muttermich, der Powerdrink für Babys“

Viele geflüchtete (schwangere) Frauen sind traumatisiert. Für Geburtshelfer ist deren Betreuung eine große Herausforderung. In HebammenWissen 1/21 finden Sie in dem Beitrag „Zwischen Trauma und Mutterglück“ konkrete Informationen und Tipps für eine trauma- und kultursensible Versorgung.


print
DRUCKEN