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Erschienen in:

01.02.2022 | Nebenwirkungsmanagement | Pflege Kolleg Zur Zeit gratis

Chemotherapie: Die Folgen lindern

verfasst von: Martina Spalt

Erschienen in: Heilberufe | Ausgabe 2/2022

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Hinweise

Supplementary Information

Zusatzmaterial online: Zu diesem Beitrag sind unter https://​doi.​org/​10.​1007/​s00058-021-2200-3 für autorisierte Leser zusätzliche Dateien abrufbar.
Chemotherapie-induzierte periphere Neurotoxizität Ein häufig auftretendes Symptom bei Patient*innen, die sich einer antineoplastischen Therapie unterziehen, ist die Chemotherapie-induzierte periphere Neurotoxizität (CIPN). Das Wissen von Pflegenden über Strategien zur Erkennung, Vorbeugung und Symptombekämpfung ist daher von wesentlicher Bedeutung.
Im Zusammenhang mit Krebserkrankungen können die Überlebenschancen durch optimierte Therapieoptionen verbessert werden - sie werden deshalb zunehmend als chronische Erkrankungen wahrgenommen. Der Verlauf der Erkrankung hängt stark von der Art des Tumors, aber auch von Merkmalen bezüglich vorhandener Mutationen und Genetik ab. Aber auch die gewählte Antitumortherapie wirkt sich entscheidend auf das Erleben der Patient*innen aus. Dies betrifft nicht nur die aktive Therapiephase, sondern kann durch einhergehende Komorbiditäten einen nachhaltigen negativen Einfluss auf die Alltagsbewältigung Jahre nach Beendigung der Therapie ausüben. Aufgrund der beschriebenen Entwicklung muss auf Symptome, die sich langfristig auswirken, und deren Management besonderes Augenmerk gelegt werden.

Auswirkungen der Antitumortherapie

Ein häufig auftretendes Symptom bei Patient*innen, die sich einer antineoplastischen Therapie unterziehen, ist die Chemotherapie- induzierte periphere Neurotoxizität (CIPN). Der Schweregrad einer CIPN hängt von der kumulativen Dosis und von der Dosisintensität des verwendeten Chemotherapeutikums ab. Eine medikamentöse Prophylaxe oder kausale Therapie der CIPN steht bisher nicht zur Verfügung.

Unterschätztes Symptom mit weitreichenden Folgen

Risikofaktoren für die Entwicklung dieser belastenden Nebenwirkung sind patient*innenbezogen, andere liegen ursächlich in der Wahl des antineoplastischen Medikaments. Zu nennen sind hier beispielsweise Platin- oder Taxanbasierte Chemotherapien.
Neben der möglicherweise notwendigen Anpassung oder Beendigung der Therapie, hat die CIPN einen tiefgreifenden Einfluss auf das tägliche Leben und Erleben der Patienten. Dies kann die Arbeitsfähigkeit, die Bewältigung von Aktivitäten des täglichen Lebens oder die Ausübung von Hobbys betreffen. Zur Prävalenz können nur Schätzungen erfolgen, die wissenschaftliche Erforschung ist diesbezüglich unzureichend. Bei der Metaanalyse von Seretny et al. (2014) wird beschrieben, dass CIPN bei 68% der Patient*innen nach einem einmonatigen Zeitraum nach Beendigung der neurotoxischen Substanz erhoben wurde, nach drei Monaten noch bei 60%, und nach sechs Monaten und länger bei 30% der Patient*innen. Gleichzeitig werden in der S3 Leitlinie des Leitlinienprogrammes Onkologie (2020) die Aussagekraft der verwendeten Assessmentinstrumente sowie die diagnostischen Möglichkeiten kritisiert. Es wird der Einsatz von Instrumenten zur Erhebung der Patient Reported Outcomes (PROs) empfohlen. Diese genügen derzeit aber nicht den Anforderungen, um diese komplexe Nebenwirkung oder passender dieses Symptombündel zu erfassen.
Studien mit einem qualitativen Ansatz sind rar, das Erleben deshalb noch ungenügend erforscht. Auf Basis der vorhandenen Literatur kann konkludiert werden, dass sich die Komplexität der CIPN in der Schwierigkeit bezüglich deren Kommunikation widerspiegelt und diese belastende Nebenwirkung noch zu wenig Beachtung in Theorie und Praxis findet. Das Wissen der Pflegepersonen über Strategien zur Erkennung, Vorbeugung und Linderung ist daher von wesentlicher Bedeutung.

Wie kann sich die CIPN auswirken?

