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Erschienen in: Hebammen Wissen 3/2021

01.08.2021 | Hebammen Beruf

Neue Erfahrung: Gruppendynamik digital

verfasst von: Jana Friedrich

Erschienen in: Hebammen Wissen | Ausgabe 3/2021

Geburtsvorbereitung online Auch wenn in den zurückliegenden Monaten beinah alle zu "Experten" von digital stattfindenden Kursen wurden - die Tücken liegen im Detail und stellen die durchführenden Hebammen nicht nur vor technische Herausforderungen. Auch der gruppendynamische Prozess verändert sich und mit ihm die pädagogische Herangehensweise.
Ja, jetzt ist der Ton da - aber das Bild nicht zu sehen. Schön ist ja auch, wenn sich die Stimme im Videocall anhört wie zu Zeiten, als die Internetverbindung noch via Modem zustande kam. Dass die Technik nicht funktioniert, gehört zu den besonderen Herausforderungen der Onlinekurse: unzureichende Netzabdeckung, Störgeräusche und fehlende Kenntnis der Programme auf Sender- und Empfängerseite. Ablenkungspotential zuhauf bietet auch das häusliche Umfeld der Teilnehmenden: ein Kleinkind, welches im Hintergrund beschäftigt werden muss, ein Haustier, das durchs Bild läuft, oder der Postbote, der ein Paket vorbeibringt. Parallel kommen E-Mails oder WhatsApp's Nachrichten auf dem für den Kurs genutzten Gerät an und - die ständige Selbstbeobachtung: Sitzt die Frisur? Wie wirkt mein Kinn aus diesem Winkel?
Es fehlt das "Erleben". Der Austausch mit den anderen Eltern, der Smalltalk in der Teeküche, die zufällig entdeckten Parallelen bleiben aus. Problematisch kann auch die "Zoom-Fatique" sein. Menschen, die den ganzen Tag schon in beruflichen Online-Meetings verbracht haben, sind oft nicht mehr gewillt, auch private Termine auf diese Weise abzuhalten. Und zu guter Letzt gibt es keinen Weg, auf dem man sich auf den Kurs einstimmt. Egal, was gerade passiert ist: zwei Klicks und man betritt den virtuellen Kursraum.

Gruppendynamische Prozesse steuern

In jedem Kurs kommt es zu gruppendynamischen Prozessen, die mehr oder weniger Einfluss auf das Gelingen haben. Eine der bekanntesten Theorien zur Gruppendynamik ist sicher die von Tuckman & Jensen (1977). Die Theorie kommt aus Therapie- und Trainingsgruppen und wird oft auch als Teamuhr bezeichnet. Hierbei gibt es fünf Phasen, die in unterschiedlicher Ausprägung ablaufen können:
1.
Forming: Orientierung geben, Ziele festlegen, aktive Gruppenleitung
 
2.
Storming: Konflikte zulassen, auf Kritik reagieren
 
3.
Norming: Verbindendes betonen, nicht zu unersetzlich sein
 
4.
Performing: Ziel im Blick behalten, Einzelne fördern
 
5.
Adjourning: Klare Steuerung, Gestaltung des Abschieds
 
In Phase 1 gilt es, eine Orientierung zu geben, Ziele festzulegen und die Gruppe aktiv zu leiten. In Phase 2 "sortiert" sich die Gruppe. Einige Teilnehmer*innen sind sehr aktiv und dominieren rasch die Gruppe, oft gibt es eine Person, die die Rolle des "Gruppen-Clowns" übernimmt, andere sind eher zurückhaltend. Als Kursleitung sollte man bis zu einem gewissen Grad eventuell entstehende Konflikte zulassen und mit Kritik konstruktiv umgehen. In der dritten Phase haben alle ihre Rolle im Kurs gefunden und das Geschehen beruhigt sich. Hier ist es günstig, Gemeinsamkeiten und Verbindendes zu betonen und sich selbst etwas zurückzunehmen. Phase 4 ist die Phase des produktiven Arbeitens. Es läuft. Während hier Ziele im Blick behalten und Einzelne gefördert werden sollten, ist Phase 5 für eine gute Abschiedsgestaltung da. Hier übernimmt die Kursleitung noch mal eine klare Steuerung. An diesen Phasen des Modells kann man sich in analogen Kursen gut orientieren, es bezieht aber die speziellen Herausforderungen des Onlineformats nicht explizit ein. Der virtuelle Raum erfordert ein anderes, angepasstes Kommunikationsverhalten.

