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09.05.2022 | News Hebammen | Nachrichten

Ein Hebammenkoffer erzählt vom Leben

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Die Universitäts-Frauenklinik der Universitätsmedizin Göttingen hat ein seltenes und kostbares Geschenk erhalten: Einen 74 Jahre alten Hebammenkoffer. Aber nicht nur das – darin enthalten sind auch über 90 Jahre alte geburtshilfliche Instrumente. Ein Koffer, der von einem Leben für die Geburtshilfe berichtet.

Die 83-jährige ehemalige Hebamme Margarete Hieber aus Uslar schenkte Prof. Dr. Julia Gallwas, Direktorin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der UMG, einen 74 Jahre alten Hebammenkoffer ihrer Mutter, darin über 90 Jahre alte geburtshilfliche Instrumente. Zusätzlich übergab sie noch eine versiegelte Wochenbettpackung für „normale Geburten“ aus den 60er-Jahren. „Für uns heute ist das eine kostbare Gabe. Sie gibt uns Einblick in eine lange Tradition und ein Jahrhunderte altes Berufsbild. Ich freue mich sehr über das Geschenk an die Universitätsmedizin Göttingen und besonders über die Möglichkeit, dass ich an dieser unglaublich spannenden Lebensgeschichte von Frau Hieber und ihrer Familie teilhaben darf,“ so Prof. Gallwas. Der Hebammenkoffer soll nun für angehende Hebammen und Entbindungspfleger als Anschauungsmaterial eingesetzt werden.

Alle Bilder: © umg/spförtner

Hebamme in fünfter Generation

Margarete Hieber ist bereits Hebamme in fünfter Generation. Über 140 Jahre wurde der Hebammenberuf in ihrer Familie ausgeübt. Und so hat der Hebammenkoffer seine ganz besondere Geschichte:

Margarete Hiebers Mutter Erna Cebulla, Hebamme in der vierten Generation, kaufte nach ihrem Hebammenexamen im Jahr 1931 in Breslau in Schlesien ihre eigenen geburtshilflichen Instrumente. Sie ließ sich als freiberufliche „Landhebamme“ in Esdorf, Kreis Treblitz, in Schlesien nieder. 1945 musste Erna Cebulla ihre Heimat verlassen und arbeitete zunächst von 1948 bis 1951 in Sulingen im Landkreis Diepholz als niedergelassene Hebamme. Dort fertigte ihr 1948 ein Sattler aus Dankbarkeit für die Hilfe bei der Entbindung eine Tasche aus Schweinsleder für ihre geburtshilflichen Instrumente an, in der sie bis heute ihren Platz haben. 1951 erhielt Erna Cebulla ihre Niederlassungserlaubnis als Hebamme in Steyerberg, Kreis Nienburg. 1965 musste sie ihren Beruf als freie Hebamme aufgeben. 85 DM erhielt sie damals für eine Entbindung, davon musste sie alle Kosten, wie Auto, Altersversorgung und Steuern, bestreiten, zu wenig, um davon leben zu können. Cebulla wurde dann mit einer Sondergenehmigung auf der Entbindungsstation des Kreiskrankenhauses in Sulingen eingestellt. Dort arbeitete sie bis zu ihrem siebzigsten Lebensjahr im Jahr 1978. Im Jahr 2000 verstarb Erna Cebulla. Inzwischen war der Hebammenkoffer der Mutter in den Besitz von Margarete Hieber übergegangen.

„Dieser Beruf ist richtig für mich“

Im gleichen Jahr 1965, als ihre Mutter die freie Hebammentätigkeit aufgeben musste, machte Margarete Hieber selbst ihr Hebammenexamen. Bereits im März 1958 hatte sie ihre Ausbildung zur „Säuglings- und Kinderkrankenschwerster“ mit „sehr gut“ abgeschlossen und absolvierte dann erfolgreich ihre Hebammenausbildung an der Hebammenlehranstalt der Universitäts-Frauenklinik in Göttingen. Schon ein Jahr später, im Jahr 1966, folgte die damals 28-jährige Margarete Hieber einem Aufruf zu einem Entwicklungshilfeprojekt von Misereor und ging für vier Jahre nach Südbrasilien, um mit vier weiteren Krankenschwestern in Anitápolis im Staat Santa Catarina in einem Holzhaus ein Krankenhaus mit einer ambulanten Behandlungs- und einer Entbindungsstation aufzubauen. Zu ihren Aufgaben gehörte neben der Geburtshilfe auch die Mütterberatung. „Es gab keinen Arzt, das nächste Krankenhaus war über 100 Kilometer und über Bergzüge hinweg entfernt, die Verhältnisse waren ärmlich, die Transportwege der schwangeren Frauen lang. Wir mussten uns selbst behelfen“, sagt Margarete Hieber.

1970 kehrte Margarete Hieber als Lehrhebamme an ihre Ausbildungsstätte, die Göttinger Universitäts-Frauenklinik, zurück. Von 1976 bis 1985 war sie als Vertretung im Uslarer Krankenhaus tätig, dann als Praxisanleiterin in der Hebammenausbildung des Göttinger Universitätsklinikums, 1988 machte sie dort eine Ausbildung zur Stationsleitung. 1989 wurde Hieber zur 1. Vorsitzenden des Landesverbandes der niedersächsischen Hebammen gewählt. 1998 ging sie mit 60 Jahren in den Ruhestand.

In der Zwischenzeit besuchte Hieber immer wieder die brasilianische Gemeinde und brachte dort Unterstützung mit. Zum 50-jährigen Jubiläum des Krankenhauses im Jahr 2014 erhielt Margarete Hieber die Ehrenbürgerschaft des Stadt- und Landkreises Ani­tápolis als erste Frau überhaupt und zudem als erste Ausländerin. Auch an der katholischen Kirche der Gemeinde São Sebastiao in Anitápolis wurde Margarete Hieber im Jahr 2009 mit einer Plakette als „Pionierin der Gesundheitspflege“ geehrt.

Erfahrung und Fachwissen sind für Hebammenberuf entscheidend

Gefragt nach dem, was für sie aus Sicht ihres reichen Erfahrungsschatzes auch heute noch grundsätzlich für den Hebammenberuf wichtig ist, sagt Margarete Hieber: „Die einzelne Person sollte so versorgt sein, wie ich es für mich selbst hätte haben wollen. Ich wollte das Gefühl haben: Ich bin zuhause. Man braucht ein gutes Allgemein- und ein exzellentes Fachwissen. Man sollte sagen können: Dieser Beruf ist richtig für mich. Er ist nur möglich, wenn man viel gelernt und immer wieder abgeschaut hat. Den Umgang mit den Müttern lernen, ist wichtig. Das A und O ist: Man muss ganz viel wissen, um Entscheidungen zu treffen, vor allem, wenn man alleine ist. Das habe ich in Brasilien gelernt.“

Ein Video mit den Erzählungen von Frau Hieber zu sehen unter:  frauenklinik.umg.eu/hebammenkoffer/

umg.eu

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