Prinzipiell werden Symptome auf sensorischer, motorischer und autonomer Ebene des Nervensystems unterschieden. Außerdem wird zwischen Plus- und Minus-Symptomatik differenziert (Tab. 1). Grundsätzlich muss aber konstatiert werden, dass CIPN ein Bündel aus verschiedenen Symptomen ist. Je nach verabreichter Substanz sind verschiedene Ausprägungen der CIPN zu erwarten. Eine Neuropathie im Zusammenhang mit der Gabe eines Paclitaxels oder Docetaxels weicht entscheidend von den Charakteristika des Symptomauftretens bei Oxaliplatin ab.
Tab. 1
: Symptome der CIPN
Sensorische Auswirkungen
Motorische Auswirkungen
Autonomes Nervensystem (seltener)
Plus Symptom
Plus Symptom
Symptome
Brennen, Stechen, brennender stechender Schmerz in Finger & Zehen
Muskelkrämpfe
Obstipation
Schwindel
Verschwommenes Sehen
Wenn nachts eine Decke auf den Füßen unangenehm ist
 
Blasenentleerungsstörungen
Hautveränderungen
Unübliche Temperaturempfindung an Händen & Füßen beim Duschen
Hyperalgesie, Hypästhesie
 
Eingeschränkte Magenmotilität
Haltungsbedingte Hypotonie
Reduzierte Herzratenvariabilität
Minus Symptom
Minus Symptom
 
Taubheitsgefühl in Händen & Füßen
Ungeschicklichkeit bei manuellen Verrichtungen
Schwierigkeiten beim auf Absätzen gehen
Treppensteigen
 
Schmerzende Füße beim Tragen von Schuhen Unentdeckte Wunden
Reduzierte Reflexe
 
Mögliche Tests
Mögliche Tests
 
Versuchen im Dunkeln oder mit geschlossenen Augen zu gehen. Oder: 20 Sekunden stabil mit geschlossenen Augen stehen. Gibt es Schwierigkeiten?
Sprunggelenk testen
 
Vermindertes Vibrationsempfinden
  
(Modifiziert nach ESMO, 2020; Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF 2020)
Spezialfall Oxaliplatin: Oxaliplatin ist mit seinen Auswirkungen eine Sonderform. Hier ist mit dem Auftreten einer Kältesensitivität zu rechnen, die sich besonders im Winter sehr unangenehm bemerkbar machen kann. Bereits beim Einatmen eines kalten Luftzuges kann es zu Beklemmungen bei der Atmung kommen. Der proaktiven Information und Beratung der Patient*innen kommt damit besondere Bedeutung zu. Auch das Erkennen von Symptomen, die mit CIPN einhergehen, ist wesentlich, um eine Verschlimmerung dieses unerwünschten Ereignisses und seine negativen Auswirkungen auf das tägliche Leben der Patienten zu verhindern. Die Problematik, die sich aber in der Praxis zeigt, ist, dass gerade die Veränderungen auf der sensorischen Ebene von Patient*innen nur sehr schwer artikuliert werden können. Häufig werden Metaphern benutzt:
  • Starkes Brennen in den Fingerspitzen
  • Wie das Greifen der Finger auf eine heiße Herdplatte
  • Ein Streifen Taubheitsgefühl in den Fingern
  • Wie Fingernägel auf einer Kreidetafel
  • Schmerz wie eine Nadel, die sich in meine Zehen bohrt
  • Auf heißen Kohlen gehen
  • Sandpapier an der Unterseite der Füße
  • Im Schlamm gehen
  • Auf zusammengeknüllten Socken gehen
  • Auf Sandpapier gehen
  • Füße schlafen