Drei- beziehungsweise Vier-Dimensionen Model

Nichts kann eine Gruppe so sehr zusammenbringen, wie eine real erlebte, gemeinsame Aktivität. Nicht umsonst haben Teambuilding-Maßnahmen oft eine sehr stark körperliche Komponente. Es wird gemeinsam geklettert, gewandert, ein Berg bestiegen, ein Boot durch einen Strom manövriert, ein Schatz gefunden. Am Ende sitzt man gemeinsam beisammen. Das Erlebnis schweißt zusammen. Das dabei entstehende Gefühl von Nähe kann kein virtuelles Erlebnis ersetzen. Online fehlt die gesamte Körpersprache genauso wie der Geruch und die Möglichkeit, seinem Gegenüber direkt in die Augen zu schauen.
Mit dem räumlichen Abstand sinkt auch das Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe. König et al. (2020) schreiben dem gruppendynamischen Raum drei Dimensionen zu, den es zu beachten gilt:
  • "Drinnen & Draußen"
  • "Nah & Fern"
  • "Oben & Unten"
Hofert et al. (2021) haben diesem Model noch eine vierte Dimension hinzugefügt: "Virtuell & vor Ort".
Die erste Dimension klärt die Zugehörigkeit (Drinnen & Draußen). Wer ist Mitglied der Gruppe und wer nicht? Die Teilnehmenden fragen sich zu Beginn, ob sie dazu gehören oder ob sie dazu gehören möchten und ob eine gewisse Anpassung nötig ist. Für eine gute Gruppendynamik ist es sinnvoll, das "Wir" zu fördern. Welche Gemeinsamkeiten bestehen? Alle sind Eltern, alle haben ähnliche Fragen, Wünsche und Ängste. Vielleicht bestehen darüber hinaus noch Gemeinsamkeiten, die gefunden werden können (z.B. Wohnort, Mehrgebärend). Analog passiert das von allein. Digital muss es hergestellt werden, indem man beispielsweise gezielt Fragen stellt und Parallelen betont.
Die zweite Dimension Beziehungen/Intimität (Nah & Fern) bezieht sich auf Nähe und Distanz zwischen den einzelnen Mitgliedern einer Gruppe. Um auch im virtuellen Raum feste Netzwerke zu schaffen, hilft es, mit einer ausführlichen Vorstellungsrunde zu starten, damit die Gruppenmitglieder einen persönlichen Eindruck voneinander bekommen. Zudem ist eine vertrauensvolle Atmosphäre wichtig, damit alle den Mut haben zu partizipieren. Es hilft sicher, in einem gewissen Maße private Einblicke zuzulassen, wenn man sich diese auch von der Gruppe wünscht. Und nicht zuletzt sollte Smalltalk tatsächlich gefördert und nicht unterbunden werden. Denn genau die ungezwungenen Momente schaffen oft ein Interesse aneinander und damit Nähe. Es gibt mit Sicherheit Erlebnisse, die sich die Teilnehmer*innen spontan in der Pause erzählen würden. Solche Pausen gilt es auch im virtuellen Raum zu ermöglichen.
In der dritten Dimension geht es um Macht und Einfluss (oben & unten oder auch führen & folgen). Dies gilt sowohl innerhalb der Gruppe (wer setzt seine Interessen durch?) als auch für die Kursleitung. Vertrauen und somit Führung, im positiven Sinne, entsteht durch gelebte Verlässlichkeit. Sinnvoll ist daher ein gewisses Erwartungsmanagement, eine klar erkennbare Kursstruktur. Vorher Besprochenes wird auch eingehalten: So sollte zum Beispiel an Termin 4 auch der Stoff, der für Termin 4 vorab zugesagt wurde, kommen.
Die vierte Dimension (Virtuell & vor Ort) beschreibt eine Ausprägung von Nähe und Distanz, aber auch verschiedene Kommunikationsarten. Wie schafft man es, dass die Teilnehmer*innen tragfähige Beziehungen über die Distanz aufbauen? Wie entsteht Zusammenhalt, ein Wir-Gefühl? Und wie kann auch ohne räumliche Nähe Vertrauen aufgebaut werden? Für die Kursleitung liegt hierbei der Fokus auf einer Förderung der Beziehungen. Sie kann zusätzliche Vernetzung anregen. Die funktioniert zum Beispiel durch eine WhatsApp-Gruppe oder einen Mailverteiler der Teilnehmenden (Achtung: Datenschutz. Die Teilnehmenden müssen diese Gruppen direkt, ohne Herausgabe von Daten durch die Kursleitung bilden). Sinnvoll ist auch, viel direkte Kommunikation zwischen den Teilnehmenden zu ermöglichen. Dies kann durch Gruppenarbeiten geschehen.

