Besser als Antidepressiva Gespräche senken Risiko für Frühgeburten bei depressiven Schwangeren
- 17.10.2024
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Einige Sitzungen bei Psychiatern oder Psychotherapeuten gehen bei depressiven Schwangeren mit einem reduzierten Risiko für Frühgeburten einher, Antidepressiva hingegen mit einem erhöhten. Darauf deuten Versicherungsdaten aus den USA.
Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.
Inzwischen legen einige Studien ein erhöhtes Frühgeburtenrisiko nahe, wenn Frauen in der Schwangerschaft Depressionen entwickeln. Antidepressiva können diese zwar wirksam lindern, allerdings scheinen solche Medikamente einigen Untersuchungen zufolge das Frühgeburtsrisiko weiter zu erhöhen. Besser wäre daher vermutlich, erst einmal eine nichtmedikamentöse Therapie zu versuchen. Eine Auswertung von Versichertendaten des US-Gesundheitsdienstleisters Kaiser Permanente scheint diesen Ansatz zu bestätigen: Frauen, die mit einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Therapie oder entsprechenden Beratungsgesprächen klarkamen, gebaren ihre Kinder seltener zu früh als unbehandelte depressive Frauen. Schwangere mit Antidepressiva wiesen hingegen eine erhöhte Frühgeburtenrate auf, ebenfalls verglichen mit unbehandelten Depressiven.
Für die Analyse hat ein Team um Dr. De-Kun Li von der Forschungsabteilung des Unternehmens in Oakland Angaben von rund 82.200 Frauen ausgewertet, die zwischen 2014 und 2017 schwanger waren und an einem Depressionsscreening teilgenommen hatten. Die allermeisten (88%) hatten keine Depressionen und wurden daher nicht mit Psychotherapien oder Antidepressiva behandelt. Etwa 3700 hatten eine Depression, nahmen aber keine Therapie in Anspruch, 5100 Depressive nahmen ein Gesprächsangebot oder eine Psychotherapie wahr, 1200 Depressive erhielten Antidepressiva, zu über 90% selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Schwangere mit Gesprächen plus Arzneien wurden nicht berücksichtigt. Zu den Gesprächsangeboten zählten neben Psychotherapien und psychiatrischen Konsultationen auch andere Formen der psychischen Betreuung und Beratung, etwa solche durch Sozialarbeiter.
Klare Dosiseffekte
Frauen mit Gesprächstherapien zeigten etwas häufiger Risikofaktoren für Frühgeburten wie Tabak- und Drogenkonsum, unsichere Lebensverhältnisse, Blasenentzündungen und bakterielle Vaginosen in der Schwangerschaft sowie psychiatrische Begleiterkrankungen (bei 73%). Letzteres sehen die Forschenden um Li als Indiz für eine besondere Schwere der Depression, wohingegen der geringere Anteil von Schwangeren mit psychiatrischen Begleiterkrankungen unter den Frauen mit Antidepressiva (59%) als Hinweis auf eine weniger schwere Depression verstanden wird. Von den unbehandelten Depressiven hatten ähnlich viele (61%) psychische Begleiterkrankungen. Zum Vergleich: In der Kontrollgruppe der nichtdepressiven Schwangeren hatten lediglich 7% eine andere psychische Störung.
Berücksichtigten die Forschenden um Li nun diverse Begleitfaktoren wie Alter, sozialen Status, Schwangerschaftskomplikationen und den Lebensstil, lag die Frühgeburtenrate bei unbehandelten Depressiven um 41% höher als unter nicht Depressiven. Eine Depression scheint damit per se mit einem erhöhten Risiko für eine Frühgeburt einherzugehen. Schauten sie nun nach der Frühgeburtenrate bei Schwangeren mit Gesprächsintervention, war diese um 18% geringer als bei unbehandelten Depressiven, mit einer Antidepressivatherapie hingegen um 31% erhöht. Eine Gesprächsintervention reduziert offenbar das erhöhte Frühgeburtenrisiko bei Depressiven, eine Antidepressivatherapie scheint die Gefahr weiter zu erhöhen.
Für beide Maßnahmen ergaben sich gegenläufige Dosiseffekte: Eine einzige Gesprächssitzung zeigte wenig Auswirkungen, bei vier und mehr Sitzungen war das Frühgeburtenrisiko um 43% reduziert. Für eine kurzfristige Antidepressivatherapie (unter 60 Tagen) war das Risiko kaum, bei mehr als 120 Tagen hingegen um 64% erhöht – wiederum verglichen mit unbehandelten Depressiven.
Die Gründe für die gegenläufigen Effekte bleiben unklar. Möglicherweise haben SSRI tatsächlich pharmakologische Eigenschaften, welche das Frühgeburtenrisiko erhöhen und sich auf dieses stärker auswirken als die Effekte der Depressionslinderung. Andererseits ist die Schwere der Depression nicht wirklich erfasst worden. Frauen, die besonders lange Antidepressiva benötigen, sind offensichtlich schwerer krank also solche, denen eine Kurzzeittherapie genügt. Auf der anderen Seite zeigten Frauen mit Gesprächsintervention mehr Risikofaktoren für eine Frühgeburt. Die Intervention hat möglicherweise dazu beigetragen, diese zu reduzieren – unabhängig von den Auswirkungen auf die Depression.
Das Wichtigste in Kürze |
Frage: Welche Auswirkungen haben Gesprächsinterventionen und Antidepressiva auf das Frühgeburtsrisiko depressiver Schwangerer? Antwort: Gesprächsinterventionen scheinen das erhöhte Frühgeburtsrisiko bei depressiven Schwangeren dosisabhängig zu senken, Antidepressiva scheinen es dosisabhängig zu erhöhen. Bedeutung: Gespräche wären demnach Medikamenten vorzuziehen. Einschränkung: Ein Indikationsbias lässt sich nicht ganz ausschließen: Möglicherweise wurden vor allem schwer Depressive mit Antidepressiva behandelt. |