Kommunikation essenziell und anspruchsvoll

Eine Möglichkeit der Kommunikation über die auftretenden Symptome sind Patient Reported Outcomes (PROs). Ihr Einsatz wird auch im Leitlinienprogramm der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) empfohlen. Ihr Ziel liegt in der Abbildung des subjektiven Gesundheitszustandes der Patient*innen. Wie der Begriff Patient Reported Outcomes bereits vorwegnimmt, werden direkte Aussagen von Patient*innen über ihren Gesundheitszustand eingefangen, ohne eine potenzielle Verzerrung durch die Interpretation Dritter. Derzeit werden PROs noch häufig in Studien eingesetzt, aber gerade durch die Pandemie wird ihr Einsatz - beispielsweise durch die Anwendung von Apps - vorangetrieben. Vorteile lassen sich sowohl auf Seiten der Gesundheitsanbieter*innen als auch auf Seiten der Patient*innen wissenschaftlich festmachen.
Patient*innen profitieren vom frühzeitigen Erkennen von Symptomen, die Kontrolle kann dadurch verbessert werden. Damit kann auch ein positiver Einfluss auf die Lebensqualität erreicht werden. Weitere positive Effekte zeigten sich in einer erhöhten Überlebensrate und einer reduzierten Anzahl stationärer Aufnahmen und Notaufnahmen. Auch aus Sicht der Gesundheitsanbieter*innen können PROs Vorteile bieten. So können Daten zum Symptomerleben systematisch gesammelt, die Genauigkeit der Symptombeurteilung sowie die Kommunikation zwischen Behandlungsteam und Patient*innen verbessert werden. Auf Basis der gewonnenen Kenntnisse kann schneller zu einer klinischen Entscheidung gefunden werden. Die Voraussetzung hierfür liegt aber in der Güte des Instrumentes. Wie erwähnt, werden die gängigen Instrumente zur CIPN in der Fachwelt stark kritisiert. Ein großer Kritikpunkt liegt in der fehlenden Partizipation von Patient*innen in der Entwicklung der Instrumente. Der Einbezug in den Prozess ist aber unumgänglich, sollen das Erleben und beispielsweise die Begriffswahl von Patient*innen adäquat abgebildet werden.

Zentrale Aspekte in der Patientenedukation

Neben der Früherkennung, um gegebenenfalls die antineoplastische Therapie zu adaptieren, wird sowohl in der Prävention als auch bei manifester CIPN zur Unterstützung der Funktionalität eine Bewegungstherapie empfohlen. Zu Beginn der antineoplastischen Therapie, bei der ein hohes Risiko für die Entwicklung einer CIPN besteht, sollte deshalb der Hinweis auf den Nutzen körperlicher Bewegung erfolgen. Diese umfasst:
  • Balanceübungen
  • Sensomotorisches Training
  • Koordinationstraining
  • Vibrationstraining
  • Feinmotoriktraining
Patient*innen äußerten sich in Studien zum umfassenden Nutzen des Trainings: "Ich glaube, was für mich funktioniert hat, war der Versuch, zuzuhören, was ich dachte, dass mein Körper mir sagen will, was er benötigt, beispielsweise ausruhen, wenn er Ruhe bedarf. Aber auch ins Fitnessstudio gehen oder körperliche Aktivität an jedem Tag, bringt mir, denk ich, genauso viel physischen, wie auch mentalen Gewinn. Ich fühle mich besser."
Im Zusammenhang mit den bei Neurotoxizität häufig auftretenden Schmerzen muss beachtet werden, dass diese durch Schlafstörungen und emotionale Dysfunktion negativ beeinflusst werden. Koinzidente unerwünschte Ereignisse sind häufig und müssen, um eine wirksame Patientenedukation und Behandlung zu gewährleisten, berücksichtigt werden. Im Leitlinienprogramm Onkologie wird in Bezug auf die Auswahl der Medikation auf die Abwägung von Schaden und Nutzen hingewiesen. Im Repertoire befinden sich die klassischen Medikamente zur Behandlung chronischer Schmerzen. Ein zusätzlicher Ansatz wird mit der Anwendung von lokal appliziertem Capsiacin oder Menthol genannt. Diesbezüglich muss aber auf die noch spärliche Studienlage hingewiesen werden.

Pflege einfach machen

Pflegepersonen spielen eine entscheidende Rolle bei der Erkennung von Anzeichen und Symptomen einer CIPN. Information und Beratung sind essenziell, um Patient*innen zu befähigen, auftretende Symptome zu artikulieren und proaktive Interventionen zu setzen. Ressourcen der Patient*innen im Umgang mit diesem unerwünschten Ereignis müssen eruiert und gestärkt werden.
Pflegepersonen sollten sich bewusst sein, dass Symptome im Zusammenhang mit antineoplastischen Medikamenten oft gebündelt auftreten und sich verschlimmern, wenn zusätzlich eine emotionale Belastung oder Distress vorliegt.
In der Patientenedukation muss die Gleichzeitigkeit von Symptomen besondere Beachtung finden, um adäquate, individuell passende Interventionen anbieten zu können.

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Metadaten
Titel
Chemotherapie: Die Folgen lindern
verfasst von
Martina Spalt
Publikationsdatum
01.02.2022
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Heilberufe / Ausgabe 2/2022
Print ISSN: 0017-9604
Elektronische ISSN: 1867-1535
DOI
https://doi.org/10.1007/s00058-021-2200-3

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