Den Onlinekurs lebendig gestalten

Um den Onlinekurs möglichst abwechslungsreich zu gestalten, hilft es, zwischen verschiedenen Modi zu wechseln. Bei einem digitalen Kurs unterscheidet man zwischen drei verschiedenen Arbeitsweisen: Vortrag mit Sichtkontakt, Nutzung integrierter Tools & Nutzung externer Tools.
Sichtkontakt: Dies erfolgt wie im analogen Kurs: Erklären, zeigen am Model, Fragen stellen & beantworten
Nutzung integrierter Tools: Hierbei nutzt man die "Bordmittel" des Programmes, also die Möglichkeiten, die das jeweilige Programm zur Verfügung stellt:
  • Über die Chatfunktion können Links oder andere Informationen geteilt werden. Der Chat kann auch für alle Teilnehmenden freigeschaltet werden, sodass ein Austausch zwischen einzelnen Teilnehmenden auf privater Ebene möglich wird
  • Bauen Sie im Vorfeld Umfragen ein, um Stimmungsbilder oder Meinungen anonym zu erfassen
  • Durch ein Teilen des Bildschirmes können Bilder, Filme oder Text gezeigt werden (auch Teilnehmenden kann die "Bildschirm Teilen-Funktion" ermöglicht werden)
  • Nutzen Sie das Whiteboard. Hier kann geschrieben, gemalt oder gestempelt werden
  • Break-out-Rooms eignen sich für Smalltalk oder für konkrete Gruppenarbeiten
  • Mit Icons/Emojis zeigen Sie (Zu-) Stimmung oder animieren zu Fragen
Nutzung externer Tools: Integrieren Sie externe Programme oder Anwendungen in den Kurs, wenn die Bordmittel nicht ausreichen.
  • Umfragetools wie "Slido" oder "Answergarden" ermöglichen einen einfachen Zugang über einen QR-Code, der mit dem Handy gescannt werden kann. So kann man beispielsweise Stimmungsbilder als "Wortwolken" auf dem Monitor erscheinen lassen.
  • YouTube-Filme eignen sich gut, um Vorgänge wie den "Breastcrawl" des Neugeborenen oder das erste Anlegen anschaulich darzustellen.
Da Sie jetzt wissen, wie Sie Technik und Teilnehmer*innen betreuen, geht es in der nächsten Ausgabe um die Sichtbarkeit Ihrer Kurse beispielsweise in den sozialen Medien, damit die Zahl neuer Kursteilnehmer*innen nicht abreißt.

Literatur

  • Hofert S, Visbal T (2021) Teams & Weiterentwicklung. Verlag Franz Vahlen GmbH
  • Jiranek H, Edmüller A (2015) Konfliktmanagement: Konflikten vorbeugen, sie erkennen und lösen (4. Aufl). Haufe-Gruppe.
  • König O, Schattenhofer K (2020) Einführung in die Gruppendynamik. Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH.
  • Tuckman BW, Jensen MAC (1977). Stages of Small-Group Development Revisited. Group & Organization Studies 2(4) 419-427. https://doi.org/10.1177/105960117700200404

Bitte beachten

Bei all den Gruppenprozessen, die auch nur bis zu einem gewissen Grad steuerbar sind, ist wichtig, ein paar Grundsätze zu beachten:
  • Der Umgang miteinander sollte immer wertschätzend, offen, tolerant und respektvoll sein.
  • Störungen gehen immer vor. Das bedeutet, wenn etwas Außergewöhnliches passiert, sollte immer darauf eingegangen werden, auch wenn es das geplante Programm durcheinander bringt.
  • Entsteht eine Störung, kann sie in der Regel mit der "LEAF-Methode" beseitigt werden: Listen (Zuhören), Empathize (Empathie zeigen), Apologize (eine Entschuldigung aussprechen), Fix (eine Lösung finden). (Jiranek & Edmüller, 2015)

Fazit

Analog oder digital, in jedem Kurs kommt es zu gruppendynamischen Prozessen, die mehr oder weniger Einfluss auf das Gelingen haben.
Bei all den Gruppenprozessen, die auch immer nur bis zu einem gewissen Grad steuerbar sind, sollte der Umgang miteinander immer wertschätzend, offen, tolerant und respektvoll sein.
Um sich vollkommen auf das Geschehen konzentrieren zu können und um Ablenkungen zu vermeiden, sollte die Kursleitung vor Beginn der Einheit alle nicht gebrauchten Programme schließen, um nicht von aufploppenden Mail- oder Messenger-Diensten gestört zu werden.
Metadaten
Titel
Neue Erfahrung: Gruppendynamik digital
verfasst von
Jana Friedrich
Publikationsdatum
01.08.2021
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Hebammen Wissen / Ausgabe 3/2021
Print ISSN: 2730-7247
Elektronische ISSN: 2730-7255
DOI
https://doi.org/10.1007/s43877-021-0115-5

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