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11.03.2022 | News Hebammen | Online-Artikel

Nicht ohne Folgen: Essstörungen in der Schwangerschaft

verfasst von: Thomas Müller

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Sind werdende Mütter an einer Essstörung erkrankt, besteht beim Nachwuchs ein verdoppeltes bis vervierfachtes Risiko für ADHS und Autismus. Die Gefahr ist besonders hoch, wenn die Essstörung auch während der Schwangerschaft auftritt.

Hinweis: Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Eine schwere Essstörung kann auch die Entwicklung des Nachwuchses während der Schwangerschaft beeinflussen. Zum einen gehen Essstörungen vermehrt mit Schwangerschaftskomplikationen einher, zum anderen kann eine Mangelernährung dem Fetus die nötigen Nährstoffe vorenthalten. Zudem gibt es vielleicht eine familiäre Prädisposition für Entwicklungsprobleme bei Müttern mit Anorexie, Bulimie und anderen Essstörungen. Ein Team um Dr. Ängla Mantel vom Karolinska-Institut in Stockholm hat den Zusammenhang nun anhand der umfassenden schwedischen Register genauer überprüft. Ihren Resultaten zufolge spricht viel dafür, dass eine aktive Essstörung während der Schwangerschaft das Risiko für ADHS und Autismus deutlich steigert.

Die Forscher haben sich auf diese beiden Entwicklungsstörungen konzentriert, weil es hier bereits Hinweise auf einen Zusammenhang mit Essstörungen aus kleineren Studien gibt. Mantel und Mitarbeiter haben bei praktisch allen 2,3 Millionen Einzelgeburten in Schweden aus den Jahren 1990–2012 nach ADHS- und Autismus-Spektrum-Diagnosen (ASD) in den Folgejahren geschaut. Zudem werteten sie Angaben zu Essstörungsdiagnosen bei den Müttern aus. Dabei differenzierten sie, ob die Essstörung bei Arztbesuchen im Jahr vor der Geburt ein Thema war – dann gingen sie von einer aktiven Erkrankung während der Schwangerschaft aus, sonst von einer früheren Erkrankung.

Insgesamt fanden sie rund 8800 Kinder, deren Mütter vor ihrer Geburt eine Essstörungsdiagnose aufwiesen. Jedem Kind stellten sie jeweils fünf Kinder von Müttern ohne solche Probleme gegenüber, wobei sie auf das gleiche Geschlecht sowie ein vergleichbares Alter der Mutter bei der Geburt und dasselbe Geburtsjahr achteten. Zudem schauten sie in einem Multigenerationenregister nach Cousins und Cousinen mütterlicherseits, deren Mütter nicht von Essstörungen betroffen waren, um auch familiäre Faktoren zu berücksichtigen.

45% der exponierten Kinder hatten Mütter mit Anorexie, 14% mit Bulimie und die übrigen 41% mit nicht näher spezifizierten Essstörungen. Für jeweils 10%, 29% und 22% der Mütter fanden sich Hinweise auf eine aktive Erkrankung während der Schwangerschaft.

Vierfach erhöhtes Autismusrisiko

Exponierte Kinder hatten häufiger untergewichtige und rauchende, alkohol- und drogenkonsumierende Mütter, auch war die Frühgeburtenrate bei ihnen höher als in der Kontrollgruppe. Die Mütter zeigten zudem eine vielfach erhöhte Rate diverser psychischer und entwicklungsbezogener Erkrankungen, darunter auch ADHS und ASD, deutlich seltener war dies bei den Vätern der Fall.

Wie sich zeigte, trat ein ADHS – bezogen auf 1000 Personenjahre – unter Kindern von anorexiekranken Müttern um 42% häufiger auf als unter nichtexponierten Kindern. Bei Müttern mit aktiver Erkrankung in der Schwangerschaft war die Rate zweieinhalbfach erhöht. Kinder von Müttern mit Bulimie oder anderen Essstörungen waren etwa doppelt so oft betroffen verglichen mit nichtexponierten Kindern, auch hier war die Rate bei aktiver Erkrankung höher, der Unterschied aber nicht ganz so gravierend. Wurden weitere bekannte Begleitfaktoren wie psychische Erkrankungen der Mutter oder ihr Drogenkonsum berücksichtigt, schwächte sich der Zusammenhang zwar deutlich ab, war zum Teil aber immer noch signifikant um bis zu 50% erhöht.

Noch mehr war das ASD-Risiko gesteigert, und zwar um das Vierfache bei Müttern mit aktiver Anorexie. Nach Berücksichtigung sämtlicher bekannter Begleitfaktoren war es noch mehr als verdoppelt. Für Kinder mit bulimiekranken Müttern und solchen mit nicht näher spezifizierten Essstörungen deutete sich ebenfalls ein erhöhtes ASD-Risiko an, die Unterschiede zur Kontrollgruppe waren aber nicht statistisch signifikant. Ähnliche Unterschiede ergaben sich zu nichtexponierten Cousins, woraus die Forscher schließen, dass zumindest ein Teil des erhöhten Risikos durch die Folgen der Essstörung für die Embryonal- und Fetalentwicklung zu erklären ist und nicht ausschließlich durch Begleitumstände und genetische Faktoren.

Das Wichtigste in  Kürze

Frage: Besteht bei Kindern von Müttern mit Essstörungen ein erhöhtes Risiko für neuropsychiatrische Entwicklungsstörungen?

Antwort: Das ADHS- und Autismusrisiko ist zwei- bis vierfach höher als bei Kindern von Müttern ohne Essstörungen. Vor allem eine aktive Essstörung scheint die Gefahr zu steigern.

Bedeutung: Möglicherweise beeinträchtigt eine Essstörung die Embryonal- und Fetalentwicklung.

Einschränkung: Geringe Zahl der betroffenen Kinder in den Subgruppen erschwert die Interpretation.


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Literatur

Mantel Ä et al. Analysis of Neurodevelopmental Disorders in Offspring of Mothers With Eating Disorders in Sweden. JAMA Network Open 2022; 5(1): e2143947. 
https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2021